Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Kerstin Parlow

Zu Hause und die Sterne

 

Oft frage ich mich nicht, was auf einem Bild zu sehen ist. - Ich frage mich: warum ist es abgebildet? Welcher Energie entstammt der Impuls, den Auslöser zu drücken? Warum möchte ich diese Konstellation aus Licht und Oberflächen reproduzieren?

Kirmes, Faqus, 2003

Ein Freund hat neulich gesagt: "Bei dir ist der Spiegel falschrum eingebaut." Ich habe es lange versucht, die Wirklichkeit abzubilden. Weil man das so macht als Fotograf, in Serien Geschichten erzählen, politisch mahnen, Gesellschaft anstoßen, Randbereiche befragen. Es hat nie funktioniert. Es ist am Ende immer ein Lied über mich selbst. Ich bilde immer die eigene Geschichte ab.

Chiori, Kairo 2002

Um mich selbst begreifen zu können, gehe ich den Umweg über die Außenwelt, weil ich den direkten Blick auf das Ganze, das eigene Unbewusste nicht aushalten und nicht verstehen würde.

Bilder sind Türen zu einem Raum außerhalb der umgebenden Wirklichkeit. Sie sind nicht jetzt und nicht hier, sie verlangen nicht nach Handlung. Der Moment, in dem das Auge im Sucher verweilt, ist ohne Zwang, auf eine kulturell bestimmte Art anders zu handeln. Insofern ist jedes Bild ein Gegenentwurf zur gelernten Welt.

Alexei und Babier, Qantir 2001

Das Denken stand mir lange im Weg. Ich bin dann in die Fremde gegangen. Und dort, wo ich mich mit Worten nicht mehr verständigen konnte, habe ich Reflexe und Instinkte und Gesten wiedergefunden Die Angst hilft einem da nicht. Wenn man verloren ist, muss man handeln.

Als Kind war die mich umgebende Welt ein Meer aus chaotischen Eindrücken. Ich kannte noch nichts, hatte keine Routine, betrachtete alles mit einem langsamen, tastend begreifenden Blick. Wenn ich fotografiere, gucke ich wie ein Kind.

Ich bin unterwegs und suche nach Ordnung. Nach Klarheit. Ich blende eine Vielzahl von Eindrücken aus, und manchmal findet das Auge so was wie einen Vermittler. Etwas im Außen spiegelt etwas im Inneren wider. Ich stecke die Hand in die Tasche, da ist die Kamera, immer dieselbe Kamera in immer derselben Tasche, im Sucher treffen sich beide Welten. Innen und außen, die Grenze ist aufgehoben.

Frankfurter Allee, Berlin 2002

Der unbegreifbare Teil von mir findet sich wieder. Was ich fühle, was kein Organ hat im Körper. Die Seele findet sich wieder. In einem offenen Fenster, in einem Vogel, in einem Wald, in einer nur halb vorhandenen Dunkelheit. Das Fühlen findet sich wieder in der Leere zwischen den Dingen und ­ wenn ich Glück habe ­ in einem Gesicht.

Lange, über sehr lange Zeit, waren die Augen einer anderen Kreatur der einzige Spiegel. Unsere Sprache bietet als Alternative zum Zeit-bestimmenden Wort 'Moment' den unendlich schönen Begriff 'Augenblick'. Wie oft blicken wir in die Augen eines anderen Menschen? Wie lange halten wir einen stillen Blick aus?

Auf einem Foto ist der Mensch nicht zugegen. Die Stille verliert ihren Schrecken, der Betrachter ist mit sich und den Augen des anderen alleine. Ein Bild ist ein sicherer Ort.

Midan Tahir, Kairo 2002

Ich habe die Handlung angesprochen. Die Handlung und das Ergebnis sind zwei verschiedene Welten. Das Bild aufzunehmen, das ist wie spielen oder wie meditieren, eine andere Art von Begreifen. Zeigen kann man es nur, wenn es eine bestimmte Ordnung enthält, eine Spannung, eine Symmetrie, die jemand anderes vielleicht lesen möchte.

Mit einem Bild erzähle ich etwas. Und hoffe, das jemand etwas Ähnliches hört, wenn er das Bild betrachtet. Es ist der Versuch, meine Innenwelt mitzuteilen. Zu teilen. Es ist die Suche nach jemandem, der ähnlich sieht.

Zu Hause und die Sterne. Die Suche nach dem Punkt, an dem Ferne und Nähe sich berühren. Nach einem Ort, an dem man nicht mehr getrieben ist und sich nicht eingesperrt fühlt. Nach einem Moment, in dem Ruhe eintritt.

Dokki, Kairo 2002

Die Bilder sind ein Auszug aus der gleichnamigen Arbeit. Sie umfasst 48 Farbabzüge und liegt in Buchform vor. Der Text ist anlässlich einer Präsentation bei der Deutschen Fotografischen Akademie entstanden.