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Annette Bültmann

Fledermausflugstraßen

Seit Ende März sind in diesem Jahr am See wieder die Fledermäuse zu finden, die zu dieser Zeit aus dem Winterschlaf zurückgekehrt sind.
Sowohl auf diesem Weg vom Winterquartier in die im Sommer bewohnten Gebiete, als auch bei dem abendlichen Flug von den Tagesquartieren zum Gewässer, nutzen Fledermäuse immer wieder bekannte Routen, die so genannten "Flugstraßen".
Im Frühjahr und Herbst, wenn die Temperaturen nicht allzu hoch sind, wärmen sie sich während des Fluges zum See vermutlich gleichzeitig auf, ihre Körpertemperatur ist dann tagsüber relativ niedrig, um Energie zu sparen. Die Längen der Flugrouten kann sehr unterschiedlich sein, einige Hundert Meter oder auch bis zu mehrere Kilometer weit kann der Weg vom Baumhöhlenquartier im Wald zum Wasser sein, die Wege zu den Winterquartieren können sogar bis zu einige Hundert Kilometer lang sein.
Woran sich Fledermäuse beim jährlichen Langstrecken-Flug orientieren, ist nicht bekannt, eventuell, so wird vermutet, am Magnetfeld der Erde. Beim täglichen Kurzstrecken-Flug orientieren sie sich mit dem Ultraschall-Echolot an Strukturen im Gelände, sie fliegen gerne entlang an linienförmigen Baumreihen, Alleen, Hecken oder Bächen, und sollen offene Flächen eher meiden.
Die Reichweite der Echolotortung hängt teilweise zusammen mit der Tonhöhe der Ultraschallimpulse, die im Nahbereich ein sehr gutes Bild der Umgebung ermöglichen, dafür aber keine sehr hohe Reichweite haben, je kürzer die Schallwellen, desto besser die akustische Auflösung, so dass auch kleine Objekte und Strukturen noch wahrgenommen werden können, aber die besonders hohen Töne werden mit zunehmender Entfernung auch stärker abgeschwächt.
Die Hörbilder von der Umgebung speichern Fledermäuse in ihrem sehr gut ausgebildeten Raumgedächtnis.
Auf den Flugstraßen sind manchmal einige -zig oder sogar täglich mehrere hundert Fledermäuse unterwegs, meist besonders zahlreich zu bestimmten Zeiten, z.B. eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang oder vor dem Sonnenaufgang.

Die Flügelspannweite der Fledertiere reicht von 14 cm bei der thailändischen Hummelfledermaus bis zu 1,7 Metern beim indonesischen Flughund Kalong, bei europäischen Fledermausarten von 18 cm bei der Zwergfledermaus bis zu 40 cm beim Großen Abendsegler und beim Großen Mausohr. In Südeuropa bis zum mittleren Osten gibt es außerdem den noch größeren Riesenabendsegler mit einer Flügelspannweite von bis zu 50 cm und einem Gewicht um 50 Gramm, der aber relativ selten ist.
Verschiedene Flügelformen sind für die unterschiedlichen Lebensräume der Fledermäuse charakteristisch, für schnelle Flüge über offenem Gelände sind lange schmale Flügel geeignet, wie sie z.B. der große Abendsegler hat. Kurze, breite Flügel ermöglichen besonders wendige Flugkunststücke beim langsamen Flug zwischen Bäumen und Sträuchern. In der Vegetation suchen z.B. Langohrfledermäuse nach Insekten und können sie sogar auf Blättern finden, weil die großen Ohren in Verbindung mit den geeigneten frequenzmodulierten Echolotfrequenzen es ermöglichen, sie auch in einer Umgebung mit vielen akustischen Eindrücken aufzuspüren. Sie können auch im so genannten Rüttelflug in der Luft auf der Stelle stehen. Abgerundete Flügelspitzen, wie sie z.B. die Langohrledermäuse, aber auch die Wa
sserfledermäuse haben, erhöhen die Beweglichkeit.
Wasserfledermäuse sind spezialisiert auf den Flug dicht über dem Wasser, und können auch mit den Füßen oder der Schwanzflughaut Insekten von der Wasseroberfläche einsammeln. Die Wasserfledermaus und die Teichfledermaus sind bekannt für besonders große Füße mit langen Borsten. Fledermäuse können im Flug trinken, indem sie kurz zur Wasseroberfläche hinunter gleiten und einen Schluck Wasser aufnehmen. Auch die normalerweise über offenem Gelände oder Wasser fliegenden Arten wie Abendsegler oder Wasserfledermäuse können bei relativ hoher Geschwindigkeit sehr geschickt Wendungen und Loopings fliegen.

