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Stefan Lüddemann

Rolf Escher: Die Magie der Dinge

Eröffnung im Herforder Kunstverein, 26. November 2005

Den Zeichner und Grafiker Rolf Escher muss hier niemand mehr eigens bekannt machen. Die Mitglieder und Freunde des Herforder Kunstvereins kennen sein Werk, das im Daniel-Pöppelmann-Haus bereits zweimal, nämlich 1985 und 1994 zu sehen war. Und sie schätzen die besondere Atmosphäre der Werke Rolf Eschers, eine Atmosphäre, ja ich möchte sagen, eine Aura, die sich nachhaltig einprägt - wie eine leise, aber eindringliche Melodie, die dem, der sie einmal gehört hat, nicht mehr aus dem Kopf geht.

Wenn sie nun diesen Künstler hier im Kunstverein zum dritten Mal und damit jeweils in einem Abstand von einem Jahrzehnt präsentieren, dann bilden sie ein zyklisches Prinzip, das der künstlerischen Arbeitsweise Eschers bestens entspricht. Denn dieser Zeichner und Grafiker entwickelt sein inzwischen überaus umfangreiches Werk in einem langsamen Fortschreiten, das wie in dem Verlauf einer sich windenden Schleife auch vielfache Rückbezüge mit einbezieht. Dieses Prinzip meint keine schlichte Wiederholung, sondern den Aufbau einer stetig wachsenden Komplexität. Rolf Escher verwirklicht dies ganz konkret. Er bleibt nicht nur dem Medium der Handzeichnung und der Grafik treu - Ausflüge in das Gebiet des Aquarells erlaubt er sich nur hin und wieder - er bearbeitet auch einen bestimmten Umkreis von Motiven, die ein dichtes Netz von Verweisen aufbauen. So haben sie, meine verehrten Damen und Herren, 1984 in diesem Haus mit Eschers Arbeiten "Italienische Schauplätze" entdecken können. Nun entführt sie der Künstler in das zauberhafte Venedig. 1994 öffneten sich Ihnen hier die "Erinnerungsräume"; nun unternehmen Sie mit Rolf Escher eine Reise durch die "Bücherwelten" - und damit durch Erinnerungsräume von ganz eigenem Charakter.

 

Selbst im Rundspiegel, 2005,
Aquarell über Tuschfeder, 27x26 cm
 
 

Ich möchte nun versuchen, Sie auf diese neuerliche Begegnung mit Rolf Escher einzustimmen und Ihnen, soweit es mir möglich ist, einige Wege aufzeigen, die zu dem Werk dieses Künstlers hinführen. Suchen wir also den ersten Zugang dort, wo wir dem Künstler in seiner Bildwelt höchst persönlich begegnen - in dem Blatt "Selbst im Spiegel", das als Aquarell über Tuschfederzeichnung in diesem Jahr entstand (Abbildung im Faltblatt zur Ausstellung). Diese Zeichnung ist Stillleben wie Selbstbildnis gleichermaßen. Denn es verschränkt die Darstellung einer Komposition aus unbelebten Gegenständen mit dem Bild des Künstlers selbst, das sich uns als halbes Spiegelbild darbietet. Beinahe zitiert Rolf Escher hier ein altes Thema der Kunst - nämlich Maler und Modell. Oder müssten wir nun nicht sagen: Der Zeichner und seine Modelle? Denn der Zeichner komponiert seine Darstellung aus Gegenständen, die uns aus seinem Werk bereits vertraut sind. Da ist der Hummer, das scheinbar achtlos drapierte Handtuch, die Schublade und damit das Motiv des Behältnisses, das Rolf Escher immer wieder aufnimmt. Hinzu kommen Siphon und Glas und ein kreisrunder Spiegel, der aussieht wie ein Ziffernblatt, dem die Zeiger fehlen.

