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Virtuelles Magazin 2000

 


Arn Strohmeyer

Wo Medizin und Psychotherapie ihren Anfang nahmen:
 
Die Stätte des heilenden Gottes
Das Asklepios-Heiligtum in Lentas (Südkreta)
 
 
Die Griechen waren die ersten Pioniere
in das weite, unbekannte Land der
menschlichen Seele.

Robert Payne
 
 
 
 
Glaubst Du denn, es sei möglich, von
der Natur der Seele eine nennenswerte
Kenntnis zu erwerben ohne
Zusammenhang mit der Natur des
Ganzen der Welt?

Sokrates
 
 
 
Inhalt
 
Lentas - ein besonderer Ort
 
Asklepios und sein Heiligtum in Lentas
 
Tempelschlaf und Heilungen im Abaton
 
Inkubation und moderne Psychotherapie
 
Was sagen die Kritiker?
 
Die Botschaft der antiken Griechen
 
Literaturverzeichnis
 
 
 
 
 
 
Lentas - ein besonderer Ort
 
Lentas, das kleine kretische Dorf, ist ein besonderer Ort nicht nur wegen seiner einzigartigen Lage an den südlichen Ausläufern des Asterousa-Gebirges am Libyschen Meer. Einmalig ist vor allem sein Flair: Man muss nur ein paar Tage dort gewesen sein und die Geißeln des modernen Lebens wie innere Unruhe, Stress und Depressionen sind verflogen. Ja, nach kurzer Zeit fühlt man sich hier mehr bei sich selbst, man ist nicht nur in diesem anmutigen Ort angekommen, sondern auch beim eigenen Ich. Soll heißen: Sollte man mit sich selbst hadern, hier ist Versöhnung mit der eigenen Seele angesagt - und mit allem, was einen umgibt: den Menschen und der Natur. Man fühlt sich - anders gesagt - mit sich selbst im „Einklang“. Das hat etwas mit Klang, also mit Musik, zu tun. Und mit Musik haben auch unsere Worte „Person“ und „Persönlichkeit“ zu tun, sie leiten sich vom lateinischen Wort „per-sonare“ ab, und das heißt so viel wie „durchtönen“ oder „durchtönt“ werden. Ist es erstaunlich, dass Lentas schon in der Antike ein Heilort war, zu dem die Menschen von nah und weither kamen, um hier körperliche Gesundung und seelische Harmonie mit sich selbst zu suchen?
Die Musik als ordnende Kraft - das ist keine Erfindung moderner Musiktherapeuten, sondern eine uralte Erkenntnis, die schon die Pythagoreer im 6. Jahrhundert v.u.Z. hatten. Lentas hat so etwas wie eine „ordnende Kraft“. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob diese einmalige Atmosphäre, die dieser Ort ausstrahlt, etwas mit der „Musik des Meeres“ zu tun hat, also mit seinem ewig anbrandenden Rhythmus, der einen hier Tag und Nacht begleitet und der bald zum eigenen Rhythmus wird - ewig gleich und tief in uns eindringend, bis man zu einer abgeklärten inneren Ruhe gefunden hat, die den Trubel und die Aufregungen der Welt aus der Distanz gelassener hinnehmen lassen.
Wenn man diesen Punkt erreicht hat, ist man bereit, sich dem Wesentlichen zuzuwenden: den elementaren Dingen, die wir zu Hause zumeist nur noch virtuell, d.h. vermittelt durch Medien, wahrnehmen: Die Berge etwa, hier vor allem den gewaltigen Löwenberg, einen Felsriesen, der dem König der Tiere ähnlich sieht und sich majestätisch weit ins Lybische Meer vorschiebt; den Wind, der singend durch die Tamarisken fährt und ihre Zweige zum Tanzen bringt. Es ist auch die Sonne, die hier im Sommer gleißend und glitzernd auf dem Meer liegt, und gnadenlos brennen kann und alles an Land verdorren lässt, die aber im Frühjahr und Herbst abgekühlt und weniger sengend - unterstützt vom dann schüttenden Regen - von heute auf morgen die Pflanzen wieder zum Grünen und Blühen bringt. Und im Sommer prangt über dem kleinen Ort ein Sternenhimmel, wie man ihn intensiver wohl kaum anderswo sehen kann. Die Himmelslichter sind wie glühende Kirschen groß - und die Milchstraße wölbt sich wie eine weiße Aschenbahn über den nächtlichen Horizont. Sind es diese elementaren Dinge, die uns in Lentas wieder in „Einklang“ mit uns selbst bringen? Oder sind es die Menschen, die uns hier so freundlich empfangen?
Ich habe keine schlüssige Antwort auf diese Fragen. Da ich kein Esoteriker bin, will ich nicht über magische oder andere geheimnisvolle Kräfte spekulieren. Ich will die Antwort anderswo suchen. Man könnte nun einwenden, dass nur ich die Wirkung dieses Ortes empfinde und eben das Opfer einer Einbildung geworden bin. Ich entgegne darauf: Viele Menschen haben mir berichtet, dass sie in Lentas genau dieselbe Erfahrung gemacht haben und aus diesem Grund immer wieder hierherkommen.
Und ich kann einen berühmten Zeugen anführen, der den Zauber von Lentas schon vor vielen Jahrzehnten erlebt und beschrieben hat: den Schriftsteller Nikos Kazantzakis, der mit seinem Roman „Alexis Sorbas“ und dessen Verfilmung Weltruhm erlangte. In die Einsamkeit am Libyschen Meer zog es Kazantzakis 1924. Es war die Zeit, als er in Begeisterung für die Ideen der kommunistischen Revolution in Russland schwelgte und auch eine neue Gesellschaft in Griechenland und Kreta schaffen wollte. Es war aber auch die Zeit, als er begonnen hatte, sein Versepos „Odyssee“ mit den 33 333 Versen zu schreiben. Am 20. 7. 1924 kündigte er in einem Brief an seine Bekannte und spätere Frau Eleni Samios an (er war zu dieser Zeit noch mit Galathea Alexiou verheiratet), dass er ans Libysche Meer gehen wolle, „wo das einsame, bescheidene Häuschen auf mich wartet.“ Am 29. Juli bittet er Eleni, nach Kreta zu kommen und mit ihm nach Leda (so nennt er Lentas-Lebena) zu reisen. „Genossin“, so spricht er Eleni in seinen Briefen an, „das Leben ist doch wunderbar ... Zusammen werden wir die teure Insel sehen, zusammen am Ufer des Libyschen Meeres sitzen, Afrika gegenüber!“
Eleni kam wirklich und hat später ihr Eintreffen dort wenig einladend beschrieben: „Eine Mineralquelle – wenn sie auch nur tröpfelte – in einem tiefen Obstgarten. Zitronen- und Zedratbäume mit saftigem, dunklem Laub, wie sie der Zöllner Rousseau liebte. Wütende Fliegen und Ameisen... Ein halbmondförmiger Strand, von zwei Seiten durch steil abstürzende Felsen eingeschlossen. Ein einziges Dach: ein Speicher, mit Krügen und Getreide gefüllt. Ein einziger Bewohner: ein halb tauber und blinder Greis. Leda... Weder Tisch noch Bett, keine Wäsche, nichts, was die Illusion von Behaglichkeit hervorrufen könnte. Ameisen, Fliegen und heller Sand, der rauchte wie geschmolzenes Zinn.“
Eleni muss ihren Entschluss, hierher zu reisen, wohl schon bei der Ankunft bereut haben. Sie schreibt: „‚Bitte, ein Glas Wasser’, sagte ich mit trockener Kehle nach so vielen Stunden auf dem Maultierrücken quer durch das ausgedörrte Gebirge. Der Greis erhebt sich, streichelt sich den Bart, wischt sich die knotigen Hände an den indigofarbenen Hosen ab, sucht tastend den Stock und macht sich auf den Weg zur Quelle. Er kehrt mit einer Schale lauwarmen Wassers zurück, in dem riesige Ameisen schwimmen. ‚Ameisen!’ schreie ich, Tränen in den Augen.“
Kazantzakis arbeitete in Lentas intensiv an seiner „Odyssee“, der Rest des Tages war der Lektüre und dem Baden am Strand gewidmet. „Am Tage lasen wir in einer engen Grotte kauernd, vernünftigerweise Ilias, Goethes Iphigenie auf Tauris, Äschylos und Tschechow“, notierte Eleni. Kazantzakis führte in Lentas das Nacktbaden ein – für die damalige Zeit wohl ein ungeheurer Vorgang, von dem die Leute in der Gegend noch Jahrzehnte später erzählten. Eleni erinnerte sich später an diese kleine Rebellion gegen „Sitte und Anstand“ und gegen die Kirchenmoral: „Verlegenheit, weil er nicht will, dass sich irgendein Lappen Stoff zwischen unsere Körper und das Meer legt. Dennoch war er äußerst schamhaft, und ich musste eine ganze Weile neben ihm auf der Insel leben, um die Beweggründe für sein Verhalten in Leda und seine Verehrung für das belebende Element zu begreifen.“
Lentas ist der Beginn der großen Liebe zwischen dem Schriftsteller und der „Genossin“, die er nach der Scheidung von Galathea heiraten und die ihn bis zu seinem Tod begleiten wird. Pathetisch und zugleich romantisch bekennt er in einem Brief an Eleni vom Herbst 1924 aus Heraklion: „Ein Mann und eine Frau abends am Strand – existiert Höheres im All?“ Zur selben Zeit schreibt er in einem anderen Brief an die „liebe, liebe Genossin“: „Doch wäre es, und ich müsste jetzt plötzlich sterben, so würde vor meine Augen das Meer bei Leda treten, unser Fels, der glühend heiße Kiesel, die flammenden Zitronenbäume, Ihr schlanker biegsamer Leib, Ihr schmaler und verschlossener Mund. Ach, voll von Wunderbarem ist diese Erde, und unser Herz ist ein nie befriedigtes, furchtbares Mysterium, das die ganze Höllenqual des Lebens in heilige Trunkenheit umwandelt. Erinnern Sie sich doch – welch ein Ringen, um Leda in ein Paradies zu verwandeln!“
Er wird diese Zeit mit Eleni immer in der Erinnerung bewahren: „Genossin, ich danke Gott dafür, dass es Sie gibt... und für die unvergesslichen Tage und Nächte in Leda... Ich ringe darum, die Sinnlosigkeit allen Strebens und zugleich die Ewigkeit jeden Augenblicks zu erleben. Ach, Genossin, wann werde ich wieder mit Ihnen zusammen leben können?“ (Brief aus Heraklion, Herbst 1924)
Ich denke, dass Kazantzakis nicht nur ein großer Verehrer der Naturschönheiten von Lentas war, sondern dass er sich auch der mythischen Bedeutung des Ortes bewusst war, auch wenn er das explizit nicht geschrieben hat. Denn es besteht kein Zweifel: Weil die Natur hier so grandios ist, hat sich auch die mythische Phantasie dieses Platzes angenommen. Auch das ist eine Auszeichnung und eine Hervorhebung seiner Besonderheit.
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Blick auf das Dorf Lentas am Libyschen Meer, das in der Antike ein berühmter Heilort war. Foto: Arn Strohmeyer

