Zum Inhaltsverzeichnis

Virtuelles Magazin 2000

 Ausgabe 58


Kim Joris Boström

Trümmer

Irgendwo in der Wüste, tief im israelischen Kernland, leben Beduinen. Seit Jahrhunderten. Eigentlich hatten sie sich gut arrangiert mit dem Staat Israel. Einige von ihnen haben das Nomadenleben aufgegeben, sind sesshaft geworden, arbeiten in Haifa, Tel Aviv, Jerusalem. Jedoch seit einiger Zeit versucht die Regierung immer mehr jüdische Siedlungen auch dort zu bauen, wo die Beduinen ihre Dörfer haben. Was macht man also mit diesen Dörfern? Man stellt ein Ultimatum, dann kommen Bulldozer und reissen die Dörfer ein. Die Beduinen kommen zurück und bauen die Dörfer wieder auf. Sie ziehen vor Gericht, es kommt das nächste Ultimatum und die nächsten Bulldozer.

Mein Freund Michael Wohlrab, zur Zeit evangelischer Pfarrer in Jerusalem, und ich haben ein solches Dorf besucht. Es ist schon zum vierten Mal eingerissen worden. Es gibt alte Dokumente mit vielen Stempeln und Unterschriften, die das Land den Beduinen zusichern. Die Bulldozer kommen trotzdem. Ein Erlebnisbericht.

L1020392

Der Eingang des Dorfes mitten in der israelischen Wüste 150 km südwestlich von Jerusalem. Ein paar Olivenbäume säumen den Eingang, drum herum gibt es nichts als Sand und Steine.

L1020465

Die Luft ist staubig und heiss, aber man gewöhnt sich daran. Die trockene Hitze sorgt dafür, dass der Schweiss schnell trocknet und den Körper kühlt. Solange man zu trinken hat und eine Kopfbedeckung, kann man es aushalten. Esel, Schafe und Ziegen gehören zur traditionellen Grundausstattung eines Beduinenhaushalts. Esel schleppen und ziehen, Schafe geben Wolle und Milch, und ab und zu gibt es gegrillten Hammel.

L1020412 L1020438

Ein typischer Bedeuinen-Wohnsilo. Die Zeit der Zelte ist vorbei. Warum eigentlich? Die Frauen kümmern sich um den Haushalt. Feste Rollenverteilung. Selbstverwirklichung - nur für Männer. Eine Wanne liegt herum, vielleicht ist es eine Tränke. Eigentlich liegt sie gar nicht herum, es gibt hier keine festen Straßen oder Wege, keine umzäunten Gärten und Bürgersteige, auf denen sie "herum" liegen könnte.

L1020446

In diesem Gebäude findet eine Solidaritätsveranstaltung statt. Aktivisten und politisch interessierte Israelis versammeln sich hier, um zu diskutieren und Polit-Poesie zu hören. Es sind nicht mehr so viele wie früher, aber es gibt sie noch. Jesus ist auch gekommen, sitzt in Badelatschen auf der Bank, zupft an seinem Bart und hört aufmerksam zu.

L1020558
L1020420
L1020458LARGE

Ein Beduinenscheich mit dunkler Sonnebrille, wehendem Gewand und typischer Kopfbedeckung steht auf, grüßt in die Runde und erzählt eine lange Geschichte. Wir verstehen fast nichts, da er sehr laut hebräisch und unser Übersetzer nur sehr leise englisch spricht. Der Scheich zeigt einige Dokumente in die Runde, die mit Siegeln und Unterschriften versehen sind. Wahrscheinlich sollen sie den Besitzanspruch seines Klans belegen, und offenbar gab es unzählige Gerichtsverfahren, die aber alle - nun ja - im Sande verlaufen sind. Ein junger Mann in Uniform macht eine Radioreportage für den israelischen Armeefunk. Er hat eine andere Perspektive. Die Beduinen haben eine angemessene Entschädigung ausgeschlagen, gerichtliche Beschlüsse fechten sie immer wieder an oder setzen sich darüber hinweg.

