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Jörg Boström

 

60 Jahre 60 Werke. Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 2009. Auch von Bild.

Persönlicher Rundgang eines vornehmlichen Pensionärs.Teil 1.

 

Das Grundgesetz wird 60 Jahre. Die BRD. Die DDR? 40?. Aus dem Besatzungsland wird eine eigene, doppelte Republik. Nun bietet die BILD Zeitung gemeinsam mit weiteren Sponsoren jeweils ein Bild für jedes Jahr. „BILD dir deine Meinung“. Im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Kunst ist kein Pferderennen. Welches ist das jeweils Beste? Aber Zeit prägend können Bilder sein und von Zeit selbst geprägt. Eine Beratergruppe wählt sie aus. Bis 1989 aus der Kunstszene der BRD. Wo bleibt da die DDR? Ab 1990 aus der wiedervereinigten Republik.

Der Berliner „Tagesspiegel“ ist verschnupft. Viele Künstler aus dem Osten auch:

Die „Bild“-Zeitung im Verein mit vornehmlich pensionierten westdeutschen Museums- und Feuilletongranden wollte ausschließlich die künstlerischen Errungenschaften auf der Basis des Paragrafen 5, Absatz 3 des Grundgesetzes feiern. Die darin garantierte Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre gab es in der DDR erwiesenermaßen nicht. Also haben auch Werke aus dem anderen Deutschland nichts in der Ausstellung verloren, so die Schlussfolgerung von Walter Smerling, dessen Bonner Stiftung Kunst und Kultur die Schau organisierte. Eine solche bornierte Haltung mag im Rheinland durchgehen. Zu einem Ärger aber wird sie in Berlin, wo in den vergangenen beiden Jahrzehnten um die gegenseitige Anerkennung der Kunst gerungen wurde...“.

Nun ist der Untertitel der Ausstellung eindeutig: "Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland von ´49 bis ´09. Demnach ist die Kunst aus dem "Osten" mit dabei, ab 1989. Vorher gehörte sie nicht zum Kunstbereich Bundesrepublik Deutschland.

Im aufwändig gestalteten Katalog ist eine Diskussion in Ausschnitten wiedergegeben, welche von den Organisatoren und Kuratoren zu Beginn dieses Kunst und Kulturprojektes geführt wurde. Schon hier wird diese Problematik deutlich angesprochen. Man einigt sich zuletzt auf das Konzept, 60 Jahre Bundesrepublik und 60 Werke und - 60 Jahre Grundgesetz in enger Verbindung zur Grundlage weiterer Entscheidungen zu machen. Danach ist die DDR nicht dabei, ohne Grundgesetz, wohl aber seit der Wiedervereinigung Künstler aus ihrem Bereich wie etwa Wolfgang Matheuer mit einem Werk von 1993. Arbeiten aus der DDR in den Westen gelangter Künstler wie Polke, Richter, Penk sind natürlich auch zu sehen. Eine „gesamtdeutsche“ Ausstellung seit 1949 wäre ein anderes und sicherlich nicht weniger Konflikt beladenes Thema. Der „Ärger in Berlin“ und bei Kunstler aus der DDR vor 1989 ist daher unvermeidlich. Arno Rink sagt dies deutlich. Im SPIEGEL:

"Man benutzt das Grundgesetz, um seine Aversion gegen die DDR-Kunst zu kaschieren. Man will uns immer noch nicht. .. Nach der Wende hat uns die BRD als Konkurenz wahrgenommen. Da kriegten wir natürlich mal richtig was auf die Fresse."

