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Kim Boström

Besuch bei einem Hindu Tempelfest in Hamm, Westfalen

Von: Kim Bostroem <bostroem@web.de> Datum: Tue, 24 May 2005 17:51:23 +0200

An: Joerg Bostroem <jbostroem@gmx.de>

Betreff: Hindufest

Das Hindufest war ein Erlebnis! Du musst dir etwa 10.000 Inder in bunten Kleidern vorstellen, die rätselhafte Zeremonien vor bunten Statuen durchführen. Alles hat Bedeutung, man geht im Uhrzeigersinn um die Schreine, die bestimmten Gottheiten gewidmet sind und in denen ein Tempelpriester herumwerkelt. Dann kommt er wieder heraus, mit einer heiligen Speise, mit einer brennenden Öllampe, und die Gläubigen nehmen entgegen oder halten kurz ihre Hände über das Feuer. Kokosnüsse werden zerschlagen und auf den Boden geworfen, wer eine Gottheit tragen will, muss einen nackten Oberkörper haben und einen Wickelrock. Bunte Glühbirnen hängen an den Schreinen und leuchten, man darf fotografieren aber keine Handys benutzen. Geweihtes Wasser steht in Plastikkanistern zwischen geschälten Bananen und Früchten, die man nicht essen sondern opfern soll.

Ich habe mir an einem Stand draussen einen elefantenköpfigen Gott in einem Bildrahmen aus Plastik mitgenommen (auf 12 Euro runtergehandelt), den man an die Steckdose anschliessen kann. Dann beginnt es um ihn herum zu leuchten und zu flimmern und das Shakti zu wirken (göttliche Kraft).

Es gibt einen Haufen Götter im Hinuismus und alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Es sind nämlich alle Götter in Wahrheit nur verschiedene Aspekte von Brahman. Insbesondere gibt es da eine Art Dreifaltigkeit von Brahma, Vishnu und Shiva, das sind der Erhalter, der Erzeuger und der Zerstörer. Mein Plasik-Zimmergott ist Ganesh, der Sohn von Shiva und Parvati, der als der Beseitiger von Hindernissen gilt. Das passt ganz gut, finde ich, und so lass ich ihn leuchten.

Von: Joerg Bostroem <jbostroem@gmx.de> Datum: Wed, 25 May 2005 15:58:34 +0100

An: Kim Bostroem <bostroem@web.de>

Hi Kim,

uns muss so ein Hindu Fest merkwürdig und exotisch erscheinen. Rätselhafte Zeremonien. Ich denke gerade darüber nach, wie einem Hindu etwa der evangelische Kirchentag erscheinen muss, der morgen in Hannover stattfindet. Auch so ein merkwürdiges Zusammentreffen der religiösen Ereignisse mit so geringem Zeit- und Kilometerabstand. Wir verehren einen Menschen, eine zuu Tode gefolterten, genagelt an ein Kreuz, den unser Gott zu seinem Sohn gemacht hat und wir ihn zu unserem Gott. Wir trinken zu seinem Gedenken sein Blut und essen zeichenhaft seinen Leib in den sich das Brot verwandelt. Er schlüpfte aus einem unbefleckten, nicht befruchteten Mädchenleib und lehrte ganze drei Jahre, als Dreißigjähriger, ohne einen eigenen Text zu hinterlassen, obwohl er als Fünfjähriger schon so Schrift kundig war, dass er den Gelehrten im Tempel das Alte Testament neuartig erklären konnte. Es gibt über diese Szene großartige Bilder in unserer Kunstgeschichte. Dzu in der Folge weitere großartig gemalte, unendlich viele Folterszenen an Menschen, die dann nicht Gott, aber wohl Heilige wurden. Die christliche Bildwelt ist von einer unerschöpflichen grausamen Kreativität. Die Bibel beginnt unsere Menschengeschichte mit einem Brudermord. Ich könnte Hindu werden, wenn ich nicht wäre wie ich bin. Ein abgesprungener Christ. Hast du Fotos gemacht? Ich rede nun wie Adolf Menzel, der einen Schüler, der zu spät zum Unterricht kam und sich mit einem Droschkenunfall entschuldigte, fragte: Wo sind die Skizzen?

Lieben Gruß über das Netznirwana

 

Joerg Bostroem <jbostroem@gmx.de> Datum: Thu, 26 May 2005 16:53:10 +0100

An: Kim Boström <bostroem@web.de>

Auch die indische Götterwelt ist nicht so friedlich, wie ich dachte. Lesegerade -Spiegel-, dass Kali die Gründungsherrscherin von Kalkutta ist, vier armig, schwarz häutig und nackt. Bluttriefende Zunge und einen Kranzabgeschlagener Männerköpfe um den Hals. Göttin der Zerstörung. Ging in den Flammentod. Ihr Gatte Shiva tanzte mit der Brennenden. Alle Höheren Mächte hatten Angst vor der Brandgefahr. Gott Vishnu schleuderte seine Rundsäge und zerteilte sie in 52 Stücke. Der kleine Zeh ihres rechten Fußes landete dort, wo später Kalkutta entstand. Kali Kutta. Da bleiben wir doch besser in unserer Christlichen Tradition und lieben unsere Feinde.

