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Kontroverse um Bundesverdienstkreuz für Felicia Langer



Bundespräsident Horst Köhler verlieh Langer am 16. Juli 2009 das Bundesverdienstkreuz I. Klasse als Anerkennung für ihr Lebenswerk. Staatssekretär Hubert Wicker überreichte es ihr in der Villa Reitzenstein, dem Amtssitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger. In seiner Laudatio würdigte er Langers Engagement „für Frieden und Gerechtigkeit sowie für die Wahrung der Menschenrechte“, ihren Einsatz für hilfsbedürftige Personen ohne Ansehen von deren Nationalität oder Religion, unabhängig von ihrer persönlichen politischen, weltanschaulichen oder religiösen Motivation, und erinnerte an ihre Kindheit und Jugend, die von Leid, Krieg, Verfolgung und Flucht geprägt gewesen sei. Viele ihrer Familienmitglieder seien in Konzentrationslagern gestorben.[20]



Die Publizistin Evelyn Hecht-Galinski hatte diese Auszeichnung angeregt, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hatte sie unterstützt.[21][22] Die von Oettinger geführte Landesregierung von Baden-Württemberg hatte seinen Vorschlag übernommen und dabei alle im üblichen Ordensverfahren beteiligten Stellen einschließlich des Auswärtigen Amtes einbezogen.[23]



Der Vorgang führte zu Kritik in Deutschland, Israel und den USA. Arno Lustiger, Ralph Giordano und Arno Hamburger kündigten die Rückgabe ihrer Bundesverdienstkreuze an, falls Langers Ehrung nicht rückgängig gemacht werde. Sie habe Israels Palästinenserpolitik mit dem Holocaust verglichen[24] und sei eine langjährige „Feindin Israels“ mit „verheerender Wirkung“ für, Giordano zufolge, ein in Deutschland verbreitetes Bedürfnis, „sich vom eigenen Schulddruck durch Kritik an Israel zu entlasten“.[25] Hamburger gab seine Auszeichnungen zurück[26], während Giordano seine Ankündigung später zurücknahm, dabei jedoch seine Kritik an Langer aufrechterhielt.[27]



Der Zentralrat der Juden in Deutschland, das New Yorker American Jewish Committee, Johannes Gerster und die Deutsch-Israelische Gesellschaft[28], Henryk Broder, einige jüdische Gemeinden und andere kritisierten Köhlers Entscheidung und forderten deren Rücknahme. Broder vermutete, Köhler habe diese in Unkenntnis von israelfeindlichen Aussagen Langers getroffen.[29] Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, erklärte in einem Interview, Deutschland habe damit jemanden ausgezeichnet, der professionell, chronisch und obsessiv die Dämonisierung Israels betreibe.[30]



Der israelische Reiseführer Motke Shomrat hatte für sein Eintreten zur Versöhnung zwischen Israelis und Deutschen ein Bundesverdienstkreuz erhalten. Er gab es am 24. Juli 2009 zurück[31], weil Langer israelfeindlichen Aussagen Ahmadinedschads zugestimmt habe.[32] Der Sprecher des israelischen Außenministeriums kritisierte die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes und meinte dazu, Langer habe beständig die Kräfte unterstützt, die Gewalt, Tod und Extremismus beförderten.[33]



Der Antisemitismusforscher Micha Brumlik kritisiert Langers Auftreten, Argumentation und Wortwahl als zu einseitig. Nur Israel für die Situation im Nahen Osten verantwortlich zu machen, schätzt er als antisemitisches Argumentationsmuster ein. Dennoch habe sie das Bundesverdienstkreuz „eventuell in der Sache verdient“, weil sie darauf aufmerksam gemacht habe, dass die Menschenrechte der arabischen Bevölkerung des von Israel besetzten Westjordanlands ständig verletzt würden.[34]



Boris Palmer und Baden-Württembergs Landesregierung verteidigten die Verleihung: Sie habe der Lebensleistung, nicht der Ideologie Langers gegolten.[35] Langer selbst bezeichnete die Kritik an ihrer Ehrung am 23. Juli 2009 als „Verleumdungskampagne“, die Kritik an Israel unterdrücken solle, und lehnte es ab, das Bundesverdienstkreuz zurückzugeben.[36] Sie zeigte sich überzeugt, auch für das israelische Volk, nicht nur die Palästinenser etwas Gutes zu tun.[37]









Einzelnachweise

20. Landesportal Baden-Württemberg, 16. Juli 2009: Verdienstkreuz 1. Klasse für Felicia-Amalia Langer aus Tübingen

21. Schwäbisches Tagblatt, 22. Juli 2009: Auszeichnung Felicia Langers löst Wirbel aus

22. Stefan Hupka: Das Kreuz mit den Verdiensten, Badische Zeitung, 21. Juli 2009

23. Benjamin Weinthal (Jerusalem Post, 22. Juli 2009): Jews to return German honors in protest

24. Offener Brief Arno Lustigers an Horst Köhler (21. Juli 2009, pdf)

25. Offener Brief Ralph Giordanos an Horst Köhler (pdf)

26. Arno Hamburger gibt seine Orden zurück, in: Nürnberger Nachrichten, 2. Sept. 2009.

27. Ralph Giordano, "Ich bin immer noch geschockt", in: Die Welt, 6. Aug. 2009.

28. Johannes Gerster (Deutschisraelische Gesellschaft, Pressemitteilung 21. Juli 2009): Ehrung von Frau Langer war ein schwerer Fehler. Fehler muss man korrigieren!

29. Henryk Broder, Spiegel 23. Juli 2009: Feigenblatt des schlechten Gewissens

30. Die Zeit, 21. Juli 2009: Bundesverdienstkreuz: Köhler gerät über Vergabe unter Druck

31. Ulrich W. Sahm (ntv, 24. Juli 2009): „Mit großem Schmerz“ Bundesverdienstkreuz zurückgegeben

32. Benjamin Weinthal (Jerusalem Post, 22. Juli 2009): Jews to return German honors in protest; Motke Shomrat (Die Jüdische, 20. Juli 2009): Eine Schande

33. Benjamin Weinthal (Der Tagesspiegel, 24. Juli 2009): Israel kritisiert Köhler wegen Orden für Jüdin

34. Der Spiegel, 22. Juli 2009: Antisemitismusforscher Brumlik: „In der Sache hat Frau Langer das Bundesverdienstkreuz verdient“

35. Schwäbisches Tagblatt, 23. Juli 2009: Langer-Ehrung: Attacken gegen Palmer

36. Focus, 23. Juli 2009: Felicia Langer will das Bundesverdienstkreuz nicht zurückgeben

37. Deutschlandradio Kultur, 23. Juli 2009: Felicia Langer will Bundesverdienstkreuz nicht zurückgeben (Interview)





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