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Annette Bültmann

Simuliert statt präpariert
Kunst und Naturbeobachtung

Die künstlerische Naturbeobachtung hat eine jahrhundertealte Tradition des Zeichnens von Pflanzen und toten Insekten und Vögeln. Letztere wurden oft deshalb nicht lebendig gezeichnet, weil es üblich war sie zu fangen, zu töten und als Präparat aufzubewahren, um einen greifbaren, "wissenschaftlichen" Beweis für die Existenz der Art vorweisen zu können. Wie zweifelhaft solche Beweise sind, zeigten die gleichzeitig auftauchenden präparierten sonderbaren Tiermenschen und Missbildungen in Kuriositätenkabinetts. Solche Einrichtungen, auch Wunderkammern genannt, gab es bereits im 16. Jahrhundert, sie sollten sowohl Erstaunen hervorrufen als auch die Kenntnisse in den Bereichen Kunst und Natur vergrößern. In der Amazon-Beschreibung eines Buches mit dem Titel "Das Kuriositätenkabinett" werden diese Sammlungen so beschrieben: "So fanden sich in den Kammern und Kabinetten zwischen Neapel und Kopenhagen, Madrid und Prag Muscheln, Kristalle, Korallen, Fossilien, Insekten, ausgestopfte und präparierte Tiere sowie menschliche Gliedmaßen, kostbare Kunstgegenstände, Uhren, mechanische Puppen und Automaten, Schnitzereien aus Elfenbein und Edelholz, Waffen, Gewürze, Gemälde und vieles andere mehr."

Präparate von z.B. missgebildeten Kindern oder in Gläsern mit Flüssigkeit konservierte Föten werden wohl in dieser Beschreibung nicht erwähnt, weil sie beim heutigen Betrachter Schrecken hervorrufen könnten.
Auch Freakshows auf Jahrmärkten oder Monstershows auf Marktplätzen scheinen auf bizarre Weise die wissenschaftlichen Bräuche früherer Jahrhunderte zu persiflieren. Dort gab es Sensationen zu sehen wie die Hand eines See-Monsters, halb Mensch, halb Fisch, oder ein Wesen mit zwei Köpfen, vier Armen und vier Beinen, oder ein Tier mit einem rüsselartigen Schwanz, den es zur Futtersuche wie einen Elefantenrüssel benutze, oder eine Frau mit drei Brüsten, Hermaphroditen, Zwerge; lebende Menschen und Tiere, echte oder gefälschte Präparate, alles wurde gnadenlos gesammelt und zur Schau gestellt. Deshalb ist es wohl auch nicht allzu verwunderlich, dass Anatomen des 18. und 19. Jahrhunderts Sammlungen von Präparaten anlegten, die, z.B. über mehrere Generationen weitergegeben, aus mehrere Tausend Präparaten von teilweise Körperteilen, aber auch ganzen missgebildeten in Weingeist oder Branntwein konservierten Menschen und Tieren bestanden.

Expeditionen führten im 17. bis 19.Jahrhundert Forscher und Zeichner, die ein mal mehr katalogisierendes, mal mehr ästhetisches Interesse an der Vielfalt der Arten hatten, auf jahrelangen Schiffsreisen z.B. nach Indonesien, Ceylon, Jamaika, Nord- und Südamerika, und zu den Galapagos-Inseln, deren Tierwelt durch die Darwinsche Evolutionstheorie bekannt wurde. Manchmal waren Forscher und Zeichner gemeinsam an Bord, oft waren die Forscher auch gleichzeitig Künstler, wie z.B. Maria Sybilla Merian, die sich als Malerin und Kupferstecherin für die Entwicklung der Schmetterlinge und Nachtfalter von der Raupe zum Insekt interessierte, und, nachdem sie exotische Schmetterlinge in einem Kuriositätenkabinett bewundert hatte, diese auch in natürlicher Umgebung bei einer Reise nach Surinam beobachtete und malte.