Von: Kim Bostroem <bostroem@web.de> Datum: Fri, 27 May 2005 12:44:47 +0200 An: Joerg Bostroem <jbostroem@gmx.de>

Ziemlich furchterregend, die Kali, muss ich schon sagen. Jetzt sieh dir aber mal an, wie die heraushängende Zunge, das blutige Schwert, der abgehackte Kopf und die Kette menschlicher Schädel so uminterpretiert werden können, dass plötzlich alles ganz friedlich und geistig erscheint:

http://www.yoga-vidya.de/Bilder/Galerien/Kali.html

Das ist doch schizophren, oder? Deutlicher und aggressiver geht doch eine Darstellung kaum, und dennoch findet sich eine Ummünzung des Dargestellten in rein abstrakte Prinzipien. Wenn man alles symbolisch sieht, wird wohl auch Massenmord zu einer spirituellen Erfahrung! In diesem Zusammenhang ist es ja auch bemerkenswert, dass sich die Nazis des Hakenkreuzes bedienten, welches ein altes indisches Symbol, das Sonnenrad bzw. die "Swastika" ist, und für Wissen, Glück, Wohlstand und Erfolg steht:

http://www.bhagavad.de/syindex.html

Doch es gibt wohl auch hier unterschiedliche Auslegungen: Die populärwissenschaftliche Zeitschrift "P.M." stellt die Swastika, ganz typisch für unsere übersexte Zeit, als "Symbol der Fruchtbarkeit" dar:

http://www.freenet.de/freenet/wissenschaft/pm_specials/symbole/04.html

Auch wird hier wieder behauptet, die Nazis hätten die Swastika gespiegelt (ein immer wieder geäussertes Gerücht). Das kann aber wohl kaum sein, denn auf den original indischen Darstellungen sieht man das Hakenkreuz genauso wie es die Nazis gebraucht haben: die Haken zeigen nach rechts (so auch auf meinem Plastik-Zimmergott an den vier Eckpunkten, zum Glück durch Punkte nicht so direkt zu erkennen). Ich hätte auch gerne mal gewusst, was sich die Nazis dabei eigentlich gedacht haben. Da gibt es auch diesen Zusammenhang mit den "Ariern":

http://de.wikipedia.org/wiki/Arier

http://de.wikipedia.org/wiki/Indoarier

Das habe ich bisher überhaupt noch nie auch nur ansatzweise erklärt bekommen. Die Nazis hatten ganz offenkundig einen sehr mystischen Hang, das sieht man ja allein schon an den Prozessionen und dem ganzen Brimborium. Im Film "invincible" von Werner Herzog (toller Film) wird gezeigt wie der Show-Hellseher und Hypnotiseur Hanussen von den Nazis zum "Minister des Okkulten" gemacht werden soll. Der Fiml soll auf wahren Begebenheiten beruhen. Von einem "Ministerium des Okkulten" habe ich allerdings ausserhalb des Zusammenhang mit Herzogs Film nichts im Internet gefunden... wieder ein Gerücht?

Habe gerade einen Brockhaus-Eintrag zum Hakenkreuz gefunden:

"SWASTIKA, SVASTIKA altindisch, das - Hakenkreuz altes, weitverbreitetes, nur bei den Semiten und Australiern unbekanntes Heilszeichen, als Sonnenzeichen gedeutet, bei den Germanen bis ins Frühmittelalter bevorzugt verwendet; der Nationalsozialismus wählte es als Symbol seiner Verbundenheit mit dem germanisch nordischen Ahnengut des deutschen Volkes. Ein schwarzes Kreuz in weissem Kreis auf rotem Grund ist das Zeichen der nationalsozialistischen Bewegung und das Sinnbild des Dritten Reiches und findet sich in Flagge und Hoheitszeichen."

Aha! Wobei hier auf die eigentliche Bedeutung des Hakenkreuzes leider kaum eingegangen wird. Auch die äussere Beschreibung des Kreuzes ist sehr dürftig.

In diesem Zusammenhang ebenfalls bemerkenswert ist folgende Gschichte: Micki hat mal einen Inder getroffen, der ihm ganz begeistert von einem Buch erzählt hat, welches er in einem indischen Laden erstanden hat, und welches "Min Kampf" heisse. Darin ginge es um einen grossen politischen und geistigen Führer, der einst die ganze Welt beherrscht hätte. Er hatte offenbar nicht die geringste politische Bildung. Micki hat ihm dann erstmal ein paar Dinge erzählt und ihm dringend einen Besuch im Berliner Holocaust-Mahnmal empfohlen.

 

Von: Joerg Bostroem <jbostroem@gmx.de> Datum: Sat, 28 May 2005 10:41:58 +0100

An: Kim Bostroem <bostroem@web.de>

In meinem Bücherwust, irgendwo, ist dieses magische Buch, mein Kampf, aus der Hinterlassenschaft meines Vaters. Er war immerhin mutig genug, es nicht schnell zu entsorgen, wie die anderen Hitlersachen, auch seine von ihm modellierte Büste vom deutschen Gott der Götter. Vielleicht bin ich u.a. deshalb so ungläubig und Andacht skeptisch, weil ich diese fromme Art als Kind erlebt habe. Ritual und Mythen sind für mich zugleich interessant und abstoßend. Sogar Hochzeits- und Taufrituale haben wir nicht gemocht und nicht gemacht. Du bist also auch davon betroffen, von der Nüchternheit der "Skeptischen Generation", wie sie der Soziologe Schelsky in seinem Buch darüber genannt hat. Den "Mythos des 20. Jahrhunderts" vom Nazi Denker Alfred Rosenberg habe ich auch noch, meinem lieben Jungen gewidmet, meinem Vater also von seiner Mutter und meiner Oma. So geistert es weiter. Ich kann nicht einmal einen militärischen Aufmarsch heute genießen und auch damals nicht die Gleichschritt Parolen der 68er. Menschen brauchen so etwas wohl immer wieder und sie verbrauchen sich selbst damit.