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Virtuelles Magazin 2000


Alexander Gierlings

 

 

Was gewürdigt werden muss


 

Über Siebzig Jahre ist es zwar schon her,

da waren die Juden des späteren Israels die Unterdrückten.

Doch als sie sich wieder berappelten, waren sie wieder wer,

pflegten strategisch Freund- und Feindschaften und rückten

gegen die derweil ohnehin schon Unterdrückten vor.

Kaum ein Siedler der nicht zwanggeräumt sein zuhause verlor.


 

Fünfundvierzig Jahre ist es zwar schon her,

da aggressierten die Israelis in nur sechs Tagen.

Jahrzehnte im Höhenflug geduldet, rüsteten sie sich atomschwer.

Doch der feindliche Nachbar wollte und will nicht verzagen,

und rüstet ungeduldet atomar bis zu diesen Tagen weiter auf.

Die Weltgemeinschaft resolutiert und sanktioniert als Reaktion darauf.


 

Nicht einmal ein ganzes Jahr ist es jetzt her,

da begann das Säbelrasseln auf beiden Seiten.

Der Eine erhält Sanktionen, der andere Kanonen für sein Meer.

Es brodelt, doch die Weltgemeinschaft verliert sich in Uneinigkeiten,

weil kein Mensch aus der Geschichte sieht, wie man sich verreiten kann.

Ein Atomerstschlag des Waffenkäufers kommt bestimmt, fragt sich nur: wann?


 

Einige Tage ist es erst her,

ein vergangenheitsbelastet, preisgekrönter Literat sendet ein Gedicht

und fordert darin die Atomkontrolle für beide Kontrahenten.

Doch von den meisten Seiten wird er angefeindet, als hielte er Gericht,

Polemiker, die geistlos das Wort Antisemit verwenden, wollen sich profilieren,

Medien, die gleichgeschaltet des Volkes Zeit verschwenden, wollen profitieren.


 

Wenige Stunden ist es her,

da verschwinden sang- und klanglos der Autor und sein Axiom

von der profitablen großformatigen Medien-Propagandafläche.

Denn der Autor wehrt sich gediegen kritisch gegen mediales Pogrom.

Die sonst die Wahrheit an den Tag bringen, verdrängen ihre Schwäche.

Aber wen interessiert das schon?


 

Einige Minuten sind vergangen,

da beendete ich diese Würdigung einer umstrittenen Stimme dieser Zeit.

Vier Jahrzehnte ist es her, wo Ideale, Vernunft und Kritik in jungen Jahren aufbegehren

Kultur sollte Einfluss auf politische Vernunft ausüben. Und heut´?

Das junge Volk inszeniert sich lieber unterhaltsam selbst als sich zu beschweren.

Da muss erst ein Vierundachtzigjähriger kommen und kritischen Geist neu nähren.


 

07.04.2012


 

Alexander Gierlings

Mittelstraße 57

32694 Dörentrup

www.g-stalt.de

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Günter Grass 1966, gezeichnet von Reginald Gray, Quelle: Wikipedia

Günter Grass: Was gesagt werden muss
Originaltext der Erstveröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung vom 4. April 2012