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Annette Bültmann
 
Erweiterte Virtualität
 
Mixed reality bezeichnet eine Vermischung von virtueller Realität mit der physischen Welt.
Eine spezielle Form der mixed reality ist die erweiterte Virtualität, bei der virtuelle Welten mit Informationen aus der realen Welt angereichert werden.
 
Während in der Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit Landschaften nicht nur gemalt, sondern auch neu entdeckt, umsegelt, vermessen und kartographiert wurden, eröffnen sich nun, im 21. Jahrhundert, mit der Entwicklung der Software auch neue Möglichkeiten für Künstler, Programmierer und Computerbenutzer, Landschaften, Räume und ganze Welten zu erschaffen, zu entdecken und virtuell zu begehen.
 
Frühe virtuelle Welten konnten textbasiert sein, wie die Multi User Dungeons, in denen mehrere Spieler als Avatare interagieren. Sie bestehen aus Räumen, die in Textform beschrieben werden, auch die darin befindlichen Objekte und Figuren.
Ein Beispiel: "Du stehst in einem engen, niedrigen Gang. Muehsam kannst Du in dem daemmerigen Licht den Verlauf des Ganges erkennen. Dich froestelt es, irgendwie ist es hier unheimlich. Am besten suchst Du schnell den Ausgang aus diesem Gewoelbe. Es gibt zwei sichtbare Ausgaenge: sueden und osten." Durch Eingabe von s oder o bewegt sich dann der Spieler durch diese Textwelt.
Inzwischen gibt es MUDs bei denen Grafiken eingebunden sind, und auch 3D-MUDs.
Auch Second Life, eine von den Benutzern gestaltete virtuelle Welt, könnte als Nachfolgeprojekt der MUDs betrachtet werden. Eine solche virtuelle Welt ist insofern interaktiv, als die Teilnehmer sich darin bewegen, virtuelle Gegenstände bewegen und verändern und miteinander kommunizieren können.
 
Das immer wieder gerne diskutierte Thema, ob der Mensch einen freien Willen hat, stellt sich in virtuellen Umgebungen insofern in einer speziellen Form, als bei Computerspielen, wie bei Spielen überhaupt, die Möglichkeiten des Avatars durch die Spiel-Umgebung und die Regeln beschränkt sind, also dadurch, welche Handlungsspielräume die Erschaffer des Spiels den Figuren geben. Allerdings sind die Möglichkeiten an der Gestaltung des Spiels mitzuwirken bei Computerspielen manchmal eher gegeben als bei klassischen Spielen, deren Regeln feststehen. In einem MUD kann es z.B. die Möglichkeit geben, dass erfahrene Spieler aufsteigen zu "Gurus", die die zu absolvierenden Abenteuer mitgestalten. Und die Umgebung Second Life bietet Möglichkeiten, virtuelle Landschaften und Räume selbst zu gestalten, allerdings zahlt der Spieler für die Nutzung der zu gestaltenden Landflächen eine monatliche Gebühr, was seine Möglichkeiten entsprechend seinem virtuellen Bankkonto teilweise wieder einschränkt, in Ahnlehnung an eine durch Geld und Waren geprägte reale Welt... in der man wohl manchmal den Eindruck haben kann, auch nur ein Avatar mit beschränkten Möglichkeiten zu sein. Trotzdem gibt es Philosophen, die den Menschen weiterhin als Träger eines freien Willens einstufen, der, auch wenn nicht völlig frei von äußeren Bedingungen, die Möglichkeit hat, das zu wollen, was vom Bewusstsein als gut und richtig betrachtet wird. Dazu kommt die Fragestellung, ob auch vom Unterbewusstsein getroffene Entscheidungen als Äußerungen des freien Willens eingeordnet werden sollten, da auch die unbewusst ablaufenden Vorgänge z.b. im Traum als Teil der Persönlichkeit betrachtet werden können.
 
