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Annette Bültmann
 
Directors Lounge - Videokunst in Berlin
 
Seit 2005 findet jährlich zeitlich parallel zur Berlinale an wechselnden Orten in Berlin die Directors Lounge statt. Sie geht auf eine Idee von André Werner und Longest F.Stein zurück und wurde 2005 erstmalig im Klub "El kultrun" veranstaltet, der von einem Verein zur Förderung der Kultur, besonders zum Austausch mit Chile, unterhalten wurde, aber inzwischen nicht mehr existiert. 2006 musste ein neuer Veranstaltungsort gesucht werden und die Directors Lounge fand erstmals am Frankfurter Tor statt. Seitdem werden jedes Jahr neue Räume gesucht. Gezeigt wird ein Programm von Videos unterschiedlicher Länge aus dem Bereich der Videokunst. Die vertretenen Künstler sind international, manchmal regional schwerpunktmässig in einer Veranstaltung vertreten wie z.B. china doc, videos from poland, australian gothic. In diesem Jahr wurden allabendlich jeweils vier Videoblöcke gezeigt.
Die diesjährige Directors Lounge fand vom 8. bis 18.2.2007, mit einer Fortsetzung mit surprise Programm bis zum 25., im ehemaligen Restaurant "Da Karlo" an der Karl-Marx-Allee neben dem ehemaligen Kino Kosmos statt. Die Karl-Marx-Allee, beginnend am Alexanderplatz, zeichnet sich ausser durch Stalinbauten mit kachelverkleideten Fassaden auch durch diverse Veranstaltungsorte aus, von denen das Café Moskau einer der bekannteren ist. Am U-Bahnhof Frankfurter Tor befindet sich das ehemalige Kino Kosmos, in dem zur Zeit Parties und Discoveranstaltungen stattfinden, und das ehemalige Restaurant, relativ geräumig, in dem nun die Directors Lounge gastierte, mit Glasfassade zur Strasse, so dass man von drinnen auch einen Blick auf das Strassengeschehen werfen konnte, um festzustellen dass die Karl-Marx-Allee keine wirkliche Flanierstrasse ist sondern eher relativ stark befahren. Meist war aber die Aufmerksamkeit eher vom Programm der Directors Lounge in Anspruch genommen, und von neben dem Programm her laufenden Videoinstallationen, z.B. rotierende Gebilde die wie Moleküle aussahen, manchmal auch schon eher wie schwimmende Mikroorganismen mit Flimmerhäärchen, also so was wie im Computer simuliertes Leben, und einer Diashow mit Standbildern aus Karl-May-Filmen, die durch Untertitel wie "Old Shatterhand and Winnetou realized that conceptual art had destroyed their lives" "Old Shatterhand enjoyed impersonating Sigmund Freud" "Suddenly Old Shatterhand realized that he was sitting on the roof of the Frankfurter Schule" in einen anderen Zusammenhang gestellt wurden, dieses leicht absurde Werk begleitete den Zuschauer durch die gesamten Veranstaltungswochen.
Zwischen Lampen, Kabeln, Projektoren, Monitoren, Projektionsflächen befand man sich in einem Raum der visuellen Eindrücke, dazu kamen spiegelnde Metalltische und einige Stellwände aus Spiegelfolie, in denen sich das Geschehen im Raum leicht verzerrte. Das Programm reichte von komischen zu dokumentarischen, von schönen zu schaurigen, von 1 Minuten bis zu 75 Minuten Videos, das komplette Programm wäre wahrscheinlich eine visuelle Überfütterung, so schaut man sich diesen und jenen Block an, je nach Wunsch und Zeitplan, und es ist viel, was man da zu sehen bekommt, und teilweise irgendwie etwas skurril... da sieht man Menschen die wie Puppen geschminkt sind, merkwürdige Tanzschritte, einen fiktiven "Reisehund", sowas wie ein virtueller Hund den der Reisende sich vorstellen soll um andere Schritte zu laufen als die alltäglichen, wenn er sich vorstellt dass der Reisehund wegläuft, wohin er wohl laufen würde, oder man kann auch rückwärts gehen um ihn zu suchen, da sind dann Spuren am Strand zu sehen an denen die Kamera rückwärts entlangschwenkt, und dann Körperbemalung, einen Darsteller der sich als lebende Skulptur anmalt, so wie