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Hoffnung ein Gesicht geben
Eindringliche Aufnahmen dokumentieren zwölf Hilfsprojekte
Von Ruth M a t t h e s (Text) und
Jürgen E s c h e r (Fotos)

H e rf o r d (HK). Seine letzte Habe in einem Bündel auf dem Kopf tragend, wandert ein Mann nach dem Tsunami am Strand entlang. Dieses eindringliche Bild bestimmt den Titel des Buches »Leben helfen«, das mehr als 25 Jahre Arbeit des Komitees Cap Anamur dokumentiert. Jürgen Escher hat 20 Jahre davon als sensibler Beobachter mit der Kamera begleitet. So sind es seine Bilder, die den Menschen in Not hier ein konkretes Gesicht geben.
 
Ein Jahr nach dem Jubiläum des »Komitee Cap Anamur - Deutsche Notärzte« haben der Verein und Jürgen Escher ein 200-seitiges Buch mit 260 Fotografien heraus gebracht, das sowohl die Ursprünge der Hilfsorganisation als auch alle zwölf aktuellen Projekte darstellt. Der Herforder Fotograf ist besonders in den vergangenen fünf Jahren viel mit seiner Kamera auf Reisen gegangen, um den Lesern die Situation der Menschen und die verschiedenen Hilfsangebote vor Augen führen zu können. Da geht es unter anderem um die medizinische Versorgung im Irak, die Behebung fundamentaler Umweltsünden in Haiti, das Theaterprojekt für Straßenkinder in Kenia und die Förderung der Schulbildung in Afghanistan. »Neben der grundlegenden Gesundheitsversorgung ist es den Mitarbeitern immer wichtig, den Alltag schnellstmöglich wieder herzustellen, indem sie mit den Einheimischen Häuser, Brücken und Schulen bauen«, erklärt Escher. Entsprechend sei es nicht sein Ziel, die Menschen in ihrem ganzen Leid gleichsam vorzuführen, sondern zu zeigen, »wie man mit einigen Handreichungen leben helfen und die Leute wieder unabhängig machen kann«.
Bemerkenswert sei, dass Cap Anamur auch dann in den Ländern bleibe, wenn ihr Schicksal aus den Schlagzeilen verschwinde - und auch in Ländern wie Liberia und dem Sudan aktiv sei, die nicht im Fokus der Medien stünden.

Trügerische Idylle: Ein Sonnenuntergang in den Nuba-Bergen im Südsudan. Was wie eine Szene aus dem Paradies anmutet ist eigentlich eine Momentaufnahme des Krieges, der rings um die Dorfbewohner tobte.

Auf einen bebilderten Erfahrungsbericht eines Arztes, einer Schwester oder anderer Helfer, die vor Ort gearbeitet haben, folgt jeweils eine Reihe gedruckter Schwarzweiß-Fotografien unterschiedlicher Formate, die oft mehr von dem Schicksal der Menschen erzählen als viele Worte. Da schauen einen verängstigte Kinderaugen aus Afghanistan an, aber auch zufriedene Gesichter von Waisenkindern, die im zerstörten Grosny ein neues Zuhause gefunden haben. Flüchtlingstrecks in kahler Landschaft und verwüsteten Straßen in Bagdad stehen zuversichtlich stimmende Aufnahmen von der Arbeit in Hospitälern und der Aufbauhilfe im Kosovo gegenüber.
Einen der Texte hat Jürgen Escher selbst geschrieben. Dabei blickt er auf seine Erlebnisse auf den Rettungsschiffen von 1985 bis 2004 zurück. »Die Reisen waren alle sehr prägend. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie die europäischen Länder untereinander die Mauern abbauen, sich aber gegen Hilfsbedürftige aus Afrika abschotten.«

Rettung von Flüchtlingen im südchinesischen Meer: Die dramatische Lage, in der dieses Foto enstanden ist, schildert Escher in seinem Buch.

Das Buch ist »allen Frauen und Männern« gewidmet, »die als kompromisslose Mitstreiter für das Humanitäre Cap Anamur entstehen ließen«. Im Laufe der Jahre waren das mehr als 1000, die sich meist für sechs Monate verpflichteten. Derzeit sind 36 Helfer in Projekten aktiv. Ihnen stehen fünf Hauptamtliche und ein ehrenamtlicher Vorstand gegenüber. Gründer Rupert Neudeck hat, ebenso wie Förderer Günter Wallraff ein Geleitwort zum Buch verfasst. Wie Escher betont, unterstützt der Leser mit dem Kauf des Buches (29,90 Euro), das in einer Auflage von 10 000 Stück herausgekommen ist, die Arbeit des Komitees. (Spendenkonto Nr. 2 222 222, Spadtsparkasse Köln, BLZ 370 501 98).
Eine Ausstellung zu »Leben helfen« ist vom kommenden Freitag, 4. November, an bis zum 30. November im Elsbach-Haus zu sehen. Sie wird am Freitag um 20 Uhr eröffnet. Bei der Gelegenheit stellt Jürgen Escher das Buch in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung »Auslese« auch der Öffentlichkeit vor. Alle Herforder Schulen, die Interesse daran haben, von ihm durch die Ausstellung geführt zu werden, könnnen sich unter 0 52 21 / 58 97 04 bei Jürgen Escher melden.

