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Jörg Boström
 
Bilder und Gegenbilder - Fotografie als Zugriff auf Wirklichkeit und Erfindung
 
In unserem von Bildern dicht wie Tapetenwände zugeklebten Horizonten gerät das Bewusstsein von Leben und Wirklichkeit in eine wahnhafte Verfassung. Das Totalerlebnis einer visuellen Medienlandschaft lässt direkte visuelle Erfahrungen kaum noch zu. Der Zugriff auf Wirklichkeit wird umgelenkt in einen Zugriff auf die Bilder. Nur der berufsmäßige Bildermacher, der Künstler, Kameramann, Werbespezialist und Fotograf weiß noch um die Künstlichkeit dieser Informationen, für den Verbraucher setzen sie stufenweise an die Stelle der direkten Erfahrung. Aus dem Beobachten und Untersuchen, aus dem Erleben von Wirklichkeit wird hergestellte Bilderscheinung, aus dem realen wird ein halluzinatorisches Bewusstsein. Den Bildern tatsächlich sich entziehen zu wollen, käme einer Aufgabe unserer zivilisierten Existenz, einer Flucht in eine ebenso irreale Robinsonade gleich. Eine Existenz ohne Medien- und Bilderwelten ist uns nicht möglich. Die fast unaufhebbare Verknüpfung von Lebensprozess und Bildsteuerung, im Sinne von Gesteuert sein durch Bilder, lässt einen Zustand der direkten Lebenspraxis, einen bilderfreien und deshalb völlig realen Raum nicht mehr zu. Aus der Erkundung der Wirklichkeit, dadurch, dass man sich ein Bild machte, ein Vorgang der in der Frühgeschichte der Menschheit so gefährlich gewesen sein muss, dass ein Gebot unseres alttestamentarischen Gottes dieses sogar untersagte, ist der Verfall an die eigenen Bilder geworden. Ein Prozess, den man mit einem Wort als Selbstbetrug bezeichnen kann, ein Betrug allerdings, bei dem wir als Produzenten und Rezipienten in selbstgenügsamer Kumpanei uns allmählich in einem spannungslosen Zustand, der Entropie, dem Ausgleich der Spannungen und Temperaturen vergleichbar, mit immer faderem Geschmack auf den Lippen selbst verdauen. Von Bildern ist die Rede, von manuellen, technischen, elektronischen. Was bedeutet in diesem Kontext Bildung?
Wenn in der Frühzeit die Menschen Bilder benutzten, Bildstrategien entwickelten, um sich in der außerbildlichen Wirklichkeit zurechtzufinden, so gilt zur Zeit die angespannte Aufmerksamkeit der übermächtig gewordenen Bilderwelt selbst, die im Begriff zu sein scheint, den Blick auf Wirklichkeit endgültig zu verschleiern. Die Sprache der Bilder zu verstehen, ihre Magie zu durchlöchern, ihren Text zu entziffern und sie in die Schranken ihrer begrenzten Botschaften zu weisen, wäre eine Aufgabe von Bildung. Es ist im Bereich der theoretischen Erörterung der Wirkung von Fotografien deutlicher als zuvor geworden, dass die Verwechslung von Gegenstand, Bild und Abbild, die unbewusste Gleichstellung von Fiktion und Realität in eine Kulturkrise führen muss. Walter Benjamin prägte in diesem Zusammenhang den Typus des "visuellen Analphabeten", des Menschen also, der den Text der Bilder nicht oder nicht mehr entziffern kann und wahnhaft die Schattenspiele der Medien mit der Wirklichkeit verwechselt.

Wir müssen heute Kunst und Medien in einem Zusammenhang sehen und begreifen, da sie zum einen in der ästhetischen Praxis der Künstler und Medienmacher in permanenter wechselseitiger Abhängigkeit stehen, indem jeder Bereich den anderen für seine Zwecke ausbeutet, von ihm lernt, um es positiver zu formulieren, und zum Anderen vom Rezipienten immer wieder in dieser für ihn in der Regel nicht erkennbaren Verwischung auftreten. Hier eine neue Spannung, ein kämpferisches Wechselspiel zu erkennen und als Strategie der eigenen Erkenntnis weiterzuentwickeln, ist das wesentliche Ziel unserer Bemühungen. Bilder und Gegenbilder als Konzept für einen Arbeitstag ist nichts weiter als eine Planskizze in diesem umfangreichen Gebiet, nicht einmal eine kleine Wanderkarte wird uns gelingen, vielleicht aber so etwas wie eine Schnitzeljagd mit dem begrenzten Ziel, Zusammenhänge modellhaft zu erkennen und an abgesteckten Wegen als Spielfassung des offenen Bilderlebensweges entlangzulaufen. Ohne den gesamten Umfang der entsprechenden Theorie an dieser Stelle wieder zu beleben möchte ich doch als Arbeitsansatz den Begriff des Zeichens verwenden. In diesem Wort, wenn man es umfassender versteht als etwa Satzzeichen, Verkehrszeichen, Handzeichen, Korrekturzeichen etc, treffen sich die Arbeitsweisen des Produzenten, des Künstlers, mit den Verarbeitungsweisen des Rezipienten, des Betrachters, des Benutzers von Kunst. Der überlieferten Begriff der Kunst wird hier verwendet aus der Erfahrung heraus, dass bisher alle Versuche, ihn zu ersetzen durch Visuelle Produktion, Kommunikation, mediale Vermittlung, Information nur zu neuen Wortgebilden, aber nicht wesentlich zur Vereinfachung und Klärung der Gestaltungen für die Augen geführt haben. Den ideologischen Ballast vom Künstler als besonderem Menschen, Geniebegriff, als Seher der kirchlich anmutender Weihe mit den Kunstobjekten zu verknüpfen sucht, will ich dabei nicht weiter transportieren. Er würde jede Analyse, jeden Vergleich jede Zusammenschau unterschiedlicher Bilder in die Nähe des Sakrilegs rücken, und eine solche Schuld will ich nicht auf mich laden.

