Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Jörg Boström


Fotomenschen gesehen von Günter Stelbrink


In der visuellen Information über Kunst, soweit diese durch die Presse und die Fotografie vermittelt wird, dominieren die bildenden Künstler ihre eigenen Werke. Bei Berichten über Ausstellungen sieht man sie vor eins ihrer Bilder gebaut, leicht nach links oder rechts aus der Mitte dirigiert, damit das Kunstwerk nicht ganz hinter ihrer anscheinend selbst bewussten Statur verschwindet: Etwa Künstler Friedhelm Meierbeer zeigt seine Arbeiten in dem Kunstverein Friedensthal. Von den sehr bekannten Kunstmenschen wie Beuys, Picasso, Matisse, Dali sind mehr Porträts und Situationsfotos im öffentlichen Bewusstsein als ihre Werke. Insbesondere Joseph Beuys inszenierte sich selbst zur Körper Ikone, zum lebenden Kunstwerk. Timm Ulrichs etwa nimmt sich selbst wahr und präsentiert sich immer wieder als Material, als Gegenstand seiner Kunst. Vielfach erscheinen diese Künstler im Rentenalter, als wären sie nicht statt "for ever young" gleich alt und weise, fix und fertig auf die Erde gestiegen. Schriftsteller werden von den Verlagen vordringlich mit Porträts beworben. Man sieht sie klug in die Kamera schauen, oder an ihr vorbei hinein in das nächste sprachliche Vorhaben. Man weiß, wie Gabriele Wohmann, Martin Walser, Günter Grass und Walter Jens ihre Köpfe tragen, man ahnt, wie sie hinter ihrem physiognomischen Outfit neue Formulierungen erarbeiten. Hinter jedem dieser Fotografien steckt sicherer noch als hinter der FAZ ein gescheiter, aber noch immer unsichtbar bleibender Kopf, von dem die Fotografie nur einen Reflex, eine Außenhaut vermittelt. Alle diese Bilder machen Fotografen. Sie selbst dagegen bleiben fast immer unsichtbar. Auch als Name existieren sie meist nur als das Kleingedruckte. Sie stehen still, waagerecht und senkrecht neben und unter den sie überragenden Gestalten und Ereignissen. Stellen sie einmal selbst, was hin und wieder vorkommt, ihre Bilder aus, wird eins ihrer "charakteristischen" Fotos abgebildet. "Prägefotos" nannte man diese vor nicht allzu langer Zeit. Statt dem Mann André Gelpke erscheinen zwei Frauen von hinten im Badekostüm, bis zu der Leibesmitte im Wasser auf der Suche nach einem fernen Horizont, Lisette Model erscheint immer wieder auch mir im Bewusstsein als dicke Badedame von vorn, die sich gebückt und selig ihren Busen vom Blick des Betrachters und ihren Hintern von den Wellen des Meeres spülen lässt. Diane Arbus bedroht mich als dünner Junge in kurzen Hosen mit einer Eierhandgranate. Robert Lebeck kniet als Willy Brandt in Polen oder er fegt dem Khomeni den Turban vom Kopf. Verena von Gagern blickt als Kind durch düstere Autoscheiben auf einen von Möwen gesprenkelten, überhellen Himmel und Michael Schmidt hofft in Raum stiftenden Rätselfotos auf "Waffenruhe".

Verena von Gagern

André Gelpke

Robert Lebeck

Wie in einem Computer werden Icons mit Namen gekoppelt, die im Bewusstsein durch Doppelklick sich aufbauen. Gelegentlich sieht man in ebenfalls klein gedruckten Bildern im Anhang oder Beginn einer Monographie jeweils einen Menschen, der sich an die Kamera klammert, das Gesicht halb verdeckt, kurz vor oder nach dem "Schuss". Diese "Autorenporträts" prägen sich selten ein. Eine Ausnahme bildet Charles Wilp, der als einer der ersten die Strategie der - in seinem Falle Düsseldorfer - Kunstszene übernommen hat und durch Selbstinszenierung als körperliche Erscheinung fast populärer geworden ist als seine Bilder. Natürlich bleibt auch der Fotograf Günter Stelbrink unsichtbar. Er hat die Menschen hinter der Kamera vor die seine gesetzt. Er will zeigen, wie sie sich darstellen. Vor allem aber will er wissen, was sie umtreibt. Stelbrink selber ist bei seiner Suche nach Fotografen auch auf der Suche nach der Fotografie. Was ihn umtreibt, ist die Frage nach Identität, auch seiner eigenen, im gegenwärtigen Zeitpunkt. Es geht ihm mit der Erfassung der Erscheinung dieser Menschen auch und in erster Linie um die Frage nach Existenz. Wenn er die Menschen besucht, welche in seinem Bewusstsein das, was er als Fotografie begreift, geschaffen haben und was er selber schaffen will, meint er, auch das Medium selbst in seiner gegenwärtigen Situation umzirkeln zu können. Als Porträtfotograf sucht er den Zugang über das Porträt. Immer, wenn er mich aus seinen runden, dunklen Augen unter starken Brauen besorgt um Gegenwart und Zukunft des Mediums anblickte, wusste ich, dass ich ihm die Antwort schuldig bleiben musste, dass ich seine Fotoarbeiten mit ihm zwar diskutieren, sortieren, analysieren, die Ungewissheit jedoch nicht in eine Sicherheit umkehren konnte. Die Gegenwart unseres Mediums zu begreifen, ist schwer genug, über die Zukunft bestimmen außer uns ganz andere Kräfte. Jenseits von eigener Arbeit ist es weit stärker abhängig von gesellschaftlichen und technischen Prozessen, denen es mehr ausgesetzt ist als andere Künste. Nicht umsonst stehen die Fotografen im Klein gedruckten. Eine Walpurgisnacht der Lichtgewitter: "Du meinst zu schieben und du wirst geschoben", sagt der Teufel, der meistens recht behält, dem Faust, der erkennen will und vielleicht schon deshalb in die Grube fällt. Günter Stelbrink hatte die erste Folge von Fotografenporträts als Abschluss seines Studiums vorgelegt, mehr Fragen damit gestellt als Antworten gegeben. Das auch macht den Reiz seiner Porträtserie aus. Dies sagt auch der Fotograf André Gelpke von seinen Bildern. Spürbar in diesen Porträts ist der melancholische Grundton, diese eigentümliche Kombination aus Resignation, Stabilität und Sehnsucht. Ich habe den Eindruck, dass in allen vorgelegten Porträts auch die suchende Haltung von Günter Stelbrink seinen Ausdruck findet. Sicher stellen diese abgebildeten Fotografenmenschen sich selbst dar, aber sie stellen sich der Kamera eines anderen, für sie noch unbekannten Fotografen, der durch sie hindurchspäht nach einem Zusammenhang und einem Ziel. Beides wird sichtbar gemacht als das Unerreichbare, vielleicht nur in den verdeckten Fluchtlinien einer immer noch und immer wieder perspektivischen Kunst.

