Hellmut Grau

 

Schullandheim Winterberg

vom 16. bis 30. Mai 1952

I. Vorgeschichte

 

Das Carl-Duisberg-Gymnasium in Leverkusen-Wiesdorf hatte, ebenso wie seine nähere Umgebun, den Krieg unversehrt überstanden. Als ich Ostern 1947 in die Sexta kam, gab es bereits wieder einen fast normalen Schulbetrieb. Der einzige materielle Mangel, an den ich mich erinnern kann, bestand darin, dass der Turnunterricht in einem Kellerraum stattfand, der eigentlich nur zur Unterstellung von Fahrrädern gedacht und geeignet war. Dieser Mangel hatte allerdings mit dem Krieg nichts zu tun, denn erstaunlicherweise hatte die Schule schon im “Dritten Reich“ keine richtige Turnhalle gehabt.

Natürlich war es kurz nach dem Kriege nicht möglich, wesentlich mehr als einen regelmäßigen Unterricht und die obligate Schulspeisung auf die Beine zu stellen; die Eltern waren durch das Schuldgeld sowie die Kosten für Bücher, Hefte, Schulbus und Ähnliches schon genug belastet. Daher beschränkten sich Sonderaktionen in den ersten Jahren darauf, hin und wieder eine Tageswanderung zu machen oder, was allerdings nur ganz selten vorkam, die Turnstunde in das benachbarte Freibad zu verlegen.

An ein Schullandheim war lange Zeit gar nicht zu denken; ich wusste nicht einmal, dass es so etwas überhaupt gab. Erst zu Beginn der 50er Jahre entschloss sich die Schule, eine Vereinbarung mit einem privaten Heim in Winterberg im Hochsauerland zu treffen. Allerdings wurde dieses Heim auch noch von anderen Schulen genutzt, so dass es unserer Schule nur in größeren Abständen zur Verfügung stand.

Als meine Klasse im Jahre 1952 endlich an die Reihe kam, waren wir bereits Untersekundaner. Das Unternehmen sorgte schon Monate vorher für Aufregung. Zahlreiche Deutsch- und Geschichtsstunden bei Klassenlehrer Audumla gingen damit drauf, die mannigfaltigen Probleme von allen Seiten zu beleuchten und schließlich perfekt zu lösen. So waren z. B. die Beiträge für die Reisekasse ratenweise einzuziehen und die Betten anhand von Lageplänen zu verteilen. Nicht weniger gründlich befasste Audumla sich mit der erforderlichen persönlichen Ausrüstung. Damit auch bestimmt nichts schief ging, diktierte Audumla uns von “Arznei“ bis “Zahnglas“ alles, was wir mitzunehmen hätten und verlangte hierzu sogar noch die bestätigende “Unterschrift des Vaters“.

 

 

II. Der Reisetag

An einem sonnigen Maimorgen war es endlich so weit. Außer meiner Klasse warteten noch die Parallelklasse und eine Obertertia vor dem Schulgebäude auf den Bus, der uns nach Winterberg bringen sollte. Es war ein herrliches Gefühl, die Penne während der Schulzeit von außen betrachten zu können. Außerdem freuten wir uns natürlich auf die Reise und die beiden vor uns liegenden Wochen im Landheim.

Was unser Gepäck betraf, waren trotz Audumlas pedantischer Anweisungen recht unterschiedliche Lösungen zu sehen: Fritzchen z. B. hatte lediglich einen “Affen“ auf dem Buckel, während andere mit zwei Koffern angekeucht kamen. Pitter und Teddy bugsier- ten mit Hilfe von Geschwistern und Fahrrädern sogar ihre Tischtennisplatten herbei, wodurch sie sich sehr verdient machten, denn im Landheim war Tischtennis nicht vorgesehen.

Nach einer Weile erschien ein Lastwagen der einheimischen Firma Wuppermann, der für den Transport des Gepäcks organisiert worden war, und endlich bog auch, johlend begrüßt, ein rot-gelber Bus der Wupper-Sieg AG (WuppSi) mit Anhänger um die Ecke. Trotz des Anhängers konnte ich mir nicht recht vorstellen, wie wir zu etwa 90 Mann in dem Gefährt unterkommen sollten. Das fragten sich offenbar auch die anderen, denn es gab sofort ein heftiges Gedränge. Wegen meiner empfindlichen Gitarre musste ich mich zurückhalten und fand daher nur auf einem Notsitz Platz.

Zuletzt stiegen vorne die Lehrer ein, die uns in Winterberg im Zaum halten und pädagogisch betreuen sollten. Es war ein recht interessantes Team. Man konnte das schon daran erkennen, dass sie fast alle einen handfesten Spitznamen trugen: Galgen, Audumla, Tip, Wunderwecker und Hupa. Nur der Referendar Mai machte eine Ausnahme, weil wir ihn noch nicht lange genug kannten; vorerst fiel uns nichts Besseres ein, als “Der Mai ist gekommen“ anzustimmen, wenn er auftauchte; er grinste dann jedes Mal verständnisinnig, obwohl er sich auch hätte dumm stellen können, denn es war ja wirklich Mai.

Die Fahrt verlief wegen der Enge im Bus zwar nicht gerade bequem, aber recht unter- haltsam. Vor allem wurde laut und eifrig gesungen, denn Wunderwecker, unser Musiklehrer, hatte dankenswerterweise das leidige Textproblem durch Verteilung von Liederblättern gelöst. Außerdem befanden sich mit mir noch zwei weitere Gitarristen im Zugwagen, die dauernd vor sich hin schrammelten und ein Lied nach dem anderen anstimm- ten. Mehr als eine Initialzündung konnten sie allerdings nicht geben, denn wenn das Gebrüll erst mal in Gang gekommen war, gingen die Gitarren sang und klanglos unter. Besonders beliebt waren “Wildgänse rauschen“, “Wir lieben die Stürme“, “Hoch auf dem gelben Wagen“ und alle zwanzig Strophen von “Baahei dir sein“; aber auch zahlreiche Schlager wurden gegrölt, obwohl es dafür keine Textblätter gab.

Da die Gitarren über den ganzen Wagen verteilt waren und sich kein einheitlicher Grundton durchgesetzt hatte, kam es häufig vor, dass zwei Lieder gleichzeitig und in verschiedenen Tonarten angestimmt wurden. Auf diese Weise entstand manch reizvolles Quodlibet, das aber nie vollendet wurde, weil immer eine Partei die Oberhand gewann und die andere mitriss. Ich war bald heiser, aber, wie alle, bester Laune. Im Anhänger dagegen herrschte, soweit man sehen konnte, trübselige Stimmung.

Mitten auf einer längeren Steigung bei Bergneustadt blieb der Bus plötzlich stehen. Vorne qualmte es. Während der Fahrer sich unter der Motorhaube zu schaffen machte, nutzten wir die Pause zum Ver- und Austreten; es tat ganz gut, sich mal wieder ein bisschen bewegen zu können.

Der Zwischenfall erinnerte mich an den grauen Schulbus der ersten Nachkriegszeit, der des öfteren mit Motorschaden ausgefallen war, was für mich jedesmal eine Stunde Fußmarsch bedeutet hatte. Er fuhr mit Gas, das in einem am Heck montierten Ofen erzeugt wurde, weshalb wir das Gefährt Holzrotzer nannten.

Mittlerweile hatte uns der Gepäckwagen eingeholt und hielt an. Die beiden Fahrer beratschlagten und entschlossen sich, den Bus ein Stück abzuschleppen. Nachdem jedoch zweimal das Seil gerissen war und der Bus immer noch am selben Fleck stand, klemmte unser Fahrer sich noch einmal hinter das Steuer und brachte den Bus tatsächlich in Gang. Anscheinend hatte er aber Angst, durch Anhalten wieder liegen zu bleiben, denn er fuhr gleich bis zur Höhe weiter und ließ uns hinterherlaufen.

Ich kannte diese Steigung übrigens schon, denn ich hatte erst vor gut einem Monat mein Fahrrad hier hinaufgeschoben, als ich mit Tante Herme und Onkel Hans eine Radtour ins Bergische machte.

Unterwegs überholte uns plötzlich ein Bus, hinter dessen vorbeisausender Fensterfront wir gerade noch lauter eifrig winkende Mädchen bemerkten. Für eine Horde Jungen war das natürlich genau das Richtige. Sofort bestürmten wir unseren Fahrer, dieses interessante Fahrzeug wieder einzuholen. Hierdurch wurde ich wieder an den Holzrotzer erinnert, denn solche “Rennen“ hatten uns schon als Sextaner begeistert. Ganz ähnlich hatten wir damals den Heinz oder den Willi angefeuert, den voranfahrenden anderen Schulbus zu überholen, und uns eingebildet, es gehe deshalb tatsächlich schneller. Ich kann nicht ausschließen, dass der Fahrer uns wirklich manchmal den Gefallen tat. Einige wollten sogar von einem “Geheimknopf“ wissen, durch den man ungeahnte Leistungen aus dem alten Kasten herausholen könne. Möglicherweise hatte auch unser jetziger Bus so einen Geheimknopf, denn wir kamen dem Mädchenbus näher und näher und setzten schließlich zum Überholen an. Neunzig Hälse reckten sich nach rechts, und endlich hatten wir sie, ja, was denn? Das waren zwar Mädchen, aber kaum älter als zehn. Wir brachen in wieherndes Gelächter aus, das uns minutenlang schüttelte. Ich glaube nicht, dass uns das, was wir eigentlich erwartet hatten, so viel Spaß gemacht hätte.

