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Ein Herz für Domenica

Kiez St. Pauli, Hamburg. Fotografien von Ute Pahmeyer

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 800 Menschen beim Trauerzug für die bekannteste Ex-Hure

 Die Herbertstraße ist für regen Verkehr bekannt, doch so voll war es hier noch nie. 800 Menschen schieben sich durch die sündige Gasse. Vorneweg eine Bläserkapelle, ein buntes Völkchen hinterher. Gestern hat St. Pauli Abschied von Domenica (63) genommen. Es war bunt, es war schrill, es war ein bisschen traurig - genau wie ihr Leben.

 An einem Freitag um 14 Uhr ist auf dem Hans-Albers-Platz normalerweise tote Hose. Nun kommt man hier kaum vorwärts. Stark geschminkte Damen in schweren Pelzmänteln sind gekommen, ehemalige Kiezgrößen, Polizistinnen, aufgerüschte Paradiesvögel, Sozialarbeiterinnen, alte Freunde. Schwarz tragen die wenigsten.

 Deutschlands berühmteste Ex-Hure war am 12. Februar an einem Lungenleiden gestorben, Kiez-Fotograf Günter Zint hat die Trauerfeier organisiert. Vom Hans-Albers-Platz geht es durch die Herbertstraße. Ausnahmsweise ist heute auch Frauen der Zutritt erlaubt. Der Fotograf und die Autorin Peggy Parnass führen den Zug an. Die Kapelle "Tätärä" spielt dazu "Satisfaction" von den Rolling Stones, danach gibt es eine Schweigeminute, mitten zwischen den Bordellen.

 Viele warme Worte sind über Domenica zu hören. "Sie war eine tolle Frau. Als ich früher beim Training war, habe ich danach häufig bei ihr in der Herbertstraße übernachtet", sagt Ex-Boxer René Weller. "Sie war eine Frau nur aus Herz, überzogen mit Haut", stößt Domenicas Freundin Christine Licht hervor.

 In den 80er Jahren war Domenica berühmt, später ließ man sie fallen. "Sie war für jeden da. Umgekehrt war das nicht so", sagt Werner Kwoll (66), ein kleinwüchsiger Schauspieler. Und ihre alte Freundin Helga Geiger (63, ehemalige Striptease-Tänzerin) sagt angesichts der vielen Trauergäste: "Die ganzen Leute hier hätten mal kommen sollen, als sie noch lebte." Sie trägt einen Hut mit Schleier. "Den hat mir Domenica geschenkt. Ich musste ihr versprechen, ihn zu tragen, wenn sie vor mir gehen sollte", sagt sie.

Bei der Trauerfeier platzt die Kirche am Pinnasberg aus allen Nähten. Neben dem Altar ist der blumengeschmückte Sarg aufgebahrt, Fotos zeigen Domenica tief dekolletiert. Pastor Martin Paulekun erinnert an ihre Kindheit im Waisenhaus, an ihre Zeit als Hure und als Sozialarbeiterin, als sie drogenabhängigen Strichmädchen half. "Sie lebte immer ein Stück an der Grenze", sagt der Pastor.

 Nach einer Stunde ist die Trauerfeier beendet. Sargträger tragen Domenica fort. Sie hat ihr geliebtes St. Pauli nun endgültig verlassen - bestattet wird sie auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Text: Simone Pauls, Hamburger Morgenpost

Peggy Parnass, Autorin, Günter Zint, Fotograf

Domenica. Foto Günter Zint

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Informationen aus

http://de.wikipedia.org/wiki/Domenica

Frühes Leben

Domenica Niehoffs Mutter Anna floh mit ihren Kindern aus ihrer Ehe mit einem gewalttätigen italienischen Ehemann. Sie hielt ihre Kinder mit kleinen Betrügereien über Wasser, wurde jedoch bald festgenommen. Niehoff wuchs daraufhin mit ihrem Bruder bis zu ihrem 14. Lebensjahr in einem katholischen Waisenhaus auf. Sie machte eine Ausbildung als Buchhalterin. Mit 17 Jahren lernte sie einen 42-jährigen Bordellbesitzer kennen, den sie später heiratete.

Nach zehnjähriger Ehe, 1972, als Niehoff 27 Jahre alt war, erschoss sich ihr Mann vor ihren Augen.[2] Im selben Jahr begann sie, in dem Hamburger Vergnügungs- und Rotlichtviertel St. Pauli in dem Großbordell Palais d'Amour und in der Herbertstraße als Prostituierte zu arbeiten. Später betrieb sie ein eigenes Studio und wurde als Domina bekannt.