Der Felsenlöwe, der hier im Meer badet und nach Afrika hinüberschaut, soll dem Mythos zufolge einer der Löwen sein, die den Wagen der Göttermutter Rhea zogen. Sie war eine der Titaniden, Tochter des Himmelsgottes Uranos und der Erdgöttin Gaia. Als Gattin des Kronos gebar sie die olympischen Götter. Kronos entmannte seinen Vater und übernahm selbst die Herrschaft über die Welt. Gaia hatte ihm aber prophezeit, er werde von einem seiner Söhne besiegt werden. Um dies zu verhindern, verschlang er alle seine Kinder gleich nach der Geburt: Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon. Nur Zeus wurde gerettet, weil Rhea Kronos statt seiner einen Stein zum Verschlingen gab. Sie gebar Zeus heimlich in Kreta. Er wurde in der Höhle auf der Nidda-Hochebene im Ida-Gebirge heimlich großgezogen. Als er ein kräftiger junger Mann war, stürzte er seinen Vater Kronos von seinem Thron und teilte mit seinen Brüdern die Welt auf: Poseidon erhielt das Meer und Hades die Unterwelt. Er selbst wurde der mächtigste der Götter und beherrschte den Himmel und die Erde.
Es gibt eine Inschrift aus der hellenistischen Epoche („Vios Apollonion“), die besagt, dass die Menschen, die sich hier im 4. Jahrhundert v.u.Z. im Tempel des Heilgottes Asklepios in Lentas versammelten, weil sie dort Heilung von ihren Leiden suchten, lange darüber diskutierten, warum eines der Zugtiere der Göttermutter Rhea zu Stein geworden sei. Der Mythos ist nicht vollständig erhalten, sodass man nicht weiß, wie es zu der Versteinerung kam.
Eine Version behauptet, dass Rhea den Löwen selbst bestraft hat, weil er sich heimlich absetzen wollte, um ihr in der Höhle im Ida-Gebirge verstecktes Geheimnis - den jungen Zeus - zu verraten. Die andere Version besagt, dass Rhea selbst den Löwen erlöste, da er völlig erschöpft oder schwer verwundet war, indem sie ihn in Stein verwandelte. Er sollte sich als Belohnung für treue Dienste für immer mit dem Blick auf die herrliche Küste des Libyschen Meeres ausruhen können. Da liegt er heute noch und schaut immer noch so majestätisch und entspannt auf das weite Wasser in Richtung Afrika. Und auch seine enge Verbindung zur antiken Götterwelt belegt, dass es mit diesem Ort eine besondere Bewandtnis hat.
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Panorama über Lentas, Kreta, Griechenland
Dieses Bild basiert auf dem Bild
Panorama Kreta.jpg aus der freien freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der
GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Merlin Senger.

