Epirus – das unbekannte Griechenland

Eine griechische Region voller Naturschönheiten und geschichtlicher Denkmäler

 

Von Arn Strohmeyer

 

Epirus ist ein Land , wo Nord und Süd zusammentreffen und ihre Gegensätze aufeinander stoßen. Die Berggipfel des Pindos-Gebirges mit weißen Kuppen, als liege auch im Sommer Schnee auf ihnen, ragen bis zu 3000 Metern in den blauen Himmel. Nadelwälder, die an den Schwarzwald erinnern, säumen die Berghänge. Man glaubt, nicht in Griechenland zu sein in einer so „nordisch“ anmutenden Gegend. Doch nach Süden öffnet sich die Landschaft mehr und mehr, wenn auch immer noch eingerahmt von gewaltigen Bergketten. Grüne Ebenen tun sich auf, die durchziehende Flüsse zu paradiesisch üppigen Gärten machen. Grün bemooste Hügellandschaften schließen sich an, zu denen kerzengerade Zypressen in Kontrast stehen. Dazwischen Seen, die fast vollständig mit Seerosen bedeckt sind – auf dem Wasser schwimmende Blumenbeete, die bis zum Horizont reichen.

Der fruchtbare Boden bringt hier alles hervor, was den mediterranen Süden ausmacht: Apfelsinen- und Zitronenbäume, die auch im Herbst noch reich mit Früchten beladen sind. Überall schlagen die Menschen in dieser Jahreszeit mit Stangen und Stöcken auf die Äste der Olivenbäume ein, um dann die kostbaren Ölfrüchte auf dem Boden in schwarzen Netzen aufzusammeln. Kein Zweifel: Man ist doch in Griechenland, auch wenn der bergige Norden oben an der albanischen Grenze einen ganz anderen Eindruck erweckt.

Griechenland ist neben Italien und Ägypten das klassische Reiseland schlechthin. Wer nach Hellas aufbricht, besucht die klassischen Stätten in Athen, Delphi, Olympia und Epidauros, vielleicht noch Knossos auf Kreta, aber nur wenige Reisende kommen nach Epirus, eine Region, die sich im Norden von der albanischen Grenze bis nach Preveza am Golf von Amvrakikos erstreckt. Was verwundert, denn dieses Land ist eine Schatzkammer, die alles hat: Landschaften von betörender Schönheit, Denkmäler einer langen und reichen Geschichte, kulturelle Vielfalt und Urlaubsparadiese.

Joannina ist die Hauptstadt dieser Region, sie liegt zu Füßen des Pindos-Gebirges am See Pamvotida. Die Stadt hat eine Besonderheit, die andere griechische Städte nicht mehr aufzuweisen haben: Sie wird von Minaretten überragt – ein Erbe der Türkenzeit, die von 1431 bis 1913 dauerte. In anderen griechischen Kommunen hat man die Erinnerungen und Monumente der osmanischen Okkupationszeit an ihrem Ende schnell getilgt, nicht in Joannina, denn die Stadt hat unter den fremden Herrschern auch Zeiten der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte erlebt. Besonders unter einem Herrscher ging es der Stadt offenbar gut: Ali Pascha, ein Mann, der heute in Joannina noch allgegenwärtig ist, obwohl er schon fast 200 Jahre tot ist. Er war ein schillernde, zwiespältige Persönlichkeit. Er stammte aus einer armen albanischen Familie, wurde zunächst das Oberhaupt einer Räuberbande, die von Südalbanien bis Thessalien operierte. Durch Verrat an seinen Gefährten erwarb er sich das Wohlwollen des Sultans in Konstantinopel, der ihn zum Pascha mit Sitz in Joannina machte.

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Minarett in Joannina

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Ali Pascha

Er herrschte nun über Südalbanien, Epirus, Thessalien und das südliche Makedonien, wobei ihm eine Armee von 100 000 Mann zur Verfügung stand. Sein Ziel war es, sein Gebiet zu einem von der Hohen Pforte unabhängigen Staat zu machen, weshalb er sich auch mit den Aufständischen der griechischen Unabhängigkeitsbewegung verbündete. Der Sultan schickte eine Armee nach Joannina und belagerte die Stadt. Am 5. Februar 1822 ermordeten Abgesandte des Osmanenherrschers den Despoten in seinem Palast auf der Insel, schlugen ihm den Kopf ab und präsentierten ihn dem Sultan im fernen Konstantinopel auf einem Silbertablett.

