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Ernst Volland

Die Flagge des Siegers.

Die Flaggenhissung auf dem Reichstagsgebäude zum Endes des Krieges 1945 ist eines der bekanntesten Fotos des 20. Jahrhunderts. Es hat seinen festen Platz in der Fotogeschichte. In jedem Kompendium über das vorige Jahrhunderterscheint dieses Bilddokument als fotografische Ikone des Kriegsendes. Neben dem Portrait des jesusgleichen Revolutionärs Che Guevara von Alberto Korda ist es das meist gedruckte Motiv überhaupt. Schon früh wurde das Foto in deutschen Schulbüchern abgebildet. Kurz: Es ist aus dem kollektiven Gedächtnis nicht mehr zu verdrängen.

Immer wieder tauchen Stimmen auf, die in diesem Bild eine Inszenierung, sogar eine Fälschung erkennen wollen.Ein Blick auf die Dokumente der sowjetischen und russischen Darstellungen offenbart eine uneinheitliche, verklärende, aber auch verwirrende und mysteriöse Fülle von Fakten. Im Laufe der Jahre enthüllte das Motiv eine Reihe von Unstimmigkeiten. Die Collage versucht ein erhellendes Licht auf das vielfach reproduzierte Foto der Flagge zu werfen, auch wenn damit der Schatten, der auf dem Foto liegt, noch dunkler erscheint.

 

Die erste Abbildung zeigt eine Variante des Motivs, die am meisten verbreitet ist. An diesem Foto wurden einige Korrekturen vorgenommen. Bevor diese gedeutet werden, kommt ein zweites Foto zum Vergleich ins Spiel.

Es ist nahezu identisch, nur geringfügige Abweichungen sind zu erkennen, vor allem an der Form der Flagge, aber auch an den winzigen Personen, die sich auf der Straße befinden. Die Aufnahmen wurden in einem Sekundenbruchteil nacheinander geschossen. Der Fotograf beider Aufnahmen heißt Jewgeni Chaldej. Mit seiner Leica ist er am Morgen des 2. Mai gegen 7 Uhr früh auf den Reichstag gestiegen, um diese Aufnahme zu machen.Er selbst beschreibt die Aktion so:

"Als der Krieg begann, sprachen alle vom Reichstag. Es war am frühen Morgen des 2. Mai 1945. Ich betrat das Reichtagsgebäude. Überall war schrecklicher Lärm. Ein junger sympathischer Soldat kam auf mich zu. Ich hatte eine rote Fahne in der Hand. Er sagte 'Leutnant, dawai, laß uns mit der Fahne aufs Dach klettern.' 'Deswegen bin ich ja hier.' Wir waren endlich oben. Der Reichstag brannte. Er meinte: 'Wir wollen auf die Kuppel klettern.' 'Nein', sagte ich, 'da werden wir geräuchert und verbrennen." Na, dann versuchen wir es hier.' Wir fanden eine lange Stange. Ich suchte nach Kompositionsmöglichkeiten. Es sollte auch etwas von Berlin zu sehen sein. Ich habe einen ganzen Film verknipst, 36 Bilder und bin in der Nacht zum 3. Mai nach Moskau geflogen, und das Foto ist sofort veröffentlicht worden. Das hier ist das offizielle Foto."

 

Warum der Reichstag? Er war seit den Jahren nach dem Reichstagsbrand 1933 nur noch die Hülle eines Gebäudes, in dem seinerzeit das Parlament der ersten deutschen Republik tagte. Für die Sowjets und insbesondere für Stalin demonstrierte das kolossale Gebäude den symbolischen Sitz deutscher Stärke und Macht. Sicherlich war Stalin auch der archaische Akt der Flaggenhissung bewusst. Das Bohren oder Einrammen des Stabes in das Gebäude, das man sich wie den Körper eines wunden Tieres vorzustellen hat und hier für Hitler- Deutschland steht, bedeutet für den einen Sieg, für den anderen Tod.

 

Vergleicht man Caldejs offizielles Foto mit dem inoffiziellen, so sind zwei deutliche Veränderungen zu erkennen. Zum einen hat Chaldej durch aufsteigende Rauchwolken die Szene dramatisiert, im übrigen unter russischen Kriegsfotografen eine beliebtes Verfahren. Die zweite Veränderung besteht in der Retusche einer Armbanduhr. Sie wurde am rechten Handgelenk des stützenden Soldaten vorgenommen. Uhren waren für russische Soldaten ein beliebtes Beutestück. Auf einem offiziellen Foto war für diese Alltäglichkeit der letzten Kriegstage kein Platz. ("Uri Uri" sollen die ersten Worte gewesen sein, die Deutsche von den russischen Besatzern hörten).