Gegen 15 Uhr, nach 5 Stunden, kamen wir in Winterberg an. Zunächst mussten wir das Gepäck abladen und vor dem Eingang des Landheims stapeln. Dann gab es ein großes Durcheinander, weil keiner wusste, wie es nun weitergehen sollte. Endlich verschaffte sich ein dunkelhaariger Mann, offenbar der Heimleiter Gehör. Er begrüßte uns und ordnete an, wir sollten zunächst in die Schlafsäle gehen und uns einrichten. Daraufhin gab es ein noch viel größeres Durcheinander, weil sich nun 90 Mann auf den Gepäckberg stürzten und nach ihren Koffern wühlten. Als endlich jeder seine Sachen gefunden hatte, zogen wir unter Führung der Lehrer klassenweise in das Heim ein. Hierbei ging es nun wieder ganz friedlich zu, weil wir ja die Betten schon zu Hause unter uns verteilt hatten, so dass Drängeln keinen Vorteil gebracht hätte.

 

Das Einrichten war schnell erledigt, denn wir konnten nicht viel mehr tun, als die Betten zu bauen. Auf das Auspacken der Koffer mussten wir weitgehend verzichten, da meiner fast 30 Mann starken Klasse nur acht schmale Spinde zur Verfügung standen.

Nachdem wir uns eingerichtet hatten, spazierten wir ein bisschen herum und sahen uns das Heim und die Umgebung an. Beide machten einen erfreulichen Eindruck. Vor dem Heim befand sich eine große Rasenfläche, auf der man sich sportlich betätigen oder auch im Liegestuhl pennen konnte. Auf der linken Seite fiel der Blick durch einige Fichtenstämme auf eine Kneipe, die den meisten infolge Überlieferung durch Vorgänger bereits als Onkel Otto ein Begriff war, mir allerdings nicht.

Nach rechts kam man in den Ort, und hinter dem Heim nach wenigen Schritten ins Freie. Dort stieß man bald auf eine Sprungschanze, die, was ich natürlich auch nicht gewusst hatte, in Verbindung mit einem alten Autoreifen zu den Attraktionen des Heims gehörte. Der Autoreifen lag nahebei im Gebüsch versteckt und war schon von Generationen von Heimbewohnern die Schanze hinuntergejagt worden. Einige von uns kannten das Versteck und probierten das Spiel gleich aus. Drei Tage später meldete sich die Polizei und wies sicher nicht zum ersten Mal darauf hin, dass dieser Unfug verboten sei.

Nachdem wir uns umgesehen hatte, trafen wir uns zum Abendessen wieder im Heim. Dabei mussten wir feststellen, dass die Räume zwar recht nett, aber reichlich eng waren. Ich konnte von meinem Platz erst wieder aufstehen, als der Nachbartisch sich entvölkert hatte.

Später wurden wir im Tagesraum von dem Heimleiter, Herrn S., noch einmal förmlich begrüßt. Er verkündete uns unter anderem, wir würden beim Wandern in der gesunden Höhenluft einen ordentlichen "Kohldampf“ kriegen. Das Essen sei dementsprechend reichlich, nur frisches Gemüse lasse ich im rauen Hochsauerland leider schwer beschaffen, jedoch könne man 14 Tage auch mal ganz gut ohne Vitamine auskommen. Dies nahmen wir mit leichtem Stirnrunzeln zur Kenntnis, das sich gleich darauf noch erheblich verstärkte. Der Heimleiter verriet uns nämlich, ein großer Teil des Geldes, das wir für Unterkunft und Verpflegung gezahlt hatten, werde für den Ausbau des alten und die Errichtung eines neuen Heims abgezweigt. Während allseits ärgerliches Gemurmel laut wurde, grinsten die Mitglieder der Redaktion, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, genüsslich vor sich hin, denn wenn das so weiterging, versprach die geplante Heimzeitung eine interessante Aufgabe zu werden

Und es ging so weiter. Herr S. berichtete uns nämlich nun von dem vorbildlichen Betragen einer Mädchenklasse, die vor uns hier gewesen sei, und erwartete, dass wir uns daran ein Beispiel nähmen. Au weia, ausgerechnet Mädchen als Vorbild, das hatten wir gerne. Wir reagierten mit lautem Hohngelächter.

Zum Schluss verteilte der Heimleiter noch eine Reihe Posten und Pöstchen. Teddy z.B. wurde zum Zeitgeist ernannt mit der Aufgabe, zum Mittagessen eine Glocke zu läuten. Nachdem auch noch die letzten Fragen geklärt worden waren, entließ man uns in die Schlafsäle.

III. Der durchschnittliche Tageslauf

Morgens um 7 Uhr wurden wir durch ein Blockflötenduett oder das Lied “Wachet auf, es krähte der Hahn“ relativ sanft dem Schlummer entrissen. Das war eine Idee von Musiklehrer Wunderwecker. Übrigens hieß er nicht aus diesem Grunde so; vielmehr hatte er vor einiger Zeit eine Jugendoper mit dem Titel Die Wunderuhr geschrieben und aufgeführt. Dies hatte ihm neben manchem Lob auch einen Spitznamen eingetragen.

Wenn wir nicht gerade zum Weck- oder Küchendienst eingeteilt waren, blieben wir immer so lange wie möglich im Bett. Nicht, dass es zwischen Seegrasmatratze und Wolldecke besonders heimelig gewesen wäre, aber die Umstände des Aufstehens kamen dem von meinem Vater gerne gepriesenen Männlichkeitsideal nahe, direkt aus dem Bett in eine Bütt mit kaltem Wasser zu springen. Man musste nämlich zunächst einmal mit nacktem Oberkörper durch das kalte, zugige Treppenhaus zum Waschraum im Erdgeschoss marschieren, wo man dann meist längere Zeit fröstelnd wartete, bis ein Wasserhahn frei wurde. Wenn das Gedränge allzu groß war, stieg ich wieder nach oben und baute erst mal mein Bett, oder ich studierte den Plan für die Einteilung zum Stuben- und Küchendienst.

Was mir aber die Morgenstunde und noch etliche andere Stunden dazu restlos vergällte, war meine Nase. Ich hatte mir nämlich bereits in der zweiten Nacht infolge der Staubwolken, die den Matratzen bei jeder Bewegung entquollen, eine Art Heuschnupfen zugezogen, den ich bis zum letzten Tag nicht wieder los wurde. Kurz nach dem Aufwachen begann es in meiner Nase regelmäßig unwiderstehlich zu prickeln, bis ich von ganzen Serien von Niesern durchgeschüttelt wurde. Ich versuchte zwar, dagegen anzugehen, kniff mir in die Nase, cremte sie mit Nivea ein, lutschte Hustenbonbons und verbrauchte haufenweise Taschentücher, aber es half alles nichts, die Nieser brachen sich mit der Gewalt eines Naturereignisses immer wieder Bahn, und durch das morgendliche Gefröstel beim Waschen wurde es natürlich auch nicht gerade besser. Manchmal hätte ich die Nase am liebsten in Grund und Boden geschlagen.

Zum Frühstück versammelten wir uns in den Essräumen und warteten auf die Lehrer. Wenn diese sich unter das Volk verteilt hatten, wurde zunächst ein Lied gesungen, dann durften wir anfangen. Es gab für jeden zwei Brötchen und reichlich Brot. Die Margarine und die Marmelade, einziger Brotaufstrich, langten allerdings kaum für zwei Schnitten, und ohne Aufstrich kriegte ich das Brot selbst mit Kaffee kaum runter.

Nach dem Frühstück wurden meist klassenweise Wanderungen veranstaltet, die ich nicht sehr liebte. Sie werden in einem besonderen Kapitel geschildert .

Um halb eins gab es Mittagessen. Es schmeckte zwar leidlich, jedenfalls mir, war aber wenig gehaltvoll. Besonders die Fleischportionen ließen zu wünschen übrig. Obwohl wir nachholten, solange der Vorrat reichte und noch Platz im Magen war, stellte sich gewöhnlich schon nach zwei Stunden der vom Heimleiter vorausgesagte "Kohldampf“ wieder ein. Von zu Hause kannte ich so was gar nicht.

Ich selber klimperte, wie auch die anderen Gitarrenbesitzer, häufig auf meinem Instrument vor mich hin. Gerne hätte ich mich auch mal an das Klavier gesetzt. Da ich aber keine Lust hatte, mich bei einem der Unterhaltungsabende produzieren zu müssen, ließ ich, um niemanden auf dumme Gedanken zu bringen, die vorsorglich mitgebrachten Noten im Koffer und machte um das Klavier einen großen Bogen. Vermutlich auf Grund dieser Taktik kam ich tatsächlich um das Vorspielen herum. Es kann aber auch sein, dass Schüler an dem heimeigenen Klavier einfach unerwünscht waren, denn es vergriff sich auch sonst niemand daran.