In seinen Bildern verwendet der Künstler Zeichen, die ihn bei der Deutung seines Lebens und Erlebens weiter bringen, die ihn auf Umwelt und Bilderwelt produktiv reagieren lassen. Die Lesbarkeit dieser Bilder wiederum hängt ab von der Bereitschaft und Fähigkeit des Betrachters, die Zeichensprache zu entziffern. Um der wahnhaften Verwechslung von Bild und Realität zu begegnen, bietet der Begriff des Zeichens ein praktikables Instrument. Aufmerksam gemacht auf diese schwer entwirrbare Vermischung von Welt und Bilderwelt hat uns die Entwicklung technischer Bilder von der Fotografie zum Fernsehen bis zur Computer simulierten Illusion. Da die technische Energie diese Medien im naturalistischen Sinne auf eine Simulation von Erscheinungsbildern, auf ein Augentäuschen mit dem Ziel der möglich "naturgetreuen" Nachahmung vorantreibt, ist die Erkenntnis ihres fiktiven Charakters, ihres Zeichensystems, immer wieder durch die faule Bereitschaft des Betrachters gestört, in diesen trügerischen Spiegelungen Wirklichkeit zu erleben, die ihm sonst verschlossen ist, bis hin zur selbstmörderischen Verdrängung des eigenen Lebens durch die technisch perfektere Fiktion. Dies ist kein Plädoyer gegen den Medienkonsum, ich würde damit ja auch meinem Beruf als Ausbilder von Produzenten die Grundlage schmälern, sondern eins für einen anderen Gebrauch, den ich zunächst mit dem Begriff des aktiven Sehens bezeichne. Der Philosoph Vilém Flusser beschreibt das Problem sehr prägnant." Der Mensch vergisst, dass er es war, der die Bilder erzeugte, um sich an ihnen in der Welt zu orientieren. Er kann sie nicht mehr entziffern und lebt von nun ab in Funktion seiner eigenen Bilder. Imagination ist in Halluzination umgeschlagen. Dieser scheinbar unsymbolische, objektive Charakter der technischen Bilder führt den Betrachter dazu, sie nicht als Bilder, sondern als Fenster anzusehen...Diese Kritiklosigkeit den technischen Bildern gegenüber muss sich als gefährlich herausstellen in einer Lage, wo die technischen Bilder daran sind, die Texte zu verdrängen. Gefährlich deshalb, weil die "Objektivität" der technischen Bilder eine Täuschung ist. Denn sie sind- wie alle Bilder- nicht nur symbolisch, sondern sie stellen noch weit abstraktere Symbolkomplexe dar als die traditionellen Bilder. Sie sind Metacodes von Texten, die...nicht die Welt dort draußen bedeuten sondern Texte." Diese sind zu lesen. Nichts anderes meint der Begriff des aktiven Sehens, welcher sich immer wieder auf das Lesen der Bildtexte, auf das Entziffern der jeweiligen Codes einlässt.

Für den Verbraucher setzen sie sich stufenweise an die Stelle der direkten Erfahrung. Aus dem Beobachten und Untersuchen, aus dem Erleben von Wirklichkeit wird hergestellte Bilderscheinung, aus dem realen wird ein halluzinatorisches Bewusstsein. Den Bildern tatsächlich sich entziehen zu wollen käme einer Aufgabe unserer zivilisierten Existenz, einer Flucht in eine ebenso irreale medienfreie Robinsonade gleich. Eine Existenz ohne Medien- und Bilderwelten ist uns nicht möglich. Die fast unaufhebbare Verknüpfung von Lebensprozess und Bildsteuerung - im Sinne von Gesteuert sein durch Bilder- versperrt den Zugang zu einer direkten Lebenspraxis in einen bilderfreien und deshalb völlig realen Raum. Die Frage des Pilatus, was ist Wahrheit, wird zu ersetzen sein durch die Frage nach einer und welcher Wirklichkeit.

