Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Marisa Rosato
 
Berlin 4.05
 

VB55
Die Situation in Berlin erinnerte an die Moma Ausstellung im vergangenen Jahr. Vor dem abgesperrten Eingangsbereich der Neuen Nationalgalerie entwickelte sich kurzfristig Hysterie, als man erfährt, das es für Vanessa Beecrofts aktueller und bisher größter Performance keine Eintrittstickets mehr gibt. "Die größte Peep Show der Welt!" titelte der Berliner Kurier.
So tingelten viele in Berlins Mitte, um an einem Freitag Abend dabei zu sein.
Makellose Modelle, wie Beecroft sie seit Mitte der 90er Jahre in vielen Museen gezeigt hat (2004 erste Einzelausstellung in der Kunsthalle Bielefeld) und mit denen sie bekannt geworden ist, will sie in Berlin nicht zeigen... Ihnen, den "philosophischen Deutschen" könne sie "menschlichere Mädchen" als die sonst verwendeten genormt wirkenden Schönheiten zumuten. Die Welt 8.4.05
 
Während die Künstlerin bisher meist superschlanke, irritierend schöne, makellose Models in Szene gesetzt hat, sucht sie für VB 55 nicht das Augenfällige sondern 100 Frauen zwischen 18 und 65, nicht besonders dünn, nicht besonders dick, irgendwo in der Mitte.
 
Laut Berliner Stadtmagazin suchte Vanessa Beecroft "große, schlanke, goldhaarige" Frauen um aktiver Teil eines Kunstwerkes zu werden. Beim Casting wurden die Frauen fotografiert. Beecroft war nicht anwesend. Sie wählte die Frauen nach den Fotos aus. Beecroft meide den direkten Kontakt mit ihren entblößten Models.... Nacktheit sei ihre größte Angst. Neue Westfälische 14.4.05
 
70 Regeln hatte Beecroft für die Frauen aufgestellt:
Die erste halbe Stunde der dreistündigen Performance müssen die Frauen an der ihnen zugewiesenen Position bewegungslos stehen. Erst danach dürfen sie sich rühren.
Einige Regeln sind:
Sprich nicht.
Lach nicht.
Interagiere nicht.
Bewege dich nicht zu langsam.
Bewege dich nicht zu schnell.
Trete unter keinen Umständen sexy auf.
Seien sie still
Seien sie natürlich
Tragen sie Nacktheit wie eine Uniform

Was jedoch einige Models dazu brachte bereits am Donnerstag, nach Presseterminen und Fotoaufnahmen, die Performance abzubrechen war Erschöpfung. "Nicht das lange stehen war die Hölle, sondern die Kälte." Proteste gegen die frostigen Temperaturen haben die eigens engagierte
Psychologin mit den Worten "Suggerieren Sie es sich warm" quittiert. Langes stehen macht auch hungrig, aber es habe nur "model-Fingerfood" gegeben, kritisierte Beimfohr (eines der Models) den "wenig achtsamen Umgang" mit den Models. Neue Westfälische 14.4.05
 
Wenn Räumlichkeiten existieren die wie geschaffen für ihre Performance sind ist es die riesige, lichte, gläserne Mies van der Rohe Halle. Die Modelle bilden eine amorphe Masse, die von allen Seiten und für jeden sichtbar ist, im Raum oder auf der Terrasse vor den Fenstern der Nationalgalerie. Beziehungen zwischen dem voyeuristischen Publikum und den zur Schau gestellten Frauen sind eingeplant. Hier wirken die Modelle wie Schaufensterpuppen und so sehen sie auch aus. Sie sind ungeschminkt, die Körper glänzen fettig und sie tragen alleine eine durchsichtige Strumpfhose. Auf die sonst so oft verwendeten High Heels hat die Künstlerin diesmal verzichtet.
 
Die Künstlerin behält sich vor die Performance dokumentieren zu lassen. Mit dem Eintritt in die Halle vergibt jeder Zuschauer automatisch sein Recht auf das eigene Bild. Dem Besucher selber ist Fotografieren und Filmen strengstens untersagt. Das hindert viele aber nicht daran es zu probieren. Fotohandys erledigen den Rest. Um dieses Problem zu umgehen habe ich außerhalb des Gebäudes ohne Blitzlicht fotografiert. Vielleicht auch nicht besser aber in der Realität der gelegentlich auftretende Gewissenskonflikt eines Fotografen.
 
Am Ende der Performance bleibt das zweidimensionale Bild und eine Ereignislosigkeit in seiner enervierenden Länge. Die Macht, die von den Frauenkörpern ausgehen soll, wird durch die Tatsache getrübt, das sich im Laufe der Performance immer mehr Models aus Erschöpfung auf die Erde legen. Zudem verstärkt das Aufblitzen von Fotoapparaten eine Voyeuristische Absicht des Publikums. Aufgeschnappte Kommentare reichen dann auch von Vergleichen zu Ingres Das Türkische Bad bis "das ist ein Spiegel der Gesellschaft" und hin zur Frage ob es hier auch Sex für umsonst gibt.
 
Der Anblick von nackten Frauen in durchsichtigen Strumpfhosen, mit Naht, hat auf mich etwas Trostloses. Die vom Publikum umzingelten Frauen sind durch einen Sicherheitsabstand vom Publikum getrennt. Das Personal überprüft die Einhaltung der Regeln. Obwohl die Frauen in ihrer Aufmachung und Anhäufung selbstbewusst und unberührbar wirken, sieht man einigen die Anstrengungen des langen Stehens an. Den müden auf dem Boden liegenden Frauen hätte man gerne etwas zum anziehen geholt. Das Gefühl sie zu beobachten erzeugt Unbehagen. Mit der Zeit habe ich mir lieber die Schauenden als die Angeschauten angesehen.
 
http://www.freunde-der-nationalgalerie.de/beecroft

Street-Art in Berlin

White Trash
Berlin-Mitte
Torstr. 201
10115 Berlin
Haltestelle U6 Oranienburger Tor
 
Kneipe mit Hongkong-Deko, über der Bar eine Hirschkuh mit Schaum vorm Mund und leuchtenden Augen. Das White Trash ist ein Verein, die übliche Geschichte, Namen eintragen, einen Euro Mitgliederbeitrag bezahlen. Der Inhaber soll "einer von den Neubauten sein", ich weiß es nicht. Die Musik erinnert an alte Zeiten. 80s Punk mit Psychobilly. Mein erster Besuch. Der Türsteher regt sich gerade über einen Gast auf. Bekommt dann aber wieder bessere Laune. Er Verlangt einen Euro Eintritt und wünscht mir viel Spaß beim Trinken. Er hat über die Mengen sicherlich andere Vorstellungen als ich. Essen kann man hier auch. Heike Makatsch kommt gerade rein und "..der Typ aus GZSZ", ich habe keine Ahnung wie der heißt und es ist mir auch egal. Ich komme aber gerne mal wieder.
 
 
 
 
Fotografien: VB 55, Street-Art: Marisa Rosato    White Trash: Sandra Trierweiler

http://www.marisarosato.de