Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Annette Bültmann
 
Seilbahn außer Betrieb
 
In der derzeitigen Installation von Isabelle von Schilcher und André Pascal Stücher in Münster im Wewerka-Pavillon sieht man eine Seilbahn, wie sie manchmal auf Spielplätzen zu finden ist, ein Sitz, der dazu gemacht ist, an einem Seil entlang zu gleiten, aber, während sich die Pfosten außerhalb befinden, verschwindet der mittlere Teil der Seilbahn im Ausstellungspavillon, der großenteils aus Glas besteht. Die Seilbahn ist also komplett sichtbar, aber durch den Glaskasten stillgelegt, der Sitz hängt bewegungslos innerhalb des Ausstellungsraums. Die Installation heißt "When I was younger than now I am... I liked swimming so I swam". Durch diesen Titel, der auf eine bessere Vergangenheit in einer jüngeren Lebensphase hinweist, könnte man auf den Gedanken kommen, dass hier an die Jugend als eine bessere Zeit gedacht wurde. So etwas wie ein goldenes Zeitalter , in dem die Freiheit für spontane Handlungen größer war, während in einem späteren Stadium die Seilbahn ruhiggestellt wurde, unbewegt im Glaskasten, also, wenn man es symbolisch betrachtet, das Individuum in seinen Handlungen eingeschränkt.

Nun hat ja längst nicht jeder Mensch das Gefühl, dass die Jugend besondere Handlungsfreiheit mit sich bringt, und auch beim Mythos vom goldenen Zeitalter wird manchmal gefragt, ob er nicht eine in die Vergangenheit projizierte Zukunftsvision ist, also eigentlich eine Utopie, Science Fiction, oder eine Hoffnung auf Besserung. Drückt also dieses Kunstwerk die Hoffnung auf Besserung des irgendwie eingefrorenen Zustands aus? Oder ist die Installation das Bild einer psychischen Störung? Z.B. als narzisstische Selbstspiegelung bei Annäherung an den Glaspavillon, der Betrachter sieht sich selbst als Spiegelbild in der Fensterscheibe, und einen Zustand des Kunstwerks, der, obwohl die Seilbahn nach Bewegung ruft, Einwirkung von außen großenteils abzulehnen scheint. Ein Spielplatz, der sich der Betrachtung darbietet, dem aber die Lebhaftigkeit der Bewegung fehlt. Oder ist dies kein Mangel, sondern der Wunsch nach Innehalten in einem zu hektisch gewordenen und oft sinnlos sich bewegenden Karussell?

In gewisser Weise kann der Besucher sich jedenfalls in die Kindheit zurückversetzt fühlen, wenn er das Holzgestell der Seilbahn betreten möchte, das eine Plattform hat, die dazu einlädt. Aber die befindet sich etwas höher als angenehm zu besteigen wäre, so dass man sich heraufziehen oder Anlauf nehmen muss, um heraufzugelangen, wie ein Kind an einem noch etwas zu großen Gerät auf einem Spielplatz.

Der Wewerka-Pavillon wurde 1987 für die documenta 8 in Kassel von Stefan Wewerka entworfen, und ein Jahr später in Münster aufgestellt. Hier ist er in Gesellschaft diverser Kunstwerke im öffentlichen Raum, die durch die alle 10 Jahre stattfindenden Skulptur Projekte nach Münster gelangt sind. 1977, 1987, 1997 und 2007 wurden jeweils über das Stadtgebiet verteilte Skulpturen und Installationen internationaler Künstler gezeigt, von denen einige dauerhaft aufgestellt blieben, und an verschiedenen Orten der Stadt zu finden sind. In den Aaseewiesen finden sich in der Nachbarschaft des Wewerka-Pavillons seit 1997 der poetische Sendemast des ukrainischen Künstlers Ilya Kabakov, eine Antenne mit dem Titel: "Blickst du hinauf und liest die Worte...", ein in den Himmel ragender Mast, dessen Verzweigungen hoch oben noch gerade eben lesbare Worte bilden: "Mein Lieber! Du liegst im Gras, den Kopf im Nacken, um dich herum keine Menschenseele, du hörst nur den Wind und schaust hinauf in den offenen Himmel - in das Blau dort oben, wo die Wolken ziehen - das ist vielleicht das Schönste, was du im Leben getan und gesehen hast."
In der Nähe, in den Aaseewiesen unterhalb des Mühlenhofes, befindet sich die Skulptur "Ohne Titel" von Donald Judd, ein Überbleibsel der ersten Skulptur Projekte 1977, zwei Betonringe, von denen einer der Neigung der Wiese folgt, der andere gerade ist wie der Wasserspiegel des nahen Sees.
Eine gewisse äußere Ähnlichkeit damit hat das "sanctuarium" von Herman de Vries, ebenfalls ringförmig angelegt in einer Wiese, am nördlichen Schlossgarten. Das "sanctuary", Heiligtum und Naturreservat, beherbergte in diesem Falle zunächst einen unbepflanzten Raum, der mit der Zeit wieder von Pflanzen besiedelt wurde. Die natürlich dort gewachsenen Pflanzen und sie besuchende Insekten können vom Betrachter durch Öffnungen in den vier Himmelsrichtungen bewundert werden.
 
