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Annette Bültmann

Tiermenschen und Zauberer
Steinzeitkunst Teil 2

Die häufigsten Motive in der steinzeitlichen Wandmalerei und -gravur sind die Tierarten der eiszeitlichen Fauna, deren Häufigkeit aber nicht unbedingt dem tatsächlichem Vorkommen in der Umgebung der Höhlen entsprechen muss. In manchen Höhlen sind bestimmte Tiere besonders zahlreich dargestellt, wie die Wisente in Altamira, Mammuts in Rouffignac, Raubtiere, die insgesamt nicht allzu häufig vorkommen als Motiv in der Höhlenkunst, herrschen vor in der Grotte Chauvet, so dass schon vermutet wurde, dass diese Höhlen eine Art Heiligtum für diese Tierarten waren.

Tabellen zum Vergleich der Häufigkeit der Tiermotive in der europäischen steinzeitlichen Wandkunst wurden z.B. von den Forschern André Leroi-Gourhan 1965 und Georges Sauvet 1988 angelegt, die Ergebnisse der beiden Forscher stimmen weitgehend miteinander überein. Danach sind am häufigsten Pferde dargestellt, gefolgt von Wisenten, Steinböcken, Auerochsen, Hirschen, Hirschkühen, Mammuts. Menschendarstellungen, die oft Tier-Mensch-Mischwesen sind, sind weniger häufig, ebenfalls Rentiere, Bären, Löwen, Nashörner und Fische. Dazu kommen gelegentliche Darstellungen von nicht einzuordnenden oder phantastischen Tieren. Z.B. ein Vogel mit Hasenkopf, ein Bär mit Flossen, ein Pferd mit Vogelkopf, ein Einhorn, ein Pferd mit Stierhörnern, eine Hirschkuh mit einem Giraffenhals.

Menschen sind in der Steinzeitkunst oft als Mensch-Tier-Mischwesen dargestellt. So gibt es einen Wisent-Menschen in der Grotte Chauvet, einen Stier-Menschen in Gabillou, und den berühmten Hirschmenschen, oft auch Zauberer, Sorcerer, genannt, in der Höhle Les Trois Freres, der Merkmale von mehreren Tierarten mit menschlichen vereint, die fast aufrechte Körperhaltung vom Menschen, auch das Gesicht, das aber auch gleichzeitig löwen- und eulenartige Züge hat, das Geweih vom Hirsch oder Rentier, die Hände und Füße wirken sowohl menschen- als auch löwenartig, der Bauch und Hinterleib eher pferdeähnlich, die Ohren tierisch, der Ausdruck des Wesens aber auch teilweise menschlich, die ganze Figur wie in der Bewegung festgehalten als Momentaufnahme, aber gleichzeitig zeitlos, so blickt das Wesen seit Jahrtausenden von der Höhlenwand herab, als eine der interessantesten Schöpfungen der Höhlenkunst.

Menschliche oder halbmenschliche Figuren sind oft an den schwerer zugänglichen Stellen weiter im Inneren der Höhlen zu finden, die nur mit Fackeln und eventuell sogar nur mit Hilfe von Seilen zu besuchen sind.
Die Tier-Mensch-Mischwesen werden gelegentlich mit dem Schamanismus in Verbindung gebracht, d.h. es wird vermutet, dass mit diesen Wesen Schamanen dargestellt sein könnten, außerdem stellt sich die Frage, ob auch die Höhlenkunstwerke teilweise in einem Trancezustand der Künstler entstanden sein könnten. In Trance kann sich der Schamane vielleicht als Tier erleben, oder Tieren begegnen. Bis heute werden bei traditionellen Zeremonien manchmal Tiermasken getragen, und manche der Tier-Mensch-Mischwesen haben einen menschlichen unteren Körper aber einen tierischen Kopf. So gibt es z.B. eine menschliche Figur mit Vogelkopf, die auf einen Schamanen und einen Vogelgeist hinweisen könnte.

Aus dem ursprünglichen Stil der steinzeitlichen Tierzeichnungen entwickelte sich eine Besonderheit, die sich in der indigenen Kunst mancher Gebiete bis heute erhalten hat, der Röntgenstil. Dabei werden Organe, Muskelpartien und/oder Teile des Skeletts dargestellt. Sie werden in die Umrisse von Tieren und Menschen hineingezeichnet als ob man in den Körper hineinblickt. Manchmal wird auch eine Lebenslinie eingezeichnet, die vom Kopf ausgehend durch den Körper verläuft. Mit der Zeit kam es teilweise zur Stilisierung, so dass die anfangs ziemlich realistisch dargestellten Organe nur noch angedeutet und zu Rauten und Mustern werden.

