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Virtuelles Magazin 2000

 


Jörg Boström
trompeter

„Malerei“ sagt Picasso, „ist nicht erfunden worden, um die Wände zu schmücken, sondern als Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind“.

Welchen Feind? Niemand bedroht uns ernsthaft in unserem Land, nur die Banalität und der Tod. So gesehen, ist bildende Kunst eine ekstatische, aus sich heraus brechende Form des Lebens, ohne Zweck, wie dieses selbst. Man darf so weit gehen zu behaupten, je zweckloser eine Bilderwelt, desto näher ist sie am Leben, an der Artikulation unserer Existenz.

Die Bewerber sind beteiligt an dem Tun auf Leinwänden und Papieren, das in Ausstellungen und Katalogen eine bürgerliche, sich ordentlich eingefügte Form gibt, die sich hier als Bewerbungsveranstaltung in die Zweckbestimmung ein mogelt, sie existiert in Wahrheit nur aus sich selbst und für sich selbst. Kunst gehört zu unseren elementarsten Äußerungen.

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In diesem Gebäude des Ratsgymnasiums hat sie immer wieder eine Zuflucht gefunden, in Fluren und Gängen, im Forum und den Treppenhäusern, ein Treibhaus der Kunst jenseits von Anwendung und Zweckkalkül. Es soll dabei nicht vordringlich um Zensuren, Bewerbungen, Anerkennung gehen. Die Kunst ist dem weit voraus.

„Was Kunst ist, weiß ich nicht“, sagt wieder Picasso, „..und wenn ich es wüsste, ich würde es nicht verraten.“

Die Juroren aber müssen es per Auftrag nun doch noch wissen.

Sie haben ausgewählt aus den eingereichten Arbeiten der Bewerbung um den Rats-Kulturpreis Kunst. Ich war dabei und soll nun das Resultat sogar verraten.

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Einstimmig hat sich die Gruppe der Juroren zur Vergabe von zwei Preisen entschieden.

Eine der ausgewählten Arbeiten stellt die Frage:

Was sind Medien? Wie funktionieren sie? Was kann ich ausdrücken mit Zeichnungen, Collagen, Fotoserien und Filmstrecken?

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Es ist die Vielschichtigkeit der Techniken und Ausdrucksformen. Die Zugänge zur Kunst durch verschiedene Türen, Hintertüren, Kellereingänge und Dachluken. Das Vorbeigehen und Stehenbleiben im Stiftstrich und im Film. Wohin? Wann? Warum?

Die Bearbeitung und Verarbeitung der visuellen Techniken und Möglichkeiten. Noch ohne Prioritäten zu setzen. Ein Konzept von Vielseitigkeiten und Anwendungen. Zeichnung, Fotografie, Malerei, Collage, Tinte, Film. Multimediale Gestaltung im Bereich der visuellen Forschung. Eine Vorlage von Arbeiten mit und ohne Zusammenhang, die den Betrachter zur intensiven Aufmerksamkeit zwingt.

Einer der Preisträger stellt stellt diese Folge von Arbeiten vor als ästhetische Forschung zum Thema „Entfremdung des Menschen von der Natur“.

Jürgen Viegener

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Die zweite prämierte Arbeit zeigt in brillanter zeichnerischer Gestaltung im Stil der Manga, der japanischen Comic Reihe, den Traum von Kampf und Sieg und die immer wieder zu besiegende Realität eines Mädchens im eigenen sozialen Brennpunkt als Tochter einer allein erziehenden Mutter. Not und Traum, Manga und Alltag, immer wieder neu und jeden Tag mühsam.

„Die Rettung“, so der Titel der Arbeit über eine schwierige Mutter-Kind-Beziehung. Hier wird aus der Zauberwelt des Comic die soziale Realität sichtbar im Wechsel zwischen Traum und Lebenswirklichkeit.

Und das wird zeichnerisch in der Traumwelt der Piraten auf der Suche nach der Befreiung einer edlen Dame dargestellt, die nun im Schrecken des Erwachens von der Tochter erkannt wird als die eigene Mutter.

Hier bei der Manga Folge kommt die reale, immer wieder schwierige Schräglage der Wirklichkeit zum Durchbruch. Der Traum mit Piraten wird durchbrochen von der Realität des täglichen Lebens. Aus dem Manga Märchenstrich wird eine spröde realistische Darstellung von Menschen und ihrer alltäglichen Umwelt. Es ist, wie die Künstlerin schreibt,

„..die Geschichte einerJugendlichen, die sich aus der missglückten Beziehung zu ihrer Mutter und vor dem Leistungsdruck der modernen Gesellschaft in eine Traumwelt flüchtet,“ und in die Realität zurückgestoßen wird.. „Die Rettung“..

durch den Zeichenstift von Caroline Lüders.

 

Herzlichen Glückwunsch an die Gewinner und alles Gute auch für weitere Arbeiten und den neuen Abschnitt ihres Lebens.

ratskulturpreis