Zum Inhaltsverzeichnis

Virtuelles Magazin 2000

 


Arn Strohmeyer

Auf der Suche nach der untergegangenen Antike

Die Bilderwelt des kretischen Malers Telis Yannakoudakis

 

Beim ersten Blick auf die Bilder von Telis Yannakoudakis aus Heraklion (Kreta) meint man das Werk eines Malers vor sich zu haben, das von tiefer Christlichkeit geprägt ist. Da steht auf einem dieser Gemälde im Zentrum ein bis auf einen Lendenschurz nackter Christus, über ihm das auf Kreuzesdarstellungen stets vorhandene Schild mit der Aufschrift INRI. Um die zentrale Christusgestalt, die nach oben zu entschweben scheint, gruppieren sich viele auch himmelwärts aufstrebende Menschen - die Trauergemeinde für den Gekreuzigten. Eine offenbar moderne Version des Kreuzigungsthemas - hier in technisch altmeisterlicher und doch ganz moderner Sichtweise gestaltet. Ein Bild von immenser Eindringlichkeit, das auf Glas übertragen in seiner leuchtenden Farbenpracht die Vorderwand einer Kathedrale füllen könnte.

DSC01389

Aber der erste Blick täuscht. Die zentrale Gestalt ist nicht Christus, die Menschen um ihn herum sind keine Trauergemeinde unter dem Kreuz, und auf dem Schild über der zentralen Figur steht nicht INRI, sondern ERGO, was altgriechisch 'das Werk' bedeutet. Und die zentrale Gestalt ist nicht Christus, sondern Prometheus - der Sohn des Titanen Japetos. Er war ein Freund und Wohltäter der Menschen, die er dem Mythos zufolge eigenhändig aus Lehm modelliert haben soll. Als Zeus ihnen das lebenswichtige Feuer genommen hatte, stahl Prometheus es auf dem Olymp und gab es ihnen zurück. Er wurde dafür hart bestraft. Zeus ließ ihn an einen Felsen ketten. Ein Adler benagte ohne Unterlass seine Leber, die in jeder Nacht nachwuchs - bis Herakles kam und ihn befreite. Er lebte in der Erinnerung der Menschen fort als Erfinder aller Künste, die das Leben verschönen.

Yannakoudakis hat diese mythologische Figur ins Zentrum seines Bildes gesetzt. "Aber", sagt er, "es könnte auch Orpheus sein, der Sohn des Apoll und einer Muse, der unvergleichliche Sänger, der mit seinem Gesang sogar die Tiere des Waldes, Vögel, Fische, ja Bäume und Felsen rührte." Auch Orpheus musste furchtbar leiden. Weil er nach dem Verlust seiner Geliebten Euridike im Hades Frauen hasste, wurde sein Körper von Thrakerinnen zerrissen und ins Meer geworfen.

DSC01395

Wohltat und Kreativität für die Menschen und Leiden - bei Prometheus und Orpheus liegen sie (wie bei Christus) nahe beieinander. Aber Yannakoudakis' zentrale Gestalt leidet nicht, hebt beseligend - wie segnend - die Arme. Und auch die Versammelten um ihn herum schwelgen eher in glückseliger Stimmung - ringsum getragen von blauen Delphinen, die wie Vögel zu fliegen scheinen. "Die Delphine" sagt der Maler, "sind die Lieblingstiere des Apoll, sie haben ihn von seiner ursprünglichen Heimat Kreta zur Insel Delos und von dort zum Golf von Korinth gebracht, wo er dann im Parnassgebirge sein Heiligtum begründete."

Als ich Telis Yannakoudakis nach der Botschaft dieser Bilder frage, erwidert er: "Ich liebe die Antike über alles. Sie war vielleicht die geistig größte und fruchtbarste Epoche in der Menschheitsgeschichte. Aber leider hat das aufkommende Christentum diese große Kultur fast vollständig und unwiederbringlich zerstört. Ich versuche, mit meinen Bildern diese phantastische Welt wieder zu beleben, ihre Mythologie, ihr Denken, ihre Philosophie." In der Tat: Die Motive aller seiner Bilder sind dem antiken Kosmos entnommen: Die Ruinen von Delphi tauchen immer wieder auf, der Parthenon auf der Akropolis, die wieder aufgebauten Teile des Palastes von Knossos auf Kreta, Kuroi und viele Gestalten aus dem Pantheon der antiken Götter und Helden. Und die Delphine umkreisen dieses bunte Szenarium.

Hat er Vorbilder für seine Malerei? "Nein", sagt Yannakoudakis, "ich versuche, konsequent meinen eigenen Stil durchzusetzen. Aber ich verehre zwei große Denker, die mein Malen sehr motivieren: den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche und den römischen Kaiser Julian Apostata." Nietzsche habe verstanden, welcher Verlust der von den Christen eingeleitete Untergang der antiken Welt bedeutete. Denn die neue Religion habe die vorwärts drängenden Kräfte - also alles Schöpferische - eingeschränkt, vor allem aber den Eros mit der Aura der Schändlichkeit und Sünde umgeben. Die Antike habe dagegen die lebensfördernden Kräfte als Wille zur Annahme des vollen Daseins angesehen: Apoll und Dionysos als irrationale künstlerische Mächte, die ohne Vermittlung des menschlichen Künstlers aus der Natur hervorbrechen, wobei Apoll für die schöne Form steht und Dionysos für den unbezähmbaren Trieb, der das Ziel hat, sich selbst zum Ausdruck zu bringen, er ist der Motor des schöpferischen Prozesses. In Nietzsches "Übermensch" seien diese Kräfte zum Ausgleich gekommen, er sei nicht der blonde, blauäugige "Herrenmensch" der Nazis, sondern der kreative, schaffende Mensch, das Individuum, das in sich die harmonische Vollkommenheit erreicht habe.