Nicht nur dieses Detail signalisiert uns einen Zustand gleichsam jenseits aller Zeit, auch das mit 27 mal 26 Zentimetern nahezu quadratische Bildformat beruhigt alles Drängen und Eilen - ebenso wie die klare Mittelachse der Darstellung, die durch die linke Kante der Schublade wie durch den gestreckten Zeigefinger der porträtierten Figur markiert wird. Natürlich beleben andere Richtungsorientierungen diese ausbalancierte Geometrie: Etwa die unregelmäßigen Streifen auf dem Handtuch, der wie eine filigrane Antenne in den Raum sich biegende Fühler des Krebstieres oder die in kecke Diagonale aufgerichtete Zeichenfeder. Aber der vorherherrschende Eindruck bleibt: Hier steht die Zeit. Hier besetzen Dinge wie stumme Hausgenossen den Raum, ja sie verstellen ihn sogar und konfrontieren den Betrachter mit ihrer Unnahbarkeit.

Dinge sind bei Rolf Escher keine zufälligen Bildmotive, sondern Stellvertreter und Zeichen menschlicher Lebenspraxis. Gebrauchsspuren - und was wäre auf Rolf Eschers Bildern schon nagelneu und unbenutzt? - verweisen auf Benutzung durch den Menschen. Im abgegriffenen Gegenstand sammelt sich damit die Zeit. Hier wird sie, die ansonsten still verfließt, sicht- und fühlbar. Zugleich steht das Motiv des Behälters für eine tiefe Sehnsucht des Menschen - nämlich die, die Zeit sammelnd aufhalten, und selbst über alle zeitlichen Abstände hinweg gleich und mit sich identisch bleiben zu können. Also sehen wir die Schublade als bergende Höhle, Glas und Siphon als Gefäße, die halten, was flüssig und damit flüchtig ist - und schließlich den Hummer als Gefäßpanzer, der verletzliches Leben schützend birgt. Zugleich hat dieses Tier starke Zangen, um sich vom Leibe zu halten, was verstört. Und filigrane Fühler, die wie Antennen die Umgebung erkunden.

Der Künstler schließlich setzt sich in doppelter Richtung in Szene. Da er im Spiegelbild erscheint, sehen wir ihn als einen Bildgegenstand unter mehreren und müssen ihn zugleich doch auch als Betrachter der dargestellten Szenerie begreifen. So gehört er zum Bild und ist auch dessen Betrachter, ist der Zeit als zentralem Bildthema unterworfen und schafft sich dennoch ein Stück Unabhängigkeit von ihrer alles erfassenden Macht durch etwas, das bleibt - durch die Kunst. Doppeldeutig auch die Form dieses Selbstbildnisses. Es ist nicht nur als bloßes Spiegelbild schattenhaft flüchtig. Es zitiert auch mit dem in die Hand gestützten Kopf den Melancholiker, der - wie bekannt - traurig ist, weil er um die eigentliche Natur des Lebens weiß.

Altes Archiv in Lüneburg, 2005,
Bleistift und Farbstifte, 40x30 cm

Diese Erfahrung wird übrigens auch erst möglich durch den Einsatz künstlerischer Mittel, die so subtil sind, dass sie leicht übersehen werden. Denn schon das eingängig erscheinende Motiv verdankt sich einem sorgfältigen Auswahlprozess. Rolf Escher spürt seine Motive auf langen Reisen auf, er tastet sie auf ihre bildhaften Anmutungen ab und bestimmt mit geübtem Auge Ansichten und Ausschnitte. Manchmal fügt er auch auf einem Bild zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört, weil es unterschiedlichen Lebenswelten oder Realitätsbereichen angehört. So blickt uns auf einer der Zeichnungen aus einem Spiegel ein Kopf entgegen, den wir nur zu gut kennen: Es ist der ãGilles" von Antoine Watteau, also ein fiktives, der Kunstwelt angehörendes Wesen, das uns mit einem Mal als wirkliche Figur begegnet - die allerdings selbst nun wieder in einem anderem künstlerischen Werkzusammenhang zur Kunstfigur wird. In solcher Weise gewinnt die Bildwirklichkeit im Werk Rolf Eschers immer wieder eine fantastische Doppelbödigkeit, wird die Kategorie des Raumes aufgeladen mit einem weiteren Sinn - nämlich dem des imaginären Raumes einer Kunstwelt, die sich ihre Wirklichkeit aus vorhandenen Dingen völlig frei kombiniert.

