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Virtuelles Magazin 2000

 


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Wahrscheinlich ernährte sich auch der Flugsaurier Pterodactylus hauptsächlich von Fischen. Er wurde außer in Solnhofen auch an der südenglischen Kalksteinküste und in der Tendaguru Formation in Tansania gefunden, wo schon seit 1909 vom Berliner Museum für Naturkunde Fossiliensammlungen durchgeführt wurden. Einige Pterodactylus-Arten sind mit 50 bis 75 cm Flügelspannweite deutlich kleiner als Rhamphorhynchus, allerdings erreichte Pterodactylus longicollum immerhin eine Flügelspannweite von bis zu 1,5 Metern. Die kleinste Art der Gattung ist Pterodactylus elegans mit nur 25 cm Flügelspannweite. Pterodactylus hatte ebenfalls einen langgestreckten, schnabelartigen Kiefer, der teilweise bezahnt war. Sein Gattungsname bedeutet übersetzt Flugfinger.
Pterodactylus
Den Flügel bildete der Arm zusammen mit dem stark verlängerten 4. Finger, die anderen 3 vorhandenen Finger saßen als Krallen außerhalb der Flughaut. Mit den Krallen konnten sich die Flugsaurier z.B. an Ästen festhalten.
Bei heutigen Vögeln wird der Flügel hauptsächlich vom Arm mit der verlängerten Mittelhand und dem verlängerten 2. Finger gebildet. Fledermäuse fliegen mit dem 2. bis 5. Finder, also fast der ganzen Hand, während nur der verkürzte Daumen mit der Daumenkralle zum Klettern benutzt wird.
 
Homology

Flügel von Flugsauriern, Fledertieren und Vögeln
Quelle: Wikimedia Commons, Autor: John Romanes (1892): Darwin and after Darwin

Die damalige Landschaft bestand teilweise aus tropischen Lagunen, die Kalkablagerungen entstanden zwischen Schwamm- und Korallenriffen.
 
Auch bei den Vorläufern der heutigen Vögel, die noch nicht flogen, gab es schon Federn, die wahrscheinlich zunächst der Thermoregulation dienten. Die Theropoda, auf zwei Beinen laufende Saurier, sind nicht nur die Vorfahren der heutigen Vögel, sondern nach der derzeitigen Systematik werden auch die heutigen Vögel zu ihnen gezählt, so dass die Theropoda bis in die heutige Zeit weiterexistieren.
Im Jahr 1996 wurden in China bei einem Fossil eines Theropoden, der Sinosauropteryx genannt wurde, Federn entdeckt, und seitdem auch bei einigen anderen Coelurosauria. In derselben Region wurden auch bei Caudipteryx, Sinornithosaurus und Beipiaosaurus körperumhüllende Protofedern, eine Vorstufe der heutigen Federn, gefunden. Caudipteryx gehört zu den Oviraptorosauria, die diesen Namen, Eierräuber, irrtümlich erhalten haben. Man fand ein Fossil bei einem Nest von Eiern und vermutete einen Eierraub, stellte aber später fest dass das Nest dem "Oviraptor" gehörte, der es möglicherweise bewachte.
Sinornithosaurus gehörte zu den Dromaeosauridae, hatte lange Arme und einen Schultergürtel, der Ähnlichkeit mit dem früher Vögel hatte. Beipiaosaurus hatte einen zahnlosen Schnabel und war mit einem Gewicht von ca. 80 kg der grösste der bisher bekannten gefiederten Saurier.
Microraptor gui, ein Dromaeosauride der Unterkreide, hatte vermutliche lange Federn sowohl an der Vorder- als auch an den Hinterbeinen. Daher wird vermutet, dass er zu einem Gleitflug nach dem Prinzip eines Doppeldeckers befähigt war.
Der bereits früher im Text erwähnte Compsognathus war ein relativ kleiner Saurier, der zu den Coelurosauria gehörte und auf zwei Beinen lief. Trotz seiner kurzen Arme kam es mehrmals zu Verwechslungen mit dem Archaeopteryx. Es wird vermutet, dass er ebenfalls befiedert war. Die Coelurosaurier, deren Name sich vom griechischen koilos für hohl, ausgehöhlt ableitet, hatten bereits Hohlräume in den Knochen zur Gewichtsersparnis, ähnlich den heutigen Vögeln.
 
CompsognathusBW

Compsognathus longipes, ein Coelurosaurier aus dem späten Jurazeitalter
Dieses Bild basiert auf dem Bild Compsognathus BW.jpg aus der freien Mediendatenbank Wikimedia Commons und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Nobu Tamura.

