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Martin Roman Deppner

Im Netz der Werke

 Auch in diesem Semester sind aus den drei am Fachbereich vertretenen Studienrichtungen, Fotografie und Medien, Grafik und Kommunikationsdesign und Mode Arbeiten vertreten, die in der Tat beeindruckn, vernetzt sind sie allein durch den Geist der sie verbindet, das Umsetzen der hier im Haus gelehrten “konzeptionellen Gestaltung.

Wie in meinem Vorwort hier im Diplom-Katalog nachzulesen ist, setze ich auf den Dialog der Gestaltungsmöglichkeiten, auf den Dialog zwischen den alten Methoden und den neuen Netzwerken, auf den Dialog zwischen analogen und digitalen Medien, auf das crossing der Medien und Materialien und nicht zuletzt auf den Dialog zwischen Theorie und Praxis. Viele der hier ausgestellten Arbeiten verdanken sich Impulsen, die aus den sich überschneiden Wegen des Umgangs mit dem was wir Gestaltung nennen, jene Kraft zum Entwurf, die das Gefühl mit der Imagination, die das Formgefühl mit dem Wissen um den Inhalt verbindet und stets neue Sichtweisen auf die Welt ermöglicht.

Erkennbar ist das zunächst an den vielen Referenzbereichen, denen sich die Arbeiten zuwenden:

Sie widmen sich beispielsweise einem Blick auf Bielefeld aus ungewohnter Perspektive. Der Blick von oben lässt die Topografie der Stadt zu grafischen Mustern werden. Der Blick auf Geschlecht und Körper wird in einer anderen fotografischen Arbeit dagegen ins Kreuzfeuer der Blickregime gestellt. Was wissenschaftlich anmutet, dient nicht selten der Unterwerfung. Befreiung heißt deshalb auch hier, den Ambivalenzen jenen Platz gewähren, die die Vielfalt der Konstruktionen eröffnet.

Dass die Befreiung durch Erkennen von Konstruktionen und damit verbunden- durch Dekonstruktionen zu neuen Dimensionen der Selbsterkenntnis aufschließen kann, zeigt die einizige Master-Arbeit dieser Ausstellung. Die Reflexion über eine Flickwerk-Persönlichkeit lässt jene Nachhelden simulieren, die sich von den Überhelden der Medienproduktion befreien und dennoch erkennen , dass an deren mediale Kraft nicht vorbeigegangen werden kann.

Doch auch in Anwendung der Dekonstruktion als Methode droht Festlegung, folgt man den Strategien des “Perfect Human³, die im Glanz der Künstlichkeit fast vergessen machen, dass ein perfekter Mensch an der unperfekten Umwelt scheitern würde - so die Perspektive einer anderen Inszenierung. Der Mensch als Krone der Schöpfung? Wieviel Animalität ist uns trotz zivilisatorischer Übereinkünfte eigen und was haben wir verloren, als wir vom Affen zum Menschen schritten, als Wandlung als Mutation? Fotos dazu sind hier im Haus zu bestaunen, als Bewußtwerdung wie Erschütterung zugleich. - Wie Erschütterung in Gleichmut übergeht zeigen die fotografischen Reflexe jener zivilisatorischen Entgleisungen, die den Ureinwohnern Amerikas übergestülpt wurden. Die Fotografien benutzen jene Klischees, die im Western nachwirken um sie im festlegenden Bild zur Anklage zu verewigen.

Die Erinnerungsdimension, die stets im Foto mitschwingt, wird wiederum in einer anderen Arbeit als Matrix für die Inszenierung von Erinnerung als Prinzip gewählt. Zur Form gelangen Zwischenbilder sich überlagernder Bilder, um vorgefundene Materialien aus privaten Archiven neu zu ordnen.

Erinnerung wird auch in einem Buch-Projekt groß geschrieben. Hier sind nach der Methode der Oral-History private Aufzeichnungen von Menschen unterschiedlicher Generationen versammelt worden, deren ästhetischer Reiz in der Konfrontation von subjektivem Duktus und objektivierender Aufzeichnung sich entfaltet. “Erinnerungen in Schrift und Bild³ schreibt die Autorin, “sind keine Nostalgie, sondern das, was uns Menschen ausmacht³. Schön zu wissen, dass diese Erinnerung auch wie ein Netzwerk arbeitet und stets neue Ideen produzieren hilft.

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Aber auch handfestes Design, wie das Corporate Design für eine Image-Kampagne einer eines Jugendfilm-Festivals sind hier zu sehen, mit bewerkenswerter Souveränität gefertigt- hinsichtlich der Beherrschung der Medien und der Kenntnis ästhetischer Ausdrucksformen der Jugendkultur.

Eine Porträtserie deutscher Rapper erkundet in einem vergleichbaren Feld aus, wie handfest die von ihnen verbreiteten Images sind, welchen Bestand sie haben, wenn sie das gewohnte Terrain verlassen und in einen “White Cube³,in einen für die Kunst vorbereiteten Raum gestellt werden? Die Antworten darauf können hier ebenso gefunden werden wie sie verweifelt ohne Antwort bleiben, wenn sie die beleuchteten schwarz-weiß Landschaften (die sie hier im Vorraum sehen) auf ihre Topografie befragen und darin Seelenlandschaften entdecken, mit Erinnerungen an Momente der Einsamkeit und Kälte.