Damit war die Herrschaft eines Mannes zu Ende gegangen, der auf der einen Seite durchaus aufgeschlossen für die Trends der Zeit war und bedeutende Wissenschaftler in die Stadt holte, die ihrer Entwicklung wichtige Anstöße gaben. Auf der anderen Seite war er ein grausamer Tyrann, der unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Die Bauten seiner Herrschaft sind heute in Joannina noch überall zu sehen: die gewaltige Festung, die er bauen ließ, schließt mit ihren Mauern große Teile der Stadt ein. Sein Palast auf der Insel, in dem er den Tod fand, ist heute ein privat geführtes Museum, in dem viele Zeugnisse der Zeit und auch persönliche Gegenstände Ali Paschas zu sehen sind. Als ich den Besitzer dieser Schätze frage, wie er an diese Raritäten gekommen ist, lacht er nur und sagt: „Jeder Mensch hat eben seine Geschichte!“ Die Gestalt des Despoten Ali Pascha und sein Schicksal hat Europa damals so bewegt, dass Albert Lortzing (1801 – 1851) daraus eine Oper komponiert hat.

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Dem Sultan wird der Kopf Ali Paschas gebracht

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Inschrift über dem Eingang zur Synagoge

In die Geschichte Joanninas haben sich auch die Deutschen mit einem sehr unrühmlichen Kapitel eingeschrieben. Am 25. März 1944 deportierten SS und Wehrmacht 1870 Juden (fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt) mit Lastwagen nach Larissa, wo die Menschen auf Viehwaggons umsteigen mussten, die sie nach Auschwitz brachten. Nur eine einzige Frau aus Joannina hat die Vernichtung überlebt. Es gab dort kein Getto, die Juden wohnten innerhalb der Festungsmauern in engen Gassen. Geht man heute durch diese Sträßchen, erinnert nichts mehr an die einstigen Bewohner. Die meisten Häuser sind neu bezogen, einige sind in schlechtem Zustand und verfallen. Nur ein großes Tor in einer Mauer, über dem hebräische Schriftzeichen eingemeißelt sind, lassen aber ahnen, dass hier einst Juden zu Hause waren. Es war der Eingang zur Synagoge. Es soll aber heute wieder eine kleine jüdische Gemeinschaft in Joannina geben.

Es gibt viele sehenswerte Museen in der Stadt, aber eines ragt wegen seiner Originalität ganz besonders heraus: Das Museum der griechischen Geschichte von Pavlos Vrellis (1923 - 2010). Der gelernte Bildhauer, der bis zu seiner Pensionierung als Kunstlehrer gearbeitet hatte, nahm im Alter von 60 Jahren ein einzigartiges Projekt in Angriff, an dem er die nächsten 13 Jahre gearbeitet hat: ein Haus zu schaffen, in dem in bildhaften Szenen von lebensgroßen Wachsfiguren die neuere griechische Geschichte lebensnah, realistisch und detailgetreu dargestellt ist. So plastisch und suggestiv wollte er sie modellieren, dass der schauende Besucher völlig in diese vergangene Welt eintauchen kann, als sei er selbst ein Subjekt oder Mitspieler dieser Geschichte.

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Konspiratives Treffen von Freiheitskämpfern

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Der Antiken-Raum als Abschluss im Vrellis-Museum

Die Illusion, die das Museum vermittelt, ist in der Tat perfekt. Man geht durch labyrinthisch dunkle Gänge und blickt rechts und links in höhlenartige Räume, in denen Szenen und Ereignisse mit den „Helden“ der jüngeren griechischen Geschichte von der Türkenherrschaft bis in die Gegenwart dargestellt sind. Den hellenischen Heroen und Widerstandskämpfern galt die ganze Liebe und Verehrung von des Künstlers. Über sie schrieb er: „Sie sind abgeschlachtet, gehängt, lebendig gehäutet worden, wobei die Befreiung dieses kleinen Landes – frei von jeder Sklaverei - ihr einziges und letztes Ziel war.“ So sind sie denn alle zu sehen die Vorkämpfer der Freiheit Griechenlands – von den Aufständischen gegen die türkische Herrschaft bis zu den Kämpfen gegen die deutsche Besatzung von 1941 – 1944. In dunklen Verstecken brüten sie Pläne für die Befreiung aus, schmachten zusammengedrängt in engen Kerkerzellen, horten Waffen für den Kampf, Frauen schleichen mit Bündeln auf dem Rücken über Gebirgshöhen, um den Kämpfern Verpflegung und Munition zu bringen. Bilder, an denen jedes Detail mit letzter Genauigkeit ausgearbeitet ist.
Der verschlungene dunkle Gang, durch den der Besucher gehen muss, ist wohl als Symbol gemeint für die Um- und Irrwege der griechischen Geschichte. Nicht zufällig endet der Gang in strahlender Helle in einem Raum, der Plastiken aus der Hochzeit des klassischen Griechenland und im Hintergrund die Akropolis zeigt. Eine Mahnung, diese größte Zeit von Hellas nicht zu vergessen und sie als Ideal immer vor Augen zu haben. Keine leichte Aufgabe für ein Volk, das diese Höhe nie wieder erreichen konnte und ehrfurchtsvoll zu ihr hinaufblickt.