Wasserfledermäuse sind mittelgroße Fledermäuse mit einer Flügelspannweite bis zu 27 cm, einer Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 5 cm und einem Gewicht von bis zu 15 Gramm. Sie schlafen tagsüber meist in hohlen Bäumen oder unter Brücken, sowohl in der Nähe von Gewässern, als auch in einigen Kilometern Entfernung. In der Dämmerung, meist zu bestimmten Zeiten zwischen 30 und 90 Minuten nach Sonnenuntergang, fliegen sie vom Schlafquartier zum Gewässer, auf den Flugstraßen mit Geschwindigkeiten um 25 km/h, und morgens vor Sonnenaufgang zurück. Die Tagesschlafquartiere werden gelegentlich gewechselt, und es wird vermutet, dass in den Sommermonaten die von dem Lage und dem Nahrungsangebot her günstigsten Quartiere und Lebensräume den Weibchen und neugeborenen Jungen überlassen werden.
Während der Nacht machen die Wasserfledermäuse gelegentlich Pausen an Ästen oder Mauern, meist nur für kurze Zeit, bei Regen aber auch länger.
Wasserfledermäuse fliegen oft in Gruppen, sowohl über den Gewässern, als auch beim Ausflug aus den Quartieren, und auch gelegentlich auf den Flugstraßen. Es wurde auch schon vermutet, dass, wenn eine Fledermaus, der so genannte Abholer, vor anderen Quartieren vorbeifliegt, das die sich darin aufhaltenden Tiere zum Ausfliegen veranlasst, manchmal auch durch mehrmaliges Umkreisen des Quartiers. Oft sind auch Wasserfledermäuse im so genannten Zweierflug zu beobachten, manchmal fliegen sie zu zweit ähnliche Wendungen über dem Wasser. Auf Flugstraßen werden auch Zweierflüge beobachtet, es wurde schon versucht, den Abstand jeweils zweier nacheinander vorbeifliegender Fledermäuse zu messen, und es wurde ein Zunehmen der größeren Abstände im Verlauf des Monats August festgestellt, was wohl darauf hindeutet, dass es sich bei einigen der Zweiergruppen um Fledermausmütter mit Kindern handelt, die mit der Zeit in größerem Abstand voneinander fliegen. Aber auch Tiere ähnlicher Größe fliegen öfters mal gerne zu zweit.
Wasserfledermäuse sind über weite Teile Europas verbreitet, und auch über Teile Russlands und Chinas bis nach Japan. Sie bevorzugen Lebensräume an und über allen größeren Gewässern, auch innerstädtische Seen, wenn sich geeignete Bäume als Schlafplätze in der Nähe befinden. Ihre Ernährung besteht größtenteils aus Köcherfliegen und Mücken, darunter besonders Zuckmücken, und gelegentlich Schmetterlingen, hauptsächlich Nachtfaltern. Vermutlich suchen sie auch im Wald, wo sich ihre Quartiere befinden, gelegentlich nach Insekten. Im Wald fliegen sie hauptsächlich in Baumwipfelhöhe oder darüber, und es wird vermutet, dass sie sich dort auch an linienförmigen Strukturen orientieren und immer wieder bestimmte Wege benutzen, ähnlich wie bei den Flugstraßen.
Bei den ersten Ausflügen junger Wasserfledermäuse wurde beobachtet, dass sie nicht so tief über dem Wasser und langsamer zu fliegen scheinen als die Erwachsenen. Es wurde schon vermutet, dass sie noch nicht geübt sind in der Nutzung des Bodeneffekts, der Bodeneffekt (engl. ground effect) ist ein aerodynamisches Phänomen, dicht über dem Boden oder der Wasserfläche bekommen die Flügel einen zusätzlichen Auftrieb, wodurch die Fledermäuse bei dem Flug dicht über dem Wasser Energie sparen können, aber womöglich irritiert dies junge Fledermäuse bei den ersten Ausflügen, oder es handelt sich bei ihrem Verhalten um Vorsicht wegen der noch nicht völligen Beherrschung des Echolotsystems, oder dem Wunsch, keine nassen Füße zu bekommen... bei den älteren Wasserfledermäusen bemerkt man, wenn man sich in ihrer Nähe am See aufhält, oft ein leises Platschen und die auf dem Wasser sich ausbreitenden Ringe, wenn sie die Wasseroberfläche mit den Füßen oder der Schwanzflughaut so gerade eben leicht berühren, manchmal bemerkt man auch nur die Kreise auf dem Wasser, während die Fledermaus längst wieder im Dunklen verschwunden ist...