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Jana Scheerer
 
Das Bielefelder Gefühl
 
 
Gute Deutsche finden sich immer ein bißchen peinlich. Sie können alles, außer sich mögen. Deswegen ist Berlin als Hauptstadt ein Irrtum.
 
Zur Zeit sehe ich im Fernsehen und auf Plakaten ständig Anne Will oder Olli Kahn oder irgendwelche anderen vermutlich prominenten Personen, die mir sagen: "Du bist Deutschland." Über Sinn und Unsinn solcher Kampagnen wurde seither viel diskutiert; unter anderem wurde lästerlich als Alternative vorgeschlagen: "Du bist Bratwurst und Sauerkraut." Na ja. Richtiger müßte es meiner Meinung nach heißen: Du bist Bielefeld. Denn Bielefeld ist, da bin ich mir sicher, als Bild für Deutschland hundertmal besser geeignet als alle Dichter oder Erfinder oder Moderatoren oder Torwärter oder Bratwürste dieses Landes. Zum Beweis sei hier der Berliner "Tagesspiegel" vom 9.12.2005 zitiert: "Günthers Gesicht war immerhin 32 Jahre auf der Schokolade zu sehen, egal, ob man nun in Norwegen war oder Bielefeld." (Es ging um das bedauerliche, leider hier aus Platzgründen nicht näher zu erörternde Austauschen des Jungengesichtes auf der Kinderschokolade: Günther wurde einfach durch Kevin ersetzt.) Wie dem auch sei, in obigem Satz gibt es eine Inkongruenz der Kategorien. Norwegen und Bielefeld, das paßt irgendwie nicht zusammen. Hier steht eindeutig Bielefeld metonymisch für Deutschland. Daß Bielefeld ein perfektes Bild für Deutschland ist, würde auch erklären, warum ständig und überall der Name "Bielefeld" fällt, ohne daß jemals wirklich von Bielefeld die Rede wäre.
Eine andere Erklärung für diese Bielefeld-Inflation ist die inzwischen auch über Bielefelds Grenzen hinaus bekannte These, Bielefeld gebe es gar nicht. Unter www.bielefeldverschwoerung.de legen die Verfechter der Bielefeld-Verschwörungstheorie überzeugend dar, daß die häufige Nennung Bielefelds ausschließlich zum Zweck eines besonders wirkungsvollen Vortäuschens der Existenz Bielefelds geschieht. Denn, so die Verschwörungstheoretiker weiter, man höre zwar ständig von Bielefeld, lerne aber nie jemanden kennen, der tatsächlich aus Bielefeld stamme oder auch nur einmal dort gewesen sei. Der Einfluß der an der Verschwörung beteiligten Personen scheint überdies bis in die höchsten Stellen zu reichen. Schließlich wurde sogar der Aufwand, Nummernschilder mit der Aufschrift bi herzustellen, nicht gescheut. So weit die Verschwörungstheoretiker. Ich selbst habe zehn Jahre in Bielefeld gelebt, bin sieben Jahre mit einem BI-Kennzeichen an meinem Auto durch die Gegend gefahren (davon vier in Berlin), kenne also jemanden, der schon mal in Bielefeld war und kann schon deshalb den Bielefeld-Verschwörungstheoretikern nicht recht geben.
 