Sonderausstellung Federflug
verlängert bis 29. Februar 2012
www.naturkundemuseum-berlin.de
Auch vor den Urvögeln gab es schon Wirbeltiere im Luftraum, z.B. die Flugsaurier Rhamphorhynchus und Pterodactylus, die ebenfalls im Solnhofener Plattenkalk gefunden wurden. Rhamphorhynchus muensteri ernährte sich wahrscheinlich von Fisch, konnte ein Spannweite von bis zu 1,8 Metern und ein Gewicht bis zu 2kg erreichen, also eine Spannweite vergleichbar den grössten Arten der heutigen Megachiroptera, dabei aber ein höheres Gewicht. Die Luft war vermutlich dichter im Jurazeitalter, und konnte daher bei gleicher Spannweite ein höheres Gewicht tragen. Auch der Sauerstoffgehalt der Luft war während der Erdzeitalter Veränderungen unterworfen, und für die Mitte des Jura wurden Werte um 26% errechnet. Das erste Rhamphrhynchos-Fossil wurde zuerst für einen Vogel gehalten, wegen seines Schnabels, in dem dann aber Zähne entdeckt wurden. Der Gattungsname bedeutet übersetzt Schnabel-Schnauze. Den Namen der Art, muensteri, bekam das Fossil von dem Saurierforscher Georg zu Münster.

Knochen eines Vogels mit luftgefüllten Hohlräumen, zu sehen in der Ausstellung "Federflug"

Im Jahr 1859 hatte Charles Darwin sein Hauptwerk "The Origin of Species" veröffentlicht, in dem die Evolutionstheorie ausführlich erklärt wird. Der vollständige Titel ist "On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life". Darwin hatte auf den Galapagos-Inseln Beobachtungen gemacht, die ihn zu dieser Theorie führten. Er hatte festgestellt, dass sich z.B. Finken und Schildkrötenarten von Insel zu Insel unterscheiden, in der Form ihrer Schnäbel bzw. Panzer, wobei man jede Insel als eigene ökologische Nische betrachten könnte. Innerhalb einer ökologischen Nische können sich Merkmale durchsetzen, die dann eine neue Art begründen.
Natürliche Selektion bedeutet, dass durch Mutation ein Merkmal entstanden ist, das in der jeweiligen ökologischen Nische einen Vorteil bedeutet. Das führt dazu, dass die besser an den jeweiligen Lebensraum angepassten Individuen den größten Fortpflanzungserfolg haben. Dadurch werden die Chromosomen mit dem umweltangepassten Merkmal verstärkt weitergegeben, solange bis es in der ganzen Population vorhanden ist. Manche Merkmale werden allerdings auch durch sexuelle Selektion weitergegeben, ohne dass ein Überlebensvorteil erkennbar ist. Sie werden dadurch weitergegeben, dass Partner des anderen Geschlechts sie bei der Paarung bevorzugen. Durch sexuelle Selektion entstand vermutlich das Balzgefieder der männlichen Pfauen. Eine Anpassung an die Lebensweise sind die leichten Knochen der Vögel, die luftgefüllte Hohlräume enthalten.

Thermopolis Exemplar, Abguss in der Ausstellung "Federflug"

2005 wurde ein weiterer Urvogel-Fund bekannt, das Exemplar ist seit 2007 in einem Museum in Thermopolis in den USA zu sehen, und wird deshalb als "Thermopolis Exemplar" bezeichnet. Wann und wo genau es in der Umgebung von Solnhofen gefunden worden war, ist bisher ungeklärt. Es ist sehr gut erhalten, mit gut sichtbaren Federn.

Chicken Wing, Abguss in der Ausstellung "Federflug"

Das Phantom, Abguss in der Ausstellung "Federflug"

Das 1990 in Daiting nahe Solnhofen gefundene Exemplar wird auch als das "Phantom" bezeichnet, da es lange Zeit der Wissenschaft und der Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Es gab nur einen Abguss aus dem Jahr 1997, bis das Exemplar 2009 verkauft und seitdem der Paläontologischen Staatssammlung in München als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde.
Münchner Exemplar des Urvogels, Archaeopteryx bavarica, Abguss in der Ausstellung "Federflug"
Das "Münchner Exemplar" wurde 1992 in den Steinbrüchen des Solnhofener Aktien-Vereins gefunden, und konnte von der Bayerischen Staatssammlung aufgekauft werden. Die Originalplatte befindet sich heute im Paläontologischen Museum in München. Es ist das bisher geologisch jüngste Urvogel-Fossil, dieser Urvogel lebte ca. 75.000 Jahre später als das "Londoner Exemplar", und wurde als eigene Art, Archaeopteryx bavarica, beschrieben.

