Das unlösbare Problem mit den Nazi-Vätern

Der Schauspieler Götz George will einen entlastenden Film über seinen Vater drehen

Von Arn Strohmeyer

Wer war ein Nazi? An dieser Frage beißen sich die Deutschen auch 66 Jahre nach dem „Tausendjährigen Reich“ noch die Zähne aus. Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat das Problem in einem Buch auf die witzige, aber durchaus ernst gemeinte Formel gebracht: „Opa war kein Nazi!“ Und der Vater natürlich auch nicht. Denn Welzer fand durch Umfragen heraus, dass der Nationalsozialismus eigentlich ohne Nazis stattgefunden haben muss. Seine Umfrage ergab nämlich: „In der Gesamtbevölkerung herrscht überwiegend die Auffassung vor, dass eigene Familienangehörige keine Nazis waren.“ Antisemiten und Tatbeteiligte scheinen in deutschen Familien also praktisch inexistent gewesen zu sein. Welzers Untersuchungen führten auch zu dem Ergebnis, dass ein hoher Wissensstand über die NS-Verbrechen und den Holocaust den paradoxen Effekt mit sich bringt, dass man die eigenen Eltern und Großeltern zu Regimegegnern, Helfern und alltäglichen oder sogar expliziten Widerständlern macht, Mit anderen Worten: Niemand ist es gewesen, es waren immer die „anderen“ - aber wer sind diese „anderen“?

Einer, der sich anschickt, den Deutschen diese Frage zu beantworten, ist der Schauspieler Götz George, als Tatortkommissar Schimansky in deutschen Wohnzimmern wohlbekannt. Er will jetzt einen Dokumentationsfilm über seinen Vater, den Schauspieler Heinrich George, herstellen. Denn dieser - so der Sohn - war kein Nazi. Natürlich nicht - siehe Harald Welzer! Aber was war er dann? Und wenn Heinrich George kein Nazi war, wer war dann überhaupt einer?

Heinrich George galt, als die Nazis an die Macht kamen, als politisch „Linker“. Was ihn aber nicht hinderte, gleich 1933 eine Hauptrolle in dem ersten wirklichen Nazifilm „Hitlerjunge Quex“ zu spielen. Der Untertitel lautete: „Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend“. In diesem reinen Propagandawerk bekehrt sich ein kommunistischer Proletarier, den George spielt, zum Nationalismus. Sein Sohn Quex, ein Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes , wandelt sich parallel zur Mutation des Vaters zum begeisterten Hitlerjungen, dem die Uniform die Erfüllung eines Traums bedeutet, denn nun gehört er zur Elite der deutschen Jugend. Disziplin und Gehorsam sind seine höchsten Tugenden. Hitler und Reichsjugendführer Baldur von Schirach waren bei der Uraufführung des Films persönlich anwesend.

1935 spielte George am Berliner Theater des Volkes die Hauptrolle in den Propagandastück „Deutsche Passion“, das die Auferstehung des unbekannten Soldaten (Hitler) von den Toten des Ersten Weltkrieges und seine Verklärung zum Thema hat. 1937 folgte der Kriegsfilm „Unternehmen Michael“, der das sinnlose Sterben im Krieg glorifizierte. 1938 wurde George auf Vorschlag von Propagandaminister Josef Goebbels Intendant am Berliner Schiller-Theater. Hitler war bei der Amtseinführung zugegen. George ließ in seinem Haus neben Klassikern vor allem zeitgenössische Nazi-Stücke aufführen.

1940 spielte George eine der Hauptrollen in Veit Harlans antisemitischen Hetzfilm „Jud Süß“, in dem es um den eleganten und weltmännischen Finanzberater des baden-württembergischen Hofes geht, den schlauen und gerissenen Politiker Jud Süß, einen „getarnten Juden“. Der Film war im Dritten Reich außerordentlich erfolgreich. Der deutsche Rabbiner Dr. Prinz, der vor den Nazis in die USA geflohen war, schrieb 1948 einen Brief an den Regisseur Veit Harlan und machte ihn mitverantwortlich für das, was den Juden von den Nazis angetan worden sei. Denn dieser Film schildere Juden als typische Vertreter von „Macht, Geldgier, Schändung und abgrundtiefer Gemeinheit“. Er warf Harlan vor, seine künstlerisches Talent in den Dienst der Henker gestellt zu haben. „Jud Süß“ habe dazu beigetragen, die Verbrechen erst möglich zu machen. Dass Prager Juden gezwungen wurden, in dem Film als Statisten aufzutreten, bestätigen nur die Aussagen des Rabbi.