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Das Zeus-Heiligtum in Dodona mit der Eiche

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Das Theater von Dodona, in dem noch gespielt wird

Epirus hat bedeutende Schätze aus der Antike zu bieten. Einer ist das Orakel von Dodona ganz in der Nähe von Joannina, das neben Delphi die bedeutendste Orakelstätte der klassischen Zeit war. Schon die Dichter Homer (etwa 800 v.u.Z.) und Hesiod (etwa 700 v.u.Z.) kannten diesen heiligen Platz, der für sie – vom Süden Griechenlands aus gesehen – „weit entfernt“ oder „am Rand der griechischen Welt“ gelegen war. Man weiß wenig über den Ursprung des Kultes, der hier gepflegt wurde, aber es gab ihn seit dem 15. – 14. Jahrhundert v.u.Z. War Zeus im übrigen Hellas der Herrscher des Himmels, der sich in Regen und im Blitz offenbarte, war der Göttervater hier im Norden ein chthonischer (erdhafter) Gott, der an oder in der Wurzel einer großen Eiche im Tempelbezirk wohnte. Seine Priester – die Selloi, von ihnen soll sich der Name Hellenen ableiten – sammelten prophetische Kräfte aus der Erde, auf der sie auch schliefen, um Kontakt mit ihr zu halten. Zeus‘ irdische Gegenwart offenbarte sich im Rauschen des Laubes der großen Eiche im Tempelbezirk. Aus ihm leiteten die Priester ihre Weissagungen ab. Auch Odysseus kam, wie Homer berichtet, auf seiner abenteuerlichen Reise nach dem trojanischen Krieg hierher, um die Eiche zu befragen, wie er auf seine Heimatinsel Ithaka zurückkehren könne.

Homer lässt seinen Helden auch zum Eingang der Unterwelt der Toten (dem Hades) kommen, hier sollte er bei einem Felsen eine Grube graben, Opfer bringen, um dann ins Totenreich hinabzusteigen, wo der Schatten des blinden Sehers Teresias ihm den Weg zurück nach Ithaka erklären sollte. Diesen Eingang zur Unterwelt am Fluss Acheron, über den der Fährmann Charon mit seinem Boot die Seelen der Verstorbenen in den Hades brachte, gibt es in der Nähe des Dorfes Ephyra wirklich. Die antiken Griechen bauten auf dem Felsen, den auch Odysseus besuchte, ein Totenorakel, das die Archäologen inzwischen freigelegt haben. Das, was hier geschah, war, man kann es nicht anders bezeichnen, ein Beispiel von raffiniertem Priesterbetrug. Denn die heiligen Männer inszenierten hier eine Show, die schon in der Antike durchschaut und in Komödien und Satiren kritisch behandelt wurde.

Lag der Totenfluss Acheron einst in einem düsteren Sumpfgebiet und bezog sicher auch von dieser Atmosphäre her seine Wirkung, fließt er heute – nach der Trockenlegung des Feuchtgebietes – durch ein Land, in dem die „Zitronen blühen“ (Goethe) – einer der vielen fruchtbaren Gärten von Epirus. Die Archäologin, die durch die Orakelstätte führt, erklärt die einzelnen Stationen, die die Adepten durchlaufen mussten, um mit den von ihnen angegebenen Toten in Verbindung treten zu können. Die Ratsuchenden mussten für lange Zeit das Tageslicht verlassen und viele Tage in völlig dunklen Räumen verbringen. Hier mussten sie Schweinefleisch, Saubohnen und Muscheln zu sich nehmen – Speisen, die in einer Beziehung zu den Toten standen. Dazu mussten sie Milch, Honig und Wasser trinken. Kultische Bäder dienten der Reinigung. Die Priester vollführten magische Handlungen, beschwörten Erdgeister und fragten die Klienten über die Toten aus, denen sie begegnen wollten, und versuchten sie suggestiv zu beeinflussen.