Von drei bis fünf Uhr fanden Arbeitsgemeinschaften statt, denn schließlich waren wir hier nicht in den Ferien, sondern in einem Schullandheim. Praktisch stellten die Ar- beitsgemeinschaften allerdings nur recht lose Zirkel dar; ich nahm an der von mir gewählten überhaupt nur ein einziges Mal teil; davon wird noch zu berichten sein.

Um fünf Uhr gab es vom Küchendienst vorgefertigte Marmeladenbrote mit Kaffee oder Tee. Anschließend hatten wir frei.

Nach dem Abendessen fanden meist gemeinsame Veranstaltungen statt, über die ich gesondert berichten werde, und dann schickte man uns in die Betten. Damit war der Tageslauf theoretisch abgeschlossen. Die Praxis sah allerdings, wie so oft, anders aus. Nach dem Zapfenstreich ging es nämlich oft munterer zu als den ganzen Tag über. Auch dies wird noch Gegenstand besonderer Betrachtung sein.

Wesentlich anders verlief der Tag für diejenigen, die Küchendienst hatten. Dieser Dienst wechselte täglich, so dass es jeden einmal und manche wie mich auch zweimal traf. Küchendienst bedeutete zunächst einmal, dass man noch früher als sonst aufstehen musste, um die Tische zu decken.

Noch ärgerlicher war, dass man unter der Aufsicht von zwei ziemlich unfreundlichen Küchendrachen arbeiten musste. Das größte Ärgernis aber bestand darin, keine Freizeit zu haben. Während die anderen z. B. Tischtennis oder Skat spielten oder an der Abendveranstaltung teilnahmen, musste man spülen, Brote schmieren oder sonstige Küchenarbeiten machen. Zum Glück gab es jedenfalls eine Kartoffelschälmaschine. Wenn man dafür wenigstens noch um die morgendlichen Wanderungen herumgekommen wäre! Aber meistens warteten die Lehrer, bis der Küchendienst fertig war, und der musste sich dafür dann auch noch beeilen.

Der Küchendienst brachte aber auch Vorteile mit sich. Vor allem konnte man sich einmal richtig satt essen. Merkwürdigerweise blieb nämlich von den Mahlzeiten immer etwas übrig, sogar Aufstrich. Die Überschüsse stammten allerdings weniger von den Schülertischen als von den Plätzen der Lehrer.

Außerdem bot der Küchendienst die Gelegenheit zu kleinen Scherzeinlagen. Diese wurden vor allem Hupa, unserem einzigen unbeliebten Lehrer in Winterberg, zugedacht. Es war selbstverständlich, seinen Platz mit einem wackligen Stuhl, einer Tasse ohne Henkel, gesprungenen Tellern oder Brotrationen aus Knäppchen zu versehen. Was die Knäppchen betraf, behauptete er allerdings, sie gern zu essen. Das glaubten wir aber nicht, sonst hätten wir sie ihm natürlich vorenthalten. Eines Tages, als es Pflaumenmus als Nachtisch gab, servierten wir Hupa eine Portion, aus der wir die blauen Schalen herausgefischt hatten. Dass verbleibende gelbe Fruchtfleisch schmeckte deswegen zwar nicht schlechter, aber es kam Hupa nicht geheuer vor. Er erhob lauten Protest und verlangte von mir, ich solle eine neue Portion holen. Ich versuchte es, bekam aber keine. Offenbar war die Verpflegung bis zur letzten Pflaume auskalkuliert. Ich musste mich daher auf dem Rückweg von der Küche an meinen Platz zurückstehlen, als Hupa gerade abgelenkt war.

 

Bis drei Uhr war dann Mittagspause, die angenehmste Zeit des Tages. Manche, die offenbar nicht satt geworden waren, bummelten zum Bäcker, um Teilchen zu holen. Andere lagen pennend oder lesend bei verhaltenem Radiogedudel auf den Betten. Wieder andere brüteten im Tagesraum über dem Schachbrett oder kloppten Skat. Bei schönem Wetter ahlte man sich auch gern auf der Wiese im Liegestuhl, und schließlich gab es natürlich noch Tischtennis.

Die beiden von Pitter und Teddy mitgebrachten Platten waren ständig in Benutzung, so dass man ohne langfristige Voranmeldung überhaupt nicht zum Zuge kam. Dabei musste man noch ständig auf der Hut sein, dass sich nicht jemand dazwischen mogelte, der "nur mal eben“ ein Spielchen oder wenigstens ein Sätzchen machen wollte. Ich hatte etwas Übung, weil ich zu Hause öfter mit Fred und Jörg spielte, war aber noch nicht über das Stadium hinaus, in dem man nach jedem missglückten Schmetterball auf den Schläger blickt, um zu prüfen, ob der etwa kaputt sei. Demgegenüber erkannte man den Tischtennisadel daran, dass er nur mit eigenem Schläger spielte, sich die Gegner aussuchen konnte und einem Anfänger nur in leutseligen Augenblicken mal ein Match gewährte. Gegenüber ganz unbedarften Spielern verhielt ich mich meinerseits natürlich auch etwas reserviert, denn immerhin war ich über die Anfangsgründe doch hinaus und lernte im Spiel mit vielen Gegnern, von denen jeder seine Eigenarten hatte, noch einiges dazu.

Bei Regenwetter spielten wir Tischtennis in der Garage. Das war aber nur ein Notbehelf. Da nämlich an der Decke lediglich eine mickrige 25-Watt-Birne hing, mussten wir, um mehr Licht zu haben, das Tor offen halten. Dadurch wurde aber der dem Tor gegenüberstehende Spieler geblendet. Außerdem war die Decke so niedrig, dass man bei schwungvollen Aktionen leicht mit dem Schläger dagegenknallte. Schließlich verschwand häufig der Ball irgendwo in dem Gerümpel, das an den Wänden aufgetürmt war. All diese Erschwernisse konnten uns jedoch nicht abschrecken. Wir fanden Tischtennis in der Garage immer noch besser als stundenlanges Herumsitzen in den Tagesräumen, deren Enge bei schlechtem Wetter besonders störte.

Es gab natürlich auch Leute mit besonderen Hobbies, wie Manni und Noack. Manni flickte dauernd an seinem alten Kleinradio herum. Noack entwickelte die von uns verknipsten Filme. Er machte das sehr billig, aber nicht sehr diskret, denn es sprach sich rasch herum, dass Messing einen ganzen Film total überbelichtet hatte. Das war für uns ein gefundenes Fressen, denn wir mochten Messing nicht besonders. Einige Monate später sollte ihn die Klasse wegen eines zwar technisch gelungenen, inhaltlich aber anfechtbaren Fotos von einem kleinen Mädchen regelrecht ausschließen und zum Verlassen der Schule zwingen.

 

 

IV. Schlafsaalgeschichten

Meine Klasse kampierte ganz oben unter dem Dach in einem langgestreckten Raum, der durch Mauervorsprünge andeutungsweise in drei Abschnitte unterteilt war. Der hintere Abschnitt konnte, weil hier die Mauervorsprünge etwas ausgeprägter waren, fast als besonderer Raum gelten und wurde daher auch der kleine Schlafsaal genannt. Immerhin blieb er aber durch einen etwa zwei Meter breiten, nicht verschließbaren Durchgang mit dem großen Schlafsaal verbunden. Hinter dem kleinen Schlafsaal lag noch ein Raum für drei Lehrer. Dieser Raum hatte keinen besonderen Zugang, und da die einzige Treppe zum Dachboden sich am gegenüber liegenden Ende des Hauses befand, mussten die Lehrer, wenn sie zu Bett gehen oder dieses verlassen wollten, jedesmal unseren Schlafraum in seiner gesamten Länge durchqueren. Das war für die Lehrer, vor allem aber für uns, manchmal unangenehm. Gleich zu Anfang gab es Ärger, als im Lehrerraum eine schwarze Katze, die wohl nicht ganz zufällig dorthin geraten war, aufgefunden wurde. Seitdem achteten die Lehrer darauf, dass ihre Tür immer abgeschlossen war.

 

 

Die Durchgänge zwischen den Abteilungen des Schlafraums und die Türen an beiden Enden waren von je zwei hohen Spinden flankiert, die so schmalbrüstig waren, dass sie schon bei einem leichten Stoß aus dem Gleichgewicht gerieten. Für acht Mann hätten sie ausgereicht, aber wir waren dreißig. Daher mussten wir unsere Sachen zum größten Teil im Koffer unter dem Bett aufbewahren.

Während die Betten in derartigen Massenunterkünften normalerweise doppelstöckig sind, hatte man hier wegen der Dachschrägen nur einfache Betten aufstellen können. Das war wohl auch besser so, denn Doppelstockbetten entsprechender Bauart wären lebensgefährlich gewesen, da die Matratzen nicht auf einem Lattenrost, sondern auf einer einfachen Leinwand lagen. Als Eule bei einer kleinen Balgerei einmal etwas unglücklich auf seiner Schlafstätte landete, riss die Leinwand gleich von vorn bis hinten auf. Der Heimleiter bemerkte zu diesem Vorfall, wir wollten die Einrichtung offenbar mit Gewalt demolieren. Aber das sagte er immer, wenn irgend was kaputt ging, so z. B. auch, als im Waschraum ein Hahn abbrach und eine wunderschöne Fontäne bis an die Decke spritzte.