Solnhofener Exemplar des Urvogels, Abguss in der Ausstellung "Federflug"

1987 wurde wieder ein zuerst als Compsognathus longipes eingeordnetes Exemplar als Archaeopteryx identifiziert, das vom Solnhofener Bürgermeister Friedrich Müller dem Bürgermeister Müller-Museum in Solnhofen übergeben wurde, es wird als "Solnhofener Exemplar" bezeichnet. Bei der Präparation dieses Exemplars wurde eine kleine Schönheitskorrektur vorgenommen, die etwas zu ambitioniert war. Da man es zuerst für einen Compsognathus hielt, wurde die Schwanzwirbelsäule um 14 cm ergänzt, ein bisschen zuviel für einen Archaeopteryx, dessen Schwanz um einige Zentimeter kürzer ist.

Eichstätter Exemplar des Urvogels, Abguss in der Ausstellung "Federflug"

Das "Eichstätter Exemplar" war zwar bereits 1951 gefunden worden, aber zuerst als Compsognathus longipes eingeordnet worden, also als ein zu den Theropoda gehörender, auf zwei Beinen laufender kleiner Saurier, es hat nur schwach erkennbare Federabrücke, und wurde erst 1973 als Archaeopteryx erkannt. Er ist das bisher kleinste Urvogel-Fossil, und ist wahrscheinlich ein Jungtier der Gattung Archaeopteryx. Es befindet sich im Jura-Museum in Eichstätt im Naturpark Altmühltal.
Die späte Identifizierung mancher Exemplare förderte eine gewisse Verwirrung um die Namensgebung, so auch 1970 die Identifizierung des "Haarlemer Exemplars" als Urvogel. Normalerweise wird der Name des Erstbeschreibers einer Gattung und Art verwendet, dem die Ehre zukommt, der neuen Tierart einen Namen zu verleihen. Das Haarlemer Exemplar, als Pterodactylus crassipes klassifiziert, hätte der Art den Namen crassipes einbringen müssen. Pterodactylus als Gattungsname wäre unpassend, da es sich nicht um einen Flugsaurier handelt, sondern eine neue Gattung, Archaeopteryx nach dem Erstbeschreiber der zuerst gefundenen Feder, oder Archaeornis nach dem zuerst gefundenen vollständigen Exemplar. Damit hätte die Tierart den Namen Archaeopteryx crassipes oder Archaeornis crassipes bekommen müssen, aber die Internationale Kommission für Zoologische Nomenklatur entschied sich für den Namen Archaeopteryx lithographica, um die Verwirrung beizulegen.

Maxberger Exemplar des Urvogels, Abguss in der Ausstellung "Federflug"

Das nächste Exemplar wurde erst im Jahr 1956 gefunden, der Steinbruchbesitzer Eduard Opitsch liess es 1958 von dem Geologen Klaus Fesefeldt von der Uni Erlangen begutachten, der es als Urvogel erkannte. Es wurde 1959 von dem Paläontologen Florian Heller beschrieben und wissenschaftlich untersucht, und anschließend dem Museum auf dem Maxberg bei Solnhofen zur Verfügung gestellt, wo es bis 1974 blieb. Es wird deshalb auch als "Maxberger Exemplar" bezeichnet. Ab 1974 war es nicht mehr öffentlich zu sehen, da der Besitzer es in seine Privatsammlung zurückholte, und gilt seit 1991 als verschollen.

Gegenplatte des Berliner Exemplars, Original, in der Ausstellung "Federflug" im Museum für Naturkunde in Berlin

Berliner Exemplar des Urvogels, Originalplatte im Saal "Die Welt im oberen Jura" des Museums für Naturkunde in Berlin

