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Jörg Boström

Gesichter einer Ausstellung.

Bilder von Christof Krackhardt

 

Was sagen uns Gesichter? Spiegelungen.? Verzerrungen? Bestätigungen? Identitäten? Wirklichkeiten ? Wirkungen? Professionelle Präsentationen? Werbung? Ikonen? Erkundung im menschlichen Gegenüber? Bei den Menschen des öffentlichen Lebens, die Christof Krackhardt in seiner Ausstellung zeigt, ausstellt und vorstellt, ist das Gesicht bekannt. Wird wiedererkannt. Nur wenn es uns neu erscheint, stellt es uns und sich infrage. Krackhardt geht sehr nah heran an die Menschen. Er lässt die Distanz der Bühne hinter sich. Er geht mit der Kamera heran an die Mechanik und die Haut der Züge. Man weicht eher zurück bei seinen Porträts. Zu nah. Es ist doch keine private Beziehung, die mich mit diesen Menschen verbindet. Die Augen streicheln fast und zucken zurück. Wir sind uns doch noch nie persönlich begegnet und nun so nah. Bisher waren es öffentliche Figuren und nun stehen sie großformatig vor uns in faltenreicher Nähe. Porentief nah. Wie war es bisher? Wie ist es meist in der Abbildung der menschlichen Wirklichkeiten durch Fotografie.

Aus der Erkundung der Wirklichkeit ist oft ein Verfallen sein an die eigenen Bilder geworden, ein Prozess, den man mit einem Wort als Selbstbetrug bezeichnen kann. Es ist ein Betrug, bei dem wir als Produzenten und Partizipien in selbstgenügsamer Kumpanei uns allmählich in einem spannungslosen Zustand, der Entropie vergleichbar, mit immer faderem Geschmack auf den Lippen selbst verdauen.

Da die technische Energie diese Medien im naturalistischen Sinne auf eine Simulation von Erscheinungsbildern, auf ein Augentäuschen mit dem Ziel der möglich "naturgetreuen" Nachahmung vorantreibt, ist die Erkenntnis ihres fiktiven Charakters, ihres Zeichensystems, immer wieder durch die faule Bereitschaft des Betrachters gestört, in diesen trügerischen Spiegelungen Wirklichkeit zu erleben, die ihm sonst verschlossen ist. Bis hin zur selbst zerstörerischen Verdrängung des eigenen Lebens durch die technisch perfektere Fiktion.

Dies ist kein Plädoyer gegen den Medienkonsum sondern eins für einen anderen Gebrauch, den ich mit dem Begriff des aktiven Sehens bezeichne.

Der Philosoph Vilém Flusser beschreibt das Problem so: " Der Mensch vergisst, dass er es war, der die Bilder erzeugte, um sich an ihnen in der Welt zu orientieren. Er kann sie nicht mehr entziffern und lebt von nun ab in Funktion seiner eigenen Bilder. Imagination ist in Halluzination umgeschlagen. Dieser scheinbar unsymbolische, objektive Charakter der technischen Bilder führt den Betrachter dazu, sie nicht als Bilder, sondern als Fenster anzusehen. Diese Kritiklosigkeit den technischen Bildern gegenüber muss sich als gefährlich herausstellen in einer Lage, wo die technischen Bilder daran sind, die Texte zu verdrängen. Gefährlich deshalb, weil die "Objektivität" der technischen Bilder eine Täuschung ist. Denn sie sind- wie alle Bilder- nicht nur symbolisch, sondern sie stellen noch weit abstraktere Symbolkomplexe dar als die traditionellen Bilder. Sie sind Metacodes von Texten, die...nicht die Welt dort draußen bedeuten sondern Texte."

Das aktive Sehen lässt sich immer wieder auf das Lesen der Bildtexte, auf das Entziffern der jeweiligen Codes ein.

Das Lesen des fotografischen Codes bedeutet auch Enttarnung, Abstreifen des Schleiers der vorgetäuschten Wirklichkeit, der so irreal ist wie eine Fototapete. Es geht um das Buchstabieren des Textes hinter den Bildern, das Aufschlüsseln der Absicht, der Mittel und der Wirkung. Hinter dem verfehlten Anspruch einer objektiven Wiedergabe durch das Objektiv, ein irreführendes Wortspiel, erscheint auch im Pressebild die Möglichkeit einer Freiheit des Gestalters, der sich ein Bild macht, der sich eine Meinung - hier sogar im Wortsinne - b i l d e t, seine und die des Betrachters.

