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Jörg Boström, Marisa Rosato

Gespräch mit der Zeit

Ich spüre meine Kindheit noch in Haut und Knochen-

La mort est dans le mirroire - der Tod ist im Spiegel. In dem Film Orphée lässt Jean Cocteau den Dichter mit Hinweis auf diesen Satz durch einen Spiegel schreiten, real eine Wanne von zitterndem Quecksilber, um ins Reich der Toten zu gelangen und dort Verbindung aufzunehmen. Aus dem Totenreich wiederum erreichen ihn in der Garage, aus seinem Autoradio, Verse eines gestorbenen Dichters, die er seinem Werk hinzufügt. Die Zeiten verbinden sich. Die Schnittstelle ist das Medium. Im Augenblick der fotografischen Aufnahme ist das Bild bereits Vergangenheit. Die Zeit wird eingestellt. Und festgestellt. Man sieht sich als etwas Vergangenes.

Marisa Rosato stellt mit ihrer Arbeit Hybrid diese Schnittstelle in die horizontale Mitte.

Zwei Bildquadrate übereinander. Ein Mensch. Die untere Fläche zeigt ein Stück des Kindes. Knie, Hände. Bis zur Schulter. Frontal. Das obere Quadrat der Kopf. Blickkontakt mit dem Betrachter. Kindheit und gerade vergangene Gegenwart im Schnitt. Wir sind was wir waren. Wir werden was wir sind. Die Kindheit trägt uns. Wir tragen sie in uns. Die Bilder sind ernst. Gestrafft. Konzentriert. Das Kind ist nicht süß. Die Kindheit ist ernst. Die vergangene Gegenwart stellt sich selbst. Zeit im Schnitt. Der Tod im Spiegel. Der Zeitsprung vom erwachenden Kind zum erwachsenen Menschen wird sich vielleicht weiter führen zu einem dritten Bildschnitt. Zum Alter. Zum Tod. Erst zwei, dann drei Schnitte. Marisa Rosatos Bildserie gibt uns im Sehen zu denken. Der Blick zurück stößt an den Blick nach Vorn. Dazwischen die ständig vergehende Gegenwart.

 

 



Von: marisa rosato <marisarosato@gmx.de>

An: Joerg Bostroem <jbostroem@gmx.de>Datum: Dienstag, 11. Oktober 2005 15:02 Uhr

Den Film habe ich natürlich gesehen. Die berühmte Spiegel Quecksilber-Szene hat mich als Kind - als ich den Film das erste mal gesehen habe -fasziniert. Ein Bild aus diesem Film, mit Jean Marais, ziert auch das Plattencover eines meiner Lieblingsbands aus den 80er Jahren. The smiths mit handsome devil. Jean Marais erinnerte mich immer an die berühmten Zeichnungen Cocteaus, deren Inspiration er sicher häufig gewesen ist.Dieses Profil ist toll. Erst später habe ich registriert, dass Marais auch in den Fantomas Filmen in einer doppelten Hauptrolle zu sehen war. Ich liebe die Filme und mein Lieblingsauto bleibt bis heute der Citroen ds. Das Auto mit dem Fantomas immer geflohen ist. Ein anderer Film von Cocteau: La Belle et la bête. Besonders die Szene im großen Speisesaal hat sich als Kind in meine Gedächtnis gebrannt. Der Raum wird durch Kerzen beleuchtet, die von menschliche Armen gehalten werden. Die Arme kommen ohne dazugehörige Körper aus Wänden hervor. Als Kind habe ich mich gegruselt. Ich dachte die Arme führen ein Eigenleben. Damals vielleicht das erste surreale Filmempfinden. Diese Filme sind für mich ein Stück Kindheit und ich freue mich auf diesem Weg mal wieder an sie zu denken.

 

Ich spüre meine Kindheit noch in Haut und Knochen -

Das - in mir - erinnert mich an die Jahresringe in einem Baum . Jedes Jahr hinterlässt eine unterschiedlichen Spur. Alles ist in mir.

Schnittstelle -

Ein tolles Wort. Heute treffe ich es hauptsächlich im Computerbereich an.

Gestern hat ein neuer Friseur hier aufgemacht. Der nennt sich ebenfalls so.

Ob der Cocteau kennt?

Im Augenblick der fotografischen Aufnahme ist das Bild bereits Vergangenheit. -

"Der Fotograf ist nicht derjenige der die Vergangenheit festhält, sondern derjenige der sie erfindet." Susan Sonntag

Die Zeit wird eingestellt.

Das einzige Medium, das es möglich macht die Zeit anzuhalten. Gleichzeitig sehen wir um so deutlicher wie sie davonzieht.

"Im Foto erahnen wir den Tod und seine mythische Überwindung." Roland Barth

Und festgestellt. Man sieht sich als Vergangenes.

...wie du geschrieben hast, der Tod im Spiegel.

Marisa Rosato stellt mit ihrer Arbeit Hybrid diese Schnittstelle in die horizontale Mitte -

Die Schnittstelle, das hybride Wesen, die Schimäre, als Sinnbild unseres inneren Widerspruchs?

Zwei Bildquadrate übereinander. Ein Mensch. Die untere Fläche zeigt ein Stück des Kindes. Knie, Hände. Bis zur Schulter. Frontal. Das obere Quadrat der Kopf. Blickkontakt mit dem Betrachter. Kindheit und gerade vergangene Gegenwart im Schnitt. Wir sind was wir waren. Wir werden was wir sind. Die Kindheit trägt uns. Wir tragen sie in uns. Die Bilder sind ernst. Gestrafft. Konzentriert. Das Kind ist nicht süß. Die Kindheit ist ernst. Die vergangene Gegenwart stellt sich selbst. Zeit im Schnitt. Der Tod im Spiegel. Der Zeitsprung vom erwachenden Kind zum erwachsenen Menschen wird sich vielleicht weiter führen zu einem Dritten Bildschnitt. -

Ja. Das wird geschehen. Die Arbeit wird in den kommenden Jahren weiter geführt. Dann ist die Gegenüberstellung von Kindheit und Alter sichtbar.

Zum Alter. Zum Tod. Erst zwei, dann drei Schnitte. Marisa Rosatos Bildserie gibt uns im Sehen zu denken. Der Blick zurück stößt an den Blick nach Vorn. Dazwischen die ständig vergehende Gegenwart. -

 

Ich lese gerade eine Biografie über Orson Welles...das Genie im Labyrinth, in dem Bert Rehandl schreibt. "Alle Filme von Welles handeln von der Vergangenheit. Das Paradies als Vorstellung und das Trauma als Motiv sind dabei nicht zu trennen. Die erste Person Singular spricht nach vorn, aber sie blickt immer zurück." Im Vorwort steht folgendes Zitat von Orson Welles.

"Ich glaube, wie bestimmte orientalische Mystiker, dass man sich selbst zum Feind hat. Das Werk erlaubt mir erst, mich zu verlassen. Ich liebe das, was ich mache, nicht das, was ich bin."

Nicht dass du denkst ich würde mich permanent mit Orson Welles beschäftigen.

Es ist nur so, dass man die Komplexität bestimmter Filme erst im Laufe der Jahre versteht. Sie sind so vielschichtig, dass man beim ersten Sehen vieles verpasst. Diese Filme schaut man sich gerne häufiger an. Wie die Filme von Fellini.

 

 

Gruss Marisa