Zum InhaltsverzeichnisVirtuelles Magazin 2000 

Jörg Boström

In alte Zeiten vorwärts

Kerstin Parlow

Fotografien vom Delta

In Träume gehüllt die Nähe.

In Fragen getaucht die Fremde.

Das Denken tastet sich

in alte Zeiten vorwärts.

Tiefer. Gräber und Forscher.

Jeder sucht die eigene Geschichte abzulesen.

Versunkenes Selbst.

Der Horizont bleibt dunstig.

 

Kleefeld

Kerstin Parlow schreibt mit der Kamera. Sie ist eine Fotografin, die Bilder schreibt und mit Bildern schreibt. Ihre Bilder werden zu Texten und ihre Texte lesen sich wie Bilder.

Sie schreibt:

Ich fotografiere, um die eigene Geschichte abzubilden, das Selbst. Wenn es sich widerspiegelt in der Welt.

Der Fotograf Robert Frank ist ihr wichtig. Seine beklemmende und ermutigende Ratlosigkeit. Er sagt: "Twentyfive years of looking for the right road. If there have ever been any answers, I've lost them."

Bleibt die Hoffnung. Bleiben die Bilder.

 

Morgennebel

Fausti

Schönes Mädchen

Kindergrab

Salachs Hände

Laufsteg

Da sind Bilder aus Ägypten. Das Land nicht als Thema, sondern als Synonym für Fremde.

Ich habe ein Bild im Kopf, das ist nicht von ihr. Aber es zeigt sie.

Eine Fotografin in den Wolken. Sie hält das Gleichgewicht auf einer hohen Leiter. Neben sich ein Hochspannungsmast. Warum diese unsichere Position? Im Delta wird gegraben. Neues wird gefunden und aus der Tiefe vor die Augen geschafft. Alte Stücke aus alter Kultur.

Der Ägyptologe Dr. Pusch erforscht mit seinem Team das, was geblieben ist aus der vergangenen Zeit. Ein Pharao hatte hier seine Hauptstadt. Piramesse hieß sie, und der Herrscher war Ramses der Zweite. 3200 Jahre sind vergangen. Die Fotografin notiert alles in Bildern. Manche Stücke sind so groß, dass sie nur aus der Schwebe ins Objektiv passen. Die Grundrisse der aus Lehmziegeln und Stein entstandenen Architektur, die man hier eine Elle tief unter den Feldern findet.

Das Graben zerstört sie gleichzeitig. Die Fotografie dokumentiert, übermittelt. Ein Archiv entsteht. Bisher hat sie mir kein einziges dieser im Auftrag entstandenen Dokumente gezeigt.

 

Abdu ´s Kelle

Hag Savag

Kerstin Parlow macht mehr und anderes mit ihrer Kamera. Statt dessen. Bilder der Fremde in Träume getaucht und Bilder der Nähe in Fragen gehüllt.

Die Menschen aus dieser Serie aus Ägypten sind Grabende und Suchende. Die Bilder von ihnen fragen und tasten. Gesichter ganz nah mit ihren Gedanken in die Weite. Landstücke werden vermessen und mit gespannten Schnüren verlinkt. Fläche für Fläche werden sie untersucht. Rücken und Figuren, Gesichter und Hände tasten und denken sich in eine ferne Zeit, in einen dunstigen Horizont. Beschritten von tragenden Figuren. Für die Fotografin sind Bilder ein Spiel mit den Tasten auf einem visuellen Klavier.

Die Augen sehen durch ihre Kamera ihre eigenen Bilder. Ihre eigenen Wünsche. Ihre eigenen Fragen. Eine sichtbar gemachte persönliche Welt. Eine Projektion ihres Fühlens und Denkens. Kerstin Parlow ertastet die Ferne mit den Lichtspitzen ihrer Augen. Sie befragt die Nähe mit dem ratenden Blick. Menschen auf ihren Bildern scheinen zu fühlen wie sie. Gerichtet in eine unbestimmte Ferne. In eine Versunkenheit in sich selbst.

Rückenfiguren in welchen der Betrachter sich selbst wieder findet. Menschen mit Blicken auf uns als wäre man fern und befragt. Schwerelose Abendstimmungen im gelben Licht. Kerstin Parlow fotografiert das Raten der Begegnung mit der anderen Kultur. Dem andern Land. Der anderen Zeit. Dem anderen Ägypten am beinahe ewigen Nil. Die Reisen in dieses Land sind wie Reisen in ihre eigene Nähe, die ihr immer wieder fern erscheint. Die Bilderfolgen sehen aus, als hätte nur diese Fotografin die Dinge und Räume erlebt. Als wären die anderen Menschen in einer anderen Welt. Sie sehen fremd aus. Zugleich aber liebevoll.

Die Zeiten gehen vorbei. Die ausgegrabenen Steinreste. Die geometrische Stadtstruktur der alten Fundamente. Die eingemauerte Lebensform des fernen und in die Erde versenkten Piramesse. Es bleiben sichtbar die von ihren Augen festgehaltenen Bilder. Man kann sie sehen und abwandern in einer Ausstellung.

 

Abendrot

Zu sehen in: space untitled, Drontheimer Straße 3, 13359 Berlin, 22. Januar bis 04. Februar

 

http://www.koloniewedding.de/index/4344/