In Second Life hat der landlose Benutzer die Möglichkeit sich in "Sandboxes", virtuellen Sandkästen, auszutoben. Aktivitäten, die nicht mit Finanzen und Besitz zusammenhängen, sind der glücklichen virtuellen Kindheit bzw. dem Anfängerstatus vorbehalten... aber natürlich sind es auch andere Faktoren, die der Kreativität im Computer Grenzen setzen, z.B. die Formbarkeit der virtuellen Objekte. Programme mit Formwerkzeugen ermöglichen zwar durch Zerren an den Pixeln einen Verformungseffekt, der aber bisher noch nicht so ganz mit dem Modellieren z.B. mit Ton vergleichbar ist. Und wie ist es mit den Pflanzen und Tieren in den virtuellen Landschaften? Es gibt sie, aber als Skulpturen auf einer virtuellen Bühne. Leben im Computer? Zum Glück ist bisher im virtuellen Raum noch keine Schädigung von Ökosystemen durch menschliche Spiel-Aktivität zu befürchten, aus dem einfachen Grund, dass es noch keine virtuellen Ökosysteme gibt... zwar gab es schon Bestrebungen, sich selbstständig fortpflanzende und entwickelnde Einheiten am Computer zu erzeugen, diese sind aber bisher noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie die virtuellen Spiel-Umgebungen als Flora und Fauna besiedeln könnten.
 
Aber immerhin gibt es im Second Life bereits eine Volkshochschule, die online Kurse anbietet, der Unterricht findet per Texteingabe oder mit einem Headset per Sprache statt. Außerdem werden dort auch Hilfe für neue Avatare, eine Teststrecke, Geschicklichkeits- und Gesellschaftsspiele, und virtuelle Museumsführungen angeboten.
 
Auch virtuelle Ausstellungsräume, in denen Exponate aus der realen Welt präsentiert werden, gehören zum Bereich mixed media. Beispiele dafür sind Videorundgänge durchs LeMO, oder die virtuellen Ausstellungs-Container des Böhm TradeCenter.
Der umgekehrte Fall, virtuelle Exponate die in realen Räumen ausgestellt werden, ist seltener, wurde aber auch bereits im VM vorgestellt. Bei der Diplomarbeit von Friedbert Schulze an der FH Bielefeld befanden sich in einem realen Raum Markierungen, die für bestimmte virtuelle Ausstellungsobjekte standen, die dann dort über den Markern, die ähnlich einem Strichcode Informationen enthielten, erscheinen konnten.
Ein mit Scannern und Strichcode funktionierendes Spiel mit virtuellen Objekten ist das "Bar Code Hotel" in der Dauerausstellung im ZKM Medienmuseum Karlsruhe.
Virtuelle Nachrichtensendungen kann der Besucher auf einem realen Sofa betrachten, ebenfalls im ZKM, in der Installation "Remote Control".
 
Virtuelle Landschaften können sich an der Natur orientieren, und auch an aus der Malerei bekannten Darstellungsweisen wie blaue Horizonte. Sie können aber auch Formen annehmen die in der Natur eher kaum oder garnicht vorkommen würden, geometrische Formen, oder auch bizarre. Es können Tageslicht, Sonnenauf- und untergänge, Mondlicht und Nachtszenen nachempfunden werden, aber auch die Lichtverhältnisse auf fiktiven Planeten mit einer anderen Entfernung zur Sonne, mit mehreren Sonnen, mehreren Monden. Virtuelle Pflanzen können die Landschaften besiedeln, erzeugt von unterschiedlichen Programmen. Solche Programme werden bereits verwendet sowohl von Botanikern zur Simulation von Pflanzenwachstum und Populationen unter bestimmten virtuellen Umweltbedingungen, als auch für Computerbilder und Landschaften in Filmen. Es gibt bereits Programme, die in simulierter Evolution durch mehrere Generationen Grün sprießen lassen, wenn auch bisher hauptsächlich verwendet an wissenschaftlichen Instituten. In einigen Jahren soll die "virtuelle Aussaat" dann auch am heimischen Computer möglich werden.