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Jörg Boström

Die Tochter

Fotografien von Martin Brockhoff

Kinderbilder. Meist sehen sie anders aus. Sie lächeln uns an, wenn sie gesehen werden wollen. Für die Kamera. Schmeicheln sich ein. Wollen schön sein wie Frauen. Wollen lieb behandelt werden. Geliebt werden. Schneiden liebliche Fratzen für den Fotografen. Man kennt sie. Die Lieben. Nur als Liebe. Nichts als Liebliche. Wo bleiben sie wirklich. Wie sind sie untereinander. Frech und zickig. Neugierig und konzentriert. Ernsthaft und nachdenklich. Selten kommt eine Kamera dazwischen. In ihr Leben. Immer wieder zeigen sie frisch gestrichene Fassade. Mach dich fein. Schau her. Gib der Tante die Hand. Fotografie ist wenn man trotzdem lächelt. Oder deshalb.

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Martin Brockhoff zeigte mir die erste Serie von Bildern seiner Tochter, als er noch Student war und sie ein Kind. Erste Jahre. Er lebt mit und von der Fotografie. Ganz nah bei sich und seinen Bildern. Diese Kinderbilder hatten mich fasziniert damals wegen ihrer Nähe, ihrer Realität und zugleich wegen ihrer bildhaften Form. Kinderbilder ohne Maske. Momente des Wachstums und des Eigensinns. Das wäre doch ein eindrucksvolles fotografisches Werk als Serie, als Ausstellung, als Arbeit für das Diplom. Eigensinnig wie die Bilder ist der Fotograf. Er kam nicht damit. Zu persönlich. Zu privat. Noch nicht ausgewachsen. Dachte er. Über eine Ferne, ein Dorf mit Namen Amerika entstand später die Arbeit zum Diplom. Nun stellt er die Bilder zum Leben und Wachsen seiner Tochter aus. Nun ist sie groß. Größer jedenfalls als damals und nun kann sie mit bestimmen.

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Man sieht Stücke ihrer Kinderwelt. Bodenteile mit versprengten Spielsachen. Kinderbeine tapsen darüber. Flüchtig und herzhaft. Dosen ausgeleert. Schritte mit und über Perlen und Herz.

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Die Kleinen, Süßen ducken sich weg. Nicht wegen uns. Sie testen den Eindruck ihrer Gesichter im Wasser. Sie proben als Team. nehmen den erwachsenen Fotografen nicht zur Kenntnis. Man sieht sie beim Spiel. Man ist unsichtbarer Betrachter.

Für sich schaukelt das Kind. Im Bild nur als Schatten. Bewegung mit Schwung und im Bild dann das schlafende Kind sicher gelegt auf Brett an der Kette. Scbwebe Zustand. Noch. Aber vielleicht immer wieder. Das fotografische Bild als Moment des Schattens und Augenblick der Ruhe zugleich.

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Noch klein. Das Kind steht unter der Tischplatte. Schon groß. Es kann gerade schon darüber gucken. Geschützt und doch beobachtend. Die Bildserie erzählt die Geschichte vom Heranwachsen eines Kindes zum Mädchen und zur jungen Frau. Mit ihren Spielen und Nöten. Ba. Diese Suppe. Mir fällt das Buch vom Struwelpeter ein. Aus meiner Kindheit. Der Suppenkasper. „Ba. Diese Suppe ess ich nicht. „ Und: „ Er war am 6. Tage tot“. Magersucht im 19. Jahrhundert. Ich habe diese Geschichten auch meinem Sohn als Kind vorgelesen. Aber er hat geweint. Damit war der Struwelpeter als Erzieher für mich entlassen. Weiß heute nicht mehr, wo sich das Buch versteckt hat. Kinderkram. Wunderschön. Fratzen immer wieder. Lippen werden bemalt. Ernsthaftes schauen. Statt Lächeln für Papa und die Kamera ein tiefer Fluntsch. Ist doch blöööööd. Frühe Korrekturen an den Wimpern. Eher wie medizinische Operationen. Es ist so mühsam, ein nettes Mädchen zu werden. Muss aber sein. Frau sein ist schön. Macht aber viel Arbeit. Eine Erinnerung an den Komiker Karl Valentin. Und gegen Ende der Bildreihe wird wirklich gelächelt. Alle Zähne gezeigt. Könnte auch ein Fletschen sein von einer bösen Hündin. Auseinander gezerrt von einen Gerät wohl zur Montage der Zahnspange. Bald ist es soweit. Eine Frau. Endlich. 18 Jahre. Und wohin?

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Martin Brockhoff zeigte in der Capella hospitalis in Bielefeld seinen neuen Fotozyklus „Die Tochter“ am Abend des 13. Februar 2008 um 20 Uhr in Form einer Lichtbildinstallation. In der Serie, die in Ausschnitten anschließend bis zum 15. März zu sehen war, geht es um die achtzehn Jahre währende Porträtierung eines sich entwickelnden Mädchens zur Frau. Brockhoff, einer der führenden Fotografen der Region. OstWestfalenLippe, stellt mit seiner neuen Serie keine Dokumentation, sondern eine subtile Darstellung von Lebensentwicklung vor. Aus diesem Anlass komponierte der große Avantgardemusiker Gerd Lisken für den Eröffnungsabend am 13. Februar 2008 um 20 Uhr im Raum der Stille ein rund dreißigminütiges Stück auf Klavier, das auf minimalistischen Patterns basiert und sich zu einem spannenden Dialog mit der künstlerischen Arbeit entwickelte.

Der Fotozyklus des 2002 mit dem Marta-Hoepffner-Preises ausgezeichneten Martin Brockhoff wurde anschließend bis zum 15. März 2008 in der Capella hospitalis ausgestellt.