Arn Strohmeyer

 

Der Dichter als brutalst möglicher Aufklärer

Der Bremer Rudolph Bauer hinterfragt in einem eindrucksvollen neuen Gedichtband die gegenwärtigen politischen Realitäten

(Rudolph Bauer/ Lothar Bührmann: Schutzschirmsprache. Politische Lyrik und Cartoons, Sujet-Verlag Bremen 2010, 14,80 Euro)

 

 

Der Bremer Rudolph Bauer ist ein vielseitiger Mann, an der Bremer Universität hat der Professor Sozialarbeitswissenschaft unterrichtet, er malt ausdrucksstarke Bilder und schreibt Gedichte. Fast zu viel für einen Menschen, zumal er dies alles recht meisterhaft tut. Nun hat Rudolph Bauer einen neuen Gedichtband herausgebracht - fünf waren es schon zuvor. Wenn man "Gedichte" sagt, könnte das ungute Assoziationen an lyrische Ergüsse und deutsche Innerlichkeit wecken, aber nichts liegt dem Autor ferner. Auch das Schaffen von verfremdeten, dunklen und undurchlässigen Sprachlabyrinthen und kryptischen Wortgeflechten, wie sie moderne Lyriker lieben, ist nicht seine Sache. Bauer schreibt politische Lyrik - unbotmäßige, aufsässige Verse sozusagen - und das mit einer äußerst realistischen Sprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt und dennoch durchaus poetisch ist.

Das ist die Prämisse, von der Bauer ausgeht und die man nur teilen kann: Um die politische, soziale und wirtschaftliche Wirklichkeit auf dieser Welt (aber auch in diesem Lande) ist es - milde ausgedrückt - nicht gut bestellt. Härter gesagt: Die Zustände sind ziemlich katastrophal. Humanität, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Völkerrecht, Frieden - alles schöne Worte für Sonntagsreden, die Realität sieht ganz anders aus. Und die Menschen nehmen es passiv, lethargisch und gedankenlos hin und lassen "die da oben" mit ihrem einseitig interessegebundenen, gefährlichen Handeln ohne Widerspruch gewähren. Ein Zustand, an dessen Zustandekommen auch die Medien ihren Anteil haben, die eng mit den Herrschenden kooperieren und die Wirklichkeit eher vernebeln und verschleiern als kritisch darstellen. Oder gleich ganz auf Entertainment setzen, um so den Eindruck zu erwecken, es ginge auch ganz ohne Politik.

Hier setzt der "Dichter" Bauer an, indem er Worte und Sätze als explosive Waffen benutzt. Denn - das ist sein Credo - nur die brutale wortmäßige Konfrontation mit der perversen Realität, der Schock, können noch aufwecken, aufklären und letztlich für Veränderung sorgen. Bauer will mit seinen "Versen" das sagen, was Politiker und Medien eben nicht sagen, weil sie sich hinter dem Schutz der Sprache verstecken. In dem Gedicht "Schutzschirmsprache" (so lautet auch der Titel des Buches) prangert er etwa die unsozialen Praktiken der Herrschenden an, den Reichen zu geben und den Armen zu nehmen:

die kredite sind notleidend

die banken sind notleidend

finanz- und realwirtschaft

sind notleidend

 

die regierenden spannen schirme

schutzschirme auf für die

die da notleidend sind

nicht aber für jene in not

 

armut bekämpfen die herren

und erbittert die armen ohne erfolg

denn nicht für's system

relevant sind die armen

Schutzschirmsprache

Bauer fügt an dieses Gedicht noch ein kurzes anderes an, das in dieselbe Richtung weist:

Revolutionspathos

freiheit

der aktien- und finanzmärkte

gleichheit

beim äquivalententausch

brüderlichkeit

in der pleite von lehman brothers

Revolutionspathos

Im Vorwort des Bandes stellt der Verlag die Frage: Kann und darf Lyrik politisch sein? Man kann darauf nur mit der Gegenfrage antworten: Hat der lyrische Elfenbeinturm in Zeiten wie diesen überhaupt eine Berechtigung? Hat er sie jemals gehabt? Man muss natürlich auch fragen: Kann Lyrik etwas bewirken und sogar verändern? Auch wenn die Antwort "nein" lautet, wäre das aber kein Grund, keine unbotmäßigen, aufrüttelnden und aufklärende Verse zu schreiben.