sie ja manchmal auf Plätzen stehen, sowas wie ein urtümlicher Ritter, mit silbernem Lendenschurz und Schwert und Geräusche die manchmal wie Wind klingen, manchmal auch eher wie fahrende Züge. Ein Körper in mehrere Lagen Folie eingepackt, bei Bewegung hört man das Knistern der Folie, und eine hypnotisierte Schlafende und Unterwasserszenarien, beides irgendwie in Zusammenhang stehend mit Kuleshovs Effekt bei der Filmmontage, und ineinander überblendete bewegte Bilder, z.B. laufende Menschen, Pflanzen, Regenschirme, leichtes Gewebe, dann auch Fallschirmspringer, Turmspringer die ins Schwimmbecken eintauchten, auch unter Wasser, sowas wie Blätter aus der Nähe, mehr wie Muster und Formen, und in einem anderen kurzen Video Militärflugzeuge die flimmernd gespiegelt durch Bild vibrierten wie verrückt gewordene Insekten, etwas bedrohlich wirkend, und in "Die Stadt der Sternschnuppen" fliegt man mit der Kamera über Bäume und Sträucher, später auch in geheimnisvolle Gemächer, und der Text erzählt von träumenden Prinzessinnen.
Etwas merkwürdig wird es dann beim Nachtprogramm unter dem Motto "Midnight Horror"... besonders skurril ein längerer Film mit einem Andy-Warhol-Zombie, der in einem Warhol-Museum seltsame Zeremonien mit Campbells Tomatensuppe veranstaltet, dazu Zelluloid, Filmstreifen, die im Winde wehen, durch sowas wie einen Fleischwolf gedreht werden... die Dekoration besteht teilweise aus Marshmallows, und zusammen mit derTomatensuppe und den indisch gekleideten Darstellern wirkt es eher bunt und überladen als wirklich gruslig, auch teilweise komisch, aber ganz gewiss sonderbar genug.
Ein spezielles "in focus"-Programm gibt es von Wolf Kahlen, der seit den 60er Jahren als einer der Ersten künstlerische Videos gemacht hat. Manche Sequenzen werden als Selbstversuch bezeichnet, z.B. eine, bei der er sich bräunt,aber ein Rechteck auf dem Rücken bleibt weiss. Eine neuere Arbeit ist "Art Flood", Kunstwerke, die Auswahl eines Kunstkritikers für einen Vortrag, sind nass geworden, tropfendes Wasser ist zu sehen und zu hören, die Werke haben sich verändert, aber auch die neu entstandene Serie mit Wasserflecken ist interessant. Weiteres unter www.wolf-kahlen.net
Eine Verbindung von Malerei, Sound und Video ist zu sehen in den "Noise Paintings“ von Helge Leiberg und Lothar Fiedler.
Geräusche entstehen beim Malen und werden verstärkt, manchmal so wieder eine kratzende Feder, manchmal auch anders, mehr wie eine Bürste, dazu eine Gitarre, und es entsteht ein Zusammenspiel von Geräuschen, Musik die sich gleichzeitig entwickelt mit dem Bild das entsteht, dann wieder übermalt wird, dann wieder teilweise freigewischt, dann kommen weitere dünne Striche hinzu. Später erfahre ich, dass es 1979 mal eine "Malerband freier Musik" gab, mit Helge Leiberg, Michael Freudenberg und A.R. Penck.
Sowohl zur Eröffnung als auch an den folgenden Wochenenden gibt es Live-Musik, "Don Bad'Habong" spielen mit Gitarre, Bass und zwei Klarinetten auf, Flocko Motion von Les Haferflocken Swingers jammt mit Marcus von Don
Bad'Habong auf Gitarre und Kontrabass, mit Gitarre und Gesang erfreuen "Tobias und der Andere, der Andere mit dem Zylinder" und am 23.2. die "Les Haferflocken Swingers".
Veranstaltet wird die Directors Lounge vom Kunstförderverein Treptow e.V., Designhof e.V., Cinema Desaster und der Galerie kmza.de; A&O-gallery mit Unterstützung durch fragments, placebo FX, Berliner Licht & Silber und vielen anderen, unter der künstlerischen Leitung von André Werner, Joachim Seinfeld, Longest F. Stein, Klaus W. Eisenlohr, Marina Foxley und Kim Collmer, in Zusammenarbeit mit weiteren Gastkuratoren und Mitarbeitern. Weiteres unter www.directorslounge.net

photo: Klaus W. Eisenlohr

photo: Klaus W. Eisenlohr

photo: Klaus W. Eisenlohr

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