Im selben Jahr spielte George in dem Film „Friederich Schiller“ mit, in dem der Dichter als Vorläufer des Verfassers von „Mein Kampf“ geschildert wird. In dem Tendenzfilm „Wien“ spielt er den österreichischen Antisemiten Ritter von Schönerer. In diesem Werk hat Hitler wieder einen Vorläufer, diesmal den antisemitischen Wiener Bürgermeister Karl Lueger. Dann folgte der Film „Das Leben geht weiter“, in dem es um eine Berliner Hausgemeinschaft geht, die den Bombenkrieg der Alliierten tapfer trotzt und ihren Durchhaltewillen bezeugt.

Durchhalten wurde dann Georges Generalthema - bis ins Extrem gesteigert in dem Film „Kolberg“. Während der Dreharbeiten zu diesem Film war die Götterdämmerung des Regimes schon nah. Die sowjetischen Truppen waren im Anmarsch auf die deutsche Grenze. Die Alliierten standen schon in Frankreich. „Kolberg“ ist das hohe Lied des Nicht-Kapitulierens. So wie die belagerte preußischen Stadt Kolberg den Truppen Napoleons trotzte, sollten es auch die Deutschen gegen die anbrandende Übermacht tun, das war die Botschaft. George, der einen Bürger der Stadt spielt, sagt in typischer Goebbels-Manier zum preußischen General Gneisenau, der zur Übergabe der Stadt bereit war: „Lieber unter den Trümmern begraben sein als aufzugeben!“ Das passte zu einem Aufruf, den George wenige Tage vor dem Untergang des Regimes am 8. April 1945 in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichte. Er trug die Überschrift: „Tapferkeit des Durchhaltens bis zum Äußersten!“

George, der nicht in die NSDAP eintrat, war nicht nur im Film und im Theater permanent für das Regime werbend allgegenwärtig: Er trat im Krieg öfter im „Wunschkonzert“ auf, einer Veranstaltung, in der die Musikwünsche für die Soldaten an der Front erfüllt wurden und ihnen moralischer Beistand gegeben wurde, er besuchte die NSDAP-Parteitage in Nürnberg, deklamierte im Rundfunk, las überall nationale oder nationalsozialistische Texte - auch im von der Wehrmacht besetzten Polen.

Der Filmhistoriker Felix Moeller schreibt: „George repräsentierte den Typ des Bühnen- und Filmdarstellers, der sich außerordentlich stark für das Regime engagierte.“ Oder anders gesagt: George war ein „Aushängeschild des Regimes“. Mit seiner zweifellos überragenden Schauspielkunst deckte er in der NS-Propaganda den Part des großen Charakterdarstellers ab, was diesen Filmen und Theaterstücken dann oft erst ihre vermeintliche Glaubwürdigkeit verlieh. Das Regime lohnte es ihm reichlich. Er wurde auf die Liste der „Gottbegnadeten“ (Führerliste) gesetzt, auf der die wichtigsten Künstler des NS-Staates aufgeführt waren, erhielt von Goebbels den Titel „Staatsschauspieler“, 1943 wurde er zum Generalintendanten des Schiller-Theaters befördert. So gut wie alle seine Filme erhielten die offizielle Bewertungsnote „künstlerisch besonders wertvoll, kulturell wertvoll, volkstümlich wertvoll, anerkennenswert, volksbildend, jugendwert.“ Auch finanziell zahlte sich sein Engagement aus. Schauspieler wie er bekamen von Goebbels persönlich die höchsten Gagen plus Sonderzahlungen zugesprochen.