Ein frühes Beispiel für den Röntgen-Stil bereits in der eiszeitlichen Kunst könnte eine in der Höhle El Pindal in Nordspanien gefundene Umrisszeichnung eines Mammuts sein, mit rotem Fleck an der Stelle, wo man das Herz vermuten kann. Es stammt aus der Kultur des Aurignacien, die vor ungefähr 35.000 Jahren begann, also aus der jüngeren Altsteinzeit. Von Nordspanien aus scheint sich der Röntgenstil nicht nach Ostspanien oder Afrika ausgebreitet zu haben, sondern in Richtung Norden. Es finden sich in Norwegen ab 6000 v.Chr. Felsgravierungen in ausgeprägtem Röntgen-Stil, und auch auf Felsbildern in Russland und Sibirien finden sich ähnliche Darstellungen, und bis in die heutige Zeit auf Schamanentrommeln. Auch in Australien finden sich sowohl bei frühen Felsbildern Röntgendarstellungen, z.B. am Nourlangie Rock, als auch bei Rindenmalereien bis in die heutige Zeit, häufige Motive sind z.B. Fische und Känguruhs.
Es wird vermutet, dass sich der Röntgenstil von Europa nach Asien und von da aus nach Australien und Amerika verbreitet hat, auf dem amerikanischen Kontinent findet er sich sowohl in Kanada als auch in den USA und scheint dort in südlicher Richtung bis ungefähr zum Äquator vorgedrungen zu sein.

Eventuelle weitere frühe Beispiele für den Röntgenstil in der europäischen Steinzeitkunst wären eventuell das Einhorn in der Höhle Lascaux, Dordogne, Frankreich, deren Höhlenkunst der Magdalenien-Kultur zugeordnet wird. Es hat eine Fleckenzeichnung, bei der man sich fragen könnte, ob es auch angedeutete Organe sein könnten. Noch deutlicher scheint mir das bei dem bekannten Zauberer oder Hirschmenschen aus der Höhle Les Trois Frères, Ariège, Frankreich zu sein (ebenfalls Magdalenien). Die Zeichnung des Körpers könnte zwar auch eine Fellfärbung darstellen, teilweise aber auch Muskelpartien, oder sogar Knochen, z.B. die Kniescheibe des vorderen Beins, die deutlich als ovale Form eingezeichnet ist. Deutlich zu sehen in der Zeichnung des Abbé Henri Breuil. Einige Höhlen in Frankreich sind zur Zeit zum Schutz der Felsbilder nicht öffentlich zugänglich, zum Glück gibt es Fotografien und Zeichnungen, und die Höhle Lascaux wurde großenteils nachgebildet und als Lascaux II 1983 eröffnet.

Der Abbé Henri Breuil (1877-1961) hat sich intensiv mit den steinzeitlichen Felsbildern beschäftigt und gilt als einer der frühen Experten auf diesem Gebiet, auch wenn es zur Bedeutung und den Gründen der Entstehung der Höhlenmalerei inzwischen abweichende Theorien gibt. Von vielen Bildern hat er Zeichnungen angefertigt. Als Motiv der Höhlenmaler vermutet er hauptsächlich Jagdmagie, aber heutige Autoren wie Michel Lorblanchet merken zu recht an, dass Tiere, die vermutlich bevorzugt gejagt wurden, wie z.B. Rentiere, eher selten dargestellt sind. Dazu kommt manchmal die Vermutung, die Höhlenmaler hätten Fruchtbarkeitsmagie zur Vermehrung der abgebildeten Tiere im Sinn gehabt, dagegen spricht wohl, dass es in der steinzeitlichen Landschaft wahrscheinlich große Tierherden, aber nur relativ kleine Menschenstämme gab, so dass die Vermehrung der Tiere meist eher als gesichert erscheinen musste.

Andere Forscher wie André Leroi-Gourhan vermuteten in den Höhlen eine Entstehung von Symbolen und den Wunsch die gerade hervorgebrachten Kultursymbole zu erhalten, die Entstehung einer Religion basierend auf der Komplementarität eines weiblichen und eines männlichen Prinzips, dargestellt durch verschiedene Tierarten.

Als weiterer Anlass für die Erschaffung von Höhlenkunst wird der Schamanismus genannt, diese Theorie wird auch heute noch vertreten z.B. von Jean Clottes, und natürlich l'art-pour-l'art, im Zweifelsfall vielleicht immer wieder die am wenigsten mysteriöse Motivation früherer und auch heutiger Künstler.

Links:
 
http://www.hominides.com/html/art/art.html
http://www.culture.gouv.fr/culture/arcnat/lascaux/de/index1.html
http://www.bradshawfoundation.com/clottes/page2.html
http://tatjana.ingold.ch:8080/slideshow/show.html/413/7340/
http://www.aboriginalartonline.com/art/rockage.php
http://www.hypnose-kikh.de/museum/saal1.html
http://www.estherkeller.ch/bewusst/marie_koenig/koenigIII.html
http://www.angelfire.com/realm/bodhisattva/shaman-cave.html
http://www.donsmaps.com/cavepaintings3.html
 
 
Literatur:
Michel Lorblanchet, Höhlenmalerei, Ein Handbuch, Sigmaringen 1997
Dr. Andreas Lommel, Vorgeschichte und Naturvölker, Gütersloh 1974