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ÜBERSICHT: FOTOGRAFIE 2006 - TEXTE
Teil 1, März 2006
 

VM 2000

 

Fotografin: Ana Hoffner
 
Brief an den Fotografen
 
 
Unser Gespräch über Fotografie hat mich dermaßen aufgeregt, dass ich mich erneut mit einer Sache beschäftigen musste, von der ich geglaubt habe, sie längst für mich abgeschlossen zu haben. Ich hatte bei allem was du gesagt hast ein ungutes Gefühl, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht wirklich argumentieren konnte. Schriftlich kann ich es sowieso besser und das tue ich jetzt in der Hoffnung, dass das wirklich ernst gemeint war, dass ich alles sagen kann...
 
 
 
Was mich an Fotografie wie sie mich im Moment umgibt und speziell an deinen Fotos stört
 
Ich denke, dass Fotografie ein Akt der Nicht-Einmischung ist. Ich denke, dass die Apparatur dazu benutzt wird, einem Ereignis beizuwohnen, dem man sonst nicht beiwohnen könnte. Ohne sagen zu können "Ich mache dort Fotos" hättest du viele Orte gar nicht aufgesucht. Aber du warst dort ­ um zu beobachten, um zu sehen und um Bilder zu machen. Du warst nicht beteiligt am Krieg, an der Erschießung von Menschen, nicht an der Armut oder am Hunger. Dein Fotografieren ist ein Einverständnis damit, dass alles auch weiterhin so geschehen soll, wie es geschieht. Du bist an den Dingen interessiert, aber du veränderst nichts daran. Und du bist da, weil es etwas Sehenswertes gibt, also auch etwas Fotografierenswertes. Du hast die Kamera als eine Art Pass, mit dem man moralische Grenzen übertreten kann, benutzt. Welchen moralischen Grund könnte es geben, einer Tötung beizuwohnen? Du versuchst dich von jeder Verantwortung gegenüber dem Fotografierten zu entbinden, weil du alles von außen gesehen hast und mit einer gewollt naiven oder nihilistischen Vorstellung von der Aufgabe des Fotografen an die Sache herangehst. Weil du sonst nicht damit leben könntest?
 
Wer definiert, was Sehenswert ist? Du hast nicht etwas Außergewöhnliches gemacht, dass niemandem vorher eingefallen ist, eine Agentur hat dich beauftragt. Jemand anderer hat vorher darüber entschieden, warum gerade Bilder an diesem Ort entstehen sollen. Fotografie ist ein Instrument der Macht. Politische Mechanismen und ihre Ideologie entscheiden darüber was abgebildet wird und wie es abgebildet wird. Gerade weil Bedeutung erst ansteht, wenn Fotos in Zusammenhänge gebracht werden, weil man mit ihnen machen kann, was man will.
 
Seit Foucault weiß ich, dass es kein innen und außen eines Systems gibt, dass Macht zirkuliert und nicht unbedingt nur von einer Seite ausgeht. Versuche des Ausbrechens sind nicht nur sinnlos, sondern auch völlig unmöglich ­ ich kann nicht dem System entrinnen, das mich geformt hat. Aber gerade weil ich das weiß, kann ich viel besser bestimmen auf welcher Seite ich mich befinde. Ob ich Macht ausübe in der Art wie es bereits etabliert ist und dazu beitrage diese Machtausübung zu legitimieren, vielleicht sogar zu verschleiern, denn das gehört zu ihrem Wesenszug, oder sichtbar mache, was scheinbar "logisch", "normal" und "natürlich" ist. Was ich sagen will ist: es ist eines, sich beispielsweise des Rechtsystems bewusst zu sein, in dem man lebt und seine Gewalt täglich zu spüren, aber etwas anderes der Anwalt zu sein, der dieses Recht vollstreckt.
 