Außer den Betten und den Spinden gab es in dem Schlafraum keinerlei Mobiliar. Selbst Bettzeug und Wolldecken gehörten nicht zur Ausstattung, sondern mussten von den Gästen mitgebracht werden. Immerhin gab es Kopfkissen, aber das brachte mir nichts, weil ich mir von meiner fürsorglichen Mutter wider besseres Wissen ein eigenes Kissen in den Koffer hatte stopfen lassen.

Wegen der schrägen Wände gab es keine Fenster, sondern nur Dachluken. Diese blieben nachts immer weit geöffnet, weil sich sonst ein unerträglicher Mief gebildet hätte. Dafür mussten wir dann allerdings das sprichwörtliche kalte Ozon in Kauf nehmen, denn in dieser Höhenlage blies meist ein kräftiger Wind. Hieran aber hatte meine Mutter nicht gedacht, so dass ich zwar über zwei Kissen für den Kopf, aber nur über eine einzige Wolldecke für den frierenden Rest verfügte. Es ist klar, dass dies nicht gerade zur Dämpfung meines bereits erwähnten Dauerschnupfens beitrug.

 

Komet Redaktionssitzung bei Gernot Koch

Mein Bett stand in dem schon erwähnten kleinen Schlafsaal. Im übrigen war dieser Raum hauptsächlich von Mitgliedern der Redaktion belegt. Die Redaktion war ein erstaunliches Phänomen, auf das ich etwas näher eingehen muss. Es handelte sich um die Herausgeber und Mitarbeiter des Komet, einer “Zeitschrift für Kultur, Wissenschaft und Unterhaltung“. Dieses Gestirn war vor drei viertel Jahren von Lutz, einem künstlerisch begabten Klassenkameraden, ins Leben gerufen worden. Die Redaktion war hauptsächlich in meiner Klasse beheimatet, wo sie eine intellektuelle Klicke bildete, hatte aber auch gelegentliche Mitarbeiter aus der Parallelklasse. Der innere Kreis bestand aus Lutz als “Chefredakteur“, Gernot als “Verleger“ sowie aus Dieter, Fred und Jörg. Die beiden letzteren bildeten übrigens wieder ein Team für sich. Sie waren so unzertrennlich, dass sie sogar einen gemeinsamen Spitznamen, die Boys, hatten. Einmal hatten sie zu Tips fassungslosem Staunen und zur Erheiterung der ganzen Klasse eine gemeinsame Biologie-Hausarbeit abgeliefert, die sie je zur Hälfte verfasst hatten.

Zum weiteren Kreis der Redaktion konnten auch noch Eule und ich uns zählen. Wir waren allerdings nur technische Mitarbeiter, wenn man davon absieht, dass ich einmal einen Aufsatz über meine Schildkröte veröffentlichte. Hin und wieder wurden auch noch weitere Mitarbeiter gewonnen, aber ansonsten machte die Redaktion fast alles selber. Sie schrieb die Beiträge, tippte sie auf Matrizen, entwarf und vervielfältigte das Titelblatt und vertrieb die Zeitung. Nur das Abziehen der Matrizen wurde in Auftrag gegeben. Bezieher waren hauptsächlich die Eltern und Bekannten der Redaktionsmitglieder.

Der Inhalt des Komet war harmlos. Er bestand hauptsächlich aus kleinen Geschichten wie “Das Leben in der Gartenerde“ oder “Erlebnisse in einem Salzbergwerk“ und aus geklauten Anekdoten, Witzen und Rätseln. Das Beste war vielleicht das Titelblatt, zu dem die grafisch talentierten Boys recht schmissige Entwürfe lieferten, und bei dem verschiedene Techniken wie Linolschnitt oder Schablone mit Sprühflasche angewendet wurden. Bei manchen Techniken war die Vervielfältigung allerdings so aufwendig, dass eine einzige Nummer drei bis vier Mann einen ganzen Abend kostete. Daher war es neben der Kostenfrage, wir konnten nicht gut mehr als 25 Pf für eine Nummer nehmen, vor allem der Zeitaufwand, der noch im Sommer dieses Jahres zum Untergang des Komet führen sollte. Immerhin ist er aber ein Jahr lang jeden Monat erschienen und stellte für Untersekundaner, bis vor kurzem sogar noch Obertertianer, eine bemerkenswerte selbständige Leistung dar.

Um auf Winterberg zurückzukommen: Es war bezeichnend für die Redaktion, dass sie sich den kleinen Schlafsaal ausgesucht hatte. Hier war man einerseits unter sich, d.h. unter gesitteten Menschen, die keine lärmenden Aktionen liebten, konnte aber andererseits wie aus einer Loge das Theater im großen Schlafssaal beobachten und seine Glos- sen darüber machen.

Die Nachtruhe begann offiziell um 22.00 Uhr, tatsächlich aber wesentlich später, besonders in den ersten beiden Nächten. Unter den gegebenen Umständen, die ganze Klasse praktisch unter e i n e m Dach, konnte das nicht ausbleiben.

Zunächst einmal wurde es mindestens 23.00 Uhr, bis alle im Bett lagen. Aber damit war es noch lange nicht ruhig. Dank der guten Akustik entging einem nichts, was irgendwo im Schlafsaal gesprochen oder verbrochen wurde. Nicht zuletzt wurde der Geräuschpegel durch das kleine Radio hochgehalten, das Manni mit viel Bastlergeschick irgendwie angeschlossen hatte. Steckdosen gab es hier natürlich nicht. Das Radio produzierte nicht nur Geräusche, sondern induzierte oft auch noch lautstarke Auseinandersetzungen zwischen den Hörern, wenn diese sich nicht auf ein Programm einigen konnten. Am ehesten fand noch der AFN, american forces neetwork, als Geräuschkulisse allgemeine Zustimmung.

Nur hin und wieder sorgte ein Warnruf, der das Nahen eines Lehrers ankündigte, für plötzliche Stille. Bei dem Lehrer handelte es sich meist um Galgen, Tip oder Mai, die ihr Zimmer hinter dem kleinen Schlafsaal hatten, also auf dem Weg dorthin den gesamten Schlafraum durchqueren mussten. Sie gingen zwar immer sehr spät zu Bett, kamen aber manchmal auch zwischendurch herauf.

Folgende Kostprobe mag die allabendliche Atmosphäre verdeutlichen:

"Fenster zu, es zieht!“-"Ihr seid wohl jeck, hier ist schon Mief genug!“-"Äh, Pussi, benimm dich!“"Halt die Klappe!“-"Licht an, man hört ja nichts mehr!“-"Ha ha!“-"Licht aus!“ Jemand erzählt einen ziemlich alten Witz. Ein anderer, noch weniger originell, protestiert mit: "Öl, riefen die Männer der Bartwickelmaschine!“ Dann entbrennt eine Kissenschlacht: "Auf ihn!“-"Au, Idioten!“-"Verdammt noch mal, seid doch mal ruhig!“ knurrt Teddy dazwischen, erntet aber nur schallendes Gelächter. Galgen erscheint und versucht, die Gemüter zu beruhigen: "Hörrschaften, nun seid doch mal vernünftig, et is ja jleich halb zwölf!“ Aber kaum ist er weg, wird es wieder lustig, denn nichts ist ansteckender als unterdrückte Albernheit. Plötzlich tänzelt Pussi mit einem Bikinihöschen, das er sich unter der Bettdecke aus zwei Taschentüchern gebastelt hat, wie ein Mannequin durch den Mittelgang. Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt, und Pussi muss sich schleunigst zurückziehen, um seine Unschuld zu retten.

Ich war damals gerade fünfzehn Jahre alt, der Zweitjüngste nach Pitter. Die meisten meiner Klassenkameraden waren schon sechzehn, manche noch älter, und einige fühlten sich sogar schon erwachsen. Das Erwachsensein demonstrierten sie z. B. dadurch, dass sie zu nachtschlafender Zeit plötzlich anfingen, laut von Bier zu träumen. Das Echo Gleichgesinnter ließ dann nie lange auf sich warten, und schon schlüpften ein paar Freiwillige in Hose und Pulli, sammelten von den Interessenten Geld ein, schlichen nach unten, kletterten durch ein Toilettenfenster ins Freie und marschierten zu Onkel Otto, der benachbarten Kneipe. Dort stärkten sie sich erst mal und schmuggelten dann auf demselben Weg, auf dem sie gekommen waren, die Flaschen in den Schlafraum. Die Lehrer, die um diese Zeit meist noch im Tagesraum zusammensaßen, rochen nur einmal Lunte. Sie erwischten zwar nicht das Bier, aber die Bierjungen und bestraften sie auf der Stelle damit, die wieder einmal verstopften Toilette zu reinigen. Nach dieser schöpferischen Pause wurde dann aber im Schlafraum um so fröhlicher gezecht.