Auf einem weiteren Foto des Flaggenmotivs wird die Dramatisierung noch gesteigert durch das Montieren einer bewegten Fahne. In diesem Fall war der Meister Chaldej nicht professionell genug. Die Spuren der Montage sind deutlich am Rand der Flagge zu erkennen. Dennoch wurde auch diese Version häufig veröffentlicht. Eine erneute ungeschickte Retusche ist auf einer weiteren Variante des Motivs zu sehen. Auf diesem Hochformat ist ganz deutlich zu erkennen, dass es zu diesem Zeitpunkt keinen Rauch in der Stadt gegeben hat. Hier interessiert aber mehr die vorgenommene Retusche. Die Uhr am rechten Handgelenk ist durch Einkratzen auf dem Negativ nur dürftig kaschiert. Da es sich insgesamt um eine unruhige Szene handelt- man betrachte nur die Trümmerreste auf dem Dach- ist diese Retusche nicht weiter aufgefallen. In der Filmdokumentation von Marc Henri Weinberg aus dem Jahr 1997 schildert Chaldej die Retusche: "Ich flog nach Moskau zurück und ging sofort in die Redaktion der TASS und entwickelte den Film. Ein Kollege machte mich auf die beiden Armbanduhren aufmerksam. Ich nahm eine Nadel und kratze eine Uhr aus dem Negativ. Das Bild musste sofort veröffentlicht werden."

Ebenso unbekannt ist die Information, dass es sich bei dem nächsten Foto nicht um ein Foto von Jewgeni Chaldej handelt, sondern um das Foto eines anderen Fotografen. Der Fotograf heißt Alexander Grebnev, ein Kollege von Chaldej, der ebenfalls auf dem Reichstag war, zur gleichen Zeit, an der gleichen Stelle. Die Fotos wurden von Grebnev und Chaldej zeitgleich geschossen. Damit ist auch unter anderem bewiesen, dass es sich um eine Inszenierung handelt, an der mindestens zwei Fotografen beteiligt waren. Dass es sich um eine Inszenierung handelt, ist auch eindeutig durch das Datum festgelegt

Die eigentliche Erstürmung des Reichstages erfolgte schon am 30. April. Man wollte unbedingt vor dem 1. Mai, dem Tag der Arbeiterklasse, die rote Fahne auf dem Dach hissen. Da die Erstürmung sich verzögerte und dabei erhebliche Verluste zu beklagen waren, gelang es erst in der Nacht auf den ersten Mai, die Fahne zu hissen. Bei diesem historischen Augenblick war kein Kameramann dabei. Erst in den Morgenstunden konnte nach Abflauen der Kämpfe und bei besseren Lichtverhältnissen, ein Foto geschossen werden. Der Fotograf dieser Flaggenschwenkung heißt Mark Redkin.

Eine kolorierte Version hat es ursprünglich nicht gegeben. Die Kolorierung wurde später von Chaldej vorgenommen. Sie wird selten publiziert. Die russischen Kriegsfotografen hatten kaum Farbbildmaterial zur Verfügung. Sie mussten an vorderster Front in gefährlichen Momenten und mit technischem Geschick die Negative entwickeln.Dafür wurde meistens der Helm als Gefäß benutzt. Auch das Verschicken unentwickelter Filme, von welchem Ort des Kriegsgeschehens auch immer, war oft nur unter großen Schwierigkeiten möglich.

Ein weiterer Fotograf, Viktor Tomin, war an der Hissung der Flagge beteiligt. Die Flagge ist direkt auf der Kuppel positioniert und die Hissung soll am 1. Mai erfolgt sein. Bei näherer Betrachtung könnte die Aussage von Jewgeni Chaldej stimmen, die er mir gesprächsweise mitteilte, nämlich dass diese Flagge in das Bild retuschiert wurde. .Die Flagge steht so günstig gegen den Wind und ist Teil einer nahezu klassischen Komposition (mittig und im oberen Drittel). Den Informationen nach soll Tomin von einer Sondermaschine aus das Foto geschossen haben. Anschließend ist er direkt nach Moskau geflogen, um das Foto Stalin vorzulegen. Es wurde unverzüglich veröffentlicht. Ob es sich hier eindeutig um eine Fälschung handelt, ist nicht zu klären.

Unter den russischen Kriegsfotografen, die immer unter Einsatz ihres Lebens kämpften, bestand eine große Solidarität. Eine Diskreditierung Tomins durch Chaldej ist nicht vorstellbar.

Als eindeutige Fälschung und inzwischen nicht mehr publiziert, ist das Motiv, das am 3. Mai in der Prawda veröffentlicht wurde. Schon der bloße Augenschein erkennt das Missverhältnis zwischen der Größe der wehenden Flagge, dem fadendünnen Flaggenmast und der Höhe des 46 Meter hohen Turms des Reichtagsgebäudes.