aus: Herforder Kreisblatt, Lokales Herford, 1./2. November 2005

In Angola treiben Kinder ihr Vieh vorbei an Militärschrott, den 30 Jahre Bürgerkrieg hinterlassen haben. Cap Anamur half danach bei der Minenräumung und ist seit 2003 auch medizinisch in dem Land aktiv.

Ein Bild der Hoffnung in einem Land, das nach dem Bürgerkrieg mit Minen übersät war: Mutter und Baby in einem Hospital in Angola.

Der Mutmacher

Jürgen Eschers Fotografien über Komitee Cap Anamur als Buch

VON THOMAS HAGEN

Herford."Ich bin jemand, der sich gern einmischt undverändern möchte", sagt der 52-jährige Fotograf Jürgen Escher, und fügt hinzu:"Ich mache diese Arbeit, weil ich sie einfach tun muss!" Was Escher meint, wird deutlich, wenn man die 200 Seiten starke FotoDokumentation "Leben Helfen" über die humanitäre Arbeit des Komitees Cap Anamur in Händen hält.

Gebannt hangelt man sich Seite für Seite mit den Augen durch die Fotostrecken, liest die Aufzeichnungen von Ärzten, Krankenschwestern, Technikern und Organisatoren. Sie alle sind Missionare der Menschlichkeit im Dienste der bewusst klein gehaltenen Organisation, die von Rupert Neudeck gegründet wurde. Zum ersten Mal fotografierte der Herforder Jürgen Escher im Winter des Jahres 1985 in Äthiopien für die Hilfsorganisation, als er Karl-Heinz Böhm zu dessen Projekt nach Afrika begleitete und Neudeck dort traf. Das war der Beginn einer zwanzigjährigen Zusammenarbeit, in deren Verlauf Escher das fotografische Gedächtnis des Komitees wurde.

Das Ergebnis der letzten zwölf Reisen liegt nun in Buchform vor. Konsequent analog schwarzweiß fotografiert und im Duplexdruck auf hochwertiges Papier gebracht.
Es ist wie eine Expedition mit zwei Gesichtern. Einerseits ein tiefer Blick in die Armut und innere Zerrissenheit von Ländern wie Liberia, Haiti, Sudan, Afghanistan oder dem Kosovo. Andererseits die Augenblicke der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Auch die immer stärker wütenden Naturgewalten einer außer Rand und Band geratenen Welt fordern ihren Tribut. Escher war dabei, als die “Gutmenschen " aus Europa ihre Hilfen anboten. Stets sind deren Ärzte und Helfer dort anzutreffen, wo andere Organisationen gar nicht auftauchen, oder sich bald zurückzogen. Eschers Fotos sind nicht voyeuristisch oder aufdringlich. "Die Bilder zeigen den Alltag der Menschen und sie sollen Kraft und Hoffnung geben", sagt der 52-Jährige.

Bessere Zukunft im Blick: Mädchen in traditioneller Tracht in Angola. Im Hintergrund Frauen, die in traditionelle kunstvolle Trachten aus Ziegenfell gekleidet sind.

Ihn selbst haben die Erfahrungen auf seinen Reisen rund um den Erdball verändert. "Diese Eindrücke haben mich bescheiden und demütig gemacht." Escher will mit den Fotos kein Mitleid wecken, sondern ein geschärftes Bewusstsein schaffen -"dafür, dass wir hier so viel viel mehr haben als fast überall sonst auf der Welt ". An vielen Orten in vielen Ländern dieser Welt ist das Ärztekomitee immer noch präsent, ansonsten gilt die Devise:"Sich so schnell wie möglich entbehrlich machen, nur die Basis für Selbsthilfe schaffen - wenn nötig über Jahre ". Noch eines zeichnet das Komitee aus: Beharrlichkeit. Die beweist auch Escher. Die nächste Reise wird ihn nach Mexico führen. Das Buch "Leben Helfen" finanziert sich durch den Verkauf. Wer es kauft, unterstützt auch die laufenden Projekte.

LebenHelfen, 200 Seiten, 29,90 Euro, Lindemann, Stuttgart, ISBN-3-89506-249-9.

Spendenkonto: Stadtsparkasse Köln, 2 222 222, BLZ370 501 98.

aus: Neue Westfälische, Herforder Lokalteil, 1./2. November 2005