Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Adelheid Schardt (Idee, Konzept, Recherche und Interviews), Dorothee Hübner (Ausstellungsgestaltung), Gunter Klötzer (Fotografie)
 
 
Immer DA!
 
 
Am Anfang stand ein "Nicht so": Nicht so begrenzen. Nicht so portraitieren. Nicht so dokumentieren. Vielmehr ein Ganzes mit seinen Teilen erfassen. Auch das Drumherum wahrnehmen. Das war das Ziel, als das Projekt "Immer DA! Berliner Trümmerfrauen und Aufbauhelfer" im Mai dieses Jahres begann. Im Focus: Wissen wollen, wie diese Menschen heute im Alter ihre Zeitgeschichte, Politik, Bildung, Bürokratie oder "Luxus" empfinden.
Basierend auf umfangreichen Recherchen, zahlreichen Interviews und Portraitstudien, entstand so eine Zeitreise mit Menschen von April/Mai 1945 über die 50er, 70er und 90er Jahre bis heute. Was gab es da nicht alles? Was geschah da nicht alles? Was veränderte sich im Kleinen und im Großen? Da wuchs aus dem Schutt, den man einst abtrug, 1958 das erste Hochhaus in der Stalinallee. Da waren der Tiergarten von Granatsplittern zu räumen oder Straßenbahnschienen wieder befahrbar zu machen. Alles für ein Gramm mehr Fett, einen Minimallohn oder eine Aufbaunadel. Davon ist heute kaum noch etwas hörbar oder sichtbar: Die Häuser der Stalinallee, heute Karl-Marx-Allee, sind zum Wohnen "in". Den Tiergarten füllen Grillgerüche und Großveranstaltungen. Im neuen Lehrter Bahnhof fahren in wenigen Monaten modernste Züge aus aller Welt. Diesen Wandel der Geschichte und den ihres Lebens sehen die Trümmerfrauen und Aufbauhelfer heute vielfach kritischer als manch anderer (auch jüngerer) Zeitgenosse.
Am Ende des Projekts stand ein "So viel": Ansichten, Erlebnisse, Tagebücher, Exponate (viele davon in 60 Jahren privat gehütet und geschützt).
So viel in einer Dauerausstellung der Berliner Unterwelten e.V., zu sehen ab dem 28. Januar 2006. So viel aber auch für uns selbst, die wir unsere eigenen Eltern und Großeltern nicht mehr befragen können.
Berlin, im Januar 2006

Stalinallee/Landsberger Allee,Berlin 1949. Aufnahme Rudolf K., Jg.1910 (in Privatbesitz).

Anfang der 50er Jahre: Gertraud T. vor der damaligen Sporthalle in der Stalinallee.

Oktober 2005: Gertraud T. in ihrer Wohnung.

Gertraud T.
Geboren 1926 am Strausberger Platz in Berlin. Von 1971 bis 1989 Empfangssekretärin im "Interhotel Stadt Berlin".
 
Trümmern ...
Für das Enttrümmern gab es die Schwerstarbeiter-Lebensmittelkarte, die für uns sehr wichtig war. Man erfuhr das vom Erzählen oder aus Lautsprecherwagen. Jeder sollte mitbringen, was er hatte. Ich war in einer Jugendbrigade eingesetzt und hatte Eimer und Hammer. Wir waren ein bunt zusammengewürfeltes Völkchen und verstanden uns großartig. Ungefähr neun Monate habe ich das gemacht.
 
... und Aufbauen.
Wir hatten damals mehr Chancen als die Jugend heute: Nach dem Krieg ging es aufwärts - heute aber geht vieles abwärts.

1951: Portraitaufnahme eines unbekannten Fotografen.

September 2005: Walter B. im Garten seines Hauses.

Walter B.
Geboren 1929 in Berlin-Mitte. Promovierter Landwirt. LPG-Vorsitzender.
Mitglied der DBD, Bezirksverband Berlin.
 
Trümmern ...
Die Trümmerfrauen taten mir leid. Für viele war es eine völlig ungewohnte Schufterei.
Es gab kaum entsprechende Arbeitskleidung, Handschuhe oder Schuhe. Und immer die Steine in den wunden Händen. Viele haben geweint. Vor dem Krieg gehörte es zum Ehrenkodex eines "tüchtigen Mannes", dass er seine Familie ernährt, und jetzt war es umgekehrt. Das war hart für die Frauen.
 
