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Virtuelles Magazin 2000


Stefan Brams

Vom entscheidenden Augenblick
 
Rede zur Eröffnung von „Veit Mette - How to create an exhibition in two easy lessons- Fotografien aus Bielefeld 1987 bis 2012“ im Foyer der Stadtwerke Bielefeld
 
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
 
Als ich vor einigen Monaten mit Veit Mette über sein Projekt sprach, und wir anschließend über den Alten Markt schlenderten, sagte Veit Mette zu mir: „Ich bin auch so ein Bielefelder Schluffen. Hier geboren und nie wirklich raus gekommen.“ Unglücklich wirkte der Fotograf nicht, als er dies sagte und davon sprach, im März Bilder aus 25 Jahren seiner fotografischen Arbeit in dieser Stadt zeigen zu wollen. Muss er ja auch nicht sein. Denn seine Fotos sprechen eine andere Sprache. Nicht, die eines Schluffen, der nicht viel mitkriegt von der Welt, sondern, die eines äußerst wachen Beobachters – seiner Mitmenschen, seiner Umgebung, seiner Stadt. Und ja, ich gehe soweit, für Bielefeld ist es schlichtweg ein glücklich zu nennender Umstand, dass sich der gebürtige Bielefelder immer auch auf seine Stadt eingelassen und sie fotografisch regelrecht durchschritten hat in den vergangenen 25 Jahren – auch wenn Sie hier – bis auf vier Fotos - noch nichts davon sehen können. Doch dazu später.
 
Fotografie ist für den 1961 in Bielefeld geboren Veit Mette seit vielen Jahren Broterwerb. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Magazinen veröffentlicht (Stern, Süddeutsche-, Zeitmagazin. . . ). Doch Mette wollte und will mehr als den oft schnelllebigen Fotojournalismus bedienen. Und so lässt sich der ehemalige Student der Kunstpädagogik schon seit Jahren immer wieder auf große Ausstellungs- und Buchprojekte ein, mit denen er fotografische Akzente zu setzen weiß.
 
Seinen wohl nachhaltigsten und sichtbarsten Erfolg hatte er mit seiner 1996/97 geschaffenen Ausstellung „Drinnen ist wie draußen – nur anders“. Veit Mette gab dem Leben in Bethel individuelle Gesichter, machte deutlich, dass Liebe, Glück und Trauer, ja Sexualität und Erotik auch dort in Bethel Zuhause sind. Seine Fotografien zeigten Menschen mit all ihren Schwächen und Stärken, Sorgen, Freuden und Nöten. „Die Menschen in Bethel sind verstört, verstört worden; mit meiner Sicht ,normalisiere' ich sie; bei den anderen ist es vielleicht umgekehrt, da verstört mein Blick die Normalität“, hat Veit Mette selbst einmal über seine Bethel-Arbeit gesagt. Eine starke Arbeit – und dass einige dieser Fotos seit nunmehr zwölf Jahren auf einer Bielefelder Stadtbahn – im Jahr 2011 zudem um neuere Arbeiten aus Bethel ergänzt - die Stadt dauerhaft durchfahren ist für mich geradezu ein Sinnbild für sein fotografisches Durchschreiten dieser Stadt. So wie die Bahn mit Veit Mettes Bildern die Stadt immer weiter durchfährt, so hat auch er selbst die Stadt in den vergangenen Jahren erkunden und durchzogen mit seinen Arbeiten.
 
„Mich interessiert die Uneindeutigkeit, die Brüchigkeit. Der Moment, wo es anfängt zu kippen“, hat Mette sein fotografisches Selbstverständnis einmal definiert.
 
Wie er arbeitet, konnte ich Ende der 80er Jahre selbst erleben, als Veit und ich uns aufmachten nach Polen - nach Bydgoscz (Bromberg). Wir wollten eine Fotoreportage über Stefania Gugula einfangen. Stefania war Zwangsarbeiterin bei Verwandten von Veit Mette gewesen. Eine bewegende Reise war das, eine Reise in die deutsche Vergangenheit und in das sich auflösende sozialistische Polen zugleich. Als wir zurückgekehrt waren, war ich bei der Durchsicht der schwarz-weißen Kontaktabzüge - Veit fotografierte selbstverständlich schwarz-weiß und liebt es bis ja bis heute – überrascht, welche Vielfalt an Motiven Veit eingefangen hatte. Was mich jedoch jenseits der vielen starken Motive am meisten faszinierte: ich hatte überhaupt nicht mitbekommen, wann er all diese Fotos geschossen hatte, denn Veit Mette ist ein völlig unaufdringlicher Fotograf, einer, der warten kann auf den „entscheidenden Augenblick“, von dem der große Fotograf Cartier-Bresson als Voraussetzung für ein gutes Foto sprach. Typisch ostwestfälisches Understatement betreibend bezeichnet sich Veit Mette selbst daher auch gerne als „Eckensteher“ - und ich füge hinzu ein ungeheuer aktiver.
 
