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Virtuelles Magazin 2000

 


Friederike Klotz | Menschen Pflanzen Gebäude | Eröffnung am 11. April von 19 – 21 Uhr | Ausstellung 12. April – 24. Mai 2014
 
Vor 30 Jahren drehte Ridley Scott zur Markteinführung des Apple Macintosh einen bezeichnenden, fast zynischen, Werbespot: In mechanischem Gleichschritt marschieren Menschen in Reih und Glied, um in einer großen Halle die Worte einer gigantischen männlichen Figur auf einem großen Bildschirm zu verfolgen. Es erscheint eine sportliche junge Frau und schleudert einen Vorschlaghammer auf den Bildschirm, dieser zerbricht und es erscheint die Ankündigung des neuesten Produktes: „Am 24. Januar wird Apple den neuen Macintosh einführen. Und ihr werdet sehen, dass 1984 nicht wie 1984 ist“. Es erscheint aus heutiger Sicht als pure Ironie, dass es eben aber gerade dieser Konzern war, der das Instrument der totalen Überwachung einführte. Denn genau 30 Jahre später wurden die intuitiv zu bedienenden Smartphones von Apple zu den neuen Instrumenten der Spionage. Und wie aus den Unterlagen des Whistleblowers Edward Snowden hervorging, bezeichneten Mitarbeiter der National Security Agency (NSA), des größten Auslandsgeheimdienstes der USA, den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs als „Big Brother“ und iPhone-Benutzer als „Zombies“.
 
In den Werken von Friederike Klotz spielen solche gesellschaftlichen Zukunftsvisionen eine große Rolle. Sie fängt diese Ideen in den unterschiedlichsten Medien ein: In geschichteten Zeichnungen, Kang-basierten oder kybernetischen Skulpturen. Frühere transparente Objekte sind zugleich Innen- und Außenräume und stellten damit Fragen nach der gegenseitigen Durchdringung des Privaten und des Öffentlichen. Ihre Objekte beschäftigen sich darüber hinaus mit dem System der Disziplinierung durch ständige gegenseitige Beobachtung. In ihren Arbeiten wird der Betrachter zum Mitwisser und Mitspieler. Friederike Klotz regt dadurch zum Nachdenken über Identität und der Verortung des eigenen Selbst im Kollektiven an.
 
NationalhymneFotoCMuhrbeckKopie
Stets spielen ökologische und ökonomische Überlegungen eine Rolle: So recycelt die Künstlerin Verpackungsmaterial und erschafft daraus auch die Stadtmodule, deren Fundamente auf einer Membran ruhen, unter der sich wiederum ein Lautsprecher befindet. Durch die Schwingung der Membran geraten die Figuren in der Stadt in Bewegung. Sie irren inmitten der Gebäude umher, getrieben und manipuliert vom Klang innerhalb des Resonanzkörpers. Wenngleich dieses Stadt-System die verschiedenen Funktionen - wie Privat- und Sozialbereiche, Konsum-, Steuerungs- und Überwachungsareale - deutlich voneinander trennt, lebt man hier in völliger Auflösung alles Privaten, denn alle Wände sind transparent. Der Rhythmus eingespielter Agitationsmusik (stark verlangsamte Nationalhymnen), zu der die winzigen Bewohner in Schwingung versetzt werden, ruft streng hierarchisch gesteuerte Gesellschaftssysteme in Erinnerung und führt zugleich deren ideologisches oder Wirtschaftlich-Zweckrationelles ad absurdum. Mit ihrer detaillierten Planung bergen solche Modelle auch ein hohes Maß an sozialer Kontrolle und damit die Gefahr der Entstehung totalitärer Herrschaftsstrukturen. Der schmale Grat zwischen reibungsloser Funktion und absoluter Kontrolle wird hier deutlich.
 
Friederike Klotz entwirft ihre futuristischen Siedlungssysteme als Dystopien. Unter völliger Preisgabe alles Privaten dominiert das Öffentliche, wird der Einzelne zum Teil des Kollektivs, die Stadt zur hocheffizienten, ökonomischen Einheit und die Landschaft zu einem unentrinnbaren Ort. Die „Utopie“ ist zu einem kontroversen Begriff geworden, dessen Widerspruch zwischen idealisierter Gesellschaft und gesellschaftlichem Alptraum schwankt. Wir kennen zahlreiche literarische Annäherungen an dieses Thema. Von Thomas Morus über den Dominikaner Tommaso Campanella, über Kapitän Charles Johnson oder Etienne Cabet bis hin zu Aldous Huxley und etwas aktueller Christian Kracht bewegen sich die Beschreibungen zwischen schwärmerisch-idealisierter, ironisch-sarkastischer Schilderung, bis hin zu deutlich gesellschaftskritischen Entwürfen, die als futuristische Spiegelungen der eigenen Gesellschaft fungieren. Dies geschieht vor allem in klassischen Sciene-Fiction Romanen von Aldous Huxley, über Jewgeni Samjatin, Isaak Asimov hin zu Daniel F. Galouye. Dieser beispielsweise entwarf in „Simulacron-3" die Vorlage zu Rainer Werner Fassbinders Film „Welt am Draht“. Darin wird in einer nicht allzu fernen Zukunft jedes Produkt, bevor es in Serienproduktion geht, ausgiebig auf seine Marktakzeptanz hin getestet. Zu diesem Zweck ermöglichen gigantische Computer eine nahezu perfekte elektronische Simulation der wirklichen Welt. Bevölkert wird sie von mehreren tausend individuell entwickelten elektronischen Kunden, die in der Illusion existieren, sich in der richtigen Welt zu bewegen. Doch eines Tages kommt der Gedanke auf, dass die vermeintliche Wirklichkeit nichts anderes sein könnte als eine Simulation. Ähnliche Gedanken könnten uns befallen, wenn wir uns wie übergrosse Beobachter, wie aus der „Satelliten-Perspektive“ über die kleinen Welten der neueren Werke der Künstlerin beugen. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die Fresnel-Linsen, welche die geschichteten Städte und Landschaften in Kompartimente zerteilen oder unseren Blick wie durch einen Bildschirm in eine zweite Realität einzusaugen scheinen. Doch dieser Blick ist auch irritiert, so kommt es zu starken Beschleunigungen und psychodelischen Verzerrungen, wir beginnen uns zu bewegen. Der zunächst klare Blick in die konstruierte Welt eines Kunstobjektes, wird zu einer Standortbestimmung des Betrachters selbst.
 
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Friederike Klotz, 1966 in Berlin geboren, studierte Bildhauerei bei Bruno Gironcoli (1936–2010) an der Akademie der bildenden Künste und der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. 2010 gewann sie den Preis der Triennale Kleinplastik Fellbach. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin.

Text: Sandra Dichtl, künstlerische Leiterin DORTMUNDER KUNSTVEREIN

 
 
 
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