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Markus Redert
 
Karnevalsnachlese

Ich gestehe, ich bin Karnevalerist. Weile ich in der Zeit im Ausland, ist alles ganz normal mit mir. Aber bleibe ich hier, überfällt mich der Zwang merkwürdige Dinge zu tun, über die der aufgeklärte, gebildete Zeitgenosse mitleidig lächelt.
Früher war ich auch einer dieser Zeitgenossen. Bis ich meine Frau kennenlernte, die aus einem katholischen Elternhaus im Rheinland kommend, daß Karnevalsfieber sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen hatte. Ich erwies mich als lernfähig, im Zentrum des Getümmels blieb mir auch gar nichts anderes übrig.
Inzwischen freue ich mich auf die große Sitzung, bin bei jeder Rathauserstürmung dabei. Ich taumle durch den Schwerdonnerstag, kann schon morgens mitsingen, wenn unsere Straße über aufgehängte Boxen mit Karnevalsmusik beschallt wird. Ich kämpfe mich durch ein wüstes Wochenende, das normale Familienleben ist aufgehoben, die Kinder sehen uns nur sporadisch. Höhepunkt ist natürlich Rosenmontag und Veilchendienstag. Hier finden wir uns jedes Jahr zu einer Gruppe von bis zu 50 Leuten zusammen. Einige kommen von weit her und sehen sich nur zu diesem Anlaß. Wir ziehen mit unseren Kostümen, an denen vorher Wochen lang gearbeitet wird, stolz bei den Umzügen mit, danach wird in den Kneipen und auf den Straßen noch lange gefeiert.

Am Aschermittwoch kehrt, langsam, langsam, die Normalität zurück. Die Kinder werden wieder eingessammelt, die Kostüme kommen auf den damit vollgepfropften Speicher, das Konfetti wird aus allen Ritzen der Wohnung gesaugt, leere Flaschen eingesammelt, Fahnen eingerollt. Die Schminke in den Augenwinkeln und das Glitzerzeug hält sich zäh, und manch ein Karamellchen kommt erst nach Wochen zerdrückt aus Hosentaschen zum Vorschein.
Der gebildete Zeitgenossse lächelt noch immer mitleidig. Wie soll ich ihm auch das Gefühl erklären, Arm in Arm mit Freunden in der Kneipe zu singen, im Zug solange Hellau zu schreien, bis man heiser ist. Ich halte mich da lieber an meinen Schwiegervater. Der ist jetzt 80, und geht immer noch in die Bütt. Das hält ihn wohl jung.
Das Phänomen Karneval ist wohl mehr als Saufen und Vereinsmeierei. Klar, das gibts auch, aber es stört nicht allzusehr. Für mich ist es einfach Lebensfreude, und ich freue mich schon aufs nächste Jahr!

Kneipentour Engers MPG 3,3MB

Kneipentour Heimbach MPG 1,2MB

Zug Heimbach MPG 2,7MB