NinaRuge

Nina Ruge 14.11.2000

Christof Krackhardt stellt eine Ausstellung zusammen. 100 Porträts in großem Format. Bekannte und weniger Bekannte. Aber Menschen des öffentlichen Lebens und daher auch freigegeben zur Veröffentlichung.

Ich frage ihn und mich:

Sollen alle 100 Porträts in die Ausstellung? Die Nähe zu unbekannten und bekannten Menschen, die dem Betrachter auf fast intime Weise nahe gerückt werden?

Ausgestellt werden nun alle 100 Bilder. In wechselnder Folge. Diese Menschen treten auf uns zu, an uns heran. Fotografie hat immer wieder so etwas wie eine künstlerische Form der Indiskretion. Was will ich eigentlich Genaues wissen über die Nase eines mir unbekannten oder aus den Medien bekannten Menschen, der plötzlich aufhört, ganz gleichgültig zu sein?

Er antwortet ja und fügt hinzu:

Ich denke, dass das, was ich geschickt habe, nicht ausreicht, wenn man meine gesamte Arbeit nicht kennt.

Der Fotograf macht nun andere Menschen und zuletzt Bilder aus Brasilien zu seiner Arbeit. Was nun ist seine Arbeit?

Immer wieder entsteht beim Betrachten seiner Fotografien der Eindruck, man sei dabei. Besucher. Mehr als das. Oft so etwas wie Teil der Familie. Krackhardts Bilder haben einen Einstieg ins Private. Er will Teil sein der menschlichen Gesellschaft, die er mit der Kamera besucht. Er signalisiert nicht das Fremde des Andren, das schwer Verständliche und kaum Erreichbare. Er gestaltet Nähe als wäre da in zum Beispiel in Brasilien nicht die andere Welt, die vielfach weggerückt und bezeichnet wird als Dritte Welt, sondern er zeigt sie so wie uns. Teil unserer Weltgemeinschaft auch da im Fremden, wo seine letzten Bilder sich entwickelt haben.

MonicaLewinsky

Monica Lewinsky 30.03.1999

Christof Krackhardt schreibtb in einer Mail:

Es gibt sehr viele Dinge die ich aus meinen Erfahrungen erzählen kann -gerade aus den 7 Jahren als Boulevard - Fotograf. Das waren sehr harte Jahre - aber ich habe Gottseidank den Absprung wieder geschafft. ("Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" - das habe ich sehr hautnah erfahren..)“.

Adorno war und ist immer wieder eine auch rätselhafte Orientierung. Was ist das Falsche? Was ist das Wahre?

Man ist dabei. Nun auch bei den Medienmenschen. Man kennt ihre Ikonen. Man kennt ihre Auftritte. Man erkennt sie nun wieder als wäre man zu Besuch. Eingeladen. Zu einer Tasse Kaffee und zum privaten Austausch. Auch der Spannungen.

AliceSchwarzer

Alice Schwarzer 15.05.2001

Alice Schwarzer zeigt sich besorgt. Hat sie Probleme nach ihrem letzten Gespräch?

Karl Heinz Stockhausen erinnert sich an das letzte Konzert. Es hat ihn schon angestrengt.

Wolf von Lojewski faltet ernsthaft die Hände, dicht vor dem Hemd.

Insgesamt haben die Fotografien von Christof Krackhardt etwas Ernsthaftes, fast Religiöses. Einen schwermütigen Hauch von Humanität.

Sicher ist es mehr als ein Zufall, dass er auch in einer Kirche ausstellt und auf eine Freundschaft mit einem Pfarrer hinweist. Dass er als Fotograf engagiert ist im sozial engagierten, im grünen Bereich. Amnesty International, Adveniat, Caritas....

Auch tragische Geschichte wird sichtbar. Jürgen Möllemann im ernsthaften Blick nach rechts. Die Finger verschränkt vor den Lippen. Habe ich etwas zu sagen das ich nicht sagen sollte? Man kann ihn nicht mehr anschauen ohne den Gedanken an seinen Todessturz.