Der angeschlagene oder verletzte Löwe, der nun in sich ruhend und geheilt auf das Meer blickt - ist er vielleicht ein Symbol für die „ordnende Kraft“, die dieser Ort zweifellos besitzt? Ich frage mich auch: Liegt es an der Einmaligkeit der Natur, dass sich ein heilender Gott hier seine Tempel-Stätte erbauen ließ oder hat der Ort seine heilende Kraft, weil sich ein Gott hier niederließ? Da ich ein Rationalist und nicht wundergläubig bin, entscheide ich mich für die erste Antwort: Die Menschen in der Antike haben dem heilenden Gott Asklepios hier ein Heiligtum errichtet, weil die Natur des Ortes für ein solches Unternehmen besonders geeignet war und eine ganz besondere Atmosphäre bot. Ich will im folgenden versuchen, dem Geheimnis dieses Platzes ein wenig näher zu kommen.
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Schild am Eingang des Asklepios-Heiligtums. Foto: Arn Strohmeyer

Asklepios und sein Heiligtum in Lentas
 
Wenn man heute den Tempelbezirk in Lentas besucht, erscheint er auf den ersten Blick wie eine Steinwüste, denn viel ist nicht geblieben von der einstigen Pracht, als die marmornen Hallen, Säulen und Statuen noch standen. Die in diesem geographischen Gebiet häufigen Erdbeben haben genauso zur Verwüstung beigetragen wie die plündernde und zerstörende Hand des Menschen, die Jahrhunderte lang dieses antike Kleinod als Steinbruch benutzt hat. Die marmornen Kunstwerke wurden von den Kretern auch häufig zu Kalk gebrannt. Die Christen hatten in früheren Zeiten keinerlei Sinn für antike Schönheit und förderten ihren Abriss mit allen Mitteln, weil solche Stätten als „heidnisch“ galten. Zum Beweis ihrer neuen Macht setzten die Kirchenoberen ihre Sakralbauten mit Vorliebe direkt auf solche alten Heiligtümer - auch in Lentas. Direkt neben dem kleinen Kirchlein (aus dem 11. Jahrhundert) kann man noch die Fundamente einer christlichen Basilika sehen, die aus Teilen des antiken Tempels gebaut wurde. Und von den Außenwänden der Kirche schauen den Besucher Bruchstücke von korinthischen Säulen an, die man dort verbaut hat.
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An dieser Stelle stand in Lentas eine aus antiken Bauelementen errichtete christliche Basilika. Foto: Arn Strohmeyer

Ich setze mich oft hier auf eine der aus dem Boden ragenden Stufen, blicke mit nostalgischer Wehmut umher und versuche, die durch Abriss entstandene Leere und die steinernen Reste in meiner Phantasie wieder zu beleben - sozusagen eine rekonstruierte Computer-Simulation herzustellen, wie es damals hier aussah. Ich stelle mir vor, wie hier fremd, vielleicht sogar unheimlich aussehende Priester an diesem Platz ihren Kult vollzogen und Menschen aus allen Himmelsrichtungen hierher kamen, viele über das Meer aus Nordafrika, weil sie sich von dem Gott, der hier residierte, Heilung ihrer körperlichen und seelischen Leiden und Gebrechen versprachen, für viele von ihnen war Lentas sicher die letzte Hoffnung.
Ich sehe vor mir, wie dieser kleine Ort damals (ähnlich wie heute von Touristen) von Menschen wimmelte, die entweder auf dem Landweg über die Berge oder auf dem Schiff unten im Hafen eintrafen - viele auf Krücken sich schleppend oder auf Bahren getragen, viele von ihren Angehörigen oder Dienstpersonal belgeitet, weil sie sonst die Mühe der langen Reise hierher gar nicht hätten auf sich nehmen können.
Wie viel Schmerz, Kummer und menschliches Leid oder auch Glück des Gesundens mag sich in diesem kleinen Tempelbezirk abgespielt haben! Unten im Ort ging es derweilen vermutlich fröhlich zu. Da wurde in den Gassen gehandelt und gefeilscht und in den Tavernen gespeist, getrunken, gelacht und oder um Geld und Sklaven gespielt, wie es in einem Hafen so zugeht. Kurorte und Handelsplätze sind ja immer auch Stätten des Vergnügens. Die Wirte und Besitzer der Gästehäuser und Pensionen verdienten gutes Geld an den Heilsuchenden und den Seeleuten, die die Menschen hierher brachten. Und auch den Priestern ging es gut, denn sie leisteten ihren Dienst nicht umsonst. Asklepios ließ sich seine Hilfe je nach Einkommen des Betreffenden bezahlen. Jahrhunderte lang war das hier so, bis ein anderes Heilsversprechen und andere politische Mächte die Oberhand gewannen. Tempel, Mauern, Säulen und Statuen hier fielen der Zerstörung und Plünderung anheim. Lentas versank im Boden der Geschichtslosigkeit, als hätte es diesen Ort nie gegeben. Da wo einst der heilende Kult des Gottes stattgefunden und das blühende Hafenstädtchen Lentas gelegen hatte, standen nun Olivenbäume und Tamarisken, unter denen Schafe und Ziegen weideten.
Lentas (Lebén, Levin, Levina) war schon seit spätneolithischer bzw. frühminoischer Zeit bewohnt, es wurden Spuren einer Siedlung und Rundgräber aus dieser Zeit gefunden. Die Einwohner von Gortyn gründeten hier im 5. Jahrhundert v.u.Z. das Asklepios-Heiligtum (Lentas war der Hafen von Gortyn), das bald zu großem Ansehen gelangte. Das „Lexikon der Antike“ von Pauly bezeichnet es als „bedeutend“. Vorbild war das Zentrum des Kultes - Epidauros auf der Peleponnes. Das Heiligtum bestand aus einem Tempel, einer Halle (Abaton) für die Behandlung der Heilungssuchenden, einer Quelle mit einem Nymphenhaus und einem unterirdischen Schatzhaus. Es muss auch einen Altar für die Opfer der Klienten gegeben haben.
Der heilige Bezirk wurde bis in die spätrömische Zeit von Kranken besucht. Aus der Geschichte des Ortes ist nur bekannt, dass Lentas 219 v.u.Z. in einer militärischen Aktion von Gortyn endgültig in Besitz genommen wurde. Da diese mächtige Stadt in der Messara-Ebene auch Phaistos und den Hafen von Matala besaß, hatte sie die uneingeschränkte Herrschaft in Zentralkreta inne und schickte sich an, die Hauptstadt der Insel zu werden. Gortyn schloss Bündnisse mit Ägypten und Libyen, die sich sicher günstig auf den Heilort Lentas ausgewirkt haben dürften, weil auch viele Kranke aus Nordafrika hierher kamen. Funde belegen aber, dass auch vorher schon Kontakte zu dieser Region bestanden.
Das Heiligtum wurde nach dem jeweiligen Zeitgeschmack und den jeweils vorherrschenden Bedürfnissen immer wieder umgebaut. Ein katastrophales Erdbeben im Jahr 46 n.u.Z. dürfte es weitgehend zerstört haben. Aber es wurde wieder errichtet und wird erst langsam seine Bedeutung verloren haben, als das Christentum 391 n.u.Z. im Römischen Reich Staatsreligion wurde und alle „heidnischen“ Kulte verbot. Denn die Kraft des Asklepios-Kultes war bis zuletzt - auch nach 900 Jahren noch! - ungebrochen, weshalb der Hass und die Zerstörung, mit der sich die Christen über die Heiligtümer des Gottes hermachten, besonders groß waren. Dazu mag auch die Ähnlichkeit zwischen den Gestalten Asklepios und Christus beigetragen haben. Der Vergleich wurde immer wieder angestellt. Der Kult erlosch endgültig erst im 5. Jahrhundert, so dass er insgesamt über 1000 Jahre bestanden hat. Seine Bedeutung zeigt sich auch in der Zahl seiner Heiligtümer: es gab insgesamt 410, von denen Lentas eines der wichtigsten war. Dort wurde in frühbyzantinischer Zeit mit Bestandteilen des Asklepios-Tempels in seinem heiligen Bezirk fast demonstrativ die schon erwähnte dreischiffige Basilika errichtet. An ihrer Stelle steht heute die kleine Kirche Hagios Joannis.
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Die Kirche Agios Johannis in Lentas - im Hintergrund die Säulen des Asklepios-Tempels. Foto: Arn Strohmeyer

