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Virtuelles Magazin 2000

 


Beate Depping

Interview mit Hermine Oberück zum Buch "Leben nach Tschernobyl"

 

 

In diesen Tagen ist viel von Halbwertzeiten die Rede. Wie lang braucht es bis radioaktives Jod zerfallen ist? Wie ist es mit Cäsium? Noch sind die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Fukushima nicht annähernd zu überblicken und auf den Faktor Zeit darf man nicht allzu sehr bauen. 25 Jahre ist das Atomunglück in Tschernobyl schon her und immer noch fordert es Opfer. Nur weil die Welt seit dem auch noch ein paar andere Probleme hatte, nur weil die radioaktive Verseuchung nicht zu sehen ist, ist Tschernobyl nicht aus der Welt. Zum 25. Jahrestag des Unglücks am 26. April 2011, wollte die Bielefelder Fotografin Hermine Oberück ein Buch veröffentlichen mit Bildern aus den verstrahlten Gebieten. Wollte an das erinnern was schon fast vergessen ist. Und vor allem und das ist das schwierigste, sichtbar machen, was eigentlich unsichtbar ist bei atomaren Katastrophen. Nun hat der Bildband eine bedrückende Aktualität bekommen. Beate Depping hat mit der Fotografin Hermine Oberück über Ihre Reisen in die Regionen rund um den Unglücksreaktor gesprochen.

 

Sie sehen eine relativ romantische Landschaft, sie ist aber nicht romantisch, sondern sie ist strahlenverseucht und das Problem ist, wie bilden sie so etwas ab? Ich muss versuchen, das was ich an Beklemmung da erlebe, aber nicht sehe, trotzdem in meiner Fotografie zu zeigen. Das ist eine ziemliche Herausforderung.

 

Wie macht man das Unsichtbare sichtbar? Dieser Herausforderung stellt sich Hermine Oberück nun schon seit 20 Jahren immer wieder. Eher zufällig stieß sie 1991 auf das Thema, als sie als Fotojournalistin eine offizielle Delegation aus Deutschland zu einer Friedensfahrt nach Weisrussland begleitete.

 

Nach dem Zufall war es dann irgendwann auch so, dass es mich richtig geärgert hat und empört hat, dass also hier in der Bundesrepublik gesagt worden ist, es gibt überhaupt keinen Grund zur Aufregung, man kann zur Tagesordnung übergehen und ich hatte dann hinterher relativ schnell das Gefühl, es wird auch einfach nicht so in der Öffentlichkeit wahrgenommen und zur Kenntnis genommen wie es angemessen wäre.

 

6-mal reiste sie bisher in die verstrahlten Gebiete um zu dokumentieren, was in Vergessenheit zu geraten droht. Bis heute leiden die Menschen unter den Spätfolgen des Reaktorunfalls, etwa diejenigen, die als Kleinkinder den Strahlen ausgesetzt waren.

 

Von denen werden ein drittel eine Schilddrüsenkrebserkrankung bekommen und das ist eine wahnsinnig hohe Zahl. Das betrifft hauptsächlich Frauen und junge Frauen eben. Und das verrückte ist, die Narbe die entsteht, die einen Kreisförmigen Bogen am Hals macht, die wird dort Tschernobyl-Collier genannt. Und wenn sie kucken finden sie ganz viele Frauen, die diese OP Narbe haben und die, wenn sie nicht eine Krebserkrankung hatten, zumindest eine Anomalie haben in dem Bereich und Medikamente nehmen müssen und zeitlebens unter dieser erlebten Bestrahlung leiden werden.

 

Hermine Oberück hat die Frauen in den Krankenhäusern besucht und porträtiert. In der Anonymität langer Krankenhausflure oder auch direkt am Krankenbett. Der Blick der Patientinnen ist direkt auf den Betrachter gerichtet, scheint den Kontakt zu suchen und kann doch über die völlige Isolierung nicht hinweg täuschen. Den Kampf um die eigene Gesundheit führt jeder für sich alleine.

 

Sie wissen natürlich im Detail bei dieser Person nicht, ist das eine Erkrankung die jetzt ausgelöst worden ist, durch Tschernobyl oder durch irgendetwas anderes. Ich habe also im Vorfeld eine Recherche gemacht. Was ist eine typische Erkrankung, die entsteht und habe versucht diese Erkrankung auch zu sehen und fotografieren zu können.

