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Virtuelles Magazin 2000

 


Annette Bültmann
 
Kulturtrümmer
 
Könnte man behaupten, dass unsere Zivilisation, wenn sie ihre Vergangenheit sucht, diese in Trümmern einer antiken Welt sucht, die auf der Suche war nach einem harmonischen Schönheitsideal in den Künsten? Als Beispiel die griechischen Skulpturen, teilweise ja nicht nur in Trümmern sondern komplett erhalten, als auch heute noch z.B. in Fitness-Studios angestrebtes Ideal des menschlichen Körpers. Allerdings gab es auch damals schon Kunst, die vom schönen Idealbild abwich, als Skulptur z.B. die trunkene Alte.
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Die trunkene Alte, Quelle: Wikipedia

Friedrich Schlegel, ein Kulturphilosoph der Romantik, beklagt in der modernen Kunst die Zunahme des Hässlichen.
 
Marshall McLuhan zitiert in einem Text zum Thema Schrotthandlung den Dichter Yeats:
"I must lie down where all the ladders start
In the foul rag and bone shop of the heart."
"Muss mich dort niederlegen, wo alle Leitern beginnen,
In der stinkenden Schrotthandlung des Herzens."
und er fährt dann fort: "How to elicit creativity from this middenheaps has become the problem of modern culture" "Wie man aus diesem Misthaufen Kreativität herausholt, ist das Problem der modernen Kultur geworden."1)
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Jörg Boström, Trümmer aus Sanssoucis 2, Malerei auf Leinwand

Die Schrotthandlung steht bei McLuhan für eine Sammlung kultureller Überreste, Mythologien, Archetypen und Klischees, wobei er mit Klischees Phrasen meint, die so häufig benutzt werden dass ihre Wirkung anästhesierend ist, einen großen Teil seiner Zeitgenossen betrachtete er ohnehin als Schlafwandler. Auch er selbst wurde von der Klischeehaftigkeit ereilt, indem sein häufig zitierter Slogan "Das Medium ist die Botschaft" zu einer Phrase wurde.
McLuhan, vom Internetmagazin "Wired" posthum 1996 als Saint Marshall zum Schutzheiligen des Internet ernannt, weil er das globale Dorf und die Netzkultur schon voraussah als das Internet noch garnicht existierte, hält Medien für Erweiterungen und Verringerungen der menschlichen Sinne, Extensionen des Körpers, Prothesen, die gleichzeitig einen Sinn erweitern und die anderen einschränken, ihre Benutzer hypnotisieren und sie so daran hindern, die tatsächliche Wesensart der Medien zu sehen.
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Jörg Boström, Trümmer aus Sanssoucis 4, Malerei auf Leinwand

Zurück zur Schrotthandlung: Kulturen wachsen auf den Trümmern vorheriger Kulturen, sowohl im wörtliche Sinne, indem antike Städte mehrere Schichten aufweisen, mit Überresten der jeweiligen Epoche, und zeitweise auch die Müllentsorgung dadurch geschah, dass Abfälle im Boden der Hütten vergraben wurden. Im übertragenen Sinne hinterlässt jede Kultur eine Schicht von Ideen und Denkweisen, und eben Medien, bei McLuhan nicht nur der Buchdruck, die Zeitung, Radio, Film, Fernsehen, sondern auch die Glühbirne, Fortbewegungsmittel etc., da all diese die Wahrnehmung der Welt und die Lebensbedingungen verändern.
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Jörg Boström, Trümmer aus Sanssoucis 5, Malerei auf Leinwand

Es entsteht also das Bild von auf den Überresten vergangener Kulturen in einer Schrotthandlung in hypnotischer Trance schlafwandelnden Gestalten, den Bewohnern des globalen Dorfs, bei Bedarf auch als globales Theater zu betrachten, die, ohne genau zu wissen, was sie da tun, ständig den sie umgebenden Misthaufen der Kultur sondieren auf der Suche nach Archetypen, die man vielleicht noch in die Waschmaschine stecken könnte, wie ein wiedergefundenes Stofftier.
McLuhan schreibt weiterhin, die Kulturen der Welt seinen eingekleidet und gegründet worden auf wiedergewonnenem Abfall: "Mit diesen Bruchstücken habe ich mich gegen meinen Untergang gestemmt", zitiert er T. S. Eliot, The Waste Land. Die Müll-Explosion in den USA führte zur Welt eines neuen Klischees. "Das Dosen-Klischee löschte den Lebensmittelhändler mit seiner Waagschale, seine Meßgeräten und seinem Packpapier aus."
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Jörg Boström, Trümmer aus Sanssoucis 1, Malerei auf Leinwand

McLuhan prägte nicht nur bis heute wirksame Begriffe wie den vom globalen Dorf, sondern benannte auch seine eigene Arbeitsweise, Thesen als Sonden oder Testballons, Zitate als heuristische Sonden, Kunst als Sonde und Trainingslager. Ein Zeitgenosse, Howard Luck Gossage, sagte über McLuhans Arbeitsweise, dass er "manchmal beim Sondieren so gut in Form ist, dass er wie ein Stachelschwein mit Sonden gespickt ist", "he has probes sticking out of him like a porcupine"2).
Durch Sonden im wörtlichen Sinne lässt sich heute ins Körperinnere nicht nur schauen, sondern es lässt sich auch der Verdauungstrakt bereisen durch Verschlucken einer Kamera, als medizinische Untersuchungsmethode, oder auch als Kunstaktion von Timm Ulrichs. Gleichzeitig erkunden Sonden die Monde des Saturn, oder bewegen sich in langjährigen Reisen in den Bereich außerhalb dieses Sonnensystems.
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Jörg Boström, Trümmerreste aus Sanssoucis, Malerei auf Leinwand

Bei McLuhan sind Werkzeuge, also technische Erfindungen, aber auch z.B. Sprache und Schrift, Erweiterungen der Sinnesorgane, und gleichzeitig eine Störung. "Der Mensch als werkzeugschaffendes Wesen, handle es sich nun um die Sprache, die Schrift oder das Radio, ist schon lange damit beschäftigt, das eine oder andere seiner Sinnesorgane so zu erweitern, daß dadurch alle seine anderen Sinne und Anlagen gestört werden."
Zurück zur Schrotthandlung: diese gehört wohl insbesondere zum elektronische Zeitalter, McLuhan schreibt dazu: "Die elektronische Kultur hat die Vielfach-Sonde erfunden, und diese Sonde führt zu riesigen Mengen an Müll."3)
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Annette Bültmann, Kulturtrümmer unter Wasser, Computergrafik

Sind mit diesem Müll, wohl in einer Zukunftsversion von McLuhan, unter anderem die endlosen Mengen an Schnappschuss-Fotos im Netz gemeint, und die ungelesenen Spam-Nachrichten, die Emailpostfächer verstopfen?
Das globale Dorf als Schauplatz des globalen Theaters entsteht durch das Verschwinden der Entfernungen bei der elektronischen Kommunikation, der Raum wird aufgehoben, und seit der Entstehung des Internet auch die Zeit, denn alles ist nun gleichzeitig im Netz abrufbar.
Eine der Möglichkeiten, mit dem ansteigenden Berg an schnelllebigen Gegenständen umzugehen, ist Kunst aus Müll, bzw. aus Alltagsgegenständen, die teils gesammelt und archiviert, teils zu neuen Objekten zusammengesetzt werden. Spurensicherung und Feldforschung sind relativ neue Kunstrichtungen, bei denen z.B. Fundstücke inventarisiert und in Schaukästen ausgestellt werden, das städtische Umfeld untersucht wird, oder historisches Material gesichtet, eine Arbeitsweise, die mit Methoden der Archäologie, Ethnologie oder Soziologie verwandt ist. Dabei ist die künstlerische Spurensuche teilweise nicht nur an Fakten, sondern auch an subjektiven Erlebniswelten interessiert.
Bilder und Objekte aus Abfall-Fundstücken wurden schon spätestens seit der Zeit des Dadaismus hergestellt, und entstehen auch heute wieder, als Recycling-Art.
Das Internet, ständig neu und gleichzeitig ein riesiges Archiv von Text- und Bildfundstücken, und Infosphäre, ermöglicht es, nicht nur Objekte, sondern auch Fragmente von Texten und Ausschnitte aus Bildern zu finden und weiterzuverwerten. So verwendet der Fotokünstler Thomas Ruff stark vergrößerte Bildausschnitte, teilweise von Explosionen und Vulkanausbrüchen, bei denen ihn die Ästhetik der Bildstörung, die Verpixelung der starken Vergrößerung, interessiert. Auch Danielle Buetti verwendet in der Serie
"oh boy oh boy" gefundene Fotos von Kriegen und Grausamkeiten, verfremdet sie aber durch digitale Bearbeitung so stark, dass die ursprünglichen Motive nicht mehr erkennbar sind, sondern die Bilder, verstärkt durch eine Verglasung mit Laserkonturenschnitt, wie Mosaikfenster wirken. 
Die Netzkultur ermöglicht so die Wiederverwertung auch von digitalen Fragmenten. In Fragmenten verbinden sich frühere und heutige Kultur, und gleichzeitig Kunst und Recycling.
Die Serie "Fresken Fragmente" von Jörg Boström verwendet im Netz gefundene Fotos der Überbleibsel antiker Fresken, um daraus zeitgenössische Malerei entstehen zu lassen.
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Jörg Boström, Fresken Fragment, Malerei auf Leinwand

Kulturtrümmer und Freskenfragmente gab es auch zu sehen in der Ausstellung "Neue Malereien" von Jörg Boström in der Galerie Petershagen
Bericht über die Ausstellung unter:
http://vm2000.net/69/petershagen.vm/petershagen.html

1) Marshall McLuhan, Wilfred Watson: From cliché to archetype, New York 1970

2) Howard L.Gossage, you can see why the mighty could be curious, in: G.E. Stearn (Hg.), McLuhan: Hot & Cool, New York 1967

3) Martin Baltes (Hg.): Medien verstehen, Der McLuhan-Reader, Mannheim 1997