Bequemer und außerdem erlaubt war der Erwerb von Sprudelwasser. Das konnten wir im Heim kaufen und machten auch reichlich Gebrauch davon. Infolgedessen standen immer zahlreiche leere Flaschen unter den Betten. Eines späten Abends, als Warnrufe das Nahen von Tip ankündigten, tauchte plötzlich die Idee auf, eine kleine Falle zu bauen. Gedacht, getan. In Windeseile entstanden im Mittelgang Sperrketten aus leeren Flaschen, das Licht ging aus, und dann harrten wir gespannt der Dinge, die da kommen sollten. Tapp, tapp, tapp, klirr, das war die erste Kette, gleich musste die nächste kommen. Tapp, tapp, tapp, krach! Ein heftiger Fußtritt, Flaschen kullerten, Scherben flogen, Tip in Wut! "Wer hat das Licht ausgemacht?!“ donnerte er. Jörg meldete sich und machte es auch rasch wieder an. Abgesehen davon, dass er ein ehrlicher Kerl war, wusste er natürlich, dass er ohnehin keine Chance hatte, denn der hintere Lichtschalter befand sich über seinem Bett. Sei es nun, dass Tip die Flaschen im Dunkeln gar nicht als bösartiges Hindernis erkannt hatte, sei es, dass er keine Hoffnung hatte, die Flaschensteller zu entlarven, jedenfalls entlud sich sein Donnerwetter fast ausschließlich über Jörg. Als er sich abreagiert hatte, überwachte er das Aufsammeln der Scherben, schickte vier Mann zum Kartoffelschälen in die Küche und verließ finster blickend den Tatort.

Zurück blieb betretene Stille. Doch schon nach wenigen Augenblicken wurden die ersten wieder munter und machten sich daran, den “Klassengeist“ zu mobilisieren: "Jungs, wir marschieren geschlossen runter und schälen mit, Ehrensache!“ Ich fühlte mich zwar völlig unschuldig und sah auch gar nicht ein, warum ich meine Nachtruhe dem "Ehrgefühl“ einiger Blödmänner opfern sollte, doch da der Klassengeist es meistens übel nimmt, wenn einer nicht mitmacht, begann ich ebenfalls, mich anzuziehen. Als ich gerade die Lederhose anhatte, kam Tip plötzlich zurück. "Au wei,“ dachte ich, schlüpfte wie die anderen rasch unter die Decke und zog die Lederhose unauffällig wieder runter, während Tip langsam durch den Gang schritt. Er verschwand jedoch bald wieder ohne weitere Zwischenfälle, woraufhin die Ehrenmänner sich erneut aufrappelten und den Marsch nach unten antraten. Mir aber reichte es jetzt, ich rollte mich zusammen und stellte mich schlafend. Da ich tatsächlich hundemüde war, gelang mir das offenbar überzeugend, denn man ließ mich in Ruhe.

Nach einer viertel Stunde kamen die anderen wieder rauf. Sie waren hörbar guter Laune, denn sie hatten den Lehrern im Tagesraum eine Überraschung bereitet und auch aus dem Schälen sogar noch einen Spaß gemacht. Nun ärgerte ich mich beinahe, dass ich oben geblieben war.

Einige Tage später widerfuhr Tip noch ein weiteres Ungemach, das nun aber wirklich nicht mehr zum Lachen war. Als er nämlich die Treppe zum Schlafraum hinaufstieg, kam ihm dort plötzlich ein Bett entgegen und brachte ihn beinahe zu Fall. Tip hielt das zunächst für einen hinterlistigen Anschlag und war sehr erregt. Aber schließlich konnten wir ihn, obwohl nie geklärt wurde, wie das Bett überhaupt auf die Treppe gekommen war, davon überzeugen, dass es niemand absichtlich in Bewegung gesetzt hatte. Immerhin war die Treppe nämlich so steil und glatt, dass einer von uns schon am ersten Tag hinuntergefallen war.

Dass übrigens gerade Tip wiederholt von mehr oder weniger witzigen Anschlägen getroffen wurde, kann nur Zufall gewesen sein, denn er gehörte zu unseren beliebtesten Lehrern. Leider hatten wir in Winterberg mit ihm sonst kaum Kontakt.

Es ging meist schon auf Mitternacht zu, wenn die Unruhe im Schlafraum sich allmählich legte. Zuletzt war nur noch ein gelegentliches Husten, das Knatschen von Bettgestellen und lautes Schnarchen zu hören. Ich aber war dann oft so aufgedreht oder übermüdet, dass ich nicht einschlafen konnte und noch eine ganze Weile wach blieb

V. Der Zeitgeist

Wie ich schon erwähnte, konnten wir Hupa nicht besonders gut leiden. Er ging uns irgendwie auf die Nerven. Nach Art mancher Studienräte trug er mit Vorliebe Baskenmütze, Knickerbockers und derbes Schuhwerk, dazu aber immer auch Schlips und Kragen. Er gab Deutsch und Geschichte. Im Unterricht verbreitete er gähnende Langeweile. Ich wüsste heute nicht einmal mehr zu sagen, in welchem Fach wir ihn eigentlich gehabt haben, und sein richtiger Name ist mir erst nach längerem Nachdenken wieder eingefallen.

Den Spitznamen, genauer gesagt: die Spitznamen, es gab deren nämlich gleich vier, werde ich allerdings so leicht nicht vergessen. Zwei hatte dieser Lehrer schon, als er nach Winterberg kam, nämlich außer Hupa auch noch Hipa, zwei weitere, Rechtslage und Sparwitz, handelte er sich dort innerhalb weniger Tage ein. Auf Hupa hatte ihn eine frühere Klasse schon vor Jahren getauft, als er mit ihr den Hungerpastor von Wilhelm Raabe durchnahm. Mit "Pastor“ war er tatsächlich nicht schlecht karikiert. Das Attribut "Hunger“ passte allerdings ganz und gar nicht. Daher war bald auch die Variation Hipa, von "Hilfspastor“ in Gebrauch gekommen.

Der dritte Spitzname entwickelte sich aus einer Redensart: Wenn im Heim wieder mal was vorgefallen war und Hupa dazu seine Meinung beisteuerte, was er regelmäßig tat, hatte er die Gewohnheit, mit den Worten: "Also die Rechtslage ist folgende...“ zu beginnen. Da nun ziemlich oft etwas vorfiel, dauerte es kaum drei Tage, bis sich zu Hupa und Hipa die Rechtslage gesellte.

Schließlich kam in Winterberg auch noch Sparwitz auf. Wo dieses Wort ursprünglich herkam, weiß ich nicht genau, möglicherweise von den bekannten Schottenwitzen. Jedenfalls war es bei uns plötzlich Mode geworden, besonders blöde Witze und Bemerkungen "Sparwitz“ zu nennen. Da nun Hupa nach unserer Ansicht häufig blöde Bemerkungen machte, wurde er für uns schließlich zur Inkarnation des Sparwitzes. Es kam so weit, dass Hupa für fast jeden Satz Gelächter erntete. Wie er damit fertig wurde, weiß ich nicht. Vielleicht war es Borniertheit, vielleicht Phlegma, vielleicht aber auch Charakter. Denn eins musste man ihm lassen: er bewahrte immer Haltung. Einmal zeigte er sogar echten Humor, als er eine von Bravorufen begleitete Rede mit den Worten schloss: "Ich bitte um Beifall!“

Trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen konnte sich Hupa einmal eines beachtlichen Zulaufs erfreuen, und das kam so:

Am Tage nach unserer Ankunft sollten die schon erwähnten Arbeitsgemeinschaften gegründet werden. Zu diesem Zweck mussten wir uns auf der Wiese vor dem Heim in einem großen Halbkreis versammeln. Dann trugen die Lehrer ihre Angebote vor, z. B. Mai Zeichnen und Tip Biologie. Sie scharten die Interessenten um sich. Hupa warb für das merkwürdige Thema Schere und Kleister. Doch obwohl seine Rhetorik nicht gerade begeisternd war, fand er nicht nur bei ein paar Idealisten, sondern auch bei der gesamten Redaktion Anklang.

Das konnte natürlich nicht mit rechten Dingen zugehen, und das tat es auch nicht. Dazu muss ich erklären, dass sich hinter dem mysteriösen Titel Schere und Kleister die Arbeitsgemeinschaft für die geplante Heimzeitung verbarg. Diese aber konnte unmöglich der nervtötenden Regie Hupas überlassen bleiben, und auch die schon erwähnten Idealisten, die hauptsächlich aus der Parallelklasse kamen, galt es unschädlich zu machen. Übrigens scheint es ein Gesetz zu sein, dass Parallelklassen immer beschränkter sind als die eigene. Wenn dies in den Zeugnissen nicht so zum Ausdruck kommt, liegt das nur an den Strebern, die ebenfalls für Parallelklassen so typisch sind. Immerhin, ein Phänomen wie die Redaktion gab es in unserer Parallelklasse wirklich nicht. Daher war es eigentlich nur logisch, dass Chefredakteur Lutz seine Mannen gebeten hatte, für Schere und Kleister zu optieren. Den Widerstrebenden hatte er versprochen, sie brauchten auch bloß an der ersten Sitzung teilzunehmen, das würde für seine Zwecke schon genügen. So also kam es, dass sich bei Hupa die erstaunliche Anzahl von zwölf Interessenten einfand, darunter auch ich.

