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Susanne Albrecht
 
zur documenta 12
Acryl statt Kristall, die Migration der Form
 
"Die documenta ist immer auch eine Ausstellung der Kuratoren gewesen.", so beginnt eine junge Kunstvermittlerin ihre Führung im Fridericianum für eine Gruppe älterer kunstinteressierter Damen.
Sie ist eine der zahlreichen Vermittlerinnen, die sich intensiv bereits im Vorfeld mit der documenta 12 beschäftigt haben, geschult wurden, um schließlich ganz individuelle Vermittlungswege zu entwickeln. Sie wird aus der Perspektive der Kunsthistorikerin Vorschläge unterbreiten, über einzelne Exponate und die Intention der Ausstellung zu diskutieren und Fragen zu stellen.
 
Die documenta wird seit 1955 alle 5 Jahre unter einer neuen Leiterin, einem neuen Leiter neu erfunden und schafft Begegnungen der Öffentlichkeit mit ausgewählten Positionen zeitgenössischer Kunst.
Damit vermittelt sie stets auch zukunftsweisende Visionen über unsere Bilderwelt.
Der diesjährige künstlerische Leiter Roger M. Buergel und die Kuratorin Ruth Noack haben nach einer Präsentationsform gesucht, um künstlerische Positionen aus unterschiedlichen Zeiten und Ländern in einen Dialog zu stellen, der ohne hierarchischen Duktus auskommt und gleichberechtigt Vielfalt und Differenz darstellen und Dialogmöglichkeiten aufzeigen kann.
 
Die gewählten Ausstellungsorte, die auf die Räume reagierende Ausstellungsarchitektur, die Auswahl und dezentrale Präsentation der Werke einzelner KünstlerInnen aus unterschiedlichen Zeiten, stellen ein weit verzweigtes Gewebe künstlerischer Positionen dar und bilden einen experimentellen und assoziativen Rahmen für ästhetische Erfahrungen.
Auf diese Weise wird es möglich Positionen auszustellen, die bisher nicht durch spektakuläre Gesten und laute Medienbegleitung große Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten und in Zukunft durch ein grobmaschiges Globalisierungsnetz einfach hindurchfallen könnten.
So ist es nicht verwunderlich, dass auf der KünstlerInnenliste auch viele neue, bisher unbekannte Namen erscheinen, selbstverständlich Teilnehmerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa stark vertreten sind und spektakulär zum ersten Mal in der documenta Geschichte das Geschlechterverhältnis von ausstellenden Künstlerinnen und Künstlern ausgeglichen ist.
 
Ebenfalls zum ersten mal überrascht die Nutzung des Schlosses Wilhelmshöhe als einer der insgesamt 7 documenta Ausstellungsorte. Hier in dieser traditionellen Bildergalerie sind in Konfrontation mit alter Kunst auch eine Reihe zeitgenössischer Werke zu sehen.
 
Beispielweise 4 Porträts aus der Serie "The Lost Boys" von Kerry James Marshall.(*1955 Birmingham USA, lebt in Chicago, USA) Er gehört zu den KünstlerInnen dieser documenta, die mit unterschiedlichen Werken gleichzeitig an mehreren Ausstellungsorten vertreten sind.
Die ProtagonistInnen in seinen Bildern haben alle eine tiefschwarze Hautfarbe und verweisen auf die Abwesenheit von Schwarzen im Bereich der Kunst. In der Bildergalerie alter Meister hängen 2 seiner Bilder unter dem einzig vorhandenen Gemälde mit Abbildung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe, nämlich des Königspaares Persina und Hydaspes des niederländischen Manieristen Karel van Mander ( 1548-1606).
 
Diese Art des korrespondierenden Nebeneinanders durchzieht die Gesamtschau, hält sie wie ein Gewebe zusammen mit den drei gesetzten Leitfragen - Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? und in Bezug auf Bildung: Was tun?
 
Die Präsentation erscheint durchgehend unprätentiös. Als temporärer Ausstellungsort wurde in der Karlsaue beispielweise ein 9500qm großer an ein Gewächshaus erinnernder Pavillon aus Acrylglas errichtet, der nachträglich mit Sonnenschutzvorhängen und Kühlaggregaten umgerüstet werden musste und damit ausgesprochen provisorisch wirkt. Darin werden jetzt sehr weitläufig ein Drittel aller Exponate ausgestellt.
 
Auffällig sind die zahlreichen textilen Exponate alter, moderner und auch zeitgenössischer Kunst wie beispielsweise geknüpfte Teppiche, industriell gefertigte Tücher, handgenähte Wandbilder, traditionelle Bedeckungen, überdimensionale Kuscheltiere, patchworkartig zusammengenähte Leinwände etc. . Sie sind zum Teil als Originale ausgestellt und gestalten und strukturieren viele Ausstellungsräume, zum Teil auch als fotografische Abbildungen wie in den Arbeiten der Künstlerin Ahlam Shibli (* 1970 in Palästina, lebt in Palästina) Ihre Fotos im Fridericianum zeigen wie leere Innen- und Außenräume von palästinensischen Flüchtlingen, mit hängenden Tüchern-, Teppichen und Kissen als abgeschirmter Lebensraum temporär nutzbar gemacht wird.
 