Ich erinnere mich an die letzte Dresdener Kunstausstellung 1987. Für die Zeitschrift "Bildende Kunst" hatte ich auf Anfrage einen Artikel geschrieben. Auch über das Eigenständige, Persönliche und Subversive der Kunst in der DDR. Der Text wurde in der Redaktion mit einer Flasche Rotwein gefeiert. Neue Sicht. "Perestroika". Und dann abgelehnt. Mit vorgehaltener Hand. Geht leider nicht. Sitte will nicht.Kunstpapst. Ich schickte den Text "tendenzen". DKP und DDR gefördert. Die brachten ihn auch nicht. Statt dessen etwas An- und Eingepasstes. Insgesammt kam die Diskussion um politische Veränderungen in der offiziellen Kunstszene wohl nicht vor. Die Leipziger Demonstrationen und der Fall der Mauer. Kein Thema. Beide Zeitungen verschwanden lautlos nach der Wende. Als hätten sie nichts bemerkt. Als würden sie nicht bemerkt. Sorry. "Ich bin dann mal weg".

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Zurück zum Empfang. Im Saal vom Martin-Gropius-Bau versammeln sich viele geladene Gäste und warten auf Auftritt und Ansprache der Kuratoren, Sponsoren. Der Kanzlerin.

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Im Raum sorgfältig inszeniert und verteilt von Markus Lüpertz befindet sich eine Folge von Bronze Plastiken, welche Affen in diversen Posen auch in Erwartung der Festredner zeigen. Werk von Jörg Immendorff. Einer scheint als Vorredner bereits einführende Worte zu sprechen. .

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Kai Diekmann, Chef von BILD und wesentlicher Initiator des Projekts, spricht zum Konzept, zur Auswahl, zu den Schwierigkeiten und den Erlebnissen bei der Realisierung. Rechts neben sich wie bei allen späteren Rednern ein bemühter Affe auf Krücken. Wiederum sorgfältige Anordnung und ironische Inszenierung durch Markus Lüppertz. Jörg Immendorff hätte es auch gefallen.

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Angela Merkel wünscht ein gutes Gelingen auch der weiteren kulturellen und politischen Vereinigung und dem wiederum neuen deutschen Selbstgefühl. Eine "Ostdeutsche". Trotzdem ist der kulturelle Konflikt Ost-West immer wieder ein Thema.

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Nach einer längeren Besichtigung der Ausstellung mit Führung und Gefolge, welche das Publikum noch geduldig warten lässt, verlässt die Kanzlerin den Martin Gropius Bau, umringt von Fotografen. Zuletzt ein freundlicher Wink.

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Dr. Walter Smerling, Ausstellungsmacher, „Martin-Gropius-Bau“ Direktor Gereon Sievernich und Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Gespräch nach der Eröffnung.

Die Werke in dieser Zeitreise lassen erinnern. An Entwicklung und Kampf.Staeck:“Vorsicht Kunst!“. Als meine „Generation“ ins Studieren und Malen geriet, war die Szene durch „Abstraktion“ vernagelt. Den Streit zwischen Baumeister und Hofer hatten wir nicht miterlebt. Was macht ein Schüler als süchtiger Zeichner und Maler von Menschen und Szenen in dieser Zeit. „Malen se doch abschtrakt!“, riet mir eine wohlmeinende Nachbarin. Realismus ist nur was aus und für den Osten. Dass der Begriff „Sozialistischer Realismus“ von Brecht geprägt war und nicht etwa von Ulbricht, war nicht im Bewusstsein. Freiheit ist“Informell“. Alles kommt von innen und aus den Bewegungen des Körpers. Junge Künstler dieser Zeit fanden ein reiches und abgearbeitetes Spektrum von „freier“ Kunst vor. Wols, Trier, Nay, Schumacher, Schultze, Götz, Hoeme. Was soll man da noch machen? An der Düsseldorfer Kunstakademie mit Mappe angekommen. Eine Zeichenklasse gab es. Von Bruno Goller. Also dahin. „Sie haben einen sympathischen Strich“, sagte er und nahm mich auch in die Malklasse. Gelernt hat man bei ihm auch die selbst bezogene Ruhe und Eigenständigkeit. Neben dem „Gollern“ der ersten Zeit. Gollern haben wir Studierende bei Goller genannt, wenn man sich in.seiner Malweise etwas mehr als nötig dem Malstil von Bruno Goller aneignet. So dass man von weitem sieht, wo man studiert oder studiert hat. Überraschend dann in der Ausstellung die Bilder dieses Professors. Fluchtwege ins Neue: Presse- und Familienfotografie bei Richter, Bild- und Struktur-Montagen bei Polke, Werbung und Sport bei Fischer. Sie propagierten den "Kapitalistischen Realisus". Dann auch Material und Mystik bei Beuys. Aus Amerika kam eine Ausstellung von Edward Hopper. Nanu, der hat ja schon immer und immer wieder Menschen und Szenen im Blick. Fotografie bei mir. Beobachtung. Variationen. Sequenzen. „Der Gegenstand ist nicht mehr tragfähig“, meinte Werner Haftmann. Geht nur mit der Fotografie, meinte der Kunstkritiker John Antony Thwaites, der drei Ausstellungen von Eva Wolter und mir eröffnete. Hinzu kamen Beobachtung der Szene mit der Kamera. Erweitertes Auge. Galerie Schmela, ZERO, Beuys, LIDL Akademie. Damals als Fotografie ganz privat und unwichtig. Nun als Bildband „Zeitsprung“ erschienen. Fotografien werden im Alter immer mehr beachtet.