... und Aufbauen.
Nie wieder Krieg - war das, was sich bei mir im tiefsten Herzen für immer und um jeden Preis eingeprägt hat.

1953: Rita N., Portrait von ihrem Ziehvater Rudolf Kunz aufgenommen in der Wohnung,
in der sie noch heute lebt.

November 2005: Rita N. in ihrer Wohnung.

Rita N.
Geboren 1934 in Berlin-Wedding. Aufgewachsen in Pommern. Hut- und Putzmacherin. 1965 bis zur Rente Grundschullehrerin.
 
Einst ...
Nach unserer Flucht aus Pommern im Februar 1944 haben uns die Russen vor der Odergrenze gestoppt. Wir mussten zurück. Im Dorf standen noch die Kühe. Die Russen wollten ja nur "Uri, Uri" (Uhren) und keine Tiere. Nach dem Potsdamer Abkommen sind wir dann zum zweiten Mal nach Berlin. Da war es schrecklich. Alles kaputt. Ich war elf Jahre alt - und konnte nichts.
 
... und unvergessen.
Einmal kam meine Großmutter aus dem Dorf nach Berlin. Da hat sie gesagt: Die Berliner arbeiten nicht. Die Berliner kennen nur Vergnügen.

links
Rudolf K., Jg.1910. Aufgenommen von einer unbekannten Trümmerfrau in der Stalinallee 1950. Hier lieh der Fotograf seine Kamera lachend für ein "Gegenfoto" in der Pose einer Trümmerfrau aus (Privatbesitz).
rechts
Stalinallee Allee, Berlin 1949. Aufnahme Rudolf K., Jg.1910 (Privatbesitz)

1952: Liselotte K., Aufnahme eines unbekannten Fotografen.

November 2005: Liselotte K. in ihrer Wohnung.

Liselotte K.
Geboren 1933 in Berlin-Friedrichshain. Bis zur Rente vierzig Jahre als Sozialversicherungskauffrau berufstätig.
 
Trümmern ...
Beim Wegschaffen vom Schutt der eingestürzten sechs Meter hohen Wohnzimmerwand und der Glasscherben vom vierten Stock auf die Straße in Friedrichshain musste ich mit anfassen. Auch Wasserholen vom Straßenbrunnen mit Anstehen oder Holzsuchen zum Kochen war meine Arbeit bei Kriegsende. Es war mühsam - und ich fast noch ein Kind.
 
... und unvergessen.
1949 kostete eine Buttercremetorte 5 Mark. Da hab ich gedacht: Einmal im Leben eine Buttercremetorte essen; nur ein einziges Mal.

1944: Erna L. in ihrer Wohnung in der Marienstraße in Berlin-Mitte.

September 2005: Erna L. in ihrer Wohnung in einem Plattenbau, wo sie seit 1994 lebt.

Erna L.
Geboren am 22. 12. 1919 in Neuruppin; seit 1939 in Berlin. Kellnerin, Bühnenfrau, Hausdame und Putzfrau; zuletzt von 1964 - 1987 im Veterinärmedizinischen Institut der Humboldt-Universität.
 
Einst ...
Enttrümmert habe ich von 1945 bis 1948 rund um die Charité. Das ging immer von der Hand: Den Mörtel abhauen und die Steine stapeln. In einer langen Reihe haben wir da gestanden. Erst war das mit Lebensmittelkarte, später haben dann die Russen mich dafür bezahlt. Bei der Charité waren ja die russische Kommandantur und die ganzen Wohnungen.
 
... und unvergessen.
Die Russen wollten immer nur deutsche Frauen; zum Putzen. Heute ist das ja eher andersrum.

1946: Helga C.-V.; private Portait-Aufnahme ihres Vaters, der Hobby-Fotograf war.

September 2005: Helga C.-V. in ihrer Wohnung.

Helga C.-V.
Geboren 1926 in der Hussiten-Ecke Bernauer Straße in Berlin. Bis zur Rente Sozialpädagogin. SPD-Bezirksverordnete in Berlin-Tiergarten.
 
Trümmern ...
Mein erster Enttrümmerungs-Einsatz war im Tiergarten: Mit einer Gruppe von Frauen musste ich scharfe Munition in den Neuen See und in die riesigen, mit Grundwasser gefüllten Bombentrichter werfen. Bei den Handgranaten haben wir vor der Entsorgung die Stiele abgeschraubt - als Brennholz für zu Hause. Einmal gab es ein schweres Unglück mit einigen Opfern durch eine Panzerfaust.
 