So treten wir bei der Betrachtung dieser Werke unversehens in einen geheimnisvollen Bereich ein. Und dies umso mehr, als wir uns der Wirkung einer meisterlichen Zeichen- und Radierkunst aussetzen. Mit seinen zeichnerischen Mitteln bildet Rolf Escher Motive nicht einfach ab. Vielmehr verleiht er ihnen körperhafte Präsenz durch die eigentlich reduzierten Mittel des Kontrastes von Schwarz und Weiß und der bloßen Linie. Die aber modelliert Rolf Escher in einem offenbar unerschöpflichen Reichtum an Abstufungen und Varianten - und mit einer Genauigkeit, die immer neu erstaunt.

Dabei wird dem Betrachter auffallen, dass dieser Künstler nicht ohne Grund zeichnerischen Impuls vor allem aus gerundeten Formen der Architektur und des Ornaments bezieht. Denn gerade diese Motivdetails erlauben es Rolf Escher, das spezifische Temperament seiner ganz eigenen Linieführung voll zu entfalten. Diese Linie hat eine bisweilen fast nervöse Spannung, sie sucht die ausschweifende Kurvatur und fügt sich offenbar nicht ohne leisen Widerstand der ordnenden Organisation der Schraffur, mit der Rolf Escher so sicher Plastizität moduliert und Lichtwirkungen in feinen Abstufungen vor unser Auge zaubert. Vor allem der Blick auf die zeichnerische Qualität dieser Arbeiten macht deutlich, wie wenig sich diese Bildwelten in einem schlichten Realismus erschöpfen. Gerade die künstlerischen Mittel haben keinen abbildenden, sondern einen evozierenden Charakter. Wer sich einmal auf den Zauber dieser Zeichenkunst eingelassen hat, wird erkennen, mit welch suggestiver Kraft sie die ganz eigene Stimmung erschafft, die für die Werke Rolf Eschers so bezeichnend ist.

Dieser Künstler hat zudem der Versuchung widerstanden, seine Darstellungskunst in beliebig viele andere Medien und Formate zu transponieren und dadurch ihre Wirkung abzuschwächen. Auch den Einsatz des Aquarells erlaubt er ich nur von Zeit zu Zeit, um einige, ihm besonders wichtige Blätter mit zusätzlicher Wirkung auszustatten. Davon abgesehen bleibt Escher dem begrenzten Format, der Zeichnung und Grafik und damit auch einer Wirkungsweise treu, die sich vor allem in intimen Ausstellungssituationen entfaltet. Dies ist gerade heute eine mutige Entscheidung - in einer Zeit, die im Zeichen einer Eventkultur nur noch ein Auge für die immer größeren Präsentationsformate zu haben scheint.

Das alles bedeutet nicht, dass sich Rolf Escher mit kleinen Dingen bescheidet. Im Gegenteil: Gerade die Werkkomplexe, die Sie nun sehen können, führen beispielhaft vor, wie Rolf Escher sein Werk in den letzten Jahren thematisch konsequent weiterentwickelt hat. Dafür hat er nicht allein geographische Schauplätze gewechselt, sondern seine Darstellungen zu Zyklen von neuer Größe zusammengefasst.