Nach dieser Zeit ist wenig oder nichts von Lentas bekannt. Der Ort fiel, obwohl immer einige Menschen hier lebten, in einen historischen Dornröschenschlaf. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kam der britische Reisende Thomas A.B. Spratt hierher. Er berichtet in seinem zweibändigen Werk „Travels and Researches in Crete“, was er von dem Heiligtum gesehen hatte, ergeht sich aber auch in Spekulationen und Vermutungen, denn noch war der heilige Bezirk nicht ausgegraben. Spratt fand den Ort also in einem ganz anderen Zustand vor als der heutige Besucher. Aber er war sich sicher, das „richtige“ Lentas und sein Heiligtum gefunden zu haben, was - nachträglich festgestellt - ja auch stimmte.
Die Lage des Ortes am Meer und im Schutz des Löwenberges schien Spratt so ideal, dass sich die Gründung eines Heilzentrums hier von selbst ergeben habe: „Denn wenn die kranken Bürger von Gortyn oder die siechen Bewohner benachbarter Regionen in Kreta keine Heilung von der Medizin der damaligen Zeit erhielten, dann war es ganz natürlich, dass diese Menschen versucht waren, die Luft der nahen Seeküste und das Baden im Libyschen Meer zu genießen. So wurde Lentas schon früh für seine Heilkraft gerühmt, genauso wie der Tempel des Asklepios. Viele antike Autoren haben darüber berichtet. Es war ganz selbstverständlich, dass die Bewohner dem Gott der Gesundheit hier einen Tempel errichteten, denn Lentas war das Brighton [Seebad in England], des mittleren Teils von Kreta. Und es wurde schließlich der Handelshafen von Gortyn.“
Überall sah Spratt auf dem Gelände des Heiligtums marmorne Säulen und andere Fragmente des Tempels herumliegen, aber auch unbearbeitete Blöcke parischen Marmors. Er griff selbst zum Spaten und grub einen Sockel mit einer Votivinschrift aus, der sich heute in einem Museum in Cambridge befindet. Am Strand sah er den Fuß einer weißen marmornen Kolossalstatue. Einheimische erzählten ihm, dass Leute aus der Gegend vor einigen Jahren hier gegraben hätten und eine vollständig erhaltene Statue gefunden hätten. Sie hätten sie in Stücke gehauen, um sie besser zum Brennofen transportieren zu können. Dort hätten sie sie zu Kalk verbrannt. Dabei - so vermutet auch Spratt - hat es sich mit Sicherheit um die große Statue des Asklepios gehandelt, die in seinem Tempel im Heiligtum stand.
Vieles war also schon zerstört, als in den Jahren 1900, 1910 und 1912-13 die Archäologen der italienischen Schule, F. H. Halbherr und L. Pernier, Ausgrabungen auf dem Gelände des Heiligtums vornahmen. Deshalb kann man sich heute ein ungefähres Bild vom früheren Aussehen dem Anlage machen.
Lentas schlief aber seinen Dornröschenschlaf noch einige Zeit weiter. 1928 kam die griechische Fotografin Nelly (Elli Souyoultzoglou) nach Lentas. Das Bild, das sie von dem „Ort“ machte (aufgenommen vom Strand am Fuße des Löwenberges aus), zeigt ein vollständig mit Tamarisken bewaldetes Ufer. Nur zwei Häuser sind zu sehen: der kleine weiße Flachbau auf der östlich gelegenen, ins Meer ragenden Felsnase und das Natursteinhaus am Strand unterhalb dieser Anhöhe. Beide Häuser stehen noch. Leben zog in Lentas aber erst wieder ein, als nach dem Zweiten Weltkrieg der Tourismus von der Insel Besitz ergriff und auch die Küste am Libyschen Meer erreichte. Heute kommen die Menschen natürlich nicht mehr wegen Asklepios, aber die einmalige Lage, das milde Klima und der „Flair“ des Ortes ziehen die Menschen immer noch magisch an. Was aber geschah einst im Heiligtum des Asklepios?
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Römisches Mosaik über dem Schatzhaus des Asklepios-Heiligtums. Foto: Arn Strohmeyer