Öffentliche Bekanntheit

1979 erreichte sie deutschlandweit Bekanntheit und avancierte in den 1980er-Jahren durch zahlreiche Medienauftritte zum gefragten Medienstar und zur prominentesten Prostituierten Deutschlands. In Fernseh-Talkshows trat sie als Vorkämpferin für die Rechte von Prostituierten, die Anerkennung und die Legalisierung des Berufsstands der Prostituierten auf.

Als bekannte Prostituierte kam sie in Kontakt mit Prominenten aus Kunst und Kultur und diente ihnen als Muse. Die Popgruppe Trio bildete auf dem Plattencover der Single „Bum Bum“ nichts weiter als das tief ausgeschnittene Dekolleté der Hamburger Prostituierten ab. Auf den Brüsten stehen – mit Lippenstift gezeichnet – die beiden Wörter „Bum“ und „Bum“. Zunächst sollte das Foto aus Gründen des Jugendschutzes verboten werden, durfte dann aber doch für das Cover der Single verwendet werden – sie spielte auch im gleichnamigen Musikvideo der Band mit.

Der Schriftsteller Wolf Wondratschek widmete ihr Gedichte, er schwärmte „eine Hure bis hinein in ihr großes träges Herz“, „und bis in die Beine eine Frau“, „wenn sie mit dem Hintern wackelt, fließen die Flüsse bergauf“. Niehoff verkehrte gesellschaftlich u. a. mit Tomi Ungerer, Horst Janssen, Alfred Hrdlicka und dem Ehepaar Gloria und Johannes von Thurn und Taxis. Sie trat in mehreren Filmen auf, u. a. „Messalina – Kaiserin und Hure“ (1980), „Taxi nach Kairo“ (1987), „Fernes Land Pa-isch“ (1994). 1993 drehte der Regisseur Peter Kern einen dokumentarischen Spielfilm über ihr Leben, der von Kritikern jedoch als zu langatmig bewertet wurde.

Tätigkeit als Streetworkerin

1990 beendete sie – im Alter von 45 Jahren – ihre Tätigkeit als Prostituierte und arbeitete verstärkt in sozialen Projekten.

1991 war Niehoff Mitinitiatorin des Prostituierten-Hilfsprojektes Ragazza e. V. im Hamburger Stadtteil St. Georg. Sie betreute als Sozialarbeiterin junge drogensüchtige Mädchen und Frauen, die ihre Sucht durch Prostitution finanzierten und aus der Prostitution aussteigen wollten. 1997 gab sie ihre Mitarbeit auf. Der Hamburger Morgenpost sagte sie: „Ich halte das nicht mehr aus […] Mir sind mehr als ein halbes Dutzend Mädchen weggestorben an einer Überdosis Gift, an AIDS, und eine wurde ermordet. Das hält man vielleicht als 35-jährige aus, aber nicht mehr mit meinen 52 Jahren.“

Spätes Leben

Anlässlich der Internationalen Comic-Tage in Hamburg 1993 widmeten ihr neun bekannte Comiczeichner ein Portfolio mit neun Blättern.

1994 veröffentlichte sie ihre Autobiografie „Körper mit Seele – Mein Leben“, die von Hans Eppendorfer aufgezeichnet wurde.

Zum Besuch von Papst Johannes Paul II. in Berlin 1996 sprach Niehoff in einem papstähnlichen Gewand bei einer Demonstration den Transvestiten Charlotte von Mahlsdorf „heilig“, was konservative Politiker von der CSU veranlasste, im Bundestag einen Gesetzentwurf vorzustellen (Beschimpfung eines religiösen Bekenntnisses ohne Störung des öffentlichen Friedens), der jedoch von den übrigen Parteien abgelehnt wurde.

1998 bis 2000 betrieb sie am Hamburger Fischmarkt eine kleine Kneipe („Fick“), die sie aus finanziellen Gründen (20.000 DM Steuerschulden) schließen musste.

2001 starb ihr Bruder. Bis 2008 lebte sie in Boos (Eifel) in dem von ihrem Bruder geerbten Haus, bevor sie wieder nach St. Pauli in ein Mehrfamilienhaus zog.[2] Aus der Erbschaft konnte sie nach eigenen Angaben ihre Verbindlichkeiten begleichen.

Die Ausstellung Sexarbeit Prostitution – Lebenswelten und Mythen im Museum der Arbeit in Hamburg schenkte berühmten Prostituierten wie Rosemarie Nitribitt, Christine Keeler und auch Domenica Niehoff besondere Beachtung (4. November 2005 bis 7. Mai 2006).

Domenica Niehoff starb im Februar 2009 im Allgemeinen Krankenhaus Altona in Hamburg an den Folgen eines Lungenleidens.[2]




Der Text basiert auf dem Artikel Domenica Niehoff aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.