In einem nächsten Raum waren die Speisevorschriften noch strenger, die Saubohnen verursachten in der Totenstille Halluzinationen, Schwindel und Gefügigkeit. Vielleicht wurden auch zusätzlich noch Drogen eingesetzt. Die Adepten waren nun zum Kontakt mit den Toten bereit. Nach Schlachtopfern wurden sie in labyrinthische Gänge entlassen, in denen sie herum irrten. Diese sollten ihnen die verschlungenen Pfade der Unterwelt vortäuschen. In eine tiefe Felsgrube, die der Eingang ins Totenreich darstellte, mussten sie Spenden werfen. Dann traten sie in den großen Saal. Mit Hilfe eines Flaschenhebers konnte man auf die Bühne einen großen Bronzekessel herunterlassen und hinaufziehen, in dem ein verkleideter und wie ein Toter geschminkter Priester saß, der den Verstorbenen spielte und nun Auskunft gab. Die Erscheinung aus dem Jenseits war auf das kunstreichste inszeniert – und natürlich waren die Besucher zu tiefem Schweigen verurteilt über alles, was sie hier gesehen und gehört hatten.

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Gänge des Labyrinths im Totenorakel

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Der Raum, in dem die Toten „erschienen“

Großer Weltgeschichte begegnet man in Nikopolis (Siegesstadt), einer römischen Stadt auf der schmalen Halbinsel zwischen dem Jonischen Meer und dem Golf von Arta. Octavian, der spätere römische Kaiser Augustus, hat sie hier nach seinem Sieg in der Schlacht von Aktion (31 v.u.Z.) gegen Antonius und Kleopatra, die ihm die Macht entreißen wollten, gegründet. Die Stadt sollte nach den Vorstellungen Octavians größer und schöner werden als Athen. Dieses Ziel hat er nicht erreicht, aber die Stadt besaß lange Zeit durch ihren Hafen große Bedeutung, sie war Hauptstadt der römischen Provinz Epeirus.

Der Archäologe Konstantinos Zachos, der jetzt die Ausgrabungen leitet, erklärt die riesige Stadtanlage von dem Hügel aus, wo einst das Feldlager Octavians stand, von dem aus er die Seeschlacht verfolgen konnte. Auf dieser Erhebung, die dem Apoll geweiht war, ließ der spätere Kaiser ein Siegesmal errichten. Zachos zeigt die Reste des ziemlich zerstörten riesigen römischen Theaters, des Stadions, einer Palastanlage und die Stadtmauern. Vieles ist schon freigelegt, vieles restauriert, vieles ruht noch in der Erde. Archäologen haben hier noch für Jahrzehnte ein reiches Betätigungsfeld. Doch die griechische Krise der Gegenwart könnte das verhindern. Zachos weist auf die Sparzwänge der Regierung in Athen hin, und darunter hätten natürlich auch die Archäologen zu leiden. „Ich rechne jeden Tag mit meiner Kündigung“, sagt er, der gerade einen Preis für seine Arbeit hier bekommen hat. Er weiß nicht, wie es dann in Nikopolis weitergehen soll. 60 Leute arbeiten unter ihm – Jahre intensiver Arbeit wären dann gefährdet.

Die Funktion, die einst Nikopolis als wichtiger Hafen im Jonischen Meer innehatte, hatte heute im Norden Igumenitsa übernommen. Es ist Griechenlands „Tor zum Westen“. Er verbindet die Region Thesprotien, wie der Landstrich hier heißt, mit ganz Europa. Die Fertigstellung der Autobahn Egnatia Odos sichert den Zugang ins Innere des Landes und durch das Pindos-Gebirge nach Osten bis in die Türkei. Eine Fahrt von dem beschaulichen Städtchen Igumenitsa die Uferstraße entlang nach Süden wird zu einer Reise an den „Küsten des Lichts“, wo sich dem Auge auf das Meer je nach Sonnenstand und landschaftlichem Aussichtspunkt zauberhafte Ausblicke bieten. Üppiges Grün und Blau sind hier die dominierenden Farben. In der Mittagshitze glitzert das Jonische Meer mit Myriaden von Lichtpunkten, Inseln liegen dahinter im blauen Dunst. Grün ziehen sich Wälder die Hügel und Berghänge hinauf. Wie auf einer Perlenkette aufgezogen reiht sich in den Buchten ein malerischer Badeort mit weißen Stränden an den anderen. Sonnenanbeter kommen hier auf ihre Kosten.