Tempelschlaf und Heilungen im Abaton
 
Um zu verstehen, was sich im Asklepios-Heiligtum in Lentas und in anderen Heiligtümern dieses Gottes abgespielt hat, muss man einen kurzen Blick auf die Religion oder den Mythos, was in diesem Fall so gut wie dasselbe ist, der antiken Griechen werfen, denn ihr Verständnis davon war ein völlig anderes als das unsere heutzutage. Ich halte mich bei der Darstellung der antiken Religion an den Tübinger Altphilologen und Mythenforscher Walter F. Otto (1874 - 1958), der wie kein anderer in den Geist dieses religiösen Weltbildes eingedrungen ist.
Die Götter oder das Göttliche waren für die Griechen nichts Abstraktes und Unfassbares, sondern das ganze Sein der Welt in der ihm eigenen Offenbarung. Otto schreibt: „Das Göttliche ist nicht das ‚ganz Andere‘, zu dem diejenigen Zuflucht nehmen, für die die Weltwirklichkeit entgöttlicht ist. Es ist vielmehr eben das, was uns umgibt, in dem wir leben und atmen, das uns ergreift und in der Helligkeit unserer Sinne und unseres Geistes Gestalt wird. Es ist überall da. Alle Dinge und Erscheinungen reden von ihm in der großen Stunde, wo sie von sich selbst reden.“ Das Göttliche offenbart sich also in den Formen des Natürlichen selbst, als deren Wesen und Sein. Der Mensch kann - so gesehen - die Welt ungehemmt und freudig mit allen Sinnen so erleben, wie sie ist und so dem Göttlichen begegnen.
Die Griechen glaubten also nicht an einen Schöpfer und Herrn, der alles geschaffen hat und lenkt wie die Christen, sondern sie sahen das Göttliche in dem ewigen Sein, das sich ihnen in allem ringsum - im Leben der Natur und der Menschen - gestalthaft offenbarte. Deshalb steht der Mensch dem Göttlichen nicht nur nahe oder ist mit ihm konfrontiert - die Götterfülle wohnt nicht nur in der Welt, sie ist die Welt. Alles in der Welt, was wesenhaft, wahr und schön ist, offenbart das Göttliche. Deshalb bestand Frömmigkeit für die Griechen darin, das Göttliche, wo und wie immer es sich offenbarte, in seiner ganzen Herrlichkeit zu verehren. Deshalb wurden die Götter von ihnen auch nicht erfunden, erdacht oder vorgestellt, sondern sie konnten direkt erfahren werden, weil sie die Offenbarung des Seins selbst sind. Mythos in diesem Sinne war eben nichts Gedachtes, sondern das Erleben des tatsächlich Existierenden.
Noch einmal Otto: „In jedem ursprünglichen Mythos offenbart sich ein Gott mit seinem lebendigen Umkreis. Der Gott, wie er auch benannt oder von seinesgleichen unterschieden werden mag, ist nie eine Einzelpotenz, sondern immer das ganze Sein der Welt in der ihm eigenen Offenbarung.“ Und weil das unmittelbare Erfahren der Gottheit direkte Seinserfahrung ist, gibt es keinen Kultus ohne Mythos und auch umgekehrt keinen Mythos ohne Kultus. Sie sind im Grunde ein und dasselbe.
Die Sicht auf die Götter und das Göttliche unterscheidet sich also sehr von dem heutigen Gottesverständnis, das wesentlich durch den Monotheismus des Christentums bestimmt ist. Wer war Asklepios? Der Mythos lässt ihn nicht sofort als Gott auftreten. Er wurde als Sterblicher geboren. Sein Vater war Apoll, der Gott von Delphi. Seine Mutter Koronis war ursprünglich eine Mondgestalt, später eine thessalische Königstochter. Als sie - mit dem Kind Apolls schwanger gehend - dennoch einen Sterblichen heiraten will, tötet Artemis, die Schwester Apolls, sie. Im letzten Augenblick, bevor die Leiche auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, rettet Apoll das Kind aus dem Mutterleib - mit Kaiserschnitt, wie es heißt. Der kleine Asklepios wird ausgesetzt, eine Ziege stillt ihn, ein Hund übernimmt seinen Schutz. Ein Hirte findet das Kind, das von einem strahlenden Licht umgeben ist, und übergibt es seinem Vater Apoll. Dieser bringt es zur Erziehung zu dem heilkundigen Kentauren (Pferdemenschen) Chiron, der auf dem Gipfel des Pelion eine Höhle bewohnt. Hier lernt der junge Asklepios Alles über Pflanzen und Heilkräuter, aber auch den Umgang mit Schlangen.
Zwei Gestalten prägen also den heranwachsenden Asklepios: Apoll und Chiron. Ersterer, der Lichtgott, war auch der Gott der Reinheit, der Heilung, der Sühne, der Selbsterkenntnis, des Maßes, der sinnvollen Ordnung und der Musik. In keiner Gestalt der olympischen Götter hat sich der griechische Geist so genial manifestiert wie in Apoll. Über seinem Tempel in Delphi stand die Aufforderung: „Erkenne Dich selbst!“ Was bedeutet: Erkenne, was der Mensch ist, bedenke die Grenzen des Menschen und Deine eigenen! Nur in der Selbstbegrenzung der Sterblichkeit und in der Distanz zum Göttlichen kann der Mensch am meisten Mensch sein, sich voll entfalten, sich selbst verwirklichen. Er ist aber auch der Gott der Reinheit und der Heilung. Beides hängt eng zusammen: Der Reinigende ist der Heilende, der Heilende ist der Reinigende. (Walter F. Otto) Zunächst heilt Apoll, später sein Sohn Asklepios. Kein Mensch muss ewig Schuld tragen, Apoll reinigt auch die Schuldigen von der Befleckung, die ihnen anhaftet.
Vor allem aber ist er der Gott der Musik und damit jeder Ordnung. Denn im Grunde aller Dinge sind Rhyhmus und Musik. Aus Apolls Musik klingt deshalb göttliche Erkenntnis. Die Kraft seiner Klänge formt das Chaotische und eint das Widerstrebende in Harmonie. Mit seiner Leier hält er das Weltall in harmonischer Ordnung, und das Plektron mit dem er sie schlägt, ist das Licht der Sonne. Steht dieser Gott für die lichte Welt des Olymp, vereinigt der gütige und weise Kentaur Chiron beide Welten: das Tierische und das Apollonische. Trotz seines Pferdeleibes (das Kennzeichen eines Naturwesens) war er auch ein Lehrer der Heilkunst und Musik. Der Mythenforscher Karl Kerény bezeichnet ihn als die „widerspruchvollste Schöpfung der griechischen Mythologie“. Denn neben seiner engen Verbindung zu Apoll hat er auch nächtliche Seiten. Er ist der Erde und ihren Kräften eng verbunden. Seine Höhle im Pelion war ein unterirdischer, chthonischer (erdhafter) Kultort und galt als Eingang zur Unterwelt. Chiron war einst von Herakles mit einem giftigen Pfeil schwer verwundet worden. Diese Wunde war unheilbar und er litt ewig an ihr.
Kerény bemerkt dazu: „Der halb menschengestaltige, der halb tiergestaltige Gott leidet an seiner Krankheit ewig, er trägt sie nach der Unterwelt, als wäre die Urwissenschaft, die dieser mythologische Ur-Arzt, die Vorstufe und der Vorgänger des hellen göttlichen Arztes [Asklepios], für die Nachzeit verkörpert, nichts anderes als das Wissen um eine Wunde, an der der Heilende ewig mit-leidet.“ Was heißen soll: Der Ur-Arzt darf sich selbst nicht heilen - das ist die tragische Belastung des Heilers, als ob seinem Können von oben eine unüberwindliche Grenze gesetzt sei, so der Psychotherapeut Alphonse Maeder. Es heißt aber auch: Der Heilende muss selbst Leiden erfahren haben, sonst kann er seine Kunst nicht ausüben.
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Chiron unterrichtet einen seiner Schüler. (Altrömisches Fresko aus dem Augusteum in Herculaneum, Archäologisches Nationalmuseum Neapel), Quelle: Wikipedia