Man kann nicht mal nichts
 
Ich möchte sogar umgekehrt behaupten, daß die Bielefelder selbst nichts lieber tun würden, als die Existenz Bielefelds irgendwie zu vertuschen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Bielefeld-Verschwörungstheorie tatsächlich von den Bielefeldern selbst verbreitet würde, die so Bielefeld in das Reich der Fiktion verbannen wollen. Denn Bielefelds Einwohner schämen sich ständig für Bielefeld. Der Ausdruck "der Bielefelder Lokalpatriot" ist ein Oxymoron. Mein Bielefelder Erdkundelehrer riet uns elfjährigen Schülern, auf die Frage "Wo liegt denn dieses Bielefeld?" mit dem Satz "irgendwo zwischen Hannover und Dortmund" zu antworten. Degradierender wäre wohl nur noch "irgendwo zwischen Gütersloh und Bad Oeynhausen" oder "in der Nähe von Bünde". Und hat man Bielefeld dann schließlich irgendwo zwischen Hannover, Dortmund, Gütersloh und Bad Oeynhausen gefunden, entschuldigt sich der Bielefelder, kaum hat man seine Stadt betreten, sofort für dieselbe: "Ja, is eben Provinz hier, ne", oder, alternativ: "Jo, Bielefeld is halt ziemlich zerstört gewesen, ne. Und dann inne sechziger Jahren wieder aufgebaut..." Sollten Sie jemals nach Bielefeld kommen und Lust haben, einen Bielefelder rot werden zu sehen, fragen Sie ihn einfach folgendes: "Wo geht’s denn hier zum Kesselbrink?" Er wird Ihnen schmerzverzerrten Gesichts den Weg zu Bielefelds schlimmstem Schandfleck, einem von Sechziger-Jahre-Bauten umstellten Parkplatz, beschreiben. Auf der Strecke liegen garantiert jede Menge andere Schandflecke, so daß die Wegbeschreibung ungefähr so ausfallen dürfte: "Äh, da gehen sie einfach immer die (stöhn) Bahnhofsstrasse entlang, bis sie auf den (knirsch) Jahnplatz kommen, dann schräg links und dann stehnse auf'm (heul) Kesselbrink. Ach, übrigens: Ich bin ja nur zugezogen, gebürtiger Herforder eigentlich, ne." Gerne würde ich übrigens die hier zitierten Bielefelder in einem knackigen Dialekt wiedergeben. Doch leider, leider spricht man in Bielefeld bis auf einen leichten westfälischen Einschlag und einige "als"/"wie"- und "zu"/"nach"-Konfusionen weitgehend Hochdeutsch. Auch dafür schämen sich die Bielefelder zutiefst. Dialektsprecher werden geradezu euphorisch begrüßt und mit der Mitleid heischenden Feststellung "wir sprechen hier ja keinen Dialekt" bedacht. Wobei man sich die Euphorie eher als eine nach innen gerichtete Regung vorzustellen hat. Das ist den Bielefeldern auch völlig bewußt, weshalb sich zu obiger linguistischer Selbstdiagnose oft noch folgender trauriger Befund gesellt: "Wir sind hier halt mehr so sture Westfalen, ne." Dieser Satz wird in jeder Lebenslage eingesetzt, in der eventuell fehlendes affektives oder auch nur akustisches Engagement kritisiert werden könnte. Im Grunde hat es mich immer gewundert, daß während der zähen Sozialkundestunden meiner Bielefelder Schulzeit nie einer der Schüler dem auf eine Antwort wartenden Lehrer ein "Wir sind hier halt so sture Westfalen, ne" entgegengeworfen hat.
Paradoxerweise macht es gerade diese Selbstdefinition durch Ausschlußverfahren dem Bielefeld-Neuling besonders schwer, ein echter Bielefelder zu werden. In Berlin stellt man sich in den ersten zwei Tagen in der Stadt einfach irgendwo an die Kasse, rammt der Oma vor sich den Einkaufswagen in den Hintern und schreit dann: "Wat rennse denn in mein Korb rinn, hamse denn keene Augen im Kopp?" Und schon ist man ein Berliner.
In Bielefeld ist die Sache um einiges komplizierter.
Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe zehn lange Jahre meines Lebens dem Versuch gewidmet, eine Bielefelderin zu werden. Doch immer gab es irgendwelches Bielefeld-Fachwissen, zu dem man nur Zugang hatte, wenn man mindestens eine waschechte Bielefelder Uroma - Verzeihung: Uaomma - hatte. Selbst nach sieben Jahren intensiven Bielefeldstudiums konnte man mich noch mit einem Satz wie "Der kommt halt aus Brake" aus der Fassung bringen. Wie: "Der kommt halt aus Brake"? Was soll das heißen? Ich weiß es bis heute nicht. Und ich habe mich nie getraut zu fragen. Denn fragen würde bedeuten, den Bielefeldern eine irgendwie geartete lokale Besonderheit zu unterstellen, was ja nach eigenem Bekunden das letzte ist, was sie auszeichnet. Sie tun so, als wäre man Bielefelder, indem man keinen Dialekt spricht, keine besonderen Verhaltensweisen zeigt und vor allem keinerlei Gefühle für Bielefeld hat außer Scham. Was gäbe es für einen Ortsfremden da nicht zu verstehen? Da macht das herzerfrischend ehrliche "Wir können alles. Außer Hochdeutsch", mit dem Baden-Württemberg auf Berliner Bussen um Sympathie wirbt, das Nachfragen doch um einiges leichter. Die Bielefelder Kampagne würde wahrscheinlich lauten: "Wir können nichts. Frag nicht."
 
