Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Theodor Helmert-Corvey

Einführung zur Ausstellung "Weserwerft . schwindener Ort" 13.Januar 2008 Preußen-Museum Minden

Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst!

Und übe, Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn!

Mußt mir meine Erde

Doch lassen stehn,

Und meine Hütte,

Die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.

Prometheus ist eines der bekanntesten Gedichte Johann Wolfgang von Goethes - verfasst zwischen 1772 und 1774. Der Titan Prometheus steht für einen einsamen Schöpfer, dessen Rebellion gegen die "göttliche Ordnung" ihm die eigene Schöpfungstat erst möglich macht. In der griechischen Mythologie lehrt Prometheus den Menschen nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch vielerlei handwerkliche Fähigkeiten wie zum Beispiel den Schiffsbau. Zudem brachte er den Menschen das Feuer. Prometheus Tugenden, Klugheit und Kenntnisse verhalfen den Menschen zu Wohlstand und Zukunft. Darüber hinaus symbolisiert sein Name die durch technologischen Wandel in Gewerbe, Handel und Verkehr seit dem 18. Jahrhundert ermöglichte Entwicklung Westeuropas zu einer modernen Zivilgesellschaft. Die Technik wird zum Wohltäter und zur kulturellen Basis der Menschheit.

Mary Wehling van Blaricum. Der letzte macht das Licht aus

Jedoch: Europa und seine Wirtschaft durchlebten und durchleben einen tief gehenden Umbruch: "Strukturwandel", "Arbeitsplatzverlagerung" und "Globalisierung" sind die Schlagworte. Kleine und große Industriebetriebe, ja ganze Industriezweige stehen vor dem Aus oder sind bereits geschlossen worden. Hunderttausende von Menschen verloren ihre Arbeit und ganze Regionen suchen nach einer neuen Identität. Das zu Ende gegangene Industriezeitalter hat uns so eine Unmenge von verlassenen Architekturen hinterlassen: Alte Fabrikationsanlagen, die im öffentlichen Bewusstsein oftmals nur wenig Beachtung finden. Die Zunahme an frei gesetzten einzelnen Industriegebäuden oder großflächigen Arealen sind also das markante Indiz für den rasanten Strukturwandel im Industriesektor von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft, von "alten" Technologien zu "neuen" Technologien. Man spricht auch von der digitalen Revolution oder der dritten industriellen Revolution.

Gesine Frank. Werftopia

Dietmar Lehmann. Dunkel ist Licht genug.

Was bleibt? Ein reiches industriekulturelles Erbe, das über ganz Europa verteilt ist. Ein riesiges Netzwerk, das häufig erst auf den zweiten Blick erkennbar wird. Zu diesem Netzwerk gehören auch weniger bedeutende Industriedenkmäler - die kleinen Räder, ohne die das große Getriebe nicht funktionieren kann, wie etwa die alte Weserwerft in Minden. Als Reparaturbetrieb für die einst florierende Frachtschifffahrt wurde im Jahre 1918 die "Weserwerft Schiffs- und Maschinenbau Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu Minden in Westfalen" am "Alten Weserhafen" gegründet. In nahezu hundertjähriger Firmengeschichte umfasste die umfangreiche Produktion Ruderanlagen, Maschinenbau und Schiffe. Mit dem patentierten "Universal-Schilling-Ruder" machte sich die Weserwerft Minden in der Binnenschifffahrt einen Namen. Die einfache und robuste Konstruktion mit ihren optimalen Steuereigenschaften ist bis heute unübertroffen. Am 29. Februar 2004 meldete die Weserwerft auf Grund der schlechten Auftragslage Insolvenz an und wurde geschlossen.

Hartwig Reinboth. RESET.

Seither verfällt das Gelände - man nennt so etwas "Industriebrache". Der Verfall schreitet rapide voran, er bietet aber auch Chancen. Die stillgelegte Weserwerft ist ein hochspannender Abenteuerspielplatz: Hier treffen sich Kinder, Skater, Graffiti-Sprayer und Obdachlose. Warum das so ist, kann man gut nachvollziehen: Zersplitterte Fensterscheiben, Graffiti, eine Skaterrampe sowie die Möglichkeit, Feuer zu machen und ungestört Trinkpartys zu veranstalten. Das riecht ein bisschen nach Bronx, heimlichen Abenteuern, Subkultur und einer Art Rapper-Romantik, wie man diese sonst nur aus Videoclips kennen. Der heruntergekommene Gesamteindruck des Geländes darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein "städtebauliches Sahnestückchen" handelt, ganz in der Nähe von Bahnhof und Innenstadt und auch direkt am Wasser. Das städtebauliche Potenzial ist enorm, auch wenn die Frage der Altlastendimension den Blick in die Zukunft ein wenig trübt. Für einen Eigentümer, eine Stadt oder eine Region ist es grundsätzlich nichts Ungewöhnliches, Industriegebäude oder -anlagen einer neuen Nutzung zuzuführen, wenn der ursprüngliche Verwendungszweck nicht mehr gegeben ist. Dafür gibt es ja hervorragende Beispiele. Es geht also um Zukunftsperspektiven für die Weserwerft. Ganz sicher bietet das Gelände die Chance, Wohnen, Arbeiten und Freizeit zusammen zu führen. Wie wäre es mit einem Ferien-, Freizeit- und Kulturgelände 'Weserpark am Wasserstraßenkreuz'?

