Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Jörg Boström

Ein Geschmack von Asche

Zur Ausstellung Utopie und Wirklichkeit

Ostdeutsche Fotografie 1956-1989. So ist eine Ausstellung im Willy-Brandt-Haus Berlin überschrieben. Für mich bleiben es Fotografien der DDR. Prägnant und prägend. Das Bild dieses Staates wird damit gezeichnet. Festgehalten und geformt für das fotografische und historische Gedächtnis. Viele der Bilder sind auch für mich Erinnerungen. An Kollegen, die ich schon vor der Wende kennen gelernt habe. An Bücher, die ich gesehen, gelesen und dann in meine Regale gestellt habe. An einen Versuch zu einem gemeinsamen Symposium und zuletzt eine Ausstellung mit Leipziger Kollegen in Bielefeld unter dem Titel DDR Bilder. Auf dem Plakat der Blick durch ein Mauerloch, wie erzeugt durch eine Kamera Obscura. Ein Mauerprojekt von dem Bielefelder Markus Kaiser. Einen Brief auf bräunlich gealtertem Papier finde ich noch in meinem Ordner als Antwort auf einen ersten Versuch einer Kontaktaufnahme zweier Hochschulen.

 

Ich lege nun eine Mischung von Texten zusammen, die ich zu solchen Projekten auch über unsere Arbeit schrieb und über die Fotografische Sammlung in Cottbus, die Ulrich Wallenburg aufgebaut und betreut hat. Auch er in diesem Amt DDR Vergangenheit und in Arbeit an einer neuen Gegenwart. Auch die Texte sind wieder da und im Anblick der Berliner Ausstellung für mich nicht anders oder neuer zu schreiben.

Wie in verplombten Fahrzeugen sind wir über die Autobahnen nach Berlin gefahren, in verschlossenen Zügen durch die DDR, durch Polen, in die Sowjetunion. Im Vorüberfahren schielten wir in die Bahnhöfe, auf die entfernten Häusergruppen, beobachteten Menschen. Unsere Kameras hielten mehr als sonst Flüchtiges fest, im Vorübergehen erschien uns diese Gesellschaft im wechselnden Licht. Vorübergegangen ist sie, kaum dass wir unsere Filme entwickelt und ausgewertet hatten. Niemals früher oder später ist uns das Bewusstsein der Flüchtigkeit unseres Mediums so empfindlich, so überdeutlich gewesen. Nicht nur der Flüchtigkeit der Fotografie, vielmehr noch der Schattenhaftigkeit der Realität selbst, der wir mit der Kamera nacheilen. Als wir gemeinsam mit Kollegen aus Leipzig eine Fotoausstellung über unsere Länder zu organisieren begannen, existierten diese noch. Bei dem Versuch, das umfangreiche Bildmaterial zu publizieren, hatte sich der Gegenstand unserer Bemühung bereits wie ein Rauchzeichen aufgelöst. Umgekehrt aber auch wird ein Ereignis, das nicht von der viel zu langsamen Fotografie erfasst wurde, in sehr kurzer Zeit überhaupt nicht stattgefunden haben, es wird ohne die Widerspiegelung im Medium nicht weiter existieren, als habe es sich nie ereignet. Es wird seine begrenzte Unsterblichkeit nur gewinnen durch eine Kette von Fotografien, die durch ihre massenhafte Verbreitung das Ereignis in unser Bewusstsein einbrennen. ...Nichts ist, so ein alter Spruch, so veraltet wie die Zeitung von gestern, nichts ist aber auch so faszinierend wie der "Schaum der Tage" (Boris Vian), wenn er sich in Bildern kristallisiert, wie das "winzige Fünkchen hier und jetzt, mit dem die Wirklichkeit den Bildcharakter gleichsam durchsengt hat" (Walter Benjamin)...

...Der Blick nach Osten ist für uns offenbar von dem Gefühl der neuen Öffnung, der Sehnsucht nach Veränderung und dem Wechsel durch Verfall bestimmt. Zum ersten Mal besuchten anlässlich dieser Ausstellung in dem historischen Saal der Ravensberger Spinnerei Kollegen und Studenten aus Leipzig Bielefeld. In Leipzig war ich zuvor mit einer Gruppe und konnte den bis dahin fernen Kontakt mit Evelyn Richter, Arno Fischer und Helfried Strauß in eine freundschaftliche Beziehung vertiefen. Sie haben den Leipziger Stil geprägt wie wir den Bielefelder mit entfernten Beziehungen, die auf die gemeinsame Aufmerksamkeit für soziale Befindlichkeiten und historische Momente des Übergangs und ihrer Bruchstellen zurückgehen.

 

Christian Borchert, Auf demWeihnachtsmarkt, 1981

Die Montagsdemonstrationen finden keinen Platz in der Ausstellung 2005 in Berlin, in den Bildern aus Ostdeutschland. Es werden Szenen gezeigt, ernst starrende Menschen und dunkle Wände und Straßen.

Aus Bielefeld: Thomas Härtrich und Martin Jehnichen mischen sich ein mit ihren Kameras in die Montagsdemonstrationen in Leipzig. Längst vergessen diese unaufhaltsame Flut zuerst murrender, dann mahnender und zuletzt abmahnender und hinwegspülender Menschen. Ab hunderttausend Demonstranten, sagte mir ein Kollege in dieser Zeit, ist die Polizei und auch die Stasi nicht mehr in der Lage zu steuern oder aufzulösen. Diese kritische Zahl war bald überschritten.