Einsamkeit vor dem Spiegel wird in einer anderen Arbeit zum Trompe ´l´Oeil Effekt des Scheins, des Fotos wie der Selbstinszenierung. So wie das Bild ohne den Betrachter nicht seine Kraft des Scheins und die Lust daran entfalten kann, so kann der Einsame nicht ohne den Anderen seine Imagination entfalten.

Das Leben der Anderen fällt immer wieder in den Blick , wenn man sich das Leben als Bezugspunkt der Gestaltung bewusst wird. Das gilt für alle hier ausgestellten Arbeiten, insbesondere aber für jene, die den Osten immere noch als differente Gesellschaft enttarnen, wo doch die Antwort eine einfache wäre: Jedes Leben existiert nur im Angesicht des Anderen, jede Gestaltung braucht den Dialog, Zwischen den Gattungen, aber auch zwischen den Weltanschauungen, Kulturen und Lebewesen. Nicht von ungefähr wird in einer Diplolmarbeit für die Unterbringung heimatloser Tiere geworben und der Schatten werfende Bombenterror in unserer Zeit beklagt. Demgegenüber stehen Arbeiten , die Asien und Europa in einer Gestaltung versöhnen möchten und dort nach Menschlichkeit rufen, wo wir hinsehen sollten ­ so zu dem entfernten Ort in China, der kurz vor den Olympischen Spielen zum Ort des Schreckens und des Mitleids wurde. Die Erdbebenstadt in Sichuan.

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Die Projektorientierung am FB Gestaltung der FB Bielefeld bringt es mit sich, unterschiedliche Bereiche miteinander zu verknüpfen, was auf eine Bereitschaft der Zusammenarbeit angewiesen ist.

Die 3 Studienrichtungen des Fachbereichs Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld, sowie vereinigt das Prinzip “Konzeptionelle Gestaltung³. Der Bachelor-Studiengang ist diesbezüglich elementarer ausgerichtet als der mehr auf Reflexion der Gestaltung setzende Master-Studiengang.

Gestaltung steht in der heutigen Zeit, mehr als zuvor, nicht mehr autonom für sich. Fotografie und Medien, Mode, Grafik und Kommunikationsdesign entwickeln ihre Methoden längst nicht mehr nur aus der Sicht gestalterischer Prozesse heraus. Mehrere Disziplinen, die eigentlich getrennt untersucht werden, fließen in unserem Fachbereich zusammen: Bilder (statisch und bewegt), Texte und Sprache, Kunst unterschiedlicher Gattungen, Handentwurf und Apparatekunst begegnen sich, künstlerische Praxis und kulturwissenschaftliche Diskurse treffen auf Marketingstrategien, Wahrnehmungspsychologie und synästhetische Effekte, -Geschlechter- und Trendforschung aber auch Ausstellungskonzeptionen und andere Präsentationsformen sind in der Hochschullehre dialogisch verknüpft.

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Von einer Fachzeitschrift wurde ich jüngst gefragt

Welche Eigenschaften sollten BewerberInnen , die bei Ihnen lernen wollen, mitbringen?

Ich antwortete:

1. Verständnis bezüglich der Formbarkeit von Welt mit Medien und Materialien.

2. Vorstellungsvermögen, das sich von der Realität inspirieren, diese jedoch überschreiten lässt.

3. Beweglichkeit in dem Gebrauch von Kopf, Herz und Hand.

 Ich glaube dass diese Ansprüche von unseren Absolventinnen und Absolventen variantrenreich weiterentwickelt wurden, mehr noch, sie haben es verstanden, im Zeitalter digitaler Anschlüsse an die Bilder- und Ideenvorräte der Welt, die Entwicklung des unverwechselbaren Entwurfs, die Original-Idee nicht aus dem Blick zu verlieren.

 

Ich denke alle die den Fachbereich mit dem Diplom oder Master-Titel verlassen, sind gut gerüstet, um einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu können.

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Ausgezogen- angezogen: mit gleich 12 Abschlußarbeiten trumpft die Mode in diesem Semester auf, den Elan weiterführend der bereits in der grandiosen Moden-Schau im Ringlokschuppen vergangene Woche zu bestaunen war.

Es scheint so, dass alle Register zum Einsatz kamen, die die Fantasie für Kleid und Körper bereithält, spielerisch und elegant, tiefsinnig und übermütig, kunstbeflissen und zugleich alltagstauglich präsentieren sich die Absolventinnen, ausgerüstet mit Rafiinesse für die Form, die erst im Detail ihre Schönheit preiszugeben bereit ist. Besonders beeindruckt hat mich, wie komplexe Anregungen, oft aus gegensätzlichen, aus alten und neuen Quellen geschöpft , zu einer neuen Einheit verschmelzen - immer auch mit Blick für den verletzlichen Körper und seinem Bedürfnis nach Zärtlichkeit.

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Irina Cinadze, "Inside"

Milena Schönherr, Erscheinungsbild des Tierheim Bielefeld

 

Johann Volkmer, Faltjahr 2010

Markus Klingenhäger, Dark White

unten rechts Ariana Kanonenberg, Affen mit Waffen

unten links Diemo Böttcher, EV 0

Lena Hasibether, Trompe lòeil