... und Aufbauen.
So lange es mir möglich ist, werde ich mich dafür einsetzen, dass wir miteinander reden - statt einander zu bekämpfen.

Stalinallee, Berlin 1949. Aufnahme Rudolf K., Jg.1910 (in Privatbesitz)

1948: Marianne G., aufgenommen von ihrem Vater (Privatbesitz).

Oktober 2005: Marianne G. in ihrer Wohnung.

Marianne G.
Geboren 1924 in Berlin-Friedrichshain. Bis zur Rente Buchhaltung und Finanzrevisor bei der DEWAG (staatl. Werbeunternehmen der DDR).
 
Trümmern ...
Sofort im Mai 1945 haben wir die ersten Trümmer in der Großen Frankfurter Straße (hieß dann Stalinallee und jetzt Karl-Marx-Allee) weggeräumt. Tag für Tag haben wir Körbe mit Patronenhülsen geschleppt. Und eines Tages waren die Russen da und haben alles eingepackt (Demontage).
 
... und Aufbauen.
Ich wünsche mir ein vereinigtes starkes Europa mit Menschen, die christliche Werte schätzen, bewahren und friedfertig sind.

1943/1944: Dora N., Passbild für den RAD.

November 2005: Dora N. in ihrer Wohnung.

Dora N.
Geboren 1926 in Berlin-Kreuzberg. Arbeiterin, Verkäuferin, Bürohilfe; zuletzt im Krankenhaus am Kreuzberg.
 
Trümmern ...
1944 war ich beim Reichsarbeitsdienst (RAD) in Westpreußen. Anschließend war ich für kurze Zeit beim Kriegshilfsfdienst (KHD) bei der BVG in Berlin-Spandau. Nach Kriegsende habe ich im Regierungsviertel (Wilhelmstraße) enttrümmert und danach bei der Firma "Möbius" bei der Schuttbeseitigung an der Feuerwache Lindenstraße in Berlin-Kreuzberg und am Metropol / Nollendorfplatz. Da habe ich 48 Wochenstunden mit einem Stundenlohn von 72 Pfennig gearbeitet.
 
... und unvergessen.
Die Einsätze beim Luftschutz und bei den Bahnhofsdiensten in der Flüchtlingsbetreuung haben mich geprägt.

1958: Ruth E. auf dem Weg zu den Weltjugendfestspielen nach Wien über Brünn.

September 2005: Ruth E. in ihrer Wohnung.

Ruth E.
Geboren 1931 im Mansfelder Land zwischen Halle und Eisleben. 1951 bis zur Wende Lektorin beim Verlag "Junge Welt" in Berlin. Ruths Journalistenpseudonym lautet "Lenchen Tiefblick".
 
Trümmern ...
In der Stalinallee haben wir Steine gekloppt. Die haben wir in Blöcke gestapelt und als Schutt auf LKW verladen. Die sind dann zur Spree und haben das Zeug da hinein gekippt. Wir haben auch Nachtwache an den Trümmer-Baustellen geschoben. Also nur bewachen. Da wurde ja alles geklaut, was die Leute selber zum Wohnungsbau brauchten.
 
... und Aufbauen.
Der Zweite Weltkrieg hat meine Kindheit zerstört. Darum habe ich 45 Jahre versucht, Kinder zu Frieden und Freundschaft zu erziehen.

Die Steine wurden mal quer, mal längs gestapelt. So lang und so lang, bis die ganze Sache Halt bekam. Das war in der Reihe nicht einfach; einfach viehisch schwer. Rita N.Jg.1934, im Bild links.

Immer DA!
Trümmerfrauen und Aufbauhelfer.
Einst & Heute.

 

Dauerausstellung des Berliner Unterwelten e.V.
www.berliner-unterwelten.de
Infotelefon 030.49 91 05 18

 

Idee, Konzept, Recherche und Interviews
Adelheid Schardt
www.verbeworte.de

Portraitfotografien
Gunter Klötzer /laif
www.gunterkloetzer.de / www.laif.de

Ausstellungsgestaltung
Dorothee Hübner

Fotos von der Eröffnung im Berliner Unterwelten Museum: