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Virtuelles Magazin 2000


Annette Bültmann

Kunst Fragmente Recycling

Wandert das Leben durch das Universum in Form des Recycling von Fragmenten kosmischer Brocken, die durchs Weltall stürzend auf Planeten landen, mit lebenden Mikroben, die dort einen neuen Kreislauf des Lebens beginnen?
Laut der Panspermie Hypothese können Bakteriensporen oder Einzeller längere Zeit im Weltall überleben und auf diese Weise auf bisher noch unbelebte Planeten gelangen. Im Gestein eines Meteoriten wären Mikroorganismen weitgehend geschützt vor kosmischer Strahlung. Transspermie, der Austausch zwischen benachbarten Planeten, wäre schon deshalb relativ wahrscheinlich, weil größere Mengen Gesteinsmaterial im Verlauf der Geschichte eines Planetensystems ausgetauscht werden, so gelangten nach bisherigen Erkenntnissen im Verlauf der Erdgeschichte mehr als 4 Milliarden Tonnen Marsmaterial auf die Erde.

Nicht nur in kosmischen Zeiträumen ist das Fragmente Recycling interessant, sondern auch im Verlauf der Kulturgeschichte häufig anzutreffen, wobei manchmal der Recyclingprozess selbst der Grund für die Fragmentierung ist.
Schon in der Antike wurde recycelt, wenn z.B. Materialknappheit herrschte. Wegen eines Mangels an Bronze wurden Bronzestatuen manchmal recycelt. Als Überbleibsel dieses Prozesses wurden Bronzefragmente gefunden, die von recycelten Bronzestatuen stammten, es blieben Finger, Zehen, Hände, Füße, Haarteile und andere Körperteile einzeln zurück, ein leicht skurriler Anblick in den Museumsvitrinen.

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Bronzefragmente im Archaeologischen Museum Olympia.
Diese Datei ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported. Der Urheber des Bildes ist Joanbanjo. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported license. The author of the image is Joanbanjo. Quelle: Wikimedia Commons

Zur Zeit des beginnenden Buchdrucks wurden Handschriften aus Pergament als Einbände oder Reparaturmaterial für die nun als zeitgemäßer betrachteten gedruckten Bücher recycelt, sogenannte Pergamentmakulatur, und manche alten Schriften wurden dadurch in Fragmenten erhalten. Auch Fragmente von Inkunabeln, den Werken aus der Frühzeit des Buchdrucks, wurden als Umschläge, Verstärkungsmaterial o.Ä. in späteren Druckwerken recycelt und so manchmal in späteren Zeiten wiedergefunden.

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Bucheinband mit Pergamentmakulatur, mit Handschriftenfragmenten zur Verstärkung der Lagen
16. Jahrhundert, Ex Bibliotheca Gymnasii Altonani (Hamburg), Quelle:
Wikipedia

Für Archäologen gehört es zum Alltag, nur teilweise komplette Gegenstände, aber ansonsten hauptsächlich Bruchstücke zu finden.
Manchmal werden nur Fragmente einer Skulptur gefunden, so dass sich die Frage stellt, wie das gesamte Kunstwerk aussah, oder auch, wie es in der Phantasie des Betrachters aussehen könnte.

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Fragmente von Keramikgefäßen, Römerwiese in Kempraten
Diese Datei ist lizenziert unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0). Der Urheber des Bildes ist Roland zh. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license. The author of the image is Roland zh. Quelle: Wikimedia Commons

Bei der Museumspräsentation wird manchmal versucht, Verlorengegangenes zu ergänzen, wie den Kopf der Athena mit der Kreuzbandaegis. Das Original ist verschollen, also ist ungewiss, inwieweit der heutige Kopf, ergänzt als Gipsabguss, dem Original entspricht. Wäre die Statue auch mit einem anderen Kopf vorstellbar? Bei anderen Statuen, deren Kopf nie gefunden wurde, könnte die Vorstellung des Künstlers Köpfe ersetzen.

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Frauenkopf, Musée de l'Oeuvre Notre-Dame Straßburg
Diese Datei ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert). Der Urheber des Bildes ist Helena. This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) license. The author of the image is Helena. Quelle: Wikimedia Commons

Marcus Aurelius, römische Statue im archaeologischen Museum von Olympia, Quelle: Wikipedia

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Parthenon Galleries im British Museum, London
Dieses Bild basiert auf dem Bild The Parthenon Galleries 1 Temple of Athena Parthenos (447-438 B.C) + North Slip Room, -Full Elevation & Viewing North-.JPG aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist M.chohan.

