Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Jörg Boström

Besuch einer Ausstellung : Die Annahme von Werten

"Wie sag ich ´s meinem Text, was Ihr so macht mit den Bildern, Worten, Tönen und Zwischentönen."

Ich würde jetzt mal sagen: nicht fragen. Schreiben was kommt. Oder du fragst einfach den toten Hasen von Beuys, der wird's wissen.“

Sechs Fotografinnen schaffen Werte. Das verlangt das Projekt und der Titel der Ausstellung. Genauer: Die Annahme von Werten. Wird angenommen, dass es welche gibt? Wenn ja, werden sie auch angenommen?

Die Kamera legt Sichten fest und stößt Träume an. An aufgebauten Wänden zeigen sich Bilder von Räumen zum Wohnen. Vermischt mit gerahmten Träumen aus Urlaub und Kultur und Arbeit. Im Vorratsraum eines Arztes steht ein Klavier, das benutzt wird von einer Rückenfigur im weißen Kittel. Wert der Zeit und der Musik. Es sind großformatige Bilder mit großer Genauigkeit im Detail. Die Gegenstände sind wichtig. Das Licht schimmert träumerisch. Werte sind die Dinge und Räume des Täglichen. Werte sind wir. Unser Leben. Tag für Tag. Die scharf gezeichneten großformatigen Bilder stammen aus dem Haus, in dem auch die Fotografin wohnt. Das Tägliche, die Räume des Lebens selbst sind die Werte. Diese Fotografin hat in Berlin studiert. Bei Arno Fischer. Die anderen in Bielefeld.

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Unter den jungen Fotografen entwickelt sich nun die einem dokumentarischen und journalistischen Verständnis gegenläufige Tendenz. Es geht ihnen nun gerade um sperrige, nicht leicht entschlüsselbare Bilder. Sie neigen zum Verrätseln, zur Gestaltung von Denkbildern oder auch zur Verweigerung glatter, eingängiger Information. Absichtlich fotografieren sie gezielt an dem Bekannten, Erwarteten vorbei. Sie akzentuieren dasBeiläufige", wie dies ein bezeichnender Sprachgebrauch formuliert, sie suchen das in sich Widersprüchliche, das sich einer glatten Lesbarkeit eher entzieht. Sie machen „ihre" Bilder, sie stellen den Anspruch einer subjektiven Sicht und Bildsprache. Auch dies natürlich führt zu einem Zeitstil, den sie mitgestalten und dem sie auch unbewusst vielleicht, aber doch auch unterworfen sind. Erzielt werden soll, wenn dies denn überhaupt auf einen Betrachter gerichtete Absicht ist, Befremden, Aufmerksamkeit, geduldiges Hinsehen und ein Rest von unaufschlüsselbarem Geheimnis. Die Merkwürdigkeit des Sehens, des Fotografierens selbst wird zum Thema.

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In dieser Ausstellung zusätzlich verbunden mit der skeptischen und hoffnungsvollen Frage nach Werten. Auch außerhalb der Fotografie. Diese Bilder sind auf einer Suche. Der Sinn Suche.

Die Künstlerinnen haben bis auf eine in Bielefeld im Fachbereich Gestaltung studiert. Auch ich war dort. Lehrender. Wenn sie nun eine persönliche Bildsprache entwickeln, die Frage an uns richten nach Werten, darf ich wohl auch persönlich Texte dazu suchen und die Frage stellen nach der Reaktion des Betrachters. Also meiner in diesem Falle. Sinn? Werte?

Aus meiner frühen Zeit geht mir ein Satz wieder durch den Kopf:

Nietzsche (den ich las) lehrte uns die tiefere Bedeutung des Nichtsinns in unserem Leben und wie dieser Nichtsinn verwandelt werden könnte in Kunst“. Zu lesen bei Giorgio de Chirico.

Nun lese ich zum hundersten Geburstag von Claude Levi-Strauss einen seiner Sätze:" Ich bin davon überzeugt, dass das Leben keinen Sinn hat, dass nichts irgendeinen Sinn hat...."  und weiter im Gespräch mit einem Kollegen, wenn es überhaupt eine letzte absolute Wahrheit gebe, dann liege diese nicht bei irgendeinem Gott oder beim Menschen, sondern "in der Abwesenheit des Sinns, im Nicht-Sinn.". In der Struktur. Jean Paul Sarte, seine Gegenspieler und Denker in dieser Zeit, lehrte in seinem Buch "Das Sein und das Nichts" dass der Mensch im Nichts sich nur realisieren könne durch die Tat, durch permanenntes Handeln. Existentialismus und Strukturalismus. Ergänzen sich diese Denkformen oder widersprechen sie sich.? Geprägt von beiden Richtungen sind wir, die ältere Generation. Gehört das auch zu einer Werte Suche?