Herford Johanniskirche: Kanzel, 2004,
Bleistift, 32x24 cm

Ich spreche hier vor allem die "Bücherzeiten" an - eine inzwischen überaus erfolgreich ausgestellte Bildfolge, die erstmals im Jahr 2000 in Herne präsentiert worden ist. Wir können hier studieren, wie die vertrauten Verfahrens- und Darstellungsweisen der Kunst Rolf Eschers ihre besondere Qualität darin erweisen, dass sie fähig sind, ein ambitioniertes Vorhaben kulturgeschichtlicher Recherche überzeugende Gestalt gewinnen zu lassen. Denn dieser Zyklus erschöpft sich nicht in der einfachen Reihung vor Darstellungen aus meist historischen Bibliotheken oder der Abbildung von kuriosen Büchern und dickleibigen Folianten.

Nein, Rolf Escher unternimmt eine spannende Entdeckungsreise durch das, was heute im Computerzeitalter mit manchmal nostalgischem Unterton die Gutenberg-Galaxis genannt wird. Wie auf seiner Zeichnung"Selbst im Spiegel" zeigt er uns nun wieder Behälter - nur diesmal sind sie unübersehbar groß und beherbergen die Wissensschätze ganzer Zivilisationen. Und er lässt uns wieder spüren, wie sich lang aufgestaute Zeit anfühlt - nämlich anhand von Büchern, die nicht nur ihre Gebrauchsspuren und damit ihr individuelles Gesicht herzeigen, sondern auch auf mediale Gewohnheiten weit zurückliegender Epochen verweisen.

Rolf Eschers Kunst atmosphärisch dichter Charakterisierung, sein Vermögen, hinter der Oberfläche der Dinge eine zweite Wirklichkeit aufscheinen zu lassen, modelliert hier überzeugend einen tiefen Kulturwandel heraus - nämlich den des Übergangs zu neuen Formen der Aufbewahrung und Vermittlung von Wissen. Er nimmt hier allerdings nicht die Position eines rückwärtsgewandten Nostalgikers ein, sondern verweist wieder einmal auf Orte, die eine schnelllebige und oberflächliche Zeit so gern übersieht, auf Orte, an denen sich die Zeit und das Wissen sammeln und sich damit auch unser aller Identität ausbildet.

Im kleinen künstlerischen Format gelingt so ein ganz großes Projekt - nämlich dass einer Recherche im Feld kultureller Traditionsbildung. Denn diese Bildwelten meinen mit der topographisch wieder erkennbaren Szenerie auch immer eine mentale Struktur und berühren damit wieder die Frage nach menschlicher Lebenspraxis, wie sie sich als Ergebnis langer Übung ausbildet und formt.

 

Große Bibliothekstreppe, 2000
Lithographie, colorierte Fassung
 

In diese Perspektive fügen sich auch Eschers Venedig-Bilder - als weiteres Beispiel für die Möglichkeit, in den Medien von Grafik und Zeichnung einen Motivkomplex in der Form gleichsam einer Langzeitbeobachtung profund zu behandeln. Bei aller Freude an den Motiven dieser Stadt der Sehnsüchte muss aber wieder daran erinnert werden, dass auch bei den Italienbildern Eschers die künstlerische Intention in einem anderen Fluchtpunkt ihre Erfüllung findet - nämlich in der Suche nach den Spuren eines langsamen Kulturwandels. Dass Rolf Escher uns diesen Wandel als überaus langsamen Prozess mit vielfältigen Überlagerungen und Rückwendungen vor Augen führt, macht auch die Ausstellung deutlich, die wir nun im Daniel-Pöppelmann-Haus sehen dürfen.

Da angesichts der Kunst als Bildmedium die Wörter nur ein Stück weit voran helfen, überlasse ich Sie jetzt dem, was kein Eröffnungsredner ersetzen kann - Ihrer ganz eigenen Erfahrung mit der Kunst.

 

Fotografie: Eugen Zymner, ZYMNER.DE

Atlant am Dresdner Zwinger, 2005
Bleistift 38 x 28 cm

www.rolf-escher.de