Die Arbeitsgemeinschaften nahmen ihre Tätigkeit unmittelbar nach ihrer Konstituierung auf. Hupa und sein Gefolge benötigten nicht einmal einen besonderen Arbeitsraum, sondern zogen sich in eine Ecke der Wiese zurück.

Einleitend erklärte Hupa, was er sich unter Schere und Kleister vorstellte und erzählte etwas von Zeitungsausschnitten, die auf Pappe geklebt werden sollten. Nun begriff ich erst, wie er auf den verrückten Titel verfallen war. Es zeigte sich aber auch, wie berechtigt unsere Befürchtungen gewesen waren. Hupa schwebte nämlich offensichtlich etwas völlig anderes vor als uns. Darum machte sich nun der schnoddrige Lutz mit seiner Redaktion im Rücken daran, das Interesse auf eine Heimzeitung zu lenken, die diese Bezeichnung verdiente.

Hupa ging schließlich darauf ein und bemerkte zutreffend, dass nun erst mal ein Name für das Unternehmen gefunden werden müsse. Daran hatten wir überhaupt nicht gedacht, und es wollte uns auch auf die Schnelle nichts Rechtes einfallen. Der einzige Titel, der sich uns sofort aufdrängte, hatte leider keine Aussicht, akzeptiert zu werden, nämlich Der Sparwitz. Dennoch konnte Dieter es sich nicht verkneifen, genau dies vorzuschlagen. Alles kicherte, aber Hupa tat so, als sei ein ernsthafter Diskussionsbeitrag gemacht worden und wollte wissen, was Sparwitz bedeute. Nun konnten wir ihm natürlich nicht seinen eigenen Spitznamen erklären und wichen daher auf die Deutung mit den Schottenwitzen aus. "Ah so“, sagte Hupa gedehnt, war aber verständlicherweise von diesem Vorschlag nicht begeistert und schob ihn beiseite. Wesentlich besser gefiel ihm Winterberger Kurier, was natürlich nur einem Vertreter der Parallelklasse hatte einfallen können, aber hiergegen sträubte sich nun wieder die Redaktion. Schließlich hatten wir dann doch noch eine Eingebung, die sogar einstimmig angenommen wurde: Der Zeitgeist. Der eigentliche Urheber dieser Idee war übrigens, wenn er auch etwas ganz an- eres damit gemeint hatte, unser Heimleiter. Wie man sich erinnern wird, hatte er Teddy zum Zeitgeist mit der Aufgabe ernannt, zu den Mahlzeiten zu läuten. Das hatten wir direkt mal wirklich witzig gefunden, und so kam es, dass der einzige gute Einfall des Heimleiters zum Titel eines Pamphlets wurde, mit dem die Redaktion ihn und sein Regiment in der Luft zu zerreißen gedachte. Unser Konzept, die Zeitung in diesem Sinne auszurichten, war, nachdem wir dem ahnungslosen Hupa die Initiative abgenommen hatten, praktisch durchgesetzt. Im weiteren Verlauf der Sitzung passierte daher nicht mehr viel.

Lutz’ Voraussage, die Arbeitsgemeinschaft Schere und Kleister werde nur ein einziges Mal tagen, traf ein. Ich jedenfalls brauchte an keiner weiteren Sitzung mehr teilzunehmen, da die literarischen Experten der Redaktion die Sache in die Hand genommen hatten. Das Ergebnis sollte an einem der Heimabende vorgelesen werden, aber davon später.

Übrigens hatten unsere Aktivitäten in Sachen Heimzeitung noch ein kleines Nachspiel. Eines Tages hing nämlich ein großes, gekonnt gemachtes Plakat am Schwarzen Brett, das die Zeitung unter dem Titel Hört, hört! ankündigte. Die darin enthaltene Drohung wurde von der Heimleitung ganz richtig verstanden und verursachte einen kleinen Skandal. Unser Klassenlehrer, Audumla, versammelte seine Schäflein, ohne allerdings das schwarze zu kennen, im Schlafraum und dozierte: “Nun hört mal zu, Kinder, soo geht’s ja nun nicht!“ Im Verlauf der weiteren Diskussion erkannten wir aber, dass er an sich auf unserer Seite stand und bloß nicht wollte, dass wir ihm Ungelegenheiten bereiteten.

 

VI. Wanderungen

 

An fast jedem Vormittag machten wir eine ausgedehnte Wanderung. Wandern kann etwas Schönes sein, aber Audumla verstand offenbar etwas anderes darunter.

 

 

 

Audumla war Anfang dreißig. Er war an sich männlichen Geschlechts, hatte aber einen weiblichen Spitznamen. Man erzählte sich, er oder sie sei Neffe eines ehemaligen Reichskanzlers, aber er sah gar nicht so aus. Er war nur mittelgroß, hager und schmalbrüstig und hielt den Kopf mit den aschblonden, glatt zurückgekämmten Haaren immer etwas vorgebeugt. Er verfügte über eine tiefe, singende Stimme und war sehr redegewandt. Die akzentuierte, tönende Sprache hatte uns schon in der allerersten Deutschstunde beeindruckt. Er hatte damals die germanische Mythologie mit der Weltesche Yggdrasil und der Kuh Audumla durchgenommen und damit sofort seinen Spitznamen weggehabt. Wir mochten Audumla ganz gerne. Besonderen Spaß hatten wir immer, wenn sich im Unterricht Gelegenheit zu Anspielungen auf pikante Themen ergab, z. B. beim Stichwort "Liebe“. Dann zog Audumla, ein eingefleischter Junggeselle, breit grinsend die Luft durch die großen Zähne und intonierte erwartungsgemäß: "Was versteht iiihr schon von Liebe!“

 

 

 

 

 

 

In Winterberg nun lernten wir Audumla von einer neuen Seite kennen und fürchten. Er entpuppte sich nämlich als unermüdlicher Schnellwanderer. Es war erstaunlich, wie dieses schmächtige Männchen seinen Laufschritt stundenlang durchhielt. Von uns konnte man das nicht behaupten. Wir waren manchmal so abgekämpft und sauer, dass wir uns nur noch durch Gleichschritt und das Absingen markiger Lieder wie “Klotz, Klotz, Klotz am Bein, Klavier vorm Bauch, wie lang ist die Chaussee!“ in Schwung halten konnten. Dieser Trick hatte übrigens einen Zusatzeffekt. Er ließ nämlich Audumla, der sich sichtlich genierte, als Lehrer einer solchen Horde erkannt zu werden, manchmal weit zurückfallen. Er ermahnte uns zwar immer wieder, wir sollten uns doch "vernünftig aufführen“, hatte aber damit natürlich nicht den geringsten Erfolg. Schließlich konnten wir uns doch nicht den einzigen Spaß an diesen Gewaltmärschen nehmen lassen.

Wegen des kräftezehrenden Stils unserer Wanderungen kann ich mich nur noch an wenige Einzelheiten erinnern.

Natürlich bestiegen wir, wie wohl jeder Besucher Winterbergs, den Kahlen Asten oder nach unserer Lesart, Ahlen Kasten. Mit Audumla schafften wir das allerdings in ungewöhnlich kurzer Zeit. Hans-Jürgen war am Ende so entkräftet, dass er sich den Fuß verstauchte. Dies war jedoch insofern kein Beinbruch, als er nun den Rest des Weges per Anhalter zurücklegen durfte. Andererseits entging ihm dadurch eine Mädchenklasse, die uns mitten auf der Straße entgegenkam. Wir bildeten sogleich eine Kette, doch traute sich niemand, bis zum Zusammenprall durchzuhalten, so dass die Fronten sich kurz vorher auflösten und beide Gruppen kichernd bzw. johlend durcheinandermarschierten.

 

 

Ein andermal wurde uns ein Vortrag auf einer Wetterstation geboten. Das klingt ja ganz interessant, aber die Wetterstation war nichts anderes als ein gewöhnliches Bauernhaus, und an Instrumenten sahen wir nur ein gemächlich rotierendes Schalenkreuz und eine Sonnenuhr; für Schüler eines mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums war das nicht gerade aufregend.

Einmal besichtigten wir eine kleine Kirche in Altastenberg. Darin gelang mir mit meiner primitiven Box und ohne Belichtungsmesser eine ganz ordentliche Aufnahme; jedenfalls war sie besser als das, was ich später von Mitschülern zu sehen bekam, die z. T. wesentlich anspruchsvollere Apparate hatten

 

Eine ganztägige Tour, an der alle Klassen gemeinsam teilnahmen, führte zu den Bruchhausener Steinen. Das sind ein paar Felsen, die sich etwas unvermutet aus der ansonsten sanft gerundeten Hügellandschaft erheben, als seien sie von Riesen dort aufgetürmt worden oder vom Himmel gefallen. Tatsächlich weiß man bis heute nicht, wie sie dort hingekommen sind; so jedenfalls erzählte es ein Fremdenführer.

