Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Manfred Strecker

Der Letzte der verschworenen Vier

Fotograf Karl Martin Holzhäuser widmet sich bald nur noch seiner Lichtmalerei

Bielefeld. „Warum ausgerechnet Bielefeld?“ – „Weil Bielefeld bundesweit für sein Fotografiestudium einen vertrauenswürdigen Ruf genießt.“ Das antwortet in diesen Wochen manch Studienanwärter, der um einen Platz am Bielefelder Fachbereich Gestaltung nachsucht, berichtet Fachhochschulprofessor Karl Martin Holzhäuser. Obwohl keine Kunstakademie, spiele man nicht nur mit im Konzert fotografischer Ausbildungsstätten in der Bundesrepublik, nein, „wir spielen eine maßgeblich Rolle“.

Unschuldig ist Holzhäuser daran nicht. Von den vier Köpfen, die die „Bielefelder Schule der Fotografie“ begründeten, bekannt und berühmt machten, ist er einer – der Letzte, der noch lehrt. Und das nur noch bis zum Ende des laufenden Wintersemesters. Sorgen um die Fortdauer der Ausstrahlungskraft des Bielefelder Fotografie-Studiums braucht er sich nicht zu machen. Die nachgerückte Professoren-Generation arbeitet tatkräftig mit eigenen Akzentsetzungen weiter – auf breit angelegtem Fundament.

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Der Bielefelder Fachbereich Gestaltung verfügt über einen von der „Bielefelder Schule“ eingerichteten, angesehenen Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt Fotografie und Medien. Er veranstaltet alljährlich seit 1979 ein national beachtetes Symposium – „in einer Kontinuität wie nirgendwo sonst“, sagt Holzhäuser. Der Fachbereich bietet – der erste damit im Land – einen weiterführenden Master-Studiengang an.

Die „Bielefelder Schule der Fotografie“ war eigentlich eine unmögliche Angelegenheit. Gottfried Jäger, der theoretische Kopf der Schule und „Generativist“, Jürgen Heinemann, der Fotojournalist, Jörg Boström, der kritische Realist, und Karl Martin Holzhäuser, der Künstler, vertraten alle unterschiedliche, teils sich ausschließende Konzepte. Hinter verschlossenen Türen wurde hart gestritten – in der Sache, „öffentlich traten wir gemeinsam auf“. Die fotografischen Ansätze, die jeder präsentierte und repräsentierte, überließ man dem öffentlichen Wettbewerb der Studierenden, die sich den passenden Lehrer suchten.

So bildeten die vier, kollegial und sogar freundschaftlich verbunden, eine verschworene Gemeinschaft. Anders wäre der Aufstieg der Fotografie von einem Nebenfach, für das Holzhäuser 1968 von Gottfried Jäger als Lehrbeauftragter gewonnen wurde, zum Schlüsselfach des Fachbereichs Gestaltung nicht denkbar gewesen.

Fast 40 Jahre Lehre. In dieser Zeit hat Holzhäuser bis zu 180 Absolventen durchs Diplom geführt, so schätzt er. Viele davon sitzen in Agenturen in Paris, London, Hamburg oder Berlin. Ein Großteil schreibt dem Lehrer hin und wieder. „Einigen geht es beruflich richtig gut,“ sagt Holzhäuser.

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Daran hat er vielleicht auch seinen Anteil – durch Seminarprojekte, in denen er gelegentlich die harten Bedingungen der Arbeitswelt simulierte und Aufgaben stellte, die wie von Agenturfotografen in kürzester Frist zu erfüllen waren. Besonders stolz ist Holzhäuser auf den aus seinen Seminaren hervorgegangenen Katalog „Crème fraîche“. Mit diesem, dem fünften mittlerweile, stellen sich die Studierenden bei möglichen Arbeitgebern – Werbe- und Fotoagenturen – vor. Schon der erste dieser Kataloge – eine Broschüre, gebunden aus Fotokopien in einer Auflage von 100 Exemplaren – erbrachte Arbeitsaufträge. „Und wir machen damit ebenfalls beste Werbung für den Fachbereich.“Bisher eine Beschäftigung nebenbei, gewinnt Holzhäuser – geboren 1944, aufgewachsen in Berlin – jetzt Zeit für seine fotografische Kunst. Was er betreibt, vorgestellt beispielsweise in einer laufenden Ausstellung in Oerlinghausen, aber auch in London und bald in Budapest, hat mit abbildender Fotografie nichts zu tun.

Holzhäuser schafft „Licht-Malereien“ mit eigens dafür erfundenen Vorrichtungen. Holzhäuser malt mit „Lichtgriffeln“ und „Lichtpinseln“. Das sind Lampen in einem Gehäuse mit einer Vielzahl verschließbarer Schlitze, mit denen er die Lichtdosis und Lichtstreuung kontrollieren kann.

Wie eine Rakel führt Holzhäuser seine Lampen über lichtempfindliches Papier. Dabei entstehen luzide leuchtende Bilder, in denen sich zwei große Tendenzen der modernen Kunst verbinden: die Rationalität konstruktiver Untersuchungen und die Subjektivität der Expression aus dem Spiel der bewegten Hand, ja des ganzen Körpers, das sich in den Farbwellen der Bilder abzeichnet. Das ist eigenwillig, ästhetisch einzigartig und unverwechselbar Holzhäuser.

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Auch ein Fotokünstler braucht von der Kunst zuweilen Erholung. Holzhäuser bläst dafür das Kornett in der Dixieland-Band „Dr. Lippenkraft“, zu deren Gründungsmusikern er vor 26 Jahren gehörte. Bei „Dr. Lippenkraft“ ist Prof. Karl Martin Holzhäuser – ohnehin zugänglich, denkbar unprätentiös – einfach „Kalle“.

Aus:

Neue Westfälische, Nr. 21, Donnerstag, 25 Januar 2007

Ausstellung:

Karl Martin Holzhäuser: Licht-Malerei. Bis zum 11. März in der ehemaligen Synagoge, Tönsbergstraße 4, Oerlinghausen, do., sa. und so. von 15–17 Uhr, so. auch von 11–13 Uhr. 
 

Lichtmalerei, 91.1.,1991

Blau, Grün, Rot asuf Grau 4.5., 1990

Grün auf Grau 1.1., 1990

Blau auf Grau 1.1., 1990

Rot auf Grau 1.1., 1990