Asklepios muss aber selbst erfahren, dass dem Arzt Grenzen gesetzt sind, die er nicht überschreiten darf. Als er den Frevel begeht und Tote auferweckt, tötet Zeus ihn mit einem Blitzschlag, denn eine solche Tat ist eine Störung der Weltordnung und die muss bestraft werden: Asklepios muss sie mit dem Tod büßen, aber er wird im Olymp in den Kreis der Götter aufgenommen. Aus dem großen Arzt wird ein Heilgott.
Alphone Maeder schreibt: „Für uns Ärzte ist es bedeutsam, was Chiron mit der unheilbaren Wunde und Asklepios mit seiner Todesstrafe widerfahren ist. Es ist mehr als nur der Ausdruck der Begrenzung des ärztlichen Wirkens: nämlich eine Mahnung, dass der Arzt ständig von der Hybris bedroht wird, die ihm aus der Selbstliebe, aus dem Erfolg und der Bewunderung der Mitmenschen entgegentritt. Unser bestes Tun bleibt immer Stückwerk, unser Verstehen und Können, unsere Liebe sind mangelhaft. Wir haben es nötig, zeitweise daran erinnert zu werden.“
Um Asklepios - einen Spätankömmling oder Nachzügler unter den Göttern - bildete sich ab dem 5. Jahrhundert v.u.Z. ein mächtiger Kult, dessen Zentrum Epidauros auf der Peleponnes war. Schon bei der Auswahl des Ortes eines Asklepios-Heiligtums wandten die Priester große Sorgfalt an. Was Kerény für das Asklepieion auf der Insel Kos feststellt, gilt auch für Lebena (Lentas): „In Kos steht das Heiligtum auf einer milden und gesunden Anhöhe - landeinwärts, wo die Insel gebirgig zu werden beginnt.“ Dort musste es vor allem Wasser geben, das durch Brunnenanlagen floss. Wasser wurde aus hygienischen Gründen gebraucht, aber auch weil es ein wichtiges Element der Atmosphäre und des Lebens auf dem Heiligtum war. Wasser kam vor allem symbolische Bedeutung zu: Es stellte eine Verbindung mit den Tiefen der Erde dar, hatte also chthonischen Charakter. Die Wirkung des Wassers bleibt aber im Bereich des Wunderbaren. Blinde heilt es durch Benetzen der Augen, die Brust und die Füße werden gleichermaßen durch Trinken geheilt „und für manch einen bedeutet allein das Schöpfen des Wassers schon die Heilung“. (zit.n. Antje Krug) Wenn dem Wasser Heilkraft zugesprochen wurde, dann aus diesem Grunde, weil es zu Asklepios als chthonischem Gott gehörte. Quellen werden einfach durch ihre Beziehung zum Gott zur Heilquelle. Der Gedanke, dass Wasser als Mineral- oder Thermalwasser heilende Wirkung haben könnte, war den Griechen unbekannt. Wichtig für die Auswahl eines Ortes für ein Asklepios-Heiligtum war auch die innere Ruhe der Landschaft auf der Stille eines Hains, denn ein solcher Ort sollte ja vor allem dazu in der Lage sein, die Konzentration des Geistes ganz auf den heilenden Gott zu richten. Die Wahl für einen solchen Ort wurde deshalb als göttliche Fügung hingestellt, es lag ihm also ein religiöser Sinn zugrunde.
Da viele Asklepios-Statuen erhalten sind, kann man sich heute ein gutes Bild davon machen, wie sich die Griechen diesen Gott vorgestellt haben: als einen würdevollen älteren bärtigen Mann, dessen Gesicht nicht nur Milde und Menschenfreundlichkeit ausdrückt, sondern auch ein gewisses Leiden, das er selbst erfahren hat und das bei anderen zu heilen seine Aufgabe ist. Diese menschlichen Züge unterscheiden ihn stark von den Gesichtern der anderen Götter, die kaum Gefühle erkennen lassen, sondern in ihrer olympischen Ruhe eher etwas Typisches und Unpersönliches haben. Immer verkörpert Asklepios - auch in seiner etwas vorgebeugten Haltung - die Nähe und Hinwendung zu seinen Kranken, immer steht er da, als hätte er viel Zeit für seine Patienten und wollte bei ihnen verweilen.
Stets stützt er sich auf einen Stab, an dem sich eine Schlange emporwindet. Der Psychotherapeut C. A. Meier hält diesen Stab für einen Baumstamm, die Schlange würde dann den Bewusstwerdungsprozess darstellen, die der Patient in der Begegnung mit dem Gott erlebt. Natürlich ist der Stab wie später das Zepter der Könige ein Attribut der Autorität des Gottes.
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Asklepios (Römische Marmorstatue kopiert von einem griechischen Original aus dem 5. Jahrhundert), Quelle: Wikipedia

Das Symbol der Schlange ist uralt. Sie ist die Inkarnation erdgebundener Gottheiten, bisweilen verwandelt sich der Gott selbst in dieses Tier, dem heilende Kräfte zugeschrieben werden. Ihre Fähigkeit zur Verjüngung (Häutung) symbolisiert die Loslösung von der Krankheit, also Lebenserneuerung und Wiedergeburt. Nicht zuletzt ist die Schlange auch ein Phallussymbol, das Asklepios bei unfruchtbaren Frauen einsetzt. Immer gehört auch ein Hund zu seiner Begleitung. Auch diesem Tier werden enge Verbindungen zu den Erdgöttern nachgesagt, es übt Wächterfunktionen aus, kann aber ebenso heilen wie die Schlange, zumeist indem es mit seiner Zunge die kranken Körperteile beleckt. Asklepios‘ Schlange ist ein gutartiges Tier, eine ungiftige Baumschlange.
Neben seiner Tochter Hygieia, dem Wunschbild der vollkommenen Gesundheit, die aber nie in den Heilungsprozess aktiv eingreift, sondern ihm nur voller Teilnahme beisteht, hat Asklepios noch einen weiteren Begleiter: Telesphoros - ein zwergen- oder kindhaftes Wesen, das dicht in einen Kapuzenmantel gehüllt ist. Seine Aufgabe ist es, wie sein Name sagt, die Heilung zum guten Ende zu bringen. Auch er ist eine Verkörperung der Erde verbundener Kräfte, denn „vollbringen“ kann auch den Tod bedeuten. Telesphoros hatte unter seinem Mantel - als Symbol der Fruchtbarkeit und des Lebens - riesige Genitalien, bisweilen wurde er in Statuen auch als aufrechter Phallus dargestellt. Noch ein anders Symbol hat Asklepios stets um sich: einen Omphalos, einen Nabel - das Symbol Delphis. Es drückt das enge Verhältnis zu seinem dort residierenden Vater Apoll aus.
Wenn die Priester von Epidauros irgendwo ein neues Heiligtum gründeten, mussten strenge Regeln eingehalten werden. Denn ohne die Zustimmung der Verwaltung im Zentralheiligtum lief gar nichts. War diese erfolgt, wurde eine Schlange ausgewählt, in der man eine Verkörperung des Gottes sah. Sie wurde dann in einer feierlichen Prozession unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu dem neuen Heilort gebracht. Hatte die Schlange ihr Ziel erreicht, war der Gott in seine neue Stätte eingezogen. Auch in Lebena (Lentas) wird es eine solche Festprozession gegeben haben: Im Hafen wird das Schiff aus Epidauros mit der Schlange an Bord - bewacht von Priestern - angelegt haben und unter dem Jubel der Menschen wurde der Festzug zum heiligen Hain hinaufgezogen sein, um dem Gott einen prächtigen Empfang zu bieten.
 