Nach Bethel hat Veit Mette weitere Bielefelder Planeten erforscht. „Ebene Null“ heißt sein 2006/2007 im Auftrag der Uni entstandenes Fotoprojekt, das den Planeten Uni in Bielefeld ankommen lässt. Thomas Kellein schrieb über Mettes Fotoessay: „Mette ist kein Werbefotograf, sein Augenmerk gilt vielmehr individuellen Prämissen, die zu sozialen Brüchen führen. Nicht ein Gebot der Stunde, sondern das ,Sichwiegen auf dem Schaukelstuhl des Augenklicks hat ihn inspiriert“.
 
„Die guten Bilder sind immer Grenzbilder. Ich suche nach Uneindeutigkeiten und die Extreme in Situationen. So wie man in der Achterbahn hin- und hergeschleudert wird – wie halt auch im Leben. Mich langweilt es, wenn man mit seinen Bildern zu schnell auf der sicheren Seite ist“, sagt Mette selbst über seine Arbeit.
 
Auch an seinem Fotoprojekt „Generation Üc“ aus dem Jahr 2009 lässt sich diese Haltung sehr trefflich beobachten. Mette spiegelt die Lebensräume von vorwiegend türkischen und kurdischen Jugendlichen in Bielefeld. Generation Üc ist eine Reise in die Welt dieser Jugendlichen. Ein großes Fotoprojekt, das die Zerrissenheit dieser jungen Menschen der dritten Zuwanderer-Genration zwischen den verschiedenen Polen ihres Lebens zeigt. Fesselnde Bilder, die auch die ganze Energie, Lebensfreude, -lust und -sehnsucht, aber auch den Frust spiegeln, der in diesen Menschen steckt. Eine wichtige Annäherung.
 
Welch augenzwinkernder Fotograf dabei immer auch in Veit Mette steckt, das macht sein letztes großes Projekt, „Menschen im Museum“, deutlich. Seit 20 Jahren dokumentiert Mette die Ausstellungseröffnungen und -vorbereitungen der Kunsthalle Bielefeld. Sein Augenmerk richtet sich vor allem auf den kleinen, großen Moment, der normalerweise unbeachtet bleibt: Wenn hinter den Kulissen die Arbeit für die Ausstellungen sichtbar wird; wenn sich Bild und Betrachter plötzlich wie in einem Spiegel gegenüber stehen; wenn sich zwischen Kunstwerk und Realsituation amüsante, groteske, aber auch sensible Spannungen ergeben. Der unbeachtete Moment, die Randnote wird hier zum Zentrum in seiner Fotografie.
 
Vier große Projekte, vier Bielefelder Planeten, die Veit Mette erkundet hat. Heute fügt er diesen einen fünften hinzu – den Gesamtplaneten Bielefeld sozusagen. Der wird mehr sein als die Teile seiner bisherigen Groß-Projekte, denn der Fotograf ist tief in sein Archiv hinabgestiegen und hat seine Bielefelder Arbeiten durchforstet, viele Bilder gar erstmals auf Papier gebannt. In den Blick rücken dabei auch wieder seine Arbeiten als Fotojournalist für das Bielefelder Stadtblatt. Mette zeigt, das auch im lokalen Foto-Journalismus ein augenzwinkernder, skurriler Blick auf die Stadt und ihre Menschen möglich ist. Seine Fotos von Demonstrationen gegen die neue Stadthalle, von Menschen im Tierpark Olderdissen, auf dem FKK-Gelände in der Sieker Schweiz, im Lehrerzimmer, bei Umzügen der Freiwilligen Feuerwehr, bei Ratssitzungen, Stadtfesten, seine Fotos von Bielefelder Originalen wie Ernie aber auch von der Giftmülldeponie Brake und von vielen weiteren lokalen Ereignissen belegen diese Fähigkeit zum anderen, spannungsreichen lokaljournalistischen Foto.
 
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In seiner neuen Schau „Veit Mette - How to create an exhibition in two easy Lessons- Fotografien aus Bielefeld 1987 bis 2012“, die er zusammen mit Achim Borchers konzipiert hat, stellt er sein Werk aus 25 Jahren aber nicht einfach nur aus, sondern uns, den Besuchern mehr als 200 Fotos aus seinem Archiv zur Verfügung – mit der Aufforderung verbunden, die Ausstellung rund um wenige bereits hängende Ankerbilder erst selbst zu erschaffen, Fotos auszuwählen und zu hängen und eine Kopie des ausgewählten Bildes mit einer kurzen Anmerkung versehen in ein Fotobuch einzufügen, das so genauso wächst wie die Schau selbst. Eine schöne Idee, der Besucher wird zum Kurator und Schöpfer der Ausstellung und mit dem Fotografen zusammen zugleich zum Betrachter dieser etwas anderen, augenzwinkernden Bielefeld-Ausstellung jenseits jeder Postkartenidylle.
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Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Hängen, beim Entdecken von Veit Mettes Bielefeld. Und von Veit Mette wünsche in ich mir weiterhin einen so herrlich verstörenden Blick nicht nur auf die Bielefelder Welt. Wie meinte er doch einst: „Ich bin überzeugt, dass mir der verstörende Blick im Blut liegt.“ Ich nenne das eine gute Nachricht.
 
Herr Rieke, ich darf Sie nun bitten, das erste Bild hängen!
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veitmette.de