Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Jörg Boström

2. Panoramen. Fotoarbeiten von Eckart Schönlau

 

Ein anderes Panorama ist in in unterschiedlichen Projektionen und als Quicktime Film zu betrachten.

Diese spezielle Panoramafotografie ist es so komplex, dass man sich daraus entstehende Ergebnisse vorher kaum vorstellen kann.

 

Die analoge Fotografie unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der digitalen Fotografie. Bei analoger Fotografie entstand auf der lichtempfindlichen Silberhalogenschicht des Films bei Belichtung ein unsichtbares latentes Bild, welches dann durch chemische Prozesse irreversibel zu einem Negativ aus metallischem Silber entwickelt und fixiert wurde. In der digitalen Fotografie gibt es kein Negativ mehr. Im Gegensatz zum irreversiblen chemischen Entwicklungs Prozess, bei dem ein aus mehr oder weniger geballten Silberatomen bestehendes unveränderbares Negativ entsteht, ist die digitale Fotografie ein Messverfahren. Helligkeiten und Farbwerte einzelner quadratischer Pixel werden bei der Auslösung gemessen. Die erhobenen Zahlen-Daten wandern auf Speichermedien. Es sind nun Bilder , die aus Zahlenmatrizen bestehen, und erst im Monitor des Computers sichtbar werden.

 

Panorama Aufnahmen sind entsprechend umfangreiche Datenerhebungen. Die gesamte Umgebung wird dabei nach einem festen technischen System eingescannt. Die Blickrichtung der auf den Panorama Kopf justierten Kamera lässt keinen Sektor aus. In einem Kugelpanorama können sämtliche Blickwinkel, die von einem Standpunkt aus sichtbar sind, wiedergegeben werden. Unmittelbar auf zweidimensionales Papier bringen lässt sich solch eine Aufnahme nicht mehr. Genau wie bei der Darstellung der Erdoberfläche auf einer Weltkarte muss man hier Projektionen anwenden.

 

Gegenüber der normalen Fotografie ist die Aufnahmestrategie beim Panografieren darum gänzlich anders. Man kann hier bei der Aufnahme keinen Ausschnitt wählen (da sowieso alles erfasst wird), und braucht deshalb nicht einmal durch den Sucher der Kamera zu schauen, sondern steht vor der Herausforderung, einen Brennpunkt im Raum zu finden, in dem sich die visuellen Eindrücke und Formen des Aufnahmeortes bündeln. Das ist wiederum auch eine ästhetische Entscheidung. Was das genau bedeutet ist vorab nicht fassbar. Selbst ein Blinder könnte das Stativ mit der Kamera irgendwo im Raum aufstellen und ein Kugelpanorama aufnehmen. Denn auch ein sehender Fotograf kann vor Ort nicht verlässlich kalkulieren was dabei als Bild herauskommt. Solche Bild gebenden Prozesse sind derart komplex, dass sie unser visuelles Vorstellungsvermögen überfordern . So hat ein 360 Grad breites und 180 Grad hohes, auf zweidimensionales Papier projiziertes, equirectangulares Panorama immer eine völlig andere visuelle Wirkung als einem die Augen vor Ort vermitteln. Bilder solcher Art haben eine andere visuelle Lesart, die man mit Übung beim Betrachten sehend erlernen kann. Von solchen equirectangularen Panoramen sind einige in dieser Ausstellung zu sehen (Beispiel 1). Aber meist dienten diese equirectangularen Panoramen hier als Rohstoff für noch komplexere Bilder. Am Computer lassen sich diese Rohstoffbilder in eine Menge unterschiedlicher Arten von Projektionen umwandeln. Mit solch zylindrischen Projektionen (Beispiel 2) hat auch der Künstler M. C. Escher experimentiert. Durch stereografische Projektion ist aus einer Aufnahme (Beispiel 3) des riesigen etagen übergreifenden Fensters im Heizkraftwerk der Stadtwerke ein unerwartbares neues Bild entstanden. Das durch Zufall „erwürfelt“ wurde. Kaleidoskopartig lassen sich sphärische Panoramen im Computer verwirbeln und verwandeln. Es ist dies wie ein nachträgliches "Fotografieren" beim dem sich die Pixel nach mathematischen Regeln neu formieren und gruppieren. Trotzdem bleiben es (komplexe) realistische Abbildungen unserer Umgebung, Die unsere Vorstellung von Sehen relativieren.