Die Flagge, die in einem Glasschrank des Zentralmuseums der Sowjetischen Streitkräfte in Moskau wie ein Schrein aufbewahrt wird, ist nicht die Flagge, die am 30. April bei der Erstürmung gehisst wurde. Es ist auch nicht die Flagge, die Chaldej oder Grebnev am 2. Mai für ihre Komposition benutzten. Die Aufschrift der Flagge bezieht sich auf das 79. Schützenkorps der 3. Stoßarmee in der 1. Weissrussischen Front, einer kleinen Einheit von fünf Soldaten, die ebenfalls bei der Erstürmung des Reichstages beteiligt war.Hinter dicken Glasscheiben leuchtet in roten Farben ein Imitat. Das Original soll sich nach Auskunft der Museumsleitung im Depot befinden.

 

Wer nun die drei Soldaten sind, die die Flagge auf dem offiziellen Siegerfoto von Chaldej hissten, bedarf ebenfalls einer genauen Untersuchung.

Das Foto symbolisiert mehrere historisch wichtige Ereignisse: Das Ende des Krieges, das Ende des Faschismus und den Sieg über "Hitler-Deutschland" . Die drei beteiligten Soldaten waren Helden der Nation. Jeder in Russland kannte sie, Jegorow, Kanataria und Samsonow. Sie bekamen eine lebenslange Rente. Es sind nicht die drei Soldaten, die auf dem offiziellen Foto von Chaldej abgebildet sind. Die korrekten Namen sind Alexejev Nicolaiev, Abdullhakim Ismaiilow und Leonid Gorjatschov. Ihre Verdienste sind ebenso groß wie die der gefeierten drei Soldaten, denn alle diese Personen waren an der Erstürmung des Reichstages beteiligt.

Was war geschehen? Der Schlüssel zur Antwort liegt wieder bei Chaldej. In mündlichen Erzählungen oder seinen schriftlichen Erklärungen hat Chaldej immer die Namen der drei offiziellen Helden genannt, obwohl er es anders wusste.

Chaldej war nicht nur der bedeutendste russische Kriegsfotograf, -man nennt ihn auch den russischen Robert Capa-, er hatte auch ein außergewöhnliches Gedächtnis, vor allem, was Namen betrifft. Er erinnerte sich nahezu an jede Person auf seinen Fotos mit Namen, erkannte den Ort und konnte das Datum benennen. Chaldej wusste, dass auf seinem Foto andere Personen waren. Kurz vor seinem Tode sprach er über seine Mission, nachdem er nach den richtigen Namen auf seinem Foto von einem britischen Journalisten eingehend befragt wurde:

" Nachdem ich das Foto gemacht hatte, bin ich direkt nach Moskau zu Stalin geflogen. Unser Oberbefehlshaber hatte mein Foto und die Liste der Beteiligten auf dem Tisch. Nach langem Überlegen entschied er sich für die Gruppe 5. Die anderen verschwanden in der Anonymität. Ich musste eine Geheimhalteverpflichtung unterschreiben, in der stand, das ich mit niemandem über diesen Vorgang sprechen durfte. Was das bei Stalin bedeutete, kann sich jeder denken."

Stalin, selbst Georgier, hatte einen georgischen Landsmann als den Flaggenhisser ausgewählt, die beiden anderen waren Russen. "Unersetzliche Leute gibt es für Kommunisten nicht", pflegte er zu sagen. Der Schatten Stalins lastete auf Chaldej über 50 Jahre lang bis kurz vor seinem Tod im Jahre 1997. Um die Ehre der Flaggenhissung stritten sich noch weitere Personen, unter anderem eine Majorin, Frau Anna Wladimirowa Nikulina. In einem Artikel behauptet sie, die rote Flagge als erste auf dem Reichstag gehisst zu haben. Die Geschichte der Flagge des Sieges scheint eine never ending story zu sein. Das Motiv ist in Öl verewigt worden. Es schmückt den Titel eines Buches über die Geschichte Berlins. Das Impressum des Buches informiert falsch.: "Wiedergabe eines Gemäldes von Georg A. Campbell, das zeigt, wie die Sowjetfahne kurz vor Mitternacht am 30. April 1945 auf dem Dach des Reichstages aufgepflanzt wird." Das Ölbild kopiert ein Foto von Chaldej oder Grebnev, das am 2. Mai entstand.

 

Zur allgemeinen Verwirrung hat Chaldej die Hissung auf anderen historischen Stätten vollzogen. Am gleichen Tag auf dem Brandenburger Tor und auf dem Tempelhofer Flugplatz.Die Hissung auf dem Brandenburger Tor wird oft mit der Reichtagshissung verwechselt.

1995 begegnete Jewgeni Chaldej in Perpingnan (Frankreich) auf einem Fotofestival seinem "Flaggenpendant" Joe Rosenthal. Er hatte ebenfalls 1945 eine berühmte Flaggenhissung in Asien ( Iwo Jima) für den amerikanischen Sieg fotografiert. Auch dieses Foto war inszeniert und es sollen sich auf und hinter dem Foto einige Unstimmigkeiten befinden. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Copyright Text und Fotos Ernst Volland, volland@voller-ernst.de, www.voller-ernst.de