Werte? Danach ein Fremdwort. Kunst. Werte findest du auf dem Flohmarkt. Da sind sie, die Menschen, die danach suchen. Und das zu Schleuderpreisen.

Aktporträts. Köpfe mit bloßem Hals und Schulter. Nicht mehr ganz junge Menschen. Eltern. Falten und Charakter. Räume dazu. Leer. Vor oder nach dem Umzug oder Einzug.Wir sind da. Wir gehen. Wir kommen wieder. Auch ältere Menschen haben einen Körper und können ihn zeigen. Angestoßen wurde diese Bilfolge durch den Tod. Einer Verwandten. Nähe des Todes. Solche Porträts mit nackten Schultern erinnern mich an klassizistische Kopfskulpturen berühmter Männer.

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Ferne. Unschärfe. Poetischer Dunst. Landschaften der Erinnerung aus fremden Regionen. Unterbrochen von Textflächen. Man liest und träumt. Hergestellt wird eine in sich und untereinander verschwimmende Verbindung von Regionen, Religionen und Kulturen. Musik? Die poetischen Texte mit Andeutungen sollen vibrieren in schwebenden, kleinformatigen Bildern in träumerischem Dunst leichter Unschärfe. Buddhismus, Islam, Hinduismus. Uns ferne religiöse Werte immerhin. Solange sie nicht explodieren.

Außerhalb dieser Ausstellung, die auch Wünsche und Sehnsüchte darstellt, werden oft und immer wieder Religionen zur Quelle von Hass und Mord. Gerade sie, die Liebe und Vergeben predigen. Warum? Mir hat es noch niemand erklären können. „ Liebet eure Feinde“, sagte Jesus, den man auch dafür gefoltert und ermordet hat. Mit dem Folterinstrument Kreuz, nicht mit diesem Satz, denken die Kirchen immer und immer wieder an sich selbst. Die christliche Welt ist mir zu nah. Sagt die Autorin. Die habe ich deshalb weggelassen.

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In einer Bildkombination Federsplitter im Kreistanz. Kleine Lichter. Flecken auf schwarzem Grund. Pflanzenformen. Ein Mensch am Rande des Bildes und eines Parkweges, gestützt auf ein Balkengeländer. Rosa Viren. Spuren eines medizinischen Mikrofotos und eine mit spitzen Hölzern am Boden verankerte Baumform. Schwarz ausgedehnt. Schwarz digital gelöscht. Die Bilder sollen zu denken geben. Nicht feste Informationen vermitteln. Die Welt ist ungewiss. Die Fotografie zeigt das. Sabine Schründer öffnet die Augen ins Geheimnis. Werte sind nur eine Annahme. Nimm einmal an es gäbe sie. Aber welche? Zuletzt bleiben die Bilder. Künstlerinnen schaffen sie. Werte damit auch.

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Aus Würfeln, auf deren Oberseite Fotos leuchten, tönt durch Kopfhörer ein Fragespiel nach Altag und Wert. Was ist es? Was meinst du? Gemurmel und Versuche, das Unerklärliche ganz nahe zu bringen, bis die Muscheln kratzen. Auf den Stolper Steinen leuchtet zum Beispiel ein Schachspieler im gedankenvollen Dunst auf der Suche nach dem nächsten Zug. Ein junger Mensch steht im Rauchverbot. Man hört auch ihn.

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BaerbelMoellmannMaximGruppeKIZ
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Wert der Arbeit. Eine Bilddokumentation beschreibt den Versuch, gewalttätige Jugendliche in ferner Wohngemeinschaft in einen neuen Lebens Rhythmus und damit in einen Lebenssinn zu bringen. Mit organisierter regelmäßiger Arbeit im zusammengefügten Familienkonstrukt. Eine selbst bestimmter fotografischer Auftrag ohne Abnahme. Wert des Lebens an sich selbst. Fotografien machen es sichtbar.

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Marei Wenzel

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Kerstin Parlow

Sabine Schründer und Kerstin Parlow

Foto Guido Hoffmann. Installation Bärbel Möllmann

Nora Bibel

UtaNeumannWasist
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http://www.dieannahmevonwerten.de/seiten/ausstellung.php

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