Annette Bültmann

Jörg Boström

 

Kulturzentrum. Tacheles. Zur Sache kommen.

 

Das Kunsthaus Tacheles, ein ehemaliges Kaufhaus und später Kino, wurde 1990 durch die Künstlerinitiative Tacheles besetzt, um vor dem Abriss zu bewahrt zu werden.

Seitdem ist es für Künstler und Berlinbesucher ein ständiger Ausstellungs- und Veranstaltungsort, ein Treffpunkt für Künstler und Menschen aus aller Welt, mit Kunstausstellungen, Theateraufführungen, Kino, und für den gestressten Touristen Essen, Trinken und Möglichkeiten, aussergewöhnliche Souveniers und Postkarten zu kaufen.

Im Lauf der Jahre wurde es durch Malerei, Spray, Montagebilder an Wänden und im Treppenhaus zu einem zeitgeschichtlich unvergleichbar kostbaren Kulturdokument der alternativen Farb- und Bilderwelt. Das Tacheles ist so zu einem Denkmal geworden, das täglich neu belebt und besucht ist. Ein Berliner. Jeder Besuch bringt uns in neues Erstaunen. Es steht im kulturellen Bereich auf der anderen Seite des auf seine Weise eben so faszinierenden Ensemble der Museumsinsel. Die Berliner Kulturverwaltung und das Landesdenkmalamt sollten nun den Denkmalschutz, den das Gebäude bereits hatte, wirksam erneuern. Nun ist das Tacheles aber außerdem Atelier für viel Künstler jenseits und "unterhalb" des offiziellen Kunstbetriebes ein ständige Bereicherung mit immer wieder neuen Menschen, Bildern, Konzepten. Eine Fabrik des Kreativen. Hinzu kommt die "alternative" Verwendung des Kinos und der Theaterräume. Ein solches multifunktionales Gebäude kann sich eine Stadt nicht erfinden. Es kann aber wachsen jenseits der "anerkannten" Kultur des Bürgertums. Eine solche Kostbarkeit ist ein Geschenk für Berlin, das es seiner lebendigen Kulturszene verdankt. Es ist zugleich ein Denkmal der Wende. 1990 wurde es ins Leben gerufen. Wie so manches in Berlin.

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Auf der Kippe. Das Kulturzentrum an der Oranienburger Straße wird vom Abriß bedroht. Ein Besuch ist immer wieder ein Erlebnis.

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Schon im Treppenhaus entwickeln sich die Wände zu einem Gesamtkunstwerk. In stetiger Überlagerung von Farben und Linien wird der Raum zu einem Bild, durch das man aufsteigt. Eine Installation in ständiger Veränderung, die durch die Bewegung des Betrachters zu einem Filmbild wird. Auf jeder Treppenstufe sieht man etwas Neues und Überraschendes im Wechsel von fotografischem und malerischem Material, das in dichten zeichnerischen Streifen und Schwüngen zu einer an Jackson Pollock erinnernden Gestrüpp Fläche wird. Malerei als Raumerlebnis.

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Das Prinzip der Collage verbunden mit dem Gesetz des Zufalls, mit Materialien, welche die Zeit liefert, führt zu einer kollektiven Bildgestaltung. Tanz, Fratzen, Presse, Gruppen und Ereignisse verbinden sich zu einer dichten Struktur der Ästhetik und Zeitgeschichte. Eine Parallelwelt entsteht, die Ausdruck einer künstlerischen Reaktion auf die Bedrückung des Alltags ist. Wie Kinder, welche die Malerei zum Ergänzen und Widersprechen des Lebensprozesses nutzen, malen und schreien hier die Menschen gegen die grauen Wände des oft kaum erträglichen Alltags an, mit seiner von fremden Zwecken bestimmten Anforderung. Die Gefängniszellen des Lebens werden bemalt. Ohne Rücksicht auf den Auftraggeber und Betrachter.

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In den Ateliers schaffen Künstler immer weiter neue Werke. Diese Wand eines Malers zeigt jeden Tag ein neues Bild. Die Werke können zu einem Preis erworben werden, der den eines Pullovers oder einer Bluse im KaDeWe nicht übersteigt.

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Der Künstler Volker Witte, www.wittekunst.de, arbeitet hier in seinem gemieteten Atelier seit über zwanzig Jahren. Ihm gelingt ausser seinen stark komponierten Bildern die Gestaltung seines Lebens durch den Verkauf seiner Werke. Neben der Kunst auch eine Kunst des Lebens. In Berlin leben über 3000 Künstler, von welchen den meisten diese Lebenskunst nicht möglich ist.

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Von dem japanischen Künstler Takuya Kurihara, www.myspace.com/kuriharakurihara, installierte zarte Blütengruppe aus Papier vor sorgfältig gemalten mit Stahlschienen verbundenen Puppenfiguren. Aus dem Blütenhügel tönt sichtbar ein Schrei aus roten Lippen und weissen Zähnen.