Die späteren Urteile über ihn waren eindeutig. So schrieb der Schriftsteller Karl Zuckmayer: „Jählings von einem Tag auf den anderen wandelte er seine kommunistische Gesinnung in ebenso raserischen Nationalsozialismus.“ Veit Harlan, mit dem er „Jud Süß gedreht hatte, konstatierte: „Mein Freund Heinrich George war zweifellos dem Nationalsozialismus am ehesten zugewandt“ Und der Regisseur und Schauspieler Jürgen Fehling erinnerte sich so an ihn: „Ich habe George geliebt wie keinen Schauspieler. Aber er hat bis zum Schluss blind vor den Nazigötzen Harfe gespielt.“

Das stimmt mit Berichten über die letzten Tage des Schauspielers überein. Er wurde von den Sowjets verhaftet und in das ehemalige NS-Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Bei den Verhören habe er sich völlig uneinsichtig gezeigt. Anzeichen von Reue habe er nur unter dem Druck seiner Befrager durchblicken lassen. Zu einer reflektierten Sicht seiner Rolle im „Dritten Reich“ sei er nicht fähig gewesen, so der Filmhistoriker Felix Moeller. George starb am 26. September 1946 in diesem Lager nach einer Blinddarmoperation an Herz- und Kreislaufschwäche.

Nach dem Krieg gab es Versuche, George von seiner Schuld reinzuwaschen. Als Theaterintendant in Berlin habe er Juden und andere politisch bedrängte Mitarbeiter beschäftigt oder ihnen sonst irgendwie geholfen, ähnlich wie es auch von Gustav Gründgens behauptet wurde. Moeller merkt hier aber an, dass bei genauem Hinsehen nicht alle angeblichen Hilfestellungen exakt dokumentiert seien. Und er stellt die Frage: „Stand das wahrgenommene Bekenntnis zum Regime im richtigen Verhältnis zu seinen Möglichkeiten des stillen Wirkens?“ Wohl kaum, muss man sagen. Der Schriftsteller Günther Weisenborn, der an Georges Theater als Dramaturg tätig war und im Widerstand mitgearbeitet hat, sagte später, George habe in seinem Fall jede Hilfe abgelehnt.

Man muss viel Verständnis dafür haben, wenn ein Sohn darunter leidet, was sein Vater im „Dritten Reich“ getrieben hat. Das Engagement Heinrich Georges ist zu gut auf Papier, Zelluloid und Rundfunktonbändern gebannt, als dass man Zweifel an ihrer Faktizität haben könnte. Der Sohn irrt, wenn er glaubt, dass die Zeit „reif“ für eine Umdeutung der Vergangenheit wäre. Götz George sollte seelische Größe zeigen und das Leiden darunter, wie sehr sein Vater den braunen Herrschern gedient hat, auszuhalten versuchen. Die Psychoanalytiker/innen sagen, man muss den Vätern verzeihen, um sich mit ihnen innerlich versöhnen zu können, was unter keinen Umständen heißt, ihre Taten zu billigen und zu rechtfertigen. Das steht überhaupt nicht zur Debatte. Es geht um das Finden des inneren Gleichgewichts, des inneren Friedens, den wirklichen Vollzug des inneren Abschieds von den Vätern und ihren Untaten. Das ist ein sehr schwieriger Prozess der Loslösung. Götz George steht nicht allein mit diesem Problem da. Er will es nur von sich weg nach außen verlagern. So wird er den Frieden mit seinem Vater nicht finden. Seine umdeutende Dokumentation wird, das kann man heute schon prophezeien, die historische Wahrheit nur einseitig zu klittern und die Dinge auf die relativierende Formel zu bringen suchen: Es war ja alles ganz anders und gar nicht so schlimm! Eine solche Diskussion ist nicht nur unnötig, sondern so überflüssig wie ein Kropf. Sie würde der Aufarbeitung der so furchtbaren deutschen Vergangenheit nur schaden. Man wäre wieder bei den Ergebnissen von Harald Welzers Umfrage: Es gab gar keine Nazis usw. usw. ...

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Aus:Hitlerjunge Quex. Jürgen Oehlsen, (Mitt), Heinrich George ( rechts.)

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Heinrich George. Aus "Jud Süß"

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Heinrich George. stiftung-hsh.de

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Heinrich George und Kristina Söderbaum

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Götz George und seine 1987 verstorbene Mutter im Jahr 1986. Das Schauspieler-Ehepaar Berta Drews und Heinrich George nannte ihren Sohn Götz, nach der Lieblingsrolle des Vaters: Götz von Berlichingen.

Götz George (72) will in einem ARD-Film seinen Vater, Heinrich George (1893-1946), spielen. Er habe nach langem Nachdenken dem Projekt zugestimmt, sagte der Schauspieler in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung..

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