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Was hatte ein Kranker nun zu tun, wenn er sich in die Obhut des Gottes in Lebena begeben wollte? Zunächst: Die Leidenden kamen mit großen Erwartungen zu den Stätten dieses Gottes. Die lange beschwerliche Reise und die Loslösung vom gewohnten Alltag hatten ihr Verlangen nach Heilung schon angefacht, ihr Glaube und ihr Gesundungswillen sowie die Stille des Heiligtums und die anmutige Natur ringsum taten ein Übriges, die Hilfe suchenden Menschen auf das Kommende einzustimmen. Nach bestimmten, genau festgelegten Regeln mussten sie ihre Gewänder und sich selbst reinigen und am Altar Opfer bringen. Die Reinigungen werden auch als Bäder stattgefunden haben. Nach antiker Vorstellung hatte ein solches Bad insofern reinigende Wirkung auf Körper und Seele, weil es die Kontamination (Verschmelzung, aber auch Verunreinigung) der Seele mit dem Körper auflöst und so erstere zu dem Kontakt mit dem Gott freimacht, d.h. unbeschränkte Traumerlebnisse ermöglicht.
Man musste zum Gang in das Abaton oder Adyton des Tempels (ein Raum, der von Unbefugten nicht betreten werden durfte) „berufen“ sein, was auf den Mysteriencharakter des Kultes hinweist. Wer sich nicht an die Regeln hielt oder nicht an Asklepios und seine Fähigkeit zu helfen glaubte, dem verweigerte der Gott die Behandlung.
Am Abend wurde der Kranke in das Abaton geführt, wo er den Tempelschlaf (Inkubation) erlebte. Man lag auf einer klíne, einer Liege oder einem Lager. Der Kranke war im Abaton völlig isoliert und sich selbst überlassen. Die äußere Stille sollte die innere Sammlung begünstigen. Die Priester, die keine Ärzte waren, hielten sich bei der ganzen Prozedur zurück, schalteten sich nicht in den Heilvorgang ein. Ihre Aufgabe bestand darin, günstige Bedingungen für die Arbeit des Gottes zu schaffen.
Nun kam es darauf an, den richtigen Traum zu haben. Ob dies eintrat, entschied sich von selbst, indem der Patient geheilt erwachte. Geheilt wurde der Inkubant immer dann, wenn er im Traum eine Epiphanie (Erscheinung) des Gottes erlebt hatte. Der Gott erschien dann, so wie ihn seine Kultbilder darstellten, als bärtiger Mann, oft aber auch als Schlange und Hund. In seiner Begleitung befanden sich zumeist seine Tochter Hygieia, Telesphoros, seine Schlange und sein Hund.
Wie der Gott bei der Behandlung vorging, beschreibt die Altertumswissenschaftlerin Antje Krug so: „Die leichte Berührung der ‚Handanlegung‘ ist schon das Äußerste an Wunderbarem, was im Abaton geschah. Der Gott hilft allein durch die Macht seiner Gegenwart, was ihm kein Sterblicher nachvollziehen kann. In den meisten Fällen aber verfährt der Gott so, wie es die Kranken von den Ärzten gewohnt waren: Asklepios fragt seinen Patienten nach seinem Leiden, untersucht ihn, operiert oder behandelt ihn auf andere Weise, gibt ihm Medikamente und Anweisungen, wie er sich später verhalten soll.“ Oft kommt die Heilung auch zustande, indem seine Schlange oder sein Hund den kranken Körperteil berühren.
Aus Lebena (Lentas) ist Folgendes überliefert: „Entweder operierte Asklepios den Kranken, wie den Demandros aus Gortyn, der an Ischias litt, oder er behandelte auf seine eigentümliche Art. So setzte er der Frau des Phalaris aus Lebena einen Schröpfkopf auf den Leib, um der Kinderlosigkeit des Paares abzuhelfen. Poplios Granios Rouphos war ein langwieriger Patient, der an Bluthusten und Schulterschmerzen litt. Ihm verordnete der Gott vielfältige Heiltränke - Wein, Honig, Harz, Quitten und Feigen und nicht zuletzt Asche vom Altar des Gottes“. (zit. nach Antje Krug) In der Frühzeit des Kultes galt man schon als unheilbar, wenn sich die Epiphanie des Gottes nicht schon in der ersten Nacht einstellte. Später konnten die Patienten auch länger im Abaton bleiben, bis sie den „richtigen“ Traum hatten.
Entscheidend für die Heilung war die Epiphanie des Gottes: Das Ereignis der „Heilwendung“ (Kerény) lag im Traum selbst, der als Eingebung des Asklepios, als Orakel oder Botschaft aufgefasst wurde. Der Besuch eines Asklepios-Heiligtums war so gesehen kein „Arzt-Besuch“, wie er heute noch üblich ist, sondern ein Gang „zur Heilung selbst in ihrer unvermittelten nackten Ereignishaftigkeit, wie sie schon bald in erhabenen, bald auch in drastischen Traumgesichtern erlebt wurde“. (Alphonse Maeder) Dem lag natürlich eine völlig andere Auffassung des Traumes zu Grunde, als sie heute unter Therapeuten Konsens ist: Der Traum war für die Griechen eine bedeutungsvolle und unmittelbare Quelle des Wissens. Sie suchten im Traum die Antwort auf brennende und schwierige Fragen. Die Griechen erkannten in ihm die eigentliche Stimme des Heilgottes Asklepios, eine Äußerung des göttlichen Ratgebers. (Maeder)
Der reiche Grieche Aristidis, der um die Mitte des 2. Jahrhunderts n.u.Z. lebte und insgesamt zehn Jahre im Aklepieion von Pergamon zubrachte, weil er dort auf die Heilung durch den Gott wartete, hat sehr genau aufgeschrieben, was er erlebt hat. Er schildert sein Epiphanie-Erlebnis so: „Es war so, als ob man ihn [den Gott] berührte, eine Art Bewusstsein davon, dass er in Person anwesend war; man schwebte zwischen Schlaf und Wachsein, man wünschte, die Augen zu öffnen, und hatte doch Angst, er könne sich bald zurückziehen; man lauschte und hörte Dinge, manchmal wie im Traum, manchmal wie im wachen Zustand; die Haare standen zu Berge; man schrie und fühlte sich glücklich; das Herz schlug höher, aber nicht aus Überheblichkeit. Welcher Mensch könnte solches Erlebnis in Worte kleiden? Aber jeder, der es mitgemacht hat, wird meine Erfahrung teilen und diesen Seelenzustand kennen.“ (zit. nach Dodds)
Eine große Rolle scheint in den Asklepios-Heiligtümern bei der Behandlung auch die Musik gespielt zu haben. Die Griechen wussten seit Pythagoras (um 570 - 510 v.u.Z.) sehr genau über die heilenden Kräfte der Klänge Bescheid. „Melodien und Rhythmen gelangen möglichst nahe zur Wahrheit des Göttlichen“, war griechische Überzeugung. Musik war zudem das ureigene Gebiet Apolls, des Vaters des Asklepios. Ihn hatte der Kentaur Chiron auch in der Kunst der Töne unterwiesen. „Dass in den Asklepieien Musik gemacht wurde, ist übrigens eine der wenigen überlieferten Angaben über den Kult. Insbesondere werden Chöre erwähnt.“ (C.A. Meier) Diese sangen - vornehmlich begleitet von Instrumenten wie Kithara und Flöte - Paiane, Hymnen an Apoll. Auch Dramen werden in den Heilzentren aufgeführt worden sein, alle größeren Asklepieien besaßen Theater - wie etwa das berühmte von Epidauros. Die Erschütterungen, die Tragödien auf die Gemüter hatten, waren so mächtig, dass sie seelische Sperren lösen und so zur Katharsis, zur Heilung und zur Neugeburt beitragen konnten. Theater war im antiken Griechenland nicht Unterhaltung, sondern Teil des religiösen Kults.
Immer wieder wird auf den in den Asklepieien gefundenen Inschriften berichtet, der Gott habe auch operiert. Das hat zu vielerlei Spekulationen darüber Anlass gegeben, welchen Stand die Medizin in diesen Zentren erreicht hatte. Es sind Spekulationen, mehr nicht. Ein Beispiel aus Epidauros. In einem Bericht heißt es: „Arata von Lakonien, Wassersucht. Für sie schlief ihre Mutter [man konnte in schwierigen Fällen, bei denen ein eigenes Kommen unmöglich war, Ersatzpersonen ins Abaton schicken], während sie selbst in Lakedämon [Sparta] war, und sieht einen Traum: Sie träumte, der Gott schneidet ihrer Tochter den Kopf ab und hänge den Körper auf mit dem Hals nach unten; als viel Flüssigkeit ausgeflossen war, habe er den Körper abgehängt und den Kopf wieder auf den Hals aufgesetzt. Nachdem sie diesen Traum gesehen hatte, kehrte sie nach Lakedämon zurück und traf ihre Tochter gesund an. Diese hatte denselben Traum gesehen.“ (zit.n. Antje Krug)
In einem Gedicht des Dichters Pindar (um 520 - 445 v.u.Z.) heißt es: „Wie viel nun auch kamen, am Leib ein Geschwür,/ das von selbst wuchs, oder die Glieder verletzt durch/ graues Eisen oder durch/ den weithin geschleuderten Stein,/ oder durch Sommersglut oder den Winter versehrt/ am Körper: die macht‘ er von der, andere von/ jener Qual frei, manche behandelnd durch sanften Zauberspruch,/ andere mit heilendem Trank oder Salbverbänden um die Glieder rings,/ andere bracht‘ er durch Schneiden auf die Beine.“ (Pindar. Pyth. III 3, 47-53, Übersetzung O. Werner, zit.n. Schnalke)
Dennoch wäre es eine völlige Verkennung des Aklepios-Kultes, zu unterstellen, der Gott habe richtige Operationen durchgeführt. Sie gehören - ganz wörtlich verstanden - in das Reich der Träume - wie alles in seinem göttlichen Heilhandeln. C.A. Meier schreibt denn auch mit Hinweis darauf, dass die Priester durch das Los bestimmt wurden und keinerlei ärztliche Qualifikation besaßen: „Außerdem wären wohl alle Patienten umgekommen, wenn die chirurgische Tätigkeit, welche in den Träumen der Inkubanten blühte, konkretistisch missverstanden worden wäre.“ So gesehen besteht auch keinerlei Anlass zu der Vermutung, die Priester hätten im Schutze der Nacht im Abataon, vielleicht unter Einsatz von Hypnose oder betäubenden Drogen Operationen an den Patienten ausgeführt, sodass man also auf diese Weise Heilerfolgen oder „Wundern“ nachgeholfen hätte. Außerdem sind in keinem der Asklepios-Heiligtümer Instrumente oder Geräte gefunden worden, die auf Operationen hinwiesen.
Dennoch gibt es eine Fülle von Berichten über Heilerfolge, die auf Votivtafeln aufgezeichnet worden sind, wobei die Priester sie offenbar in geschickter Weise nach einem bestimmten Schema redigiert haben, sodass sie auch eine Werbung für das jeweilige Heilzentrum darstellten und zugleich auch die Bereitschaft der Kranken, sich heilen zu lassen, erhöhten. So lautet z.B. ein Bericht aus Epidauros: „Nikisibule von Messene schlief, um Kindersegen zu erhalten, im Heiligtum und sah einen Traum. Es träumte ihr, der Gott sei mit einer Schlange, die ihm folgte, zu ihr gekommen, mit dieser habe sie verkehrt. Und daraufhin empfing sie übers Jahr zwei Knaben.“ (zit.n. Maeder)
Ein anderer Bericht: „Ein Mann war von einem bösartigen Geschwür am Fußzehen in schlimmer Verfassung. Er wurde am Tag von den Dienern herausgebracht und saß auf einem Sessel. Als ihn der Schlaf ergriff, kam eine Schlange aus dem innersten Gemach des Heiligtums, heilte seine Zehe mit der Zunge und zog sich eben dahin zurück. Als er aufwachte und gesund war, sagte er, er habe ein Gesicht gesehen, es habe ihm geträumt, dass ein Jüngling von schöner Erscheinung eine Arznei auf die Zehen aufgestrichen habe.“ (zit.n. Maeder)
Ein dritter Bericht: „Pamphas von Epidauros [hatte] ein fressendes Geschwür innerhalb des Mundes. Dieser sah, als er im innersten Gemach des Heiligtums schlief, ein Gesicht: Er träumte, der Gott öffne ihm den Mund, halte die Kiefer mit einem Keil auseinander und räume den Mund aus, und daraufhin wurde er gesund.“ (zit.n. Maeder) Auch dies ist ein Beispiel für eine Operation, die aber sicher nicht real und konkret stattgefunden hat. Der schon erwähnte Grieche Aristidis, der so lange Zeit im Heiligtum von Pergamon zugebracht und seine Erlebnisse dort akribisch notiert hat, berichtet nichts von Operationen.
Wirklich operiert wurde aber im Heilzentrum des Hippokrates (460 - 377 v.u.Z.) in Kos. Diese medizinische Richtung leitete sich auch von Asklepios her. Der Gott wurde hier zum Stammvater der Asklepiaden, einem Familienorden von Ärzten, der über viele Generationen hier herrschte. Auch für Hippokrates stammten die Krankheiten noch alle von den Göttern, aber er säkularisierte die Medizin und stellte sie auf den Boden empirischer Ursachen. Die hippokratische Schule studierte die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten, der Arzt spielte nun eine führende Rolle, er ging aktiv-denkerisch und praktisch- wissenschaftlich vor, indem er über die Stufen Diagnose, Prognose und Therapie ein medizinisches System entwickelte. Behandelte Asklepios Kranke, behandelte die hippokratische Medizin Krankheiten. Der Arzt beobachtete, erklärte und versuchte heilend Einfluss zu nehmen. Diese Methode war der Anfang der wissenschaftlich betriebenen Medizin.
Beide Richtungen der Medizin - der Kult des Asklepios und die wissenschaftliche Medizin des Hippokrates, die aus der griechischen Naturphilosophie hervorging - entstanden zur selben Zeit etwa am Ende des 5. Jahrhunderts v.u.Z. Neue Kulte treten immer dann auf, schreibt Antje Krug, wenn der herkömmliche Glauben, seelische Bedürfnisse der Menschen nicht mehr zu befriedigen vermag. Krankheit, Verletzung und Tod seien in den größer werdenden städtischen Gesellschaften des antiken Griechenland dieser Zeit nicht mehr als persönliches Einzelschicksal erfahren worden, sondern das Problem habe sich durch die Leiden vieler Menschen multipliziert und sei ein allgemein politisches geworden. Die wissenschaftlich orientierte Medizin habe es aber allein nicht lösen können. So fehle im hippokratische Eid z.B. der Satz, dass der Arzt jedem, der Hilfe benötige, auch wirklich helfen müsse. Diese Lücke habe der Asklepios-Kult gefüllt.
Antje Krug schreibt: „Eine solche Haltung [wie die der hippokratischen Medizin] erforderte als Gegenpol eine Instanz, an die sich die Abgewiesenen und Ungeheilten wenden konnten, und diese stellte Asklepios dar. Der Gott nahm jeden Heilungssuchenden an und war damit die notwendige Ergänzung zum Wirken der Ärzte. Ein Kult wie der seine konnte in dem Maße als ‚das Prinzip Hoffnung‘ entstehen, wie sich die ärztliche Kunst mit der Ausweitung ihres Wissens auch ihre Grenzen eingestehen musste. Asklepios aber konnte helfen, auch gegen alle Vernunft. Diese wechselseitige Bedingtheit von Heilkunst und Heilkult, die gemeinsam aber Scharlatanerie und Magie verurteilten, führte zu einer respektvollen Duldung, ja sogar zur gegenseitigen Förderung. Die Blütezeiten des Asklepioskultes entsprachen zugleich den Höhepunkten in der Medizin und nicht etwa deren Tiefpunkten. Je differenzierter ihr Wissen und ihre Technik wurden, umso mehr waren die Ärzte auf die Mithilfe des Gottes angewiesen, denn auch die irrationale Seite des Leidens verlangte nach Hilfe.“
BergamaMuseumGoldenesOhr

Votivtafel im Bergama Museum. Es wurden oft zum Dank für die Heilung die geheilten Körperteile auf Votivtafeln dargestellt.

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