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Helmut Engelhard

Der letzte Kohl

Vor zwei Jahren hatte ich über den Ort Otzenrath (heute müsste man wohl Alt-Otzenrath schreiben) berichtet. Er lag am Rande des Rheinischen Braunkohlenreviers Garzweiler II und war damals schon von seinen Bewohnern fast vollkommen verlassen worden, weil er dem sich erweiternden Abbau der Braunkohle weichen musste. (Vergl.: www.vm2000.net/index24.html, Annäherungen)
In den nachfolgenden Monaten besuchten wir gelegentlich dieses Gebiet, um die fortschreitende Veränderung zu verfolgen. Nun im September 2006 stand eine weitere Visite an.
Über Jüchen und Holzneukirch nähern wir uns über die Landstraße dem, was von Otzenrath noch steht. Die frühere Zufahrt von Jüchen aus über den östlich von Otzenrath gelegenen Teilabschnitt der A 44 ist nicht mehr möglich. Dieses Autobahnstück gibt es nicht mehr, und seine ehemalige Trasse ist vollkommen verschwunden und eingeebnet. Auch die parallel dazu verlaufende Bahnstrecke lässt sich nur noch durch den verbliebenen Damm erahnen, an den nun in wenigen Metern Abstand schon die gewaltige Grube des Tagebaus angrenzt. Dort, wo das Dorf stand, sehen wir flaches, von Grasbüscheln, Büschen, durchsägten Baumstämmen und großen Reisighaufen durchsetztes Land, auf dem aus der Ferne vereinzelt einige leer stehende Wohnhäuser grüßen. Langsam fahren wir auf den noch vorhandenen Straßen in den ehemaligen Ort. Nur die beiden Kirchen des Zentrums stehen dort mit einigen Nebengebäuden. Seelenlos und bereits vom Verfall gezeichnet, blicken uns die ehemalige Evangelische Kirche mit ihrem lädierten Turm und dahinter die Katholische Pfarrkirche St. Simon entgegen. Das hinter diesem Dorfsymbol stehende Schul- und Kindergartengebäude ist ebenso wie das benachbarte Pfarrhaus vollständig entrümpelt. Die Gebäude gammeln vor sich hin und warten auf ihren Abriss. Der frühere, hinter den beiden Kirchen befindliche Friedhof ist ein leeres, von aufgeworfener Erde und Bäumen durchzogenes Gelände. Gegenüber der Katholischen Kirche steht das ehemalige, jetzt noch imposant wirkende alte Rittergut Leuffen mit seinen leeren Fenstern. Dahinter, direkt anschließend, der verlassene dazu gehörende Hof, auf dessen östlich sich erstreckendem Hofgelände die Archäologen Ausgrabungen vorgenommen hatten. Aber auch dort ist bereits alles verwaist.
Wir stellen unseren Wagen auf einem noch verbliebenem, neben dem seinem Schicksal entgegendämmerndem Pfarrhaus gelegenem Parkplatz ab. Auf der anderen Straßenseite steht ein kleines Blumengeschäft, das noch geöffnet hat. Sehr mutig! Es ist still, vereinzelt hört man Männerstimmen vom Hof des Geschäftes und das Geräusch eines kleinen Schaufelbaggers, mit dem die Männer arbeiten. Ab und zu fahren einige Seniorsportler, über den Lenker gebeugt, in ihren bunten Monturen auf ihren Rennfahrrädern über die Straßen an Kirchen und Gut Leuffen vorbei, drosseln etwas ihr Tempo, um nach einem kurzen Blick wieder die Geschwindigkeit zu verschärfen. Man muss als Ausdauersportler eben im Steady State bleiben.
Wir gehen auf einer zwischen Blumengeschäft und Gut verlaufenden Straße Richtung Osten, sehen schon in einigen Hundert Metern das Gestell und das sich drehende Schaufelrad eines riesigen Aushubbaggers und kommen am Hofgelände des Gutes vorbei. Auf der gegenüber liegenden Seite erstreckt sich das zum Blumengeschäft gehörende Gelände, auf dem in einem umzäunten Kleingehege ein einsames Pony sein Gras zupft und neugierig zu uns herüber äugt. Wir kommen durch eine Baumallee. Rechts und links davon sind weite Felder, auf denen in Reih und Glied prächtige Weißkohlköpfe stehen. Beide Gemüsefelder stoßen an ihrem östlichen Rand an den noch vorhandenen, aber gleislosen Bahndamm. Er ist unterbrochen durch eine Unterführung, auf den die Baumallee stößt. Genau durch diese Unterführung sehen wir nun jenseits des Dammes, wie der Schaufelradbagger geräuschvoll und langsam das Erdreich aushebt. Eine Bedienmanschaft ist nicht zu erblicken. Die Trasse der noch vor einem Jahr dort verlaufenen A 44 ist schon abgearbeitet. War da etwas?
Es sind nur noch wenige Meter, bis wir verbotenerweise (ausgeschildertes Werksgelände, Zutritt verboten) am Rande des gewaltigen Braunkohlentagebaus stehen. In der Ferne stoßen die Kraftwerke ihre Wasserdampfwolken aus, und deutlich können wir an den abfallenden Rändern der Tagebaugrube die verschiedenen Erdschichten erkennen, aus denen sich die dunklen Schichten der Kohle abheben.
Das ist es, wonach gesucht wird, der Rohstoff für die Energie, die von uns allen, ob wir wollen oder nicht, gebraucht wird, wenn wir unser tägliches Leben auf moderne Weise ausgestalten wollen.
Wir machen einige Photos, und mit meiner Digitalkamera drehe ich zusätzlich einen 30 Sekunden andauernden 180 Grad-Schwenk (leider schlechte Qualität der Wiedergabe), um das Gesehene festzuhalten und die Nähe zwischen dem arbeitenden Bagger und seinem zukünftigen Arbeitsgebiet, das noch von den kraftstrotzenden Kohlköpfen bedeckt ist, zu zeigen. Es wird wohl an dieser Stelle die letzte Demonstration einer fruchtbaren Erde und der letzte Kohl aus Alt-Otzenrath sein.

Weißkohlfeld

Verlassenes Haus

Kirche St. Simon, Hintergrund Gut Leuffen

Gut Leuffen

Schaufelrad

Tagebaugrube

Baumallee

Kohl in Alt-Otzenrath