L1020467

Während die Veranstaltung weitergeht, stehlen wir uns davon und verschwinden in der Wüste. Am Horizont sehen wir die Überreste des niederge-walzten Dorfes.

L1020469
L1020473
L1020478
L1020485LARGE

Bald sehen wir in der Ferne ein blaues Zelt mit schweigsamen Menschen. Michael geht ohne Zögern darauf zu. Ich folge ihm. Wir kommen herein, grüßen kurz und setzen uns dann auf einen der herumliegenden Teppiche. Man grüßt zurück und schweigt weiter. Keiner fragt, wer wir sind oder woher wir kommen. Unter Muslimen setzt man sich erst mal hin und wartet ab. Fragerei und Hektik gilt als unhöflich. Irgendwann bringt uns jemand Kaffee und Datteln.

L1020488 L1020486
L1020490 L1020492

Und dann werden wir wieder konfontiert mit Dokumenten und Urkunden, die den Besitz des Landstücks belegen sollen. Unzählige Stempel, Unterschriften und Fingerabdrücke reihen sich darunter. Irgendwie erinnert mich das an die Geschichten von Indianerstämmen, denen einst mit Schriftstücken das Land ihrer Vorfahren zugesichert wurde, was die amerikanischen Siedler jedoch nicht davon abhielt, den Indianern das Land später trotzdem gewaltsam wegzunehmen. Schriftstücke haben immer nur so viel Bedeutung, wie ihnen von beiden Seiten zuerkannt wird.

L1020493 L1020415

Auf einer Karte voller unregelmäßiger, scheinbar willkürlicher Linien sieht man eine markierte Fläche. Sogar hier, mitten in der Wüste, ist alles abgesteckt, durch gedachte Linien säuberlich in "Grundstücke" getrennt, die jemandem "gehören". Ich schaue in die Wüste und sehe keine Linien. Warum müssen die jüdischen Siedler unbedingt HIER ihre Siedlung bauen und nicht ein Stückchen weiter links? Und warum beharren die Beduinen darauf, unbedingt HIER ihr Dorf wieder aufzubauen, und nicht ein Stückchen weiter rechts?

L1020501 L1020495

Der Klan-Chef zeigt uns Fotos von dem Dorf, als es noch stand. Er hatte hier einen eigenen Olivenöl-Betrieb. Auf den Fotos sieht man eine Lagerhalle, einen Silo und einen Verladeplatz mit Paletten. Das Wohnhaus des Chefs wird umrahmt von Olivenbäumen und Satellitenschüsseln. Innen gibt es ein Sofa, Regale, Schränke, Blumen, einen Fernseher und gekachelten Boden.

L1020519

Wir treten aus dem Zelt. Der Chef will uns zeigen, was von seinem Haus noch übrig ist. Er deutet auf eine Stelle zwischen den Trümmern. Hier war einmal das Wohnzimmer. Man sieht noch die Kacheln, die einst den Fußboden bedeckten. Unter dem eingerissenen Dach liegen Sofa, Regale, Schränke, Blumen und Fernseher.

L1020506
L1020515 L1020517
L1020528
L1020484

Schief und zerbeult liegt der Silo für das Olivenöl, den man auf den Fotos gesehen hatte. Auch die betriebseigenen Olivenbäume wurden von den Planierraupen nicht verschont. Der Rest des Dorfes ist ebenfalls nur mehr ein Haufen Steine.

L1020539
L1020540
L1020536
L1020542 L1020547

Die Versammlung geht zu Ende. Man macht sich bereit für den Heimweg. Etwa zweieinhalb Stunden werden wir im klimatisierten Bus fahren, zurück in unsere sicheren Häuser. Niemand wird kommen, um sie einzureissen. Die Beduinen bleiben hier, zwischen dem Schutt und den verbogenen Trägern, aus denen mal ihr Dorf bestand. Sie werden es nun zum vierten Mal wieder aufbauen. Wie lange wird es diesmal stehen bleiben?

L1020574
L1020578

(c) Kim Boström 2010