Ich denke als Kriegsberichterstatter, Werbefotograf etc ist man ein Teil der ausübenden Macht. Man liefert den Stoff für die Präsentation. Das was gesehen werden soll und wie es gesehen werden soll, wird durch dich manifestiert. Auch wenn du dich als unabhängiges Wesen fühlen magst: der Blick mit dem du deine Bilder gemacht hast ist gängig. Du hast keine neue Sichtweise, keine neue Position, weil das in dieser Rolle auch gar nicht möglich ist. Zur Verschleierung dieses Machtverhältnisses gehört der Glaube an die Eigenständigkeit. So hart es auch ist: deine Bilder hätte auch jemand anderer machen können.
 
...
 
Fotos sind kleine Durchbrechungen von Raum und Zeit. Zitate, Souvenirs, ein Versuch Zeit aufzuhalten und überall gleichzeitig zu sein. Aber auch eine Anhäufung von Zitaten kann kein Verständnis der Welt mit sich bringen, weil so sehr wir es uns auch wünschen, die Welt nicht zerlegbar und messbar ist. Genauso wie Statistiken und Diagramme nur scheinbar Ordnungen herstellen und die Welt verständlich machen, genauso versuchen Fotos Geschichte zu erzählen, indem sie viele kleine Ausschnitte der Welt wiedergeben. Das tragende Element von Geschichte ist aber die Zeit. Geschichte kann nur neu konstruiert werden, aber niemals die ursprüngliche Gestalt annehmen. Weil sie sich im nächsten Moment wandelt, weil Zeit unaufhaltbar ist und Bewegung allen Dingen immanent.
 
In diesem Versuch liegt aber die große Faszination der Fotografie. Die Aneignung der Dinge, das Sammeln, das Rekonstruieren, letztendlich die Bestätigung des Selbst durch ein Abbild. Ich existiere, es gibt ein Bild von mir. Möglicherweise erlange ich jetzt die Vollständigkeit meiner Identität. Natürlich ist das unmöglich. Identität ist per se ein sich vollziehender Prozess, in jedem Handeln konstituiert sie sich neu. In der Differenzierung von anderen, durch Ein- und Ausschluss, durch bestimmte Regulierungsverfahren. Aber in dem Bemühen sich und die Welt ganz zu erlangen entwickelt man eine Lust des Sehens, eine gewisse Erotik. Die Kamera zu halten, in einen Rausch des Fotografierens zu verfallen ist sexy. Es ist aber nicht nur körperlich, es ist auch eine mystische mediale Erfahrung, vergleichbar mit einem Trancezustand, den man durch Tanz oder religiöse Riten erfahren kann. Ich denke dieser Geilheit des Sehens bist du verfallen und sie macht dich blind für das, was du produzierst.
 
...
 
Aber was produzierst du? Du machst die schrecklichsten Dinge dieser Welt wunderschön. Du legst einen Schleier der Ästhetisierung über alles, was du fotografierst. Du kannst das schlimmste Elend, die hässlichste Landschaft mit einem alles einebnenden Blick vernichten. Alles sieht gleich aus. Diese Gleichwertigkeit bedeutet bereits ein massives Urteil. Sie entlarvt dich als einen der westlichen Welt verhafteten Menschen. Soziales Elend hat schon immer zum Fotografieren angeregt und immer haben es diejenigen getan, die dem Wohlstand entstammen. Auch die Tatsache, dass du alles andere als reich bist, ändert nicht daran. Worauf es ankommt ist, dass du in dieser Position eine Bestätigung der Machtverhältnisse lieferst. Du stehst auf der falschen Seite. Durch dich wird Differenz bestimmt, alles was nicht "zu uns" gehört ist das Exotische, das Interessante, das ... egal wie es beurteilt wird - "das Andere". Damit beginnt die Sanktionierung, an dieser Stelle wird Benachteiligung, manchmal sogar die Grenze zwischen Leben und Tod bestimmt.
 
...
 
Nach all dem, was ich dir vorgeworfen habe, wage ich trotzdem eine Forderung: Entsage! Sag Nein! Lös dich von dieser Henkersaufgabe! Verleugne! Zerschlag die Bilderflut mit einem Hammer des Dekonstruktivismus! Mach ein Ende.
 
 
 
 
 
 

Jörg Boström
Bilder und Gegenbilder - Fotografie als Zugriff auf Wirklichkeit und Erfindung

 

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