Im Jahr 1876 wurde ein noch besser erhaltenes Exemplar gefunden, der bisher schönste und vollständigste Urvogel-Fund, der sich heute im Museum für Naturkunde in Berlin befindet, und als "Berliner Exemplar" bezeichnet wird. oder auch als die Mona Lisa der Paläontologie. Das Fossil hat deutlich sichtbare Federabdrücke und einen gut erhaltenen Schädel. Ernst Häberlein, der Sohn von Dr. Carl Häberlein, kaufte das Exemplar von einem Steinbruchbesitzer, präparierte es und verkaufte es schließlich für den damals recht hohen Preis von 20.000 Mark an Werner von Siemens, der es als Dauerleihgabe dem heutigen Berliner Museum für Naturkunde zur Verfügung stellte, das damals im Universitätsgebäude der Humboldt-Uni untergebracht war als Zoologisches Museum und Mineralogisches Museum der Universität, und im Jahr 1857 eine paläontologische Abteilung bekommen hatte. Zu Ehren des Sponsors wurde das Exemplar von dem an der Humboldt-Uni lehrenden Paläontologen und Geologen Wilhelm Dames als Archaeopteryx siemensi beschrieben. Es wurde 1917 von dem serbischen Philosophen und Wissenschaftler Branislav Petronievics umbenannt in Archaeornis siemensii.

Haarlemer Exemplar des Urvogels, Abguss in der Ausstellung "Federflug"

Später stellte sich heraus, dass bereits 1855 ein als "Haarlemer Exemplar" bekanntes Urvogel-Fossil gefunden worden war, das anfangs als Pterodactylus crassipes klassifiziert, also für einen Flugsaurier gehalten wurde. Es wurde erst 1970 durch John Harold Ostrom der Gattung Archaeopteryx zugeordnet.

Alte Feder, Archaeopteryx lithographica, erster Fund des Urvogels im Jahr 1860, Originalplatte in der Ausstellung "Federflug"

Vorher hatte der Paläontologe Hermann von Meyer 1860 bereits eine einzelne versteinerte Feder im Plattenkalk gefunden. Er gab dem Tier, von dem diese Feder stammte, den Namen Archaeopteryx lithographica.

Londoner Exemplar des Urvogels, Abguss in der Ausstellung "Federflug"

Das erste Exemplar eines Tieres mit Reptilien- und Vogelmerkmalen und deutlich sichtbaren versteinerten Federn wurde im Jahre 1861 in der Grube Ottman des lithografischen Schiefers gefunden, dem fossilienreichen Solnhofener Plattenkalk, der auch für die Lithografie, den Steindruck, benutzt wird. Der Arzt Dr. Carl Friedrich Häberlein erwarb es von Grubenarbeitern, und verkaufte es an das Britische Museum für Naturgeschichte, wo es 1863 vom Kurator Richard Owen als Archaeopteryx macura beschrieben wurde. Diese erste, relativ gut erhaltene Platte wird als "Londoner Exemplar" bezeichnet.

Blick auf die Ausstellung "Federflug", und Nachbildungen von Skeletten des Urvogels

Bei dem als "Chicken Wing" bezeichneten Exemplar, das im Jahr 2004 gefunden wurde, handelt es sich nur um einen einzelnen Flügel.
Annette Bültmann
 
Besuch der Ausstellung "Federflug" im Museum für Naturkunde Berlin
 
Für die meisten Tierfreunde gibt es wahrscheinlich schönere Vorstellungen, als die von ganzen Sälen voller ausgestopfter oder in Gläsern mit Alkohol eingelegter Tiere. Man möchte seine Freunde doch lieber lebend in ihrer natürlichen Umgebung sehen, oder, wenn dazu gerade keine Gelegenheit besteht, dann vielleicht auch gerne mal als Foto, Film, Computersimulation o.Ä., oder auch auf Gemälden oder als Skulptur, aber in der ausgestopften Version sind sie schon eine manchmal leicht gruslige Menagerie, dank guter Pflege im Museum nur leicht eingestaubt. Wer es schafft sich davon nicht abschrecken zu lassen, und dennoch einen Besuch im Berliner Museum für Naturkunde wagt, der wird mit der interessanten Ausstellung "Federflug" belohnt, bei der sich die ausgestopften Exemplare eher im Hintergrund halten, denn das Hauptgewicht der Ausstellung liegt auf den Fossilien der Urvögel. Die Dauer der Ausstellung ist verlängert worden bis zum 29. Februar 2012.
Der Solnhofener Plattenkalk ist eine Gesteinsschicht aus dem Jura, einem Zeitabschnitt des Erdmittelalters oder Mesozoikums. Das Jurazeitalter begann vor ca. 200 Millionen Jahren, und dauerte bis zum Beginn des Kreidezeitalters vor ca. 145 Millionen Jahren. Im Solnhofener Plattenkalk wurden schon viele Fossilien unterschiedlicher Arten gefunden, von denen die 10 Exemplare des Archaeopteryx zu den bekanntesten gehören.
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Rhamphorhynchus muensteri im Museum für Naturkunde in Berlin
Pterodactylus kochi, Copyright: Museum für Naturkunde Berlin