Diese und weitere in der Nähe gelegene Skulpturen sind zu finden unter:
http://www.muenster.de/stadt/skulpturen/uebersicht.html
und
http://www.lwl.org/skulptur-projekte-download/muenster
 
 
Isabelle von Schilcher/André Pascal Stücher
When I was younger than now I am...
01. Juli bis 06. September 2009
Eröffnung: 30. Juni, 19 Uhr
 
 
Pressetext:
 
Isabelle von Schilcher und André Pascal Stücher
 
When I was younger than now I amÉ I liked swimming so I swam.
 
 
Zwei Seilbahnstationen stehen in der jeweiligen Verlängerung des Wewerka Pavillons ca. 7 Meter vom diesem entfernt. Ein Stahlseil spannt sich über 34 Meter Distanz von der einen Plattform zur anderen und läuft dabei quer durch den Ausstellungsraum.
 
In der Mitte des Raumes hängt am tiefsten Punkt des Seiles ein Seilbahnsitz. Er ist das zentrale Ausstellungsstück. Der Pavillonboden ist mit Rasen ausgelegt und fügt sich so in die Aaseelandschaft ein. Schleifspuren lassen einen Gebrauch der Seilbahn vermuten. Der Pavillon bleibt die gesamte Ausstellungsdauer über geschlossen. Die Seilbahn selbst ist nicht zu benutzen.
 
Die Skulptur ist daher halbfunktional. Die zwei außen stehenden, stabil konstruierten Stationen sind begehbar und schaffen einen neuen Blickwinkel auf den Pavillon und die angrenzende Umgebung.
 
Mehr als eine Seilbahnanlage ist dieses Werk eine Zeichnung in der Landschaft. Eine Idee, eine Abstraktion. Und doch ist sie da: Das Kabel zeichnet eine Kurve und durchdringt den Raum.
 
Die physische Präsenz der Seilbahn fordert zum Handeln, verlangt nach Aktion. Wir wollen aber können nicht. Die Beziehungslosigkeit zwischen Seilbahn und Pavillon wirkt irgendwie falsch, befremdlich. Erst wenn wir das Augenmerk von der Disfunktionalität der Anlage hin zu ihren skulpturalen Qualitäten verschieben, konvergieren unsere Erwartungen mit dem Kunstwerk. Erst dann schreitet man langsam zurück, entfernt sich immer mehr, bis man die Parkanlage, samt Pavillon und Seilbahn, nur noch als Totale am Horizont sieht. Die Welt vor sich implodiert und schrumpft auf die Größe einer Modelleisenbahnlandschaft. Das Werk nähert sich somit dem Gedanken, welcher an der Basis von Isabelle von Schilchers und André Pascal Stüchers Überlegungen stand:
 
"Die Arbeit When I was younger than now I am... I liked swimming so I swam soll Raum für Reflexionen über die eigene Kindheit, die Beschaffenheit des Pavillons und die angrenzende Umgebung, sowie über die Funktion der Kunst allgemein schaffen."
 
 
 
 
Ausstellungen im Wewerka Pavillon:
http://www.wewerka-pavillon.de