Jörg Boström. Arbeitsschuh

Die Weserfreunde können sich hier eine Landesgartenschau vorstellen. Die Stadt will das Gelände eventuell als Baugebiet ausweisen und der Verein für aktuelle Kunst gestaltet dazu die achte Ausstellung der Reihe 'Kunsträume'. Deshalb sind wir ja heute hier. Industriedenkmale haben bekanntlich ihren ganz eigenen Charme. In ihnen spiegeln sich Jahrhunderte der Wirtschafts- und Sozialgeschichte wider. Die gerne als "Kathedralen der Arbeit" betitelten, manchmal riesigen Anlagen faszinieren uns umso mehr, wenn sie auch von architektonischer Qualität sind und ihre eigene Ästhetik entfalten. Zu Recht finden sie unsere Bewunderung, denn sie sind Zeugen des Arbeitens, des menschlichen Schaffens und darüber hinaus prägen sie unser Umfeld. Der morbide Charme und die sich daraus ergebende eigentümliche Faszination ist daher vielfach Ausgangspunkt für die bildnerische Auseinandersetzung mit diesen Orten, sei es als Dokumentation oder Inszenierung.

Barbara Junker. "pathologisch"

Besuchen Sie doch einmal das "The virtual museum of dead places". Hier finden Sie 4.281 Bilder von 264 dead places - also toten Orten - aus 27 Staaten. Nahezu 350.000 Besucher verzeichnet dieses Museum - für einen Museumsmann eine traumhafte Zahl. Nur: es ist ein virtuelles Museum, ein Forschungsprojekt der Forschungsgruppe 'bildo:research' im Studiengang Kommunikationsdesign der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW) mit dem Thema Die Navigation in und mit umfangreichen Bildkonvoluten als Bilddatenbanken mit einem vierteljährlichen Newsletter. Googeln sie einmal unter den Begriffen "Lost sites, lost places oder dead places" und sie finden im Internet zigtausende gespeicherte digitale Bilder von Architekturen, die jeglichen Verwendungszweck verloren haben und dennoch weiter existieren - ungeachtet gesellschaftlicher und sozialer Veränderungen. "Verlorene", verlassene, aufgegebene oder vergessene Orte, Anlagen, Stätten sind Inhalt unzähliger Internet-Plattformen. Dabei geht es oftmals gar nicht zwingend um solche Orte, an denen Weltgeschichte geschrieben wurde, sondern vielmehr um die "Geschichte vor der Haustür". Geschichte vor Ort ist in diesem Fall und an diesem Ort die Weserwerft in Minden.
Dankenswerterweise hat sich auch schon das zuständige Industriemuseum Glashütte Gernheim mit diesem Thema beschäftigt. In einer Ausstellung waren Bilder von Mitgliedern des Foto Forums Minden zu sehen, interessante Einblicke von engagierten Hobbyfotografen. Heute also eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Sujet. Dietmar Lehmann hatte bereits 2004 bei den Kunst-Räumen im Kommunalarchiv alte Gussformen der Werft für eine Installation verwendet. Das gab den Anstoß, diesen einst wichtigen Ort der Mindener Industriegeschichte zum Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung machen, ehe er verschwindet. Seit 1991 setzen sich die Vereinsmitglieder mitsamt eingeladenen Gästen in einer Ausstellungs-Serie im Rhythmus von zwei Jahren mit spannenden Orten in der Region auseinander. Zuletzt waren die Glashütte Gernheim und das Kommunalarchiv Orte dieser Auseinandersetzung. Anders als in der Vergangenheit ist die Ausstellung dieses Mal allerdings nicht am Ort des Geschehens zu sehen. Es ist also Aufgabe der künstlerischen Arbeiten diesen Transfer zum Ort zu leisten.

Von Links: Carsten Reuß, Theodeor Helmert-Corvey, Hartwig Reinboth

Die Jury, der neben mir Marion Tüting aus Minden und Knut Giebel von der Fachhochschule Hannover sowie begleitend als Hausherr Carsten Reuß vom Preußenmuseum Minden angehörten, hatte unter 28 eingereichten Entwürfen zu entscheiden. Wir haben 14 Entwürfe ausgewählt, die Ihnen, liebe Besucherinnen und Besucher jetzt als Ausstellung unter dem Titel "Weserwerft - schwindender Ort" präsentiert werden: es sind Arbeiten der Vereinsmitglieder Inge Dietrich, Gesine Frank, Ursula Gebert, Rainer Hornscheidt, Barbara Junker, Friedgund Lapp, Dietmar Lehmann, Hartwig Reinboth, Lieselotte Scherer, Annelene Schulte, Hannes Senf und Mary Wehling van Blaricum, sowie Werke der Gäste Rolf Heinrich Troeder aus Bückeburg und Jörg Boström aus Berlin bzw. Lansen in Mecklenburg-Vorpommern (polyglott wie er ist, hat er über seine Frau Gaby Schlüter auch einen Standort in Minden). Die Jury hat sich bemüht, aus den eingereichten Entwürfen eine anregende, in den Techniken vielfältige und in den künstlerischen Aussagen spannungsreiche Ausstellung zusammenzustellen. Ich will jetzt zu den einzelnen ausgestellten Werken nichts weiter sagen. Liebe Besucherinnen und Besucher, lassen Sie sich auf die einzelnen künstlerischen Entwürfe ein, vertiefen Sie Ihre Erlebnisse in dem gelungenen Katalog, zu dessen Kauf ich Sie ausdrücklich ermuntere. Wenn Sie dann die Ausstellung im Preußen Museum verlassen und es die Kunst vermocht hat, in Ihnen das Feuer für eine fantasievolle Zukunft der Alten Weserwerft zu entfachen, dann wird Ihnen ein wohlwollendes Lächeln des Prometheus im Himmel der antiken Mythologie gewiss sein.