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Kerstin Parlow

Landbesuch

I

 

Drinnen ist alles weiß. Die Wände, der Tisch - der Tisch ist für viele Menschen, aus Holz, die Treppe auch, alt, weiß, Fenster, ein Dach.

Eine Landschaft ist da. Es hat geschneit. Überfrorener Acker und Silberpappeln. Ein Deutschland. Vergangen auch viel.

Es ist oft Nebel hier draußen. Je weniger man sieht, desto mehr kann man sich denken. Das Dach ist noch heile. Es hat einen Käufer gefunden. Sie wollen es retten. Vielleicht auch wohnen.

Dieses Haus war einmal der Stall.

Da, wenn ihr über den Weg geht, kommt ihr zum See. Geht ruhig ein Stück, ich brauche noch eine Weile zum Kochen.

Geruch ist da, feuchte Erde. Der Steg ist moosüberwachsen und morsch.

Der Instinkt sagt, die Schritte sollten rückwärts gehen.

Vergangenheit. Ein Schaukelpferd steht herum. Eins im Obergeschoss neben dem Überseekoffer und eins unten neben der Staffelei. Zwei.

Zur Hälfte ein Atelier. Der Maler schiebt den Stoff zur Seite.

Kalte Luft weht entgegen. Den beheizten Teil der Existenz verlassen.

Man ist machtlos. Kohlen auf einem Haufen, überfrorene Scheiben.

Auf Holzrahmen genagelter Stoff.

Das Gewebe braucht Spannung, um die Idee zu tragen.

Wenn menschliche Gegenwart die Stille betritt, ist ihr unsicher.

Farben in Eimern und Farben in Gläsern.

Es hat wohl mitSchutzlosigkeit zu tun.

Mit dieser selten erlebten Schwelle, auf der das wirkliche Sein die Wahrheit betritt, die man im Inneren beständig fühlt.

Da, das Bild, das ist Kim.

Kirchliche Herren mit Mützen, Italien. Violett.

Toscana.

London.

Schwefelregen.

Zeche Bochum.

Da ist eine Wand, an der Wand hängt ein Bild. Weiß, blass und blau.

Einer Welle, eine Welle der Müritz, die Landschaft da draußen. Sonnenstreifen überlagern die Farben. Der Maler schleppt alles nach drinnen in sein eigenes Weiß.

II

 

An einem anderen Tag.

Der Maler will in die Stadt zurück. Es ist noch hell. Es ist noch Zeit. Wir sitzen am Kamin. Legt Holz nach. Feuer.

Im Winter malt er drinnen. Das ist wärmer.

Schatten auf der Staffelei. Menschen aus Kohle. Dieselbe Kohle, die den Ofen heizt, malt Schatten, Schatten. Er steht auf und geht zur Leinwand. Finger zirkeln ein Rechteck von Strichen ab. So. So ist es abstrakt.

Man muss nur dicht genug rangehen.

Die Lehrer wollten immer informell. Damals an der Akademie.

Sie haben mir die Gesichter zugehalten und gesagt: So ist es gut.

Mir war egal, wie sich die Diagonale zur Fläche verhält. Kirmes! hat der eine gesagt, du machst immer Kirmes! Waren ihm zu bunt, meine Bilder.

Ich hab dann auch viel fotografiert. Das war eine andere Szene.

Bei Beuys.

 

III

 

 

In der Stadt.

Da ist eine Linie hingetropft. Man geht näher und betrachtet lange und vergisst die Welt.

 

 

Vielleicht hört man dann weit drinnen einen Ton und weiß, welche Emotion, welche Farbe.

 

 

Wahrnehmung ist immer ursprünglich.

 

 

IV

 

 

Den Tod hat er nie gesehen. Als Kind. Da hinten ­ er streckt die Hand aus, über den Hof, er hat ihn gewusst. Ein Kind, das im Krieg aufwächst, kann ihn riechen. In den Nächten im Keller, tags zwischen Ruinen. Er bekommt einen Stift in die Hand. Er übersetzt die erschütterte Welt in Linien. Er zeichnet die Krankenschwestern. Er zeichnet die Schatten. Modrig huscht einer vorbei.

Der Wind der Existenz weht Tage fort. Produzieren. Produzieren. Immer auf der Flucht.

 

Pigmente, Quark und Hirschhornsalz. Seine Hände sind voller Farbe. Sie malen Portraits über, die ihm missraten sind, weil er die Menschen im Innern der Haut zu genau kennt. Das Ich kommt zurück. Man muss den Spiegel zerschlagen, sagt er, jedes Mal wieder.

 

 

Sagt Boström. Man muss Bilder von ihrem Herstellungskontext her begreifen.

 

 

Sagt Boström. Die Welt ist nicht chaotisch. Sie ist fremd. Das Chaos ist in uns. Die Stille? Nein, nicht verteidigen. Das macht ja Lärm. Du nimmst sie dir einfach.