Daran unmittelbar anschließend die Installation von Cosima von Bonin (*1962 Mombasa, lebt in Köln D) "Löwe im Bonsai Wald", die mit farbigen Tüchern und einfachen Bambusstangen eine Rauminstallation schafft und dabei geheimnisvoll einige Dinge unseren Blicken entzieht. So gibt es industriell gefertigte Tücher mit Webkante neben hand umnähten Tüchern. Die farbigen Tücher und dünnen Stangen funktionieren wie ein dreidimensionales Bild mit Flächen und Linien.
 
Das Textile, Gewebte und Gestickte, verstehe ich als Metapher der Gesamtschau. Sie kann veranschaulichen, dass alle Exponate -ungeachtet des gewählten künstlerischen Mediums, als miteinander verknüpft ausgestellt werden.
Wir können der Textur dieses Gewebes mit den Augen folgen, die Struktur wie einen geschriebenen Text lesen und dabei feine Unterschiede wahrnehmen.
Jedes Exponat erscheint in seiner eigenen Vielschichtigkeit und gleichzeitig in ein komplexes System verwebt zu sein, das ich verfolgen und untersuchen kann. Die Gefahr vorschneller Rückschlüsse eines Werks und Festlegung auf ein bestimmtes Thema kann im Verweis auf die benachbarte Arbeit gebannt werden.
Ich werde selbst Teil eines Koordinatensystems, eingeschrieben in ein Ausstellungsmuster und befinde mich in einer Art Spiegelsituation.
 
"Genial und bedrückend weil auch manisch", denke ich und wünsche mir paradoxerweise das Formlose herbei.
Da beginnt eine Dame der anfangs erwähnten Besucherinnengruppe zu singen. Sie stehen gerade gemeinsam vor dem Bild "Could this be love" von Kerry James Marshall.
"I have got two lovers and I love them both” lautet der gemalte Liedtext auf dessen Bild, das ein Paar im Innenraum zeigt, eben im Begriff sich zu entkleiden.
Und die Frauen fragen sich wer das Lied wohl singt, der Mann oder die Frau? Und ich frage mich, war das eine der kleinen Gesten, die so befreiend wirken können?
Im Fridericianum widmet sich ein ganzer Raum diesen sogenannten kleinen und auch ephemeren Gesten, die ein fest gefügtes System subtil unterlaufen können.
 
 
Resümierend fällt mir auf, dass die documenta 12 mit ihren drei Leitfragen und der übergeordneten These von der Migration der Form eine sehr eigenwillige Präsentationsform anbietet. Die Rolle des Kurators, der Kuratorin und die Rolle der Ausstellung als Medium sind dabei in den Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit geraten. Manchmal fühlte ich mich durch die Strenge des Ausstellungsschemas eingeengt trotz ihrer formalen Offenheit. Aber mir scheint, dass sie eine Art neuer Plattform errichtet hat, mit Blick zurück und Blick nach vorn. Trotz des Einbezugs vieler Positionen aus den 60 er, 70 er und 80 er Jahren und gar Arbeiten aus dem 14. Jahrhundert! ist sie als eine Art Remix in der Gegenwart angekommen und weist über sie hinaus.

Auepavillon inside

Iola de Freitas inside Fridericianum

Kerry James Marshall, Porträts aus der Serie "The Lost Boys"

Cosima von Bonin, "Löwe im Bonsai Wald"

Aue

Dimitri Gutov gestaltet grafische Strukturen aus Briefen und Notizen zu einem tranparenten Zaun aus Elementen aus Stahl. Aus Papier wird Fläche im Raum. Aus Federskizzen und grafischen Spuren wird Netz und Gitter.

Eine bewegte Verbindung von Körpern, Stoffen und Gerüst aus Stahlrohren und Seilen zeigt die Performance "Floor of the Forest" von Trisha Brown. Ergänzt wird diese dynamische Skulptur durch die wechselnden Schattenbilder, welche die plastischen und textilen Formen zu grafischen Bildfolgen in ständiger Veränderung auf dem Boden umgestalten.

Die Japanerin Tanaka Atsuko lässt ein wie ein Kleid zusammengefügtes Gebilde aus Lichtern und Farben in Bewegung geraten wie ein auf und ab wallendes Gewand.

Afrikanische Masken, die erinnern an die Präsentation in einem Völkerkunde Museum, sind hier zusammengefügt aus Resten und Abfällen von Zivilisations Müll. Hier wird die Verbindung der Kulturen, das bestimmenden Motiv fast aller Exponate, in eine ironische und gestalterisch überraschende und überzeugende Form gebracht. Von Romuald Hazume, Porto Novo, Benin.