Auf Gunther von Hagen schaut man schon selbst wie auf einen Toten. Der Beuys Hut angeschnitten. So nah nun und so bedenklich.

Michael Houllebeque verhüllt das halbe Gesicht mit Hand und Zigarette. Man möchte ihn lesen, vielleicht, manchmal, aber nicht sich einfühlen in seine fremdelnden Figuren.

Ralph Giordano wirkt fleckig und gerupft. Gezeichnet und überlebt. Er hat überlebt und schreibt genau darüber. Nicht so glatt und nobel, wie als fotografischem Cover auf seinem biografischen Werk.

PeterMaffay
GunterWallraff

Günter Wallraff 04.09.2000

Peter Maffay 18.06.1997

WolfBiermann
DalaiLama

Dalai Lama 06.05.1995

Wolf Biermann 29.08.2001

Diese Fotografien von Medienmenschen sind das Gegenteil der leichten und geglätteten Werbebilder, die uns die Menschen sonst vorstellen wie aus einer besseren Welt. Der Zone des Vanity Fair. Des Scheins der Eitelkeiten.

Erstaunlich dazwischen das schöne Porträt von einer schönen Frau. Monika Lewinsky. Als Skandaldame durch die Medien gehetzt. Nun begreiflich als Frau und Liebende.

Bettina Bötticher lacht hier einmal nicht. Sie sieht ernst aus und charaktervoll.

Auch Petra Gerster sieht still vor sich hin. Bei sich und nicht bei dem sonst umworbenen Betrachter.

Es hat schon etwas Nachdenkliches, diese Menschengesichter zu betrachten. Mit ein wenig Ironie, die sich einstellt bei so viel Glaubhaftem, um mich selbst zu verteidigen, fällt mir der Sprachton ein vom Wort zum Sonntag. Ist Christof Krackhardt ein religiöser Mensch? Bei so viel intimer Nähe seiner Fotografien kann ich ihm den indiskreten Blick auf ihn selbst nicht ersparen. Wer versteckt sich da hinter der Kamera? Wenn er schreibt, ich sollte viele seiner Fotografien sehen um ihn zu verstehen?

Peter Maffay ist fast ertappt beim Gebet. Inbrünstig schaut er mit gefalteten Händen nach rechts in die Höhe.

Beim Dalai Lama sind die Gebetsanmutungen leichter zu erwarten, aber selbst Ingo Appelt hat einen sehr nachdenklichen Ausdruck, als zweifle er an seiner zugespitzten Medienstrategie. Oder sieht man hier den wirklichen Menschen dahinter?

Bei dem Bild von Nina Ruge ist mir der Gedanke an eine natürlich auch hier inszenierte Ernsthaftigkeit zum ersten Mal durch den Kopf geschossen. So habe ich sie noch nie gesehen. So nah und ganz ohne ihren fast immer lachenden und einnehmenden, Medien- und Betrachter konsumierenden und Zugriff auf mein Empfinden, dass ich mich sonst eher zurücknehme als auf sie zu gehe. Hier bin ich ihr plötzlich beklemmend nahe als sei ich privat bei ihr.

Bei dieser Gestaltung von Porträts, welche die Menschen in ihrer Nachdenklichkeit und Nähe zu sich selbst zeigt, Menschen, die sich professionell auf die Anderen, die Zuschauer auf dem Umweg über die Kamera, vielfach für die TV Präsentation darstellen, entsteht eine überraschende Nahsicht. Aus selbst gezimmerten Ikonen werden Personen des persönlichen Umgangs. Sie bleiben, was sie wirklich sind, Persönlichkeiten.

Der Fotograf Christof Krackhardt schafft Nähe und Nachdenklichkeit in seinen Porträts dieser Ausstellung. Und das im großen Format, dem man sich nicht entziehen muss.

Wenigstens einmal, für einen persönlichen Besuch dieser Bilder einer Ausstellung, sollte man es vielleicht auch nicht.

BettinaBottinger
PetraGerster

Petra Gerster 30.03.2000

Bettina Böttinger 09.03.2000

ZeitRaum. Menschen des veröffentlichten Lebens.

Eine Ausstellung von Christof Krackhardt, 20 Mai - 29. Juli 2007

in St. Theodor Köln -Vingst