 

Säuglinge mit Behinderungen, Kinder die von der Chemotherapie gezeichnet sind, das sind die beklemmenden Bilder, die die Fotografin in schwarz/weiss als auch in Farbe präsentiert. Aber es sind Bilder die trotz aller Intimität und Betroffenheit viel Würde ausstrahlen und die die Integrität der Porträtierten zu keiner Zeit in Frage stellen. Es geht nicht um die zur Schau Stellung von Opfern, sondern um die ambitionierte Dokumentation von Leid. Von ihm kündet auch das Porträt des alten Mannes, dem die Zerrissenheit zwischen Hoffnung und Angst ins Gesicht geschrieben steht.

 

Die Menschen, die evakuiert worden sind in der 30 km Zone und in den fleckenförmig belasteten Gebieten in Weisrussland, die sind dann aus dem total ländlichen Raum in die Trabantenstädte rund um Minsk umgepflanzt worden und die alten Menschen, die illegal wieder in diese verstrahlten Gebiete gegangen sind, wenn sie die fragen: „Warum machen Sie das? Ist das nicht gefährlich?“ Die sagen einfach, die anderen, die sterben am Heimweh, die verkümmern in diesen Städten. Wir haben wenigsten eine Chance hier zu bleiben.“

 

Konkrete Erkrankung oder emotionale Entwurzelung. Das Leid hat viele Gesichter. Einige hat die Bielefelder Fotografin in Ihrem Fotoband festgehalten. Sie nimmt den Betrachte mit in die Trabantenstädte in denen Kinder vor trostlosen Hochhausfassaden seilspringen üben und eine alte Frau Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten zum Kauf anbietet, versehen mit einem Zettel auf dem die Strahlenbelastung notiert ist. Und sie zeigt die ländlichen Gebiete, in denen heute wieder Menschen angesiedelt werden.

 

Es wird so getan, als wäre es jetzt kein so großes Problem mehr. Man versucht wieder Leute da unten anzusiedeln. Ich habe mit einer Frau gesprochen, die als Bürgerkriegsflüchtling aus ihrem Land fliehen musste und sich dann da angesiedelt hat, die sagt einfach: „Da waren wir konkret bedroht, unsere Kinder sind bedroht worden, unser Leben war bedroht und hier haben wir eine Chance. Es kann sein, dass wir krank werden aber es muss nicht sein.“

 

Hoffnung auf ein neues Leben in einer krank machenden Umgebung. Auch dieser fast schon zynisch anmutende Widerspruch, gehört zu den Langzeitfolgen des Gaus. Des größten anzunehmenden Unfalls von Tschernobyl. Hermine Oberück lässt ihn sichtbar werden.

 

 

Der Fotoband: Leben nach Tschernobyl von Hermine Oberück, ist als Book on demand erschienen. Bezugsangaben finden Sie bei uns im Internet auf der Seite des Mosaik bei WDR 3 de oder Sie bekommen sie über das Hörertelefon unter der Nummer: 0221 56789333.

 

Interview WDR 3 Mosaik, 23. März 2011

 

 

Leben nach Tschernobyl | Book Preview

 

www.fotografie-oberueck.com

 

Alexandra Busch: Hermine Oberück fotografiert das "Leben nach Tschernobyl", Rede zur Präsentation des Buches und zur Eröffnung der Ausstellung in der Bielefelder Bürgerwache am 11.04.2011

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Brokdorf, Deutschland, Demonstration am 7.Juni1986

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Brokdorf, Deutschland, Demonstration am 7.Juni1986

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Tschernobyl / Ukraine, am Rand der Sperrzone

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Tschernobyl / Ukraine, im Infozentrum des Atomkraftwerks

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Gomel / Belarus, Zentrale Geburtsklinik

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Gomel / Belarus, Zentrale Geburtsklinik

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Bezirk Gomel / Belarus, zwanzig Jahre nach der Reaktorkathastrophe

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Bezirk Gomel / Belarus, zwanzig Jahre nach der Reaktorkathastrophe