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Dazu zwei Zitate von Andreas Feininger (aus Feinigers Fotolehre, Kapitel: Fotografisch sehen) :

"Auf solchen Fotos zeigt man das Objekt in einer Form, die sich von der, die das Auge wahrgenommen haben würde, unterscheidet, in einer Form, die der, die das Auge wahrgenommen hätte, überlegen ist, weil sie mehr aussagt. Wegen dieses Unterschiedes muss man solche Fotos "unnatürlich" nennen, und doch würde wahrscheinlich niemand leugnen, dass sie interessanter und besser als viele Fotos sind, die streng genommen "natürlicher" sind, weil sie den vom Auge wahrgenommenen Bildern genauer entsprechen."

"Unser Sehen funktioniert so, dass wir dreidimensionale Dinge in gradliniger Perspektive sehen. Obwohl die meisten fotografischen Objektive so konstruiert sind, dass sie diese Art von Perspektive hervorrufen, ergeben andere Objektive eine zylindrische oder sphärische. Die bemerkenswerten Eigenschaften dieser Art von Perspektiven machen es möglich, Eindrücke zu erzeugen und Beziehungen zwischen einem Objekt und seiner Umgebung aufzuzeigen, die über den Bereich anderer grafischer Mittel hinausgehen."  

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So etwa könnten auch Bilder aussehen, wenn Alexander Rodtchenko und Lazslo Moholy-Nagy heute digital fotografieren würden.

Man kann heute im Display der Digitalkamera meist sofort das Ergebnis sichten und beurteilen.

Bei dieser digitalen Montage Technik jedoch nicht - erst nach langer Rechenzeit am Computer kann man Ergebnisse betrachten.

Dieses unkalkulierbare Element hatte Schönlau immer beim Fotografieren gereizt, auch als es noch nur auf Filmen möglich war . In dieser Form hat er es sich auch bei digitaler Fotografie erhalten.

Da wird der Computer zum Stellvertreter für körperliche Bewegung. Er leistet diese Suggestion auch bei anderen Arbeiten am Schreibtisch. Wir sitzen still und gebückt und sausen durch Welt und Kosmos, von Information zu Kommunikation zu Kooperation. Auch das Wandern durch die Gänge von Bibliotheken kann ersetzt werden durch das Streicheln einer Maus.

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Bei der Entdeckung der perspektivischen Gesetze während der Renaissance erschloss sich dem Künstler und Betrachter die Ferne. Das Zeitalter der Entdeckungsreisen begann. In der Romantik verschwand sie in einem Nebel der Unerreichbarkeit. Der Mensch blieb in Sehnsucht versunken bei sich. Nun umgibt uns, eingehüllt in die uns umfassenden All Round Perspektive die nahe gelegene Welt und lässt uns nicht mehr entweichen. Im Falle dieser Rund Bilder Kugeln von Eckhart Schönlau ist es die industrielle Welt der Stadtwerke dieses Ortes.

Es könnte aber auch sein die der Banken und Börsen, wenn man das Stativ mit der kreisenden Aufnahme Technik dort aufstellt. Nicht die Öffnung frei nach Schiller "Seid umschlungen Millionen diesen Kuss der ganzen Welt..." sondern wir sind umschlungen zunächst auch von Millionen, die uns eine Nase drehen. Der Sprung in die Freiheit ist dann für einzelne Getroffene der irrtümlich Sprung aus dem Fenster oder auf die Gleise. Baut die Kunst, in diesem Falle die Foto Kunst, uns die Welt und dann sehen wir sie neu, oder reagieren Kunst und Bild Technik auf das Bild, das wir vorher in unserer Vorstellung von der Welt machen, die wir oft beschönigend Um Welt nennen?

Mit jeder neuen Form stellt uns die Kunst auch neue Fragen.

Fragen ohne direkte Antwort, welche die Horizonte ins Ungewisse wieder etwas öffnen können.

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EinladungEckart20SchAnlauend