All die toten gezeichneten Tiere und die Skelette in den anatomischen Sammlungen erinnern auch irgendwie an die Vanitas-Stilleben, bei denen durch Schädel die Vergänglichkeit dargestellt wurde, aber auch durch andere Motive wie verwelkte Blumen, Schneckenhäuser und Muschelschalen als Überreste lebender Tiere und Insekten als Symbol für Kurzlebigkeit.
Präparierte Tiere als Modelle für Zeichenübungen waren bis vor nicht allzu langer Zeit gebräuchlich, und können sogar heute noch manchmal gezeichnet werden, z.B. in Form von Zeichenkursen in Museen oder naturwissenschaftlichen Instituten. Vereinen sich auf diese Weise die Wissenschaft und der Vanitas-Gedanke in der Kunst?

Durch die Möglichkeiten der Fotografie wurde es möglich, Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum abzulichten, ohne dass sie dabei zwangsläufig ihr Leben lassen mussten, auch wenn häufige Fotosafaris wohl nur nach Abwägung der ökologischen Risiken stattfinden sollten, um die immer kleiner werdenden Lebensräume der wilden Tiere nicht zusätzlich zu belasten.
Die frühe Fotografie bei Expeditionen brachte wohl noch einen ziemlichen Aufwand mit sich, das Tragen der Gerätschaften, verglichen mit den heutigen keine Westentaschenformate, und die fotografischen Platten mussten kurz vor der Belichtung hergestellt und anschließend an Ort und Stelle entwickelt werden.

Die Ergebnisse ließen anfangs zu wünschen übrig, unter anderem weil die Belichtungszeit bei Daguerrotypien mehrere Minuten betrug. Durch die Entwicklung von Gelatine-Trockenplatten wurden kürzere Belichtungszeiten erreicht. Dies ermöglichte dem Fotografen Eadweard Muybridge seine Bewegungsstudien von Tieren, Animal Locomotion, bei denen Schrittfolgen beim Gehen oder Laufen vieler Tierarten und verschiedene Gangarten von Pferden Bild für Bild zu sehen sind.

In heutiger Zeit stellen das Gewicht und die Möglichkeiten der technischen Geräte oft kein Problem mehr dar, von Unterwasserkameras über Nachtsichtgeräte und Infrarot- und sogar Wärmebildkameras, Mikroskopanschlüsse für Kameras, Teleskope, Zeitlupe, Zeitraffer etc. reichen die Möglichkeiten, um mit meist auch nicht allzu sperrigen Geräten fast jeden möglichen Lebensraum zu erkunden, von der Wüste über den Regenwald bis zur Tiefsee, in Höhlen, unter dem Mikroskop, unter Wasser und wo auch immer ist kein Lebewesen mehr sicher vor dem Auge der Kamera. Dementsprechend gibt es auch immer mehr Naturfotos, die verfügbar und sichtbar sind auf CDs, im Internet, geprintet, in Büchern, als Poster, gedruckt auf Kleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände, auf Werbeplakaten, und natürlich tägliche Naturaufnahmen im Fernsehen, in letzter Zeit noch ergänzt durch pädagogisch aufbereitetes Einfangen und anderswo wieder Freisetzen von Krokodilen oder Schlangen durch augenrollende, gestikulierende und plappernde Naturschützer für mehr Spannung im Kinderprogramm, und, von Fotohandys aufgenommen, können neueste Bilder aus allen Erdteilen direkt über den Äther geschickt werden.

Braucht die Welt wirklich besonders dringend noch mehr dieser Bilder und Filme, auf die Gefahr hin dass kein wildes Tier auf dem Planeten mehr unbehelligt bleibt? Oder hat sich vielleicht mit der Entwicklung der 3-D-Software eine weitere Möglichkeit aufgetan, die Kunst und das Interesse an der Natur miteinander zu verbinden?
Durch die Simulation der Natur eröffnen sich viele gestalterische Möglichkeiten, vor allem wenn man sich nicht auf die Simulation beschränkt sondern eigene Welten mit ihren jeweiligen Lebensformen entwickelt. Aber auch in der Wissenschaft können 3-D-Modelle hilfreich sein, nicht nur für Geoinformationssysteme, sondern auch z.B. als virtuelle anatomische Modelle, die sich mit der Maus am Bildschirm frei bewegen lassen, oder als Modelle von Tier- und Pflanzenzellen.

Doch die Kunst, die sich nicht unbedingt den Maßstäben der Wissenschaft unterwerfen sollte, sondern frei genug sein für künstlerische Forschung nach eigenen Regeln, kann eigenartige Lebensräume und ihre Bewohner entstehen lassen, Landschaften und Biotope und ganze Planeten und Universen.