DSC01403

Und Julian Apostata? Dieser römische Kaiser (331 - 363), der zugleich ein Denker war, hatte eine christliche Erziehung genossen, wandte sich dann aber der Philosophenschule der Neuplatoniker zu. In glühender Verehrung für die Kultur der Antike versuchte er, im Römischen Reich den Vormarsch des Christentums zu stoppen, er erneuerte die heidnischen Kulte und ließ die von den Christen zerstörten Tempel wieder aufbauen. Aber natürlich scheiterte er mit dem Vorhaben einer Erneuerung der Antike und man gab ihm den Beinamen "Apostata", der Abtrünnige.

Was Yannakoudakis aber nicht von seinem Glauben an die Höherwertigkeit der antiken Kultus abhält. Seine Identifizierung mit den beiden historischen Gestalten ist total. Über Nietzsche sagt er: "Er war ein Grieche, er hat durch und durch griechisch gedacht." Und seine Bilder signiert er auf der rechten Seite mit seinem Namen, wobei "Telis" eine Abkürzung seines Vornamens Aristoteles ist, der natürlich an den großen Philosophen erinnert. Auf der linken Seite signiert er mit "Julianos", also nach eben jenem römischen Kaiser.

Eine Besonderheit ist auch die Farbgebung seiner Bilder: Yannakoudakis verwendet ausschließlich selbst angerührte Naturfarben. Mit Vorliebe benutzt er dabei die Mineralien, aus denen die alten Ägypter schon die Farben zur Bemalung der Gesichter auf den Mumienkästen herstellten - eine Technik, die von der Oase Fayum kommt. Nur mit dieser Methode kann er die einmalige Leuchtkraft seiner Farbgebung erreichen.

Sie fällt besonders bei dem Prometheus-Bild ins Auge. Beim erneuten Betrachten muss ich an Nikos Kazantzakis denken. Vielleicht hat dieser Prometheus oder Orpheus doch etwas mit Jesus zu tun, aber nicht dem Gottessohn der Kirche, sondern mit dem Jesus in Kazantzakis' Roman "Die letzte Versuchung", ein Christus, der nicht als Opfer am Kreuz sterben, sondern leben will - gegen den Willen seines göttlichen Vaters. Denn nach dessen Weisung soll und muss er sich opfern, weil es ohne seine Hinrichtung keine Erlösung der Menschen geben kann. Aber Gott muss es sich schließlich anders überlegt haben. Denn Jesus erscheint eine Frau im Traum und sabotiert seinen Opfertod. Er steigt vom Kreuz herab und heiratet die Frau, Maria Magdalena, und hat Kinder mit ihr. Zuvor war ein Engel zu ihm gekommen und hatte gesagt: "Große Freude erwartet dich. Gott hat mir die Freiheit gegeben, dich alle Freuden genießen zu lassen, nach denen du dich im Leben sehntest . Du wirst sehen, schön ist die Erde, schön ist der Wein und das Lachen, süß ist der Mund einer Frau und lieblich das Wiegen des ersten Sohnes auf den Knien."

Auch Kazantzakis war ein großer Verehrer Nietzsches, auch er stand der oder den Kirchen äußerst kritisch gegenüber. Der Sorbas aus dem gleichnamigen Roman ist in seiner unbeschwerten Lebensfreude eine Figur mit antiken Zügen. "Ja", sagt Yannakoudakis, "Kazantzakis liegt nur wenige hundert Meter von hier auf der Bastion der Festungsmauer begraben. Die Kirche hat ihm wegen seiner ketzerischen Gedanken die Bestattung auf einem Friedhof verweigert." Der Gedanke ist also nicht abwegig: Sein fröhlicher Prometheus-Orpheus-Christus mit den ausgebreiteten Armen hat auch Ähnlichkeit mit dem tanzenden Sorbas. In der symbolischen und mythischen Bilderwelt des Telis Yannakoudakis kann man die Grenzen zwischen den Personen nicht so eng ziehen, nur ihre philosophische Aussage ist eindeutig: die Sehnsucht nach dem antiken Ideal.

DSC01381

Fotos: Arn Strohmeyer

Nachtrag: Telis Yannakoudakis hütet einen Schatz ganz ungewöhnlicher Art, der nichts mit der Antike zu tun hat, den er mir bei meinem Besuch aber zeigte, obwohl er sonst immer in einem Banktresor ruht: Ein Skizzenbuch Vincent van Goghs. Ich blättere es mit großer Ehrfurcht durch. Etwa 30 bis 40 Skizzen sind es, perfekt ausgeführt wie kleine Gemälde: Südfranzösische und niederländische Landschaften, Häuser, auch Blicke in Zimmer, Zypressen, arbeitende Menschen auf Feldern und Porträts von seinen Ärzten in der Anstalt von St. Remy. Hat er je daran gedacht, diesen Schatz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? "Ja", sagt der Maler, "ich habe das Buch dem Bügermeister von Heraklion für eine Ausstellung angeboten. Aber er hat abgewunken. Kein Interesse." Und so ruht dieser einmalige Schatz weiter in einem Banktresor und wartet darauf, eines Tages doch noch gehoben und die Kunstwelt erfreuen zu können.