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Der Siegeshügel des Kaisers Augustus in Nikopolis

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Reste des römischen Theaters in Nikopolis

Parga ist einer der schönsten Orte in dieser Kette, er erinnert mit seiner bunten Häuserpracht, die an den Felsen zu kleben scheint, und den vorgelagerten kleinen Felseninseln an Capri. Oben von der alten türkischen Festung hat man den schönsten Blick auf dieses Kleinod, in das sich im 19. Jahrhundert ein damals berühmter reicher Müßiggänger (heute würde man sagen: ein Playboy oder Mitglied des Jet set) verliebt hatte. Er schrieb ein Buch über Pargas Geographie, Natur und lange Geschichte. Ein Hotelier zeigt es mir: es hat die gewaltigen Ausmaße von 80 mal 40 Zentimetern, umfasst tausend Seiten und wiegt sicher einige Kilo. Der Verfasser heißt Ludwig Salvator (1847 – 1915), was aber ein bürgerliches Pseudonym war, denn in Wirklichkeit war er der Erzherzog von Österreich und Prinz der Toskana aus dem Hause Habsburg. Mit seinem Schiff „Nixe“ bereiste er jahrzehntelang das Mittelmeer und trieb seine Studien. Seine Lieblingsinsel war Mallorca, er galt dort als der „ungekrönte König der Balearen“.

In Arta, weiter im Inland, steht eine der schönste Kirchen aus byzantinischer Zeit: die Panagia Parigoritissa aus dem 13. Jahrhundert. Von außen hat sie das Aussehen eines dreistöckigen Palastes. Sie besitzt fünf Kuppeln, die von korinthischen Säulen getragen werden. Die Hauptkuppel wird von dem als Mosaik ausgeführten Antlitz des Christus Pantokrator beherrscht. Sein Gesicht ist über zwei Meter breit. Cherubim, Seraphim und Kreise umrahmen das Bild. Die Agia Sophia, die größte Kirche der damaligen Christenheit, war das Vorbild für diesen imponierenden Kirchenbau. Beim Eintritt in sein Inneres umgibt den Besucher eine düstere, fast mystische und geheimnisvolle Atmosphäre. Kann man sich als nüchterner und säkularer Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts noch in die Frömmigkeit und religiöse Symbolik versetzen, die einen solchen Bau vor 700 Jahren hat entstehen lassen?

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Blick auf das Meer bei Parga

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Die Kirche Panagia Parigoritissa in Arta

Zumeist starr und unbeweglich wirken die ikonenhaften Gestalten der Heiligen ähnlich wie in der gotischen Malerei des Westens. Während sich dort seit der Renaissance die Bildinhalte auflockern und die Menschendarstellungen persönlich Züge annehmen und im Hintergrund die Natur hervortritt, bleibt die byzantinische Malerei bei der starren und zweidimensionalen Gestaltung. Aber man muass verstehen, dass diese Kunst ausschließlich theologisch gemeint ist. Diese Darstellungen sind Fenster in eine andere geistliche Welt, daher ist der Hintergrund meistens auch golden und die Malweise nicht naturalistisch. Diese Bilder sollen Ehrfurcht erwecken, eine existentielle Verbindung zwischen dem Dargestellten und dem Betrachter und auch zwischen dem Betrachter und Gott herstellen. Für mich sind sie immer wieder ein Beleg, dass Griechenland „anders“ ist: Es hat weder die Reformation noch die Aufklärung noch die Industriealisierung mitgemacht. Das Land ist immer noch in seiner Identität unsicher, weiß nicht, ob es zu Europa oder zum Orient gehört. Fakten, die die Europäer oft übersehen, wenn sie sich über Hellas äußern, wie die gegenwärtige Krise immer wieder belegt. Hier liegt eine Quelle von vielen Missverständnissen.