Will McBride

Wolfgang Volz

Floris Neusüss

Eindrucksvoll, meine ich, ist die Stille dieser Bilder, die in eigentümlicher Weise mit den rück gewandten Reflexionen der Texte korrespondiert, welche der Fotograf den Fotografen entlockt hat und die er wie ein Text Porträt den Bildern an die Seite stellt. Der Porträtist hat in der Art seiner Recherche und seines Bildaufbaus so etwas wie ein Requiem montiert, eine historische Sicht auf Gegenwärtiges, das er in eine von ihm erdachte und erlebte Geschichte der Fotografie projiziert. Fotografie, als der Gegenwart verbunden, erscheint hier wiederum als eine Kunst des gerade Vergangenen. "Für mich war", schreibt Günter Stelbrink," die Bibliothek, als ein Ort der Fotogeschichte, der zentrale Raum meines Studiums, wo ich das "Entstehen", die Entwicklung und die Vielfältigkeit des Mediums erfahren und studiert habe." Nun geht es ihm um die Menschen hinter den Bildern, eine "Milieustudie", wie er sie nennt. Seit Bourdieu in seiner soziologischen Forschungsarbeit zur Fotografie und ihren Fotografen diese als eine "Illegitime Kunst" festzurrte, Fotografenzusammenschlüsse und Vereine als eine Verschwörung zur wechselseitigen Selbstbestätigung decouvrierte, ist die Attitüde der Abgrenzung im unserem Bewusstsein, die Not der Selbstbehauptung im unvermessenen Land zwischen Massenmedien und Exclusivkultur, Autorschaft und Auftrag, Fotokunst und Fotodesign, Selbstausdruck und Dokumentation, Berufung und Beruf, Bildnerei und Journalismus, Autismus und Authentizität. Hinzu kommt eine kräftige Prise Moral, da dieses Medium berufen scheint, ein wie immer geartetes Bild der Welt zu formen und im Kopf des Betrachters zu montieren. Günter Stelbrink wird selbst von diesen Sorgen um getrieben und er legt sie den mit der Kamera befragten auch als Fragen vor. So entstehen Text-Bild-Kombinationen von besinnlichem Charakter. Die Nachdenklichkeit des Fotografen überträgt sich auf den Moment seiner Aufnahme. Die Bilder sind geprägt vom Ausdruck der Ruhe und Skepsis. Der Fotogrammkünstler Floris Neusüss wirft sein Profil als Schatten an die Wand, Will McBride sitzt als Maler vor seiner Staffelei und blickt zurück durch sein Fenster, fast alle fotografierten Fotomenschen sehen ernst und bedeutsam vor sich hin. Andreas Müller-Pohle zeigt als Zugabe ein leichtes, distanzierenden Lächeln, das zu seinem Text passt, in dem er ohne Bedauern vom Scheitern des Konzepts der Autorenfotografen berichtet. Heinrich Riebesehl stützt sorgenvoll den Kopf am rechten Bildrand und blickt auf seine schwarze Monographie, Thomas Lüttge späht Format füllend und mephistophelisch auf den Betrachter. Es ist so, wie er sagt: "Das Bild entzieht sich jeder Beschreibung. Man kommt mit Worten nicht mehr weiter." Man kommt, wie bei allen guten Porträts mit der Kamera, den Menschen unanständig nah auf die Haut, aber man kommt nicht dahinter. Man soll diese Bilder betrachten, man sieht Menschen, die fotografiert haben und es weiter treiben. Man sieht nicht "die Fotografie", die gibt es wohl nicht, auch nicht ihre Situation, sie bleibt unfotografierbar. Aber sie wird immer wieder einige der mit ihr verbundenen Gesichter zeigen.

 

 

Herford, 2.2.1996 und Berlin 23.2.2005

Jörg Boström

 

In Kürze online: Das Buchprojekt von Günter Stelbrink erscheint bald als Sonderausgabe des VM