Fragmente als Kennzeichen der Aufmerksamkeitsdefizitkultur?
Hyperaktivität als Kultur- und Medienphänomen, Multitasking; Schwierigkeiten, längere Zeit gedanklich bei etwas zu bleiben,
Fragmentierung der Wahrnehmung.
Zerstreuung, Ablenkung und Vielseitigkeit werden zwar als positiv betrachtet für z.B. die Freizeitgestaltung, auch soziale Kontakte sind erfreulich, aber gleichzeitig kann das Überangebot an Informationsfragmenten, Bildern und Videoclips, Chatrooms und Social Media auch zu Konzentrationsstörungen führen.
Der Begriff Aufmerksamkeitsdefizitkultur hat es auf einen Buchtitel geschafft, der Philosophieprofessor Christoph Türcke betrachtet hyperaktive Kinder als Vorposten einer Gesellschaft, die an der Unfähigkeit zur Aufmerksamkeit leidet, und an zwanghafter Zerstreuung.
 
Manche Teenager sind anscheinend süchtig nach ihrem Smartphone, benutzten es jederzeit, telefonieren, simsen und chatten zur Verzweiflung ihrer Eltern auch z.B. beim Essen, beim Reiten, und mitten in der Nacht. Manche verschicken hunderte von SMS pro Tag, überall piept es, will beantwortet werden und verlangt wieder ein Zipfelchen Aufmerksamkeit.
Dazu kommt Software, die man als Bloatware bezeichnet, Blähware, oder es ist auch von Featuritis die Rede, Programme werden überladen mit Funktionen, bekommen immer mehr Menüs und Untermenüs, die Benutzeroberfläche wird unübersichtlich, und manche der bereitgestellten Werkzeuge funktionieren nicht wie vorgesehen, so dass die Software den Nutzer in den Irrsinn treiben kann.
 
In der Postmoderne ist eine Vielfalt von Ideen und Stilen, Zitaten früherer Epochen, Sampling und Vermischung von Fragmenten der Normalzustand.
Appropriation Art erzeugt neue Kunst aus Fragmenten früherer Kunstwerke, auch aus Fotos, Filmen, Videos etc., Fluxus verbindet Materialien und Skulpturen mit Poesie, Musik, Geräuschen und teilweise scheinbar absurden Handlungen. Die Absicht der Fluxus Künstler, wie im Manifesto zum Festum Floxorum Fluxus aus dem Jahr 1963 erklärt, war es und ist es vermutlich immer noch, lebende Kunst zu schaffen, anti-art, zum Beginn der Fluxus Ära als Reinigungsprozess betrachtet "Purge the world of bourgeois sickness", und, in der Sprache der damaligen Zeit, zur Verbindung von kulturellen, sozialen und politischen Revolutionären.
Als einer der historischen Ursprünge der Fluxus Bewegung wird der Dadaismus betrachtet, und wie bei diesem war die Absicht, eine erstarrte Künstlichkeit zu bekämpfen. Die Kunst sollte nicht fern vom alltäglichen Leben stattfinden, daher wurden auch gerne Alltagsgegenstände einbezogen.
Der Begriff "Intermedia", zuerst geprägt vom Fluxus Künstler Dick Higgins, bezog sich auf die genreübergreifenden Verbindungen zwischen visueller Kunst und Musik, Poesie, Performance und Theater.
Heute selbstverständlich und nicht mehr wegzudenken, auch durch den Computer und seine Flut von Bildern, Texten und Videoclips, rief der Mix von Kunst- und Aktions-Fragmenten anfangs beim Publikum teilweise Verwirrung hervor, z.B. den Kommentar "Die Irren sind los!" eines Zuschauers auf einem frühen Fluxus-Plakat.
 
Im Computerzeitalter ergeben sich weitere Möglichkeiten, Fragmente zu recyceln und zu verbinden, z.B. in Form von Hypertext. Durch die Struktur von Websites ist das Prinzip der Verlinkung von Texten im täglichen Leben üblich geworden, führt aber auch zu einer eigenen Form der Literatur, der Hyperfiction, bei der ein Werk aus nichtlinearen Textbestandteilen zusammengesetzt ist, die in unterschiedlicher Folge abgerufen und gelesen werden können. Bereits vor der weltweiten Verbreitung des Internet entstanden solche Werke auf Disketten. Die Online Hyperfiction bietet nun auch die Möglichkeit, dass sich Benutzer daran beteiligen können.
Während die Hyperfiction im Bereich des Textens wuchernde Gärten erzeugte, versuchen das andere Bereiche der Computerkunst auch im Bereich der Bilder, bzw. visueller Umgebungen.
In einer computergenerierten Umgebung bewegen sich Avatare, Darstellungen einer virtuellen Person, manchmal Tier-Mensch-Mischwesen, wie sie der Mythologie entstammen könnten. Mythologische Elemente und Charaktere werden also ebenfalls recycelt, und entwickeln in Kunst, Film und Computerspielen ein neues Eigenleben.
 
Aber auch die heutige Malerei verwendet manchmal Fragmente früherer Werke, Menschen und Tiere, Götter und mythologische Gestalten werden wiederentdeckt und entwickeln in zeitgenössischen Bildern ein neues Eigenleben.
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Malerei von Jörg Boström, Mischtechnik auf Leinwand 2013, inspiriert durch ein Freskenfragment aus Kythrea Salamis.