Eine Stadt als Metapher
 
Dabei kann und hat Bielefeld eine ganze Menge: eine profilierte Universität, die nur von außen ein bißchen komisch aussieht (so ’n Sechziger... na, Sie wissen schon), ein Unternehmen (Dr. Oetker), das inzwischen ganz Europa mit weit mehr als Pudding versorgt, eine winzige, aber hübsche Altstadt und sogar eine richtige Burg, die Sparrenburg. Doch von all diesen schönen Dingen wollen die Bielefelder nichts hören. Sogar als das Fremdenverkehrsamt sich in seiner Verzweiflung den Slogan "Bielefeld - die freundliche Stadt am Teutoburger Wald" ausdachte, hatten die Bielefelder nichts Besseres zu tun, als daraus "Bielefeld - die freundliche Baustelle am Teutoburger Wald" zu machen. Dieser Slogan, der hier zugleich als Beispiel Bielefelder Humors stehen soll, wurde sogar auf einen Aufkleber gedruckt, den sich die Bielefelder begeistert auf ihre Autos klebten. Denn um die Schrecklichkeit der Stadt irgendwie zu mildern, wird in Bielefeld immer irgend etwas umgestaltet, nur damit hinterher in der Lokalpresse zu lesen ist, jetzt sehe es noch schlimmer aus als vorher. Der tiefere Sinn des Slogans "Bielefeld - die freundliche Baustelle am Teutoburger Wald" liegt wohl in der Hoffnung der Bielefelder darauf, ihre Stadt so lange umbauen zu können, bis sie tatsächlich nicht mehr Bielefeld ist. Was also könnte besser für Deutschland stehen als Bielefeld? Die Haltung der Bielefelder ihrer Heimat gegenüber steht in vollkommenem Einklang mit den Gefühlen, die wir Deutschen unserem Land entgegenbringen - nämlich Scham und das Bedauern nicht existierender Eigenschaften: "Wir sind nicht leidenschaftlich / humorvoll / locker / großzügig/gefühlvoll." Das zeigt sich schon in der Notwendigkeit einer "Du bist Deutschland"-Kampagne. Denn wenn uns extra gesagt werden muß, daß wir Deutschland sind, weist das vor allem auf eines hin: daß wir offenbar nicht Deutschland sein wollen. Eine Reklame, in der Ingolf Lück uns zuflüstert: "Du bist Bielefeld. Macht ja nix", wäre also um einiges ehrlicher als eine, in der Günther Jauch uns sagt, daß wir es endlich anpacken sollen. Vielleicht könnte Bielefeld auch die leidige Diskussion um Sprach- und Gesinnungstest beenden: Bei einem verbindlichen circa einjährigen Aufenthalt in Bielefeld würden Einbürgerungswillige lernen, sich ordentlich für die neue Heimat zu schämen und so gute Bielefelder - Verzeihung: Deutsche - zu werden.
 
 
erschienen in: du767 - Du ist Deutschland. Zu Gast bei Freunden, Juni 2006