Aus der Erkundung der Wirklichkeit ist jedoch ein Verfallensein an die eigenen Bilder geworden, ein Prozess, den man mit einem Wort als Selbstbetrug bezeichnen kann. Es ist ein Betrug, bei dem wir als Produzenten und Rezipienten in selbstgenügsamer Kumpanei uns allmählich in einem spannungslosen Zustand, der Entropie vergleichbar, mit immer faderem Geschmack auf den Lippen selbst verdauen. Von Bildern im Bereich des Fotojournalismus war die Rede.
Wenn in der Frühzeit die Menschen Bilder benutzten, Bildstrategien entwickelten, um sich in der außerbildlichen Wirklichkeit zurechtzufinden, so gilt zur Zeit die angespannte Aufmerksamkeit der übermächtig gewordenen Bilderwelt selbst, die im Begriff zu sein scheint, den Blick auf Wirklichkeit endgültig zu ersetzen. Die Sprache der Bilder zu verstehen, ihre Magie zu durchlöchern, ihren Text zu entziffern und sie in die Schranken ihrer begrenzten Botschaften zu weisen, wäre eine Aufgabe der Medien selbst und eine politische Notwendigkeit, denn unsere Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens setzt Mündigkeit in der Bildung von Urteilen voraus.
Es ist im Bereich der theoretischen Erörterung der Wirkung von Fotografien deutlicher als zuvor geworden, dass die Verwechslung von Gegenstand, Bild und Abbild, die unbewusste Gleichstellung von Fiktion und Realität in eine Kulturkrise führen muss. Walter Benjamin beschrieb 1931 in diesem Zusammenhang den Typus des "visuellen Analphabeten", des Menschen also, der den Text der Bilder nicht oder nicht mehr entziffern kann und wahnhaft die Schattenspiele der Medien mit der Wirklichkeit verwechselt. Wir müssen die Arbeit des Bildjournalisten und die Gestaltung der Massenmedien in einem Zusammenhang sehen und begreifen, da sie in der ästhetischen Praxis in permanenter wechselseitiger Abhängigkeit stehen, indem jeder Bereich den anderen für seine Zwecke ausbeutet. Für den Betrachter treten sie immer wieder in dieser für ihn in der Regel nicht erkennbaren Verwischung auf. Hier ist eine neue Spannung, ein kämpferisches Wechselspiel zu erkennen und als Strategie der eigenen Erkenntnis weiter zu entwickeln. Ohne den gesamten Umfang der entsprechenden Theorie an dieser Stelle wieder zu beleben möchte ich doch als Arbeitsansatz den Begriff des Zeichens vorschlagen. In diesem Wort, wenn man es umfassender versteht als etwa Satzzeichen, Verkehrszeichen, Handzeichen, Korrekturzeichen etc., treffen sich die Arbeitsweisen des Produzenten, des Fotografen, mit den Verarbeitungsweisen des Rezipienten, des Betrachters, des Benutzers von Medienbotschaften. In seinen Bildern verwendet der Fotograf Zeichen, die ihn bei der Deutung seines Lebens und Erlebens weiter bringen, die ihn auf Umwelt und Bilderwelt produktiv reagieren lassen. Die Lesbarkeit dieser Bilder wiederum hängt ab von der Bereitschaft und Fähigkeit des Betrachters, die Zeichensprache zu entziffern. Um der wahnhaften Verwechslung von Bild und Realität zu begegnen, bietet der Begriff Zeichen ein praktikables Instrument. Erneut aufmerksam gemacht auf diese schwer entwirrbare Vermischung von Welt und Bilderwelt hat uns die Entwicklung technischer Bilder von der Fotografie zum Fernsehen bis zur Computer simulierten Illusion. Da die technische Energie diese Medien im naturalistischen Sinne auf eine Simulation von Erscheinungsbildern, auf ein Augentäuschen mit dem Ziel der möglich "naturgetreuen" Nachahmung vorantreibt, ist die Erkenntnis ihres fiktiven Charakters, ihres Zeichensystems, immer wieder durch die faule Bereitschaft des Betrachters gestört, in diesen trügerischen Spiegelungen Wirklichkeit zu erleben, die ihm sonst verschlossen ist, bis hin zur selbst zerstörerischen Verdrängung des eigenen Lebens durch die technisch perfektere Fiktion. Dies ist kein Plädoyer gegen den Medienkonsum, ich würde damit ja auch meinem Beruf als Ausbilder von Produzenten die Grundlage schmälern, sondern eins für einen anderen Gebrauch, den ich zunächst mit dem Begriff des aktiven Sehens bezeichne.

Enttarnung, Abstreifen des Schleiers der vorgetäuschten Wirklichkeit, der so irreal ist wie eine Fototapete. Versucht werden sollte das Buchstabieren des Textes hinter den Bildern, das Aufschlüsseln der Absicht, der Mittel und der Wirkung. Hinter dem verfehlten Anspruch einer objektiven Wiedergabe durch das Objektiv, ein irreführendes Wortspiel, erscheint auch im Pressebild die Möglichkeit einer Freiheit des Gestalters, der sich ein Bild macht, der sich eine Meinung - hier sogar im Wortsinne - b i l d e t, seine und die des Betrachters.

ÜBERSICHT: FOTOGRAFIE 2006
Teil 1, März 2006