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Die Malerei dieses Künstlers verbindet die Genauigkeit von elektrotechnischen Geräten mit organischen Formen. Computertiere, Menschen als Masken auf schwarzem und farbigem Grund. Eine asiatische moderne Ästhetik in Berlin.

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Stühle zwischen Kunstwänden warten auf die Besucher, die sich immer wieder dazu setzen zu einem Gespräch und einem Glas Wein. Eines der schönsten Lokale in Berlin. Szene eben.

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Der Fotograf ist jedesmal angeregt durch die Bilderflut und Materialfülle.
Weitere Fotos unter: http://jalbum.net/browse/user/album/869060

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Es gibt auch Streitigkeiten der Gruppen des Tacheles. Sie sind für Außenstehende nicht ganz zu verstehen, daher wird in diesem Artikel nicht ausführlich darüber berichtet. Es tauchen in der Diskussion auf Internetseiten die Begriffe Kunst und Gewerbe auf. Wenn es um Kunst oder Kommerz geht, so sind auch manche Künstler im Tacheles weitgehend in der Weise kommerziell orientiert, dass sie ihre Arbeiten an Touristen verkaufen. Berechtigterweise, denn es ist nicht selbstverständlich, aber immer wieder erfreulich, wenn Künstler von ihrer Arbeit auch leben können. In den Ateliers des Tacheles können Künstler gleichzeitig arbeiten, ausstellen und verkaufen, was zwar nicht gerade künstlerisches Arbeiten in stiller Zurückgezogenheit ermöglicht, aber dafür andere Vorteile hat, und wer im Tacheles ein Atelier mietet, wird wohl auf das Arbeiten in der Öffentlichkeit, quasi in einer Dauerausstellung, vorbereitet sein.

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Im Atelier von Tim Roeloffs, Collagen-Künstler, www.roeloffs1.com. Er ist international bekannt, spätestens seitdem einige seiner Arbeiten Versace-Kleidungsstücke zieren.

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Auch im dunklen Winter des 11.Januar 2011 eine stimmunsvolle Bleibe. Man kommt wieder.

Eine vielstimmig angelegte Initiative fordert für das Tacheles und für Berlin:

Tacheles reset! Die kreative Mitte Berlins muss erhalten bleiben, das Tacheles ist mit seinem hohen Besucheraufkommen auch wirtschaftlich ein Eckpfeiler des Bezirks. Für die "Stadt der Kunst" - Berlin, sind die selbstverwalteten 30 Ateliers und Galerie- bzw. Theaterräume unverzichtbarer Ort der Produktion und Präsentation von zeitgenössischer Kunst. Wir fordern: Das kleine Grundstück des Kunsthauses (nur ca. 1250m2 von über 23 000m2 Gesamtfläche) mittels Erbpacht in eine öffentliche Stiftung überführen - Tacheles sichern. Unsere Stadt jetzt - Tacheles Reset

http://super.tacheles.de/cms/

Seit kurzem gibt es eine Initiative zur Umbenennung des Tacheles in "Kunsthalle Berlin" als kulturpolitisches Statement:
"Kunst ist Wahrnehmung und Reflektion, Kunst ist Geistesarbeit, sie braucht Vagheit, Unsicherheit, Brüche, Ecken und Kanten. Vor allem aber braucht sie Raum. Diesen Raum hat das Kunsthaus Tacheles, größtenteils ohne Förderung von Politik und Wirtschaft, geöffnet und offen gehalten. Tausende Künstler und Kreative kamen und kommen erstmal in das Tacheles, wenn sie Berlin besuchen oder gar die Absicht haben in der Stadt zu verweilen".

http://de-de.facebook.com/pages/Kunsthaus-Tacheles/103121643061341?sk=wall

Im Tagesspiegel vom 26.1.2011 steht die finstere Botschaft. "Kulturhaus Tacheles wird am 4. April versteigert. ... Die Versteigerung beginnt um 10.30 Uhr im Gerichtsgebäude in der Littenstraße 12-17, Saal 208/209. Der Termin ist öffentlich; die Bekanntmachung und verschiedene Wertgutachten zu den Grundstücken sthen in Intenet unter www.zvg-portal.de (Amtsgericht Mitte, Aktenzeichen 30 K 206/07). gegen die Versteigerung und die in dem Zusammenhang drohende Räumung wehren sich der Verein Tacheles und die Gruppe Tacheles, in der knapp die Hälfte der Künstler, Gastronomen und Projekte in dem Kunsthaus organisiert sind."

I SUPPORT TACHELES!!! Fotoblog mit Banner zum Download, Ausdrucken, Fotoupload, Fotos zur Unterstützung des Tacheles aus aller Welt:

http://isupporttacheles.blogspot.com/