Wer nach der Ankunft noch überschüssige Kräfte hatte, erkletterte einen der Felsen und hatte von oben eine schöne Aussicht. Der interessanteste Blick zwischen zwei Felswänden hindurch ergab sich aber auf halber Höhe. Er wurde von sämtlichen Besitzern eines Fotoapparats festgehalten. Auch ich konnte es mir nicht verkneifen; wer hier Individualist sein wollte, musste den Apparat schon zu Hause lassen, aber dafür hatte man ihn schließlich nicht.

Auf dem Rückweg fielen wir in eine Kneipe ein und löschten unseren Durst, denn es war heiß, und unser Proviant bestand nur aus dürftig beschmierten Broten, die schon unter normalen Umständen ohne Zugabe von Flüssigkeit kam genießbar gewesen wären. Etliche Angeber mussten natürlich wieder Bier bestellen.

Den letzten Teil des Rückwegs fuhren wir mit der Bahn, weil es sonst zu viel geworden wäre. Auch so waren wir immerhin noch elf Stunden unterwegs.

An einer Fahrt nach Marburg nahm ich nicht teil. Ich zog es mit den meisten vor, zu Hause zu bleiben und mir einen bequemen Nachmittag zu machen. Hinterher, als ich die Mitfahrer erzählen hörte, bereute ich das allerdings.

Zwei weitere Ausflüge machte meine Klasse nicht mit Audumla, sondern mit Galgen und Wunderwecker. An den ersten Ausflug kann ich mich im einzelnen nicht mehr erinnern. Galgen, der, wie der Name andeutet, ursprünglich ein gefürchteter Pauker gewesen war, verhielt sich auch sonst in Winterberg vollkommen unauffällig.

Mit Wunderwecker, unserem früheren langjährigen Musiklehrer, war das eher umge-kehrt. Wenn man mal von einer tragisch geendeten Liebesgeschichte mit einer Lehrerin des benachbarten Lyzeums absieht, war er in der Schule immer ziemlich farblos gewesen. Demgegenüber zeigte er sich in Winterberg recht ansprechend.

Bisher hatten wir ihn so wenig ernst genommen wie den Musikunterricht, der seinen Mangel an Gewicht für die Versetzungszeugnisse leider auch nicht durch Qualität wettmachen konnte. Mit einer einzigen Wochenstunde ließ sich eben nicht viel anfangen. So kam es, dass selbst die wenigen musikalisch Vorgebildeten unter uns nicht begeistert waren, wenn sie Bachs Lebenslauf oder die Sätze der Eroica auswendig lernen sollten, und dass die meisten unter dem bis zur Oberprima strapazierten Vorwand des Stimmbruchs den Schulchor mieden. Nur Vorführungen modernerer Musik erfreuten sich, wer will schon unmodern sein, einer bescheidenen Anteilnahme, allerdings nicht bei mir.

Indes war vor kurzem beim Musikunterricht ein Wandel eingetreten, nämlich seit wir den dicken Theo Rettich in diesem Fach hatten. Theo Rettich war neu an unserer Schule, aber rasch populär geworden. Sein Spitzname, eigentlich hieß er Schricker, kam daher, dass er das Wort "theoretisch“ nicht nur mit Vorliebe, sondern auch noch mit sächsischem Akzent gebrauchte, so dass es sich wie "theorättisch“ anhörte. Er war ein großartiger Angeber, glaubte seine Fähigkeiten in unserer damals noch kleinen Stadt verkannt und erzählte gern Geschichten aus seinem Leben, etwa von dem großen Orchester, das er früher geleitet habe. Unter Verwendung einiger seiner Sprüche und Eigenarten hatten Jörg und ich kürzlich folgenden Text über ihn gedichtet, der auf die Melodie des Blacksmith Blues zu singen war:

Kenn’ Se schon den Schricker?

Der Mann wird immer dicker.

Nicht aus dem Aug’ lässt er

sein Hundertzwanzig-Mann-Orchester.

Ist gern theoretisch,

doch System hat er nicht nötig,

aber grade deshalb ist er so beliebt.

 

Das ist unser Schricker,

der Anstaltsmusiker.

Voll Ruh und großem Stolz

kratzt er auf seinem Jammerholz.

Mit Röntgenaugen

sieht er die, die nichts taugen;

Aber einmal hat er sich doch geirrt-bei seiner Frau!

Die letzten drei Wörter waren übrigens kein Zitat, sondern dichterische Freiheit, für die der Humor des Betroffenen vielleicht nicht ganz gereicht hätte, und darum war es sicher gut, dass das Werk nicht bei der Gelegenheit aufgeführt worden war, für die wir es eigentlich geschaffen hatten, nämlich beim letzten Elternabend. Immerhin verdeutlicht es aber, wie gern wir den vitalen, immer gute Laune verbreitenden Theo Rettich mit im Landheim gehabt hätten.

Stattdessen mussten wir nun mit dem langweiligen Wunderwecker vorlieb nehmen. Da- bei hatte er durchaus seine Meriten und war in der Öffentlichkeit bereits als Komponist von Volksliedbearbeitungen und Jugendmusiken hervorgetreten, die Oper Die Wunderuhr erwähnte ich schon. In der Schule freilich nützte ihm das nichts. Er brachte es nicht einmal fertig, uns das Notenlesen beizubringen, soweit wir es nicht schon von Hause aus konnten. Er machte zwar auf die Jugendmusiker Eindruck, bei der Jugend selbst kam er aber mit seinen ewigen Volksliedchen nicht an. Vor allem vermissten wir bei ihm Autorität und Humor.

Bei der Wanderung in Winterberg nun, von der ich ausging, eigentlich war es nur ein Spaziergang in der Nähe des Heims, stellte sich heraus, dass Wunderwecker doch nicht so übel war. Wir schlenderten als kleine Gruppe durch die Wiesen und fühlten uns dabei wohler als bei Audumlas hektischen Marathonläufen oder bei der Völkerwanderung nach Bruchausen. Wunderwecker wurde geradezu umgänglich und kaufte schließlich sogar zwei Rollen Drops, die er wie ein Vater unter seine Sprösslinge unter uns verteilte. Wir grinsten verstohlen, aber immerhin war es das erste und letzte Mal, dass wir von einem Lehrer etwas spendiert bekamen.

Ein Stück weiter stießen wir auf ein Bauernhaus mit einer alten Mühle, die wir besichtigen durften. Als Dank schmetterten wir zum Abschied auf Wunderweckers Vorschlag für die Bäuerin, na, was wohl? ein zünftiges Volkslied. Daraufhin spendierte diese jedem von uns ein Glas frische Milch.

Auf dem Rückweg, als sich herausstellte, dass wir noch reichlich Zeit hatten, legten wir uns auf einer Wiese in die Sonne und führten tiefschürfende Gespräche. Dazu kamen wir bei Audumla nie, weil man sich beim Marathonlauf eben schlecht unterhalten kann.

 

VII. Die Abende

 

Nach dem Abendessen das mit einem gemeinsamen Lied oder Kanon abgeschlossen wurde, versammelten wir uns im Tagesraum, wo dann gewöhnlich eine größere Veranstaltung ablief.

Einmal gab es einen Singabend unter Wunderweckers Leitung. Diese Leitung bewirkte allerdings kam mehr, als dass ausnahmsweise mal alle Gitarren übereinstimmten und alle Sänger zur selben Zeit dasselbe sangen. W a s gesungen wurde, richtete sich aber ausschließlich nach uns, und das war nicht so ganz nach Wunderweckers Geschmack. Denn wir hatten nichts mit Kunst im Sinn, sondern fühlten uns mehr zu den bärtigen Männern auf Kaperfahrt, dem Hamborger Veermaster und der zitternden Steppe hingezogen, aber auch zur stillen Zeit und den jenseits des Tales stehenden Zelten.

Einen anderen Abend bestritt der Heimleiter mit Farbdias über Afrika und Ostpreußen. Die afrikanischen waren offenbar seine eigenen, denn man konnte ihn einmal zwischen zwei Kamelen sehen "Die drei Kamele“ witzelte er dazu. Die ostpreußischen dagegen waren geliehen. Das kam allerdings nur durch Zufall heraus, als nämlich jemand auf dem Diakasten die Aufschrift "Kreisbildstelle Brilon“ entdeckte.

An einem weiteren Abend fand die Endrunde des Tischtennisturniers statt, und zwar mit Schiedsrichtern und all den anderen Formalien, auf die man sonst beim normalen Gelöffel verzichtet. Es gab auch richtig spannende, auf beachtlichem Niveau stehende Duelle. Ich begriff hier eigentlich zum erstenmal den Unterschied zwischen Pingpong und einem sportlichen Wettkampf und bedauerte, dass meine Künste dazu nicht reichten. ch war schon in der Vorrunde ausgeschieden.