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1961 Norbert Kricke/Raumplastik

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1955, Ernst Wilhelm Nay/Stellar chromatisch, links

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1956 Hans Hartung/T 1956-26, 1958, Hans Uhlmann/Kleines Karussel

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1963, Rupprecht Geiger/367/63, links

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1953, Bruno Goller/Zwei Frauen

Drei Frauen! Meine kommt hinzu und freut sich mit mir, überraschend Bilder "meines" Professors zu sehn. Ich war 17 Jahre alt, als er sie malte.

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1960, Gerhard Hoehme/Große Strukturlandschaft

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1965, Gerhard Richter/Tiger

Es war zunächst noch nicht üblich, dass Fotografien in Galerien ausgestellt wurden. Eine Professur für Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf gab es auch nicht. Noch nicht. Zu meiner Studienzeit gab es einen Professor Walter Breker für Gebrauchsgrafik. Einer seiner Assistenten war Bernd Becher. Er richtete mit räumlicher Abtrennung ein Fotolabor ein. Im Laufe der Jahre begann er zusammen mit Hilla Becher die umfangreiche Arbeit zu dem Gesamtwerk, das in seiner Geschlossenheit im Bereich der Fotografie von Architektur und Industriebau hauptsächlich im Ruhrgebiet unübersehbar wurde. Später wurde Bernd Becher Professor an der selben Kunstakademie und schuf auch als Lehrender ein ebenso unübersehbares Werk. Die „Düsseldorfer Schule“. Also Becher, Ruff, Gursky und viele andere.Heute ist die Fotografie insbesondere in Großen Formaten fester Teil der großen und kleineren Ausstellungen und unbestritten eingeführt auch im Machtbereich der Kunst und des Kunsthandels. Dies gilt in einzelnen Beispielen auch von der Plakat Kunst, soweit sie sich mehr mit der Gesellschaft politisch und kritisch auseinandersetzt. Wie etwa im Werk von Klaus Staeck oder Ernst Volland. Die Werbegrafik ist in der Kunstsene bisher nicht angekommen. Noch nicht. Doch. In der Verwandlung als Pop Art.

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1987/88, Thomas Ruff/ Porträts Dirk Skreber, Elke Dendal, Thomas Bernsten

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1970-89, Bernd und Hilla Becher/Hallen und Häuser, Ruhrgebiet.

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1993, Andreas Gursky/Paris Monparnasse

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Rebecca Horn, Mitte, Gotthard Graubner, sein Rücken

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1980-89, Klaus Staeck, Interwiew vor seiner Wand.