Politische Lyrik hat in Deutschland eine gute Tradition, auch wenn sie unter dem Druck der Herrschenden immer nur ein Randdasein geführt hat. Heinrich Heine, Kurt Tucholsky und Erich Fried (um nur einige zu nennen) sind herausragende Namen dieser Richtung - Rudolf Bauer fühlt sich ihnen denn auch zutiefst verpflichtet. In dem Gedicht "Kein Tucholsky" bedauert er, dass die kritische Protestkultur in diesem Land so ausgestorben ist. An Stelle der "Weltbühne" und des linken "Vorwärts" haben sich private Fernsehsender und Entertainment am PC etabliert. Anklänge an Erich Fried, den Juden, der so an Israels unseliger Politik litt, finden sich in dem Gedicht "Jungisraeli", in dem er die Arroganz und zugleich die Tragik junger Israelis beschreibt, die im indischen Ort Leh nach ihrem Militärdienst in den völkerrechtswidrig besetzten palästinensischen Gebieten relaxen:

auch in leh ergreifen sie besitz

stanzen hebräische Buchstaben

in die schwarze tastatur des internetklaviers

 

auch in leh hängen sie ihre fahnen

mit den ineinander gesteckten Dreiecken

in die Schaufenster der geschäfte und restaurants

 

auch in leh stellt sich die frage

ob sie aus stolz

nicht selbst

anheimgefallen der vernichtung

berechtigt sich wähnen anderen

aufzubrennen das biblische kainsmal

 

oder ob sie es selber

herumtragen auf ihrer stirn

Jungisraeli

Bauers Gedichte sind kleine, glänzend formulierte und in freie Verse gefasste poetische Leitartikel, wie sie eigentlich in den mainstream-Zeitungen stehen sollten, aber dort nie zu finden sind. Denn die das Handeln der Herrschenden in Politik und Wirtschaft bestimmende Ideologie wird kaum hinterfragt. Die gegebene Ordnung wird zumeist als offenbar gottgegeben hingenommen. Die meisten Journalisten sind unkritische Ja-Sager und Nachbeter. Bauer schlägt eine notwendige Bresche in die Gleichgültigkeit der so Berieselten, er stellt Fragen, schaut hinter die Oberflächen und Kulissen des täglich leierhaft Wiederholten, legt gnadenlos Heuchelei und Verschleierung bloß, macht Mut, selbst zu denken und zu handeln, sich auf das eigene Urteil und den eigenen Verstand zu verlassen. Er will vor allem auch denen eine Stimme geben, die keine haben. Und er warnt in alttestamentlicher Strenge:

 

dann

wenn zu buche schlagen

unsre stimmen

unsre sprachen

unser gesang

dann wehe euch

 

Als ob dies Warnung schon gehört worden ist: Es gibt erste, aber ermutigende Anzeichen in der Gesellschaft - siehe Stuttgart und Gorleben, dass das Volk beginnt, die Formulierung des Grundgesetzes ernst zu nehmen, wirklich selbst der Souverän zu sein und nicht nur alle vier Jahre aufgefordert sein will, ein Kreuz auf dem Wahlschein zu machen, um den Herrschenden damit ein Mandat für eine Politik zu geben, die gegen die Interessen eben dieses Souveräns ist. Menschen, die bereit sind, in diese Richtung zu denken, sollten unbedingt zu Bauers eindrucksvollem Gedichtband greifen. Aber auch denen, die diese Bereitschaft nicht haben, könnte bei der Lektüre dieses Buches dämmern, dass etwas falsch läuft. Man sollte auch diese Leute nicht aufgeben. Auch aus Saulus ist ein Paulus geworden.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Illustrationen des Bremer Künstlers Lothar Bührmann, die den Gedichten beigestellt sind - kleine sensibel dargestellte politische Cartoons, die mit wenigen Strichen oder Symbolen den Kern von Bauers Aussagen treffen - beißend, ironisch und karikierend. Diese kleinen Kunstwerke und die Verse machen das sarkastisch in einen schwarz-rot-goldenen Einband gefasste Buch zu einer bibliophilen Kostbarkeit.

Gegengesang