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Die Kuppeln in der Kirche von Arta

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Blick auf das Tal von Bouranzani

Zu einer Reise nach Epirus gehört unbedingt auch ein Abstecher in die nordwestliche Bergregion an der albanischen Grenze um Konitsa und Bourazani. Allein der Blick von der Höhe auf das grüne Tal von Bourazani – eingeschlossen von majestätischen Gebirgsketten und durchzogen von dem breiten ausufernden Flussbett des Aoos, der eine üppige Vegetation schafft, ist atemberaubend. Die alles überragenden Bergriesen lassen alles unten in der Ebene klein und winzig erscheinen. Der Wald an den Berghängen ist bis zu den Baumgrenzen dicht und dunkelgrün.

Steigt man in diesen paradiesischen Garten hinab, wird klar, welche Wunder die Natur hier geschaffen hat. Über 1200 Pflanzenarten wachsen im Tal, allein 51 Arten von Orchideen. Bei den reichen Baumbeständen dominieren Platanen, Pappeln, Weiden und Erlen. An den Berghängen erstrecken sich riesige Eichenwälder. Die Tierwelt ist bei dieser üppigen Vegetation ebenso reichhaltig. In dieser einzigartigen Natur leben Braunbären, Wölfe, Gämsen, Mufflons, Hirsche und Wildschweine - von Füchsen, Hasen, Mardern und vielen Arten von Fledermäusen gar nicht zu reden. Über Berge und Ebene kreisen noch die Adler. Aber Paradiese sind auch durch die vorrückende Zivilisation gefährdet, weshalb ein Großteil dieser Region als Nationalpark ausgewiesen ist.

Die Sorge um die Erhaltung dieses Paradieses treibt vor allem George Tassos um, einen Mann, der weiß, dass man den „Fortschritt“ nicht aufhalten kann, dass man ihn aber in ökologisch sinnvolle Bahnen lenken muss. Der studierte Tierarzt (er erwarb sein Diplom in Frankreich), der in der Gegend viel Land besitzt, stellt sein ganzes Leben in den Dienst der Erhaltung der Natur im Bourazani-Tal. Wie ernst er diese Aufgabe nimmt, merkt der Besucher, der mit ihm unterwegs ist, an kleinen Dingen. Immer trägt George Tassos eine Plastiktüte bei sich. Sieht er irgendwo achtlos weggeworfenes Papier oder Cola-Büchsen („Zivilisationsmüll“), sammelt er sie sogleich ein, um die Natur davon zu befreien.

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George Tassos mit einer Besuchergruppe

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Das Kongress-Zentrum von George Tassos

Aber das ist nur eine Randerscheinung, denn in Wirklichkeit beschäftigt sich George Tassos mit viel größeren Projekten. Er hat ein riesiges Gatter angelegt, in dem er seltenes Wild vor dem Aussterben bewahren will. Mitten in diesem Gehege hat er ein kleines, aber mit modernster Technik ausgerüstetes Kongresszentrum erbaut. Im Vortragssaal und im Naturkundemuseum können sich die Besucher und wissenschaftlich Interessierte – vor allem auch Schulkinder – über die Pflanzen- und Tierwelt der Region unterrichten, weshalb er sein Gehege auch „Umwelt-Erziehungspark Bourazani“ nennt.

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Das Naturkunde-Museum im Kongresszentrum

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Teppichwäsche an der Wassermühle

Aber damit nicht genug: An einem Berghang betreibt George Tassos eine vorzüglich arbeitende Wassermühle. Das umgeleitete Gebirgswasser stürzt durch Betonröhren mit solcher Wucht herab, dass es unten angekommen in zwei Holzbecken rasend schnelle Strudel erzeugt, in denen die Bewohner der Gegend ihre Decken und Teppiche waschen können – natürlich ohne chemische Waschmittel. George macht es an einem Teppich vor, das System funktioniert perfekt. Dass es an einem dritten Rohr in Windeseile Korn malt, ist da ein willkommener Zusatz.

Das ist aber noch nicht alles: George betreibt auch noch ein Hotel, in dem alles „Natur“ und „Öko“ ist, was so weit geht, dass er die Gardinen in den Gästezimmern mit den schönsten Mustern von Blumen der Region hat dekorieren lassen. Nebenbei besitzt er auch noch eine kleine Fabrik, in der Öko-Lebensmittel aus Produkten des Bourazani-Tals hergestellt werden. „Aber das ist alles nicht so wichtig“, sagt er und lacht, „wichtig ist, dass wir hier unsere einmalige Natur erhalten, so wie sie ist.“ Es müsste mehr Menschen auf dieser Welt wie George Tassos geben!

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Der Aoos-Fluss

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Brücke über den Aoos-Fluss