Eine Veranstaltung entging mir, weil ich Küchendienst hatte und dieser sich länger als gewöhnlich hinzog. An diesem Abend war nämlich der Boiler kaputt, so dass das Spülwasser erst in einem großen Bottich auf dem Herd erhitzt werden musste. Als es endlich heiß war, mussten wir es eimerweise in die Spülküche schleppen. Infolgedessen waren wir schon sauer, bevor das eigentliche Spülen überhaupt losging. Da außerdem Manni, der gerne mal über die Stränge schlug, mit von der Partie war, hatte das Geschirr einiges auszuhalten. Zunächst flog es in hohem Bogen in das Vorspülbecken, wurde dort flüchtig gereinigt, anschließend schwungvoll in das zweite Spülbecken befördert und schließlich mit klatschnassen Handtüchern abgerieben. Was diese Prozedur nicht überstand, kam in einen eigens für Scherben vorgesehenen Pappkarton, der sich zusehends füllte.

Währenddessen hörten wir durch die Türe, wie nebenan im Tagesraum ein Sparwitz-Rede gehalten und Gedichte deklamiert wurden. Das fand Manni so aufreizend, dass er, einer plötzlichen Eingebung folgend, den Scherbenkarton hochhob und auf den Boden knallen ließ. Der Effekt war beachtlich. Es hörte sich an, als sei ein ganzer Stoß Teller vom Tisch gefallen. Da kam auch schon die Küchenfee schreckensbleich hereingestürzt und legte los: "Um Gottes Willen, was ist denn hier schon wieder ...“. Da aber nichts weiter zu sehen war als der friedlich auf dem Boden stehende Scherbenkasten und vier feixende Knaben, verstummte sie rasch wieder, lachte schließlich sogar mit und verzog sich wieder. Weil es aber so schön gewesen war, probierte Manni das Spielchen gleich noch mal und wiederholte es so oft, bis die da draußen ernstlich böse wurden und mit einem Machtwort für Ruhe sorgten. Der Heimleiter aber sah in dieser Episode einen weiteren Beweis für seine These, es sei noch nie so viel zertrümmert worden wie von der gegenwärtigen Belegschaft. Diesmal ging er sogar noch weiter und drohte uns eine saftige Schadensersatzforderung an. Das war aber wohl nur Theaterdonner, denn wir hörten später nichts mehr davon.

Gegen Ende des Landheimaufenthalts sollte jede Klasse einen Abend selbst "gestalten“.

Die Obertertia brachte nichts Bemerkenswertes zustande, außer dass einer, der eine dekorative Gebissklammer trug, mit viel Gefühl den Schlager "Kam ein kleiner Bär“ zu Gehör brachte. Ich fand diesen Auftritt geradezu peinlich.

Die Vorstellung der U II b wurde von den Lehrern zur Strafe für einen Vorfall, der nicht so schwerwiegend war, dass ich ihn behalten hätte, abgeblasen. "War wohl nicht schade drum“ hieß es in meiner Klasse. Als wir dann an der Reihe waren, verging uns die Überheblichkeit aber doch etwas, weil eine unserer Nummern, an der auch ich mitwirkte, teilweise missglückte. Es handelte sich um drei Cowboylieder, die von den sechs Gitarristen meiner Klasse vorgetragen wurden. Wir hatten sie schon für den letzten Elternabend einstudiert und dort auch prima hingekriegt. Der "Texascowboy“ klappte auch diesmal, aber bei “Heim in den Westen“ geriet der stimmgewaltige Moni plötzlich in die falsche Zeile. Mir blieb der Ton im Halse stecken, und auch meine Mitsänger verstummten einer nach dem anderen. Bevor jedoch völlige Stille eintrat, fiel Klaus geistesgegenwärtig mit dem letzten Song “Don’t fence me in“ ein, den wir dann auch glücklich über die Runden brachten. Hinterher erfuhren wir übrigens, dass die meisten Zuhörer die Panne überhaupt nicht bemerkt hatten.

Bei unserer Hauptnummer, einem Sketch, wirkte ich nicht mit, denn auf diesem Gebiet hatte ich überhaupt kein Talent. Unter meinen Klassenkameraden waren jedoch etliche geborene Schauspieler, z. B. Hans-Jürgen, aber auch Lutz und Ehrenfried, die für ihre Lehrerimitationen berühmt waren. An diesem Tag allerdings schoss dank seiner unfreiwilligen Komik Teddy den Vogel ab. Er spielte einen Polizisten und hatte sogar einen echten Tschako auf. Man hatte bei der Polizei mehr spaßeshalber um so eine Kopfbedeckung gebeten und sie überraschenderweise auch bekommen. Das Stück lief auf einer aus wackligen Tischen zusammengestellten Bühne ab. Sogar einen Vorhang hatte man gezaubert. Obwohl die Akteure hinterher behaupteten, vieles habe nicht geklappt, fand ich die Aufführung ganz gut.

 

VIII. Ausklang

Am letzten Tag war großer Hausputz. Der Heimleiter führte die Aufsicht und benahm sich dabei wie ein Spieß auf dem Kasernenhof, was er sicher auch mal gewesen war. Er ließ uns vor allem die Schlafräume gründlich reinigen. Matratzen und Bettzeug mussten sogar auf die Wiese gebracht und ausgeschlagen bzw. mit Teppichklopfer und Bürste bearbeitet werden. Diese Tätigkeiten waren an sich nicht besonders vergnüglich, aber wir lockerten sie natürlich durch allerlei Unsinn auf. Pussi z. B. spielte, malerisch in Bettlaken gehüllt, wieder Mannequin. Andere, die nicht über solche Talente verfügten, veranstalteten ab und zu eine kleine Balgerei. Wieder andere droschen mit wachsender Begeisterung auf die Matratzen ein, denen dabei wie bei bestimmten Bovist-Arten gewaltige Staubwolken entquollen, ohne dass ein Ende abzusehen war. Der Heimleiter brach die Klopfaktion schließlich ab. Wahrscheinlich befürchtete er, wir würden noch die ganze Füllung aus den Matratzen herauswalken.

Am Abend wurde Abschied gefeiert. Das Heim zeigte sich von seiner besten Seite. Eine unserer kratzbürstigen Küchenfeen trug sogar zwei Lieder am Klavier vor, was man ihr nach all den schrillen Tönen der beiden vergangenen Wochen gar nicht zugetraut hätte.

Seinen Höhepunkt jedenfalls für meine Klasserreichte der Abend jedoch, als Dieter den Zeitgeist Gehör brachte, den missratenen Sohn von Schere und Kleister. Für diese Aufgabe eignete sich Dieter mit seiner brüchigen Stimme und seiner ironischen Veranlagung wie kein anderer. Er weidete sich regelrecht an den Pointen besonders an denen, die von ihm stammten und kostete in zahlreichen Kunstpausen die Spannung der Hörer aus, während er u.a. folgendes vortrug: "Ein neues Fettaugenzählrohr für die Landheimküche wurde entwickelt. Die Skala geht bis zehn, was vollkommen genügt. Seit drei Tagen wird die Hauskatze vermisst. Das stimmte übrigens. Für ihren Verbleib gibt vielleicht ein schwarzes Haar, das gestern in der Suppe gefunden wurde, einen Anhaltspunkt.“ Bei einem Seitenblick auf den Heimleiter bemerkte ich, dass dieser säuerlich lächelte. Es folgte ein Aufsatz "Der Mai in Winterberg“, der aber zur Erleichterung des Referendars ziemlich harmlos ausfiel. Ein ernst gemeinter Beitrag aus der Parallelklasse über den Philosophenweg wurde durch Dieters Vortrag so lächerlich gemacht, dass mir der Verfasser beinahe schon leid tat. In dem Stil ging es weiter, vor allem mit scharfen Schüssen auf das Heim und seine Leitung. Sicher war den Verfassern in ihrer schöpferischen Begeisterung manches ein bisschen einseitig und übertrieben geraten, aber wie schon die alten Römer wussten: "Difficile est, satiram non scribere“.

Im übrigen hatte der Heimleiter ein beneidenswert dickes Fell. In seiner Abschiedsrede schlug er uns mit launigen Worten doch wahrhaftig vor, in den nächsten Ferien beim Bau des neuen Heims zu helfen, das in der Nähe errichtet werden würde. Als Gegenleistung bot er uns freie Unterkunft und Verpflegung an. Wir allerdings sahen das anders. In den Ferien, die doch zur Erholung da waren, harte Arbeit, keinen Pfennig Geld dafür und nicht mal satt zu essen. Daher grunzten wir nur verächtlich.

Wirkliche Wertschätzung genossen wir in Winterberg wohl nur bei Onkel Otto und seinem kleinen Köter. Der rannte nämlich, als wir am nächsten Morgen losfuhren, noch ein ganzes Stück kläffend hinter uns her.

Wieder in der Schule, kamen wir bei einer kritischen Bestandsaufnahme zu folgendem Ergebnis. Eigentlich war es gar nicht so schlecht gewesen, aber das Landheim in Winterberg hatte drei schwerwiegende Mängel. Erstens gehörte es unserer Schule nicht, zweitens war es zu groß, und drittens war der Service sowohl absolut als auch im Verhältnis zu den Kostenbeiträgen, die mancher nur schwer aufbringen konnte, einfach zu dürftig.

Das Carl-Duisberg-Gymnasium zog daraus die Konsequenzen und erwarb noch im selben Jahr das Nutzungsrecht an einem kleineren Heim.