Die Beleuchtung der Bilder ist sanft, fast weihnachtlich. Keine Gewalt wird sichtbar, wie wir sie aus den westlichen Demonstrationen kannten. Transparente werden wie Monstranzen, wie Fronleichnamsfahnen getragen. Kerzen werden zum Fetisch. Die sanfte Revolution findet ihre Bilder. Sie findet auch ihren Mythos und sie findet ihr Versinken. Als die deutschen Fahnen wehen ist nur noch die Einheit das Ziel. Wären nicht solche Bilder, würde unsere resignierende Gegenwart diese dritte, auch misslungene deutsche Revolution so rasch vergessen machen wie die von 1848 und 1918. Wir haben eine kindliche Abhängigkeit von Autoritäten und eine unglückliche, aber dauerhafte Liebe zur Restauration. In dieser Umbruchzeit glaubten die Fotografen, die sich zum "transit" Weg zusammentaten, die Zeit mit zu gestalten, diese Agentur der Zusammenarbeit west- und ostdeutscher Fotografen. Eine weite Strecke reflektierten sie diese auch. Die Leipziger Fotoschule hat eine Bildsprache entwickelt, welche auch die psychische Befindlichkeit ihres Landes auf präzise und subtile Weise zum Ausdruck bringt.

 

 

Uwe Steinberg, VEB Elektrokohle, Berlin 1971

Zum Glück für diese bildende Kunst hatten die Machthaber nur Augen für ihren eigenen, inszenierten Selbstbetrug. Dieser fand in der offiziellen Presse- und Broschurfotografie ihre Bildklischees, nicht in dem, was in Leipzig Fotokunst genannt wurde, die ihre Legitimation ableitete aus einem konkret verstandenen Realismusbegriff und geprägt war von sozialer Sensibilität in einer differenzierten Grauskala.

Der geforderte Realismus nimmt sich hier selbst beim Wort. Er führt zu Bildern, welche immer deutlicher die Risse und Brüche enthüllen, welche wie Signale wirken zum Einsturz. Viele solcher Blätter vermitteln bei jedem neuen Ansehen das Gefühl einer finsteren Intimität. Einige sind Ausdruck ohnmächtiger Ironie. Aus meiner Sicht erscheint dieser Abschnitt der Leipziger Schule in der Fotografie vor allem geprägt durch die künstlerische Arbeit und Lehre von Evelyn Richter, Arno Fischer, Joachim Jansong und Helfried Strauß.

Arno Fischer, Müritz 1956

Viele Bilder von Arno Fischer geben Menschengruppen wieder in leerer Erwartungshaltung. Leute stehen auf Podesten, Zaunresten und starren zum Horizont, beobachten aus rissiger Mauer, blicken über uns hinweg zum Nirgendwo. Männer in entschiedener Stock-, Hut- und Mantelhaltung spähen als Rückenfiguren über eine Wasserfläche. In diesem Falle der Müritz. Sie scheinen etwas zu erwarten, das irgendwann eintreten wird. Sie sind eingefasst in Geländerkonstruktionen, die einen weiteren Schritt nicht mehr zulassen. Andere huschen vorbei, sind angeschnitten, geben in ihrer Bewegung eine offene dynamische Bildkomposition, die ohne Ziel nirgendwohin zu führen scheint. Eine Erwartungskunst.

 

Helga Paris, Häuser und Gesichter, Halle 1984

Helga Paris, Halle 1, 1971

Städtebilder von Helga Paris aus Halle bieten uns eine zerfallende, düster und mittelalterlich anmutende Straßenszenerie wie aus einem neorealistischen Film und Menschen, die geprägt sind von Verstocktheit und Misstrauen

 

Gundula Schulze Eldowy, Lothar, Berlin 1982

Was zeigen fotografische Bilder von einer Welt, die es nicht mehr gibt, von der Behausung einer Gesellschaft, die bei dem Versuch, sich sozialistisch zu organisieren, gescheitert ist, die sich mit den gedrückten Menschen unten und oben mit dem Dachdecker auf dem First und als Poster an den Wänden, dünn lächelnd auf Hellblau, so hoffnungsvoll und chancenlos überforderte?

Wie stellt sich die alte DDR dem Auge dar? Als ich das erste Mal im Herbst 1987 Teile dieses anderen Landes im Wagen und zu Fuß an mir vorbei streichen ließ, hatte ich das Empfinden, in einem stillen Traum zu waten, mit sich verzögerndem Ablauf der Zeit. Ausschnitte davon hatte ich irgendwann, in meiner Kindheit in Thüringen, schon einmal gesehen. Das Gefühl einer Zeitverschiebung ließ mir dieses Land unwirklich erscheinen. Menschen, Wände und Dinge schienen nicht aus meiner Gegenwart zu stammen, Hauswände, Fenster und Figuren blieben entfernt wie hinter einer Lufthülle aus flüssigem Nebel. Tage aus Blei.

Bilder aus Ostdeutschland? Mir ist es nicht möglich, auch mehr als 15 Jahre nach dem Mauerfall, die Fotografien aus dem zweiten, historisch sogar ersten deutschen Staat nach dem Krieg zu sehen ohne parallele, bildhafte, das heißt doch von Bildern in Haftung genommene Wirklichkeit der DDR, die man heute ehemalige nennt. Warum eigentlich? Gibt es auch eine ehemalige Weimarer Republik?

 

Ausstellung vom 18.3.-24.4.2005, Willy-Brandt-Haus, Berlin

Buch, UTOPIE UND WIRKLICHKEIT, Ostdeutsche Fotografie